Schreibe eigene Geschichten über Pokémon und deine Lieblings-Charaktere.

Auf in die Welt - Specials

#1300707 von Donnerkralle
27.12.2017, 23:05
Judals Reise

Vorwort
Hier werden in Zukunft alle weiteren Vorgeschichten/Specials hinzugefügt. Die meisten werden wahrscheinlich nicht so lang sein wie dieses hier, aber mal schauen ^^
Lange hat es gedauert, doch heute kann ich endlich die Vorgeschichte zu Indra Hunter veröffentlichen.
Viel Spaß :)

Sonnenstrahlen übersäten den Waldboden mit Tupfen und die Luft war erfüllt vom Duft feuchter, junger Blätter. Der junge Bursche genoss die angenehme Stille. Nur leicht spürte man einen Windhauch. Schweigend saß Judal auf einer alten Holzbank. Allmählich regten sich die Pokémon im Wald. Nur kurz erblickte er ein grünes Pokémon, welches vorbeisauste. Plötzlich blieb es stehen. Es reckte seinen Kopf und vergewisserte sich, dass sich keine Feinde in der Nähe befanden. Danach kletterte es rasch eine stämmige Buche hinauf. Angespannt beobachtete Judal das Pokémon.

Ich kenne dieses Pokémon. Jeden Sommer befindet es sich in dieser Umgebung. Der Wald hat es ihm wohl angetan. Der Professor sagte, dass es ein sehr seltenes Pokémon ist, zumindest für die Sinnoh Region. Deswegen sollte man es nicht verscheuchen oder fangen, damit seine Spezies in dieser Region erhalten bleibt. Allerdings, ich würde es gerne fangen. Ein seltenes Pokémon ist bestimmt auch ein starkes Pokémon. Laut dem Professor handelt es sich aufgrund meiner Beschreibung zu ihm, um ein Geckarbor. Eines Tages werde ich dich fangen! Und zusammen werden wir dann uns die Arenen vorknöpfen, um das beste Team zu sein!

„Judal, komm schon! Wir fahren nach Hause!“, rief eine freundliche Stimme. Der Junge seufzte kurz und stand auf. „Ich komme schon, Mama!“, antwortete er und lief zu seiner Mutter. „Da bist du ja. Du weißt doch, dass Vater wieder zur Arbeit muss“, nörgelte sie. „Ja ich weiß, darum bin ich ja jetzt auch hier. Ich kann einfach nichts dafür, dass die Pokémon so interessant sind“, meinte Judal ruhig und blickte zum Baum mit dem grünen Pokémon. Seine Mutter seufzte nur. Gemeinsam marschierten sie hastig zurück zum Auto. Als sie ankamen, saß der Vater schon im roten Kleinwagen und wartete ungeduldig auf seine Familie. Nachdem Judal die Tür schloss, fuhr er sofort los.

Der Vater fuhr die Landstraße ungewöhnlich schnell ab. Er ist schon wieder so nervös, dass er nicht einmal die Regeln beachtet. Ganz ehrlich, wieso muss er ausgerechnet auch noch am Samstag arbeiten? Weil wir Geld brauchen, was denn sonst! Judal fuhr sich mit der Hand durch seine schwarzen Haare. „Schatz, wir sind schon gleich in Cornelia City, du brauchst nicht mehr so hektisch fahren“, meinte Judals Mutter. „Ich habe nur noch zwanzig Minuten!“, fuhr er sie an. Judal erschrak bei dem barschen Ton seines Vaters. Er schaute aus dem Fenster, um sich abzulenken. Der Vater erhöhte noch einmal das Tempo. Wenn uns die Polizei erwischt, dann zahlen wir unsere ganzen Ersparnisse.

„Fahr endlich langsamer!“, brüllte die Mutter plötzlich. Jetzt bekam Judal es mit der Angst zu tun. Sein Herz klopfte rasant. Der Vater überholte gerade einen weiteren Wagen, als auf einmal auf der linken Spur ein schwarzes Auto aus der Kurve aus auftauchte. Judals Mutter stieß einen schrillen Schrei aus. Beide Wagen krachten mit einem lauten Knall gegeneinander. Die Glasscheiben zersprangen.

Der Fahrer vom schwarzen Wagen flog in das Auto von Judals Familie. Schrilles Geschreie zerriss die Luft. Judal hatte sich den Kopf gegen Beifahrersitz gehauen. Sein Gesicht wurde von Blut überdeckt. Ein paar scharfe Glasscherben hatten seine Arme zerkratzt. Augenblicklich hörte man ein lautes Hupen. Ein großer LKW steuerte auf sie zu, fürs Bremsen war es schon zu spät. Er rammte beide Fahrzeuge, die dann sich mehrmals überschlugen. Dabei haute sich Judal sich den Kopf und verlor das Bewusstsein.

Judal hörte leises Gemurmel. Allmählich wurden sie lauter. Er zwang sich, die Augen zu öffnen, doch schloss sie auf der Stelle, nachdem er von grellen Licht geblendet wurde. „Er ist aufgewacht! Er hatte gerade die Augen offen! Der Junge ist wieder bei Bewusstsein!“, rief eine aufgeregte Person. Langsam öffnete Judal erneut die Augen. Er hatte starke Kopfschmerzen und überall Prellungen. Judal lag in einem sanften Bett. Um ihn herum standen besorgte Doktoren. Judals Gesicht war fast komplett in Bandagen gewickelt. Ausschließlich seine Augen, seine Nase und sein Mund waren frei. Verwirrt sah sich Judal um. Über seinem Kopf schwebte eine große, mechanische Lampe und leuchtete kraftvoll. „Wie geht es dir, mein Junge?“, fragte ein Doktor mit freundlicher Stimme. Judal konnte nur schwer antworteten. „G...gu...t“, bekam er gerade noch heraus.

Der Junge fühlte sich fremd im Körper. Er konnte sich nicht richtig bewegen, sein Körper gehorchte ihm nicht mehr. „Das ist schön. Herzlichen Glückwunsch, du bist aus deinem Winterschlaf aufgewacht. Du hast ganze vier Monate durchgeschlafen. Dein Körper hat in der Zeit abgeschaltet, aber keine Sorge, schon bald wirst du wieder ganz der Alte sein. Dein Name ist Judal Guhl, nicht wahr?“, erzählte der Doktor. „J...a“, flüsterte er. Gerade wollte Judal eine weitere Frage stellen, doch der Doktor wandte sich von ihm ab und beriet sich mit seinen Assistenten. Diese verließen dann den Raum. „Judal, du musst jetzt ganz ruhig bleiben. Gleich kommt ein Magier zu dir, er wird dich verzaubern, damit es dir wieder bessergeht“, erklärte der Doktor fröhlich. Obwohl Judal erst elf Jahre alt war, durschaute er die Lügen des Mannes. Kurz daraufhin traten die Assistenten mit einem älteren Herrn ein.

Dieser Mann ging langsam auf Judal hinzu. „Grüß dich mein kleiner Freund. Ich werde dir nun einen Gefallen tun. Ich werde deinen Körper heilen, aber im Gegenzug musst du mir auch einen Gefallen tun. Wende deinen Blick nicht von dieser hübschen Taschenuhr ab“, erklärte der Herr und holte aus seinem braunen Sakko eine goldene Taschenuhr heraus. Vorsichtig öffnete er die Kapsel.

Die Uhr zeigte zwölf Uhr an. Dann ließ der ältere Herr die Uhr vor Judals Augen schwingen. „Judal Guhl, du bist elf Jahre alt und lebst in einem Waisenhaus in Cornelia City...“, der Herr hypnotisierte Judal mit seiner Taschenuhr. Nun schmerzte ihm sein Schädel noch mehr. Plötzlich hielt ihm Doktor fest. Mit einem eisernen Griff packte er Judals linken Arm. Dieser Schrie sofort auf.

Die Assistenten halfen dem Doktor, indem sie sich ebenfalls auf Judal stürzten. Sie zerrissen die Bandagen an seinem Arm, welcher mit Kratzspuren überseht war. Plötzlich holte der Doktor eine Spritze und verabreichte sie dem verängstigten Jungen. Judal schrie erneut auf, fiel aber dann in Trance. Er konnte sich nicht rühren. Er lag still in seinem Bett, während der Herr weiterhin mit seiner Taschenuhr pendelte. Irgendwann verlor Judal erneut das Bewusstsein. „Gute Arbeit, Herr Colak. Damit dürften seine Erinnerungen an seine Eltern so ziemlich blockiert sein. Er wird sich nicht mehr an sie erinnern, genauso wenig wie ihren Tod beim Autounfall“, murmelte Doktor und blickte zu Judal.

Der ältere Herr nickte zustimmend und packte seine Uhr wieder ein. „Hoffen wir es“, flüsterte Herr Colak. „Ihr Hypno kam ja heute gar nicht zum Einsatz?“, hob der Doktor an. Herr Colak schüttelte den Kopf. „Für einen verschreckten Jungen, der erst vor kurzem das Bewusstsein erlangt hat, benötige ich nicht die Hilfe meines treuen Hypnos“, antwortete der alte Mann und sah Judal für eine Weile an.

„Guten Morgen, Judal“, begrüßte seine Erzieherin ihn freundlich. „Morgen, Diana“, sagte Judal fröhlich und setzte sich am großen und breiten Essentisch neben seinen Freunden. Der elfjährige Junge lebte seit guten zwei Wochen im Waisenhaus Cornelia. Judal wachte eines morgens in einem unbekannten Kinderzimmer auf. Allerdings besaß er keine Erinnerungen über seiner Vergangenheit. Weder wusste er den Grund für sein Dasein im Waisenhaus, noch erinnerte er sich an seine Eltern.

Ohne irgendwelche Anzeichen von vertrauten Sachen war Judal sehr skeptisch, doch schon recht bald vergaß er seine Sorgen. Lieber spielte er mit seinen neuen Freunden. Einmal fragte Judal seiner jungen Erzieherin Diana, warum er sich nicht mehr an seine Freunde erinnerte. Nicht einmal ihr Namen konnte er wissen. Daraufhin antwortete sie mit einem Lächeln. „Du hast ihre Namen vergessen? Keine Sorge, das passiert manchmal, mach dir keine allzu großen Gedanken darüber“, hatte sie ihm gesagt.

Judal akzeptierte ihre Lüge und freundete sich mit den anderen Kindern an. Doch die Kinder spielten ihre Lügen nicht immer mit. Am Anfang waren sie selber verwirrt, warum plötzlich ein fremder Junge im Waisenhaus auftauchte. Trotzdem wurde Judal von ihnen aufgenommen und akzeptiert. Doch auch die Kinder wurden immer neugieriger über Judals Hintergrundgeschichte und durchlöcherten ihn mit unangenehmen Fragen, die er einfach nicht beantworten konnte. „Von wo kommst? Warum bist du hier? Wo sind deine Eltern? Wie heißen deine Eltern?“, hatten sie ihm gefragt. Judal allerdings konnte darauf nicht antworten. Er erstarrte beim Wort Eltern.

Dieses Wort existierte nicht mehr in seinem Wortschatz. Als hätte sein Gehirn es aus seinem Gedächtnis verbannt. Judal selber nahm immer an, er wäre von Anfang an hier gewesen, doch die Fragen über seine Herkunft ließen ihn erneut zweifeln. Diese wuchsen, als Diana ihm in sein Zimmer schickte, während die anderen Kinder im Esszimmer bleiben sollen. Etwas verunsichert ging der junge Bursche in sein Zimmer, schlich sich allerdings gleich wieder hinaus. Wie ein Ninja huschte er zum Esszimmer, versteckte sich aber hinter der Wand. Diana hielt den anderen eine große Standpauke darüber, dass sie Judal nicht mehr nach seinen Eltern und allgemein über seine Herkunft fragen sollen. Die Kinder nickten verdutzt.

Schließlich verging dann die erste Woche. Allmählich hatte sich Judal in sein neues Leben eingewohnt, aber eine brennende Frage lag ihm auf der Zunge. Er musste herausfinden, was Eltern sind. Momentan aß der Junge Cornflakes. Nachdem Frühstück räumte er seine Schüssel in den Abwasch und begann sich nach Diana umzusehen. Schlussendlich fand er seine Erzieherin unten im Keller. Sie war gerade dabei, die Wäsche zu sortieren. Geduckt saß der Junge am Anfang der Betontreppe und schielte aus dem kurzen Winkel.

Ihre kurzgeschnittenen, aschbraunen, lockigen Haare waren durchnässt. Ihr blaugestreiftes Hemd war mit Flecken übersät, nur ihre beige Jeans war unversehrt. Judal nahm seinen ganzen Mut zusammen und ging die Treppen hinunter und fragte sie direkt nach dem Wort Eltern. „Hallo, Diana. Weißt du vielleicht was Eltern sind?“, fragte er kleinlaut. Auf der Stelle erstarrte die junge Frau. Sie seufzte kurz, legte gerade ein weißes T-Shirt zu Seite und beugte sich vor dem jungen Elfjährigen. „Ach Judal, das Wort Eltern ist einfach nur ein schlechtes, nein, ein böses Wort. Deshalb darf man es nicht benutzen, verstanden?“, log Diana und lächelte schadenfroh.

„Ein Schimpfwort also?“, gab Judal zurück. Sie nickte. „Aber warum fragen die anderen mich ständig danach?“, wollte er wissen und zog ein verängstigtes Gesicht. „Weil sie es auch nicht wussten, aber ich habe es ihnen auch erklärt und nun ist alles geklärt. Du brauchst das Wort nie wieder, verstanden?“, erklärte sie mit einem barschen Ton. Die Augen von Judal weiteten sich vor Schreck. Hastig bejahte er ihre Anforderung und sauste wieder nach oben in sein Zimmer. Enttäuscht und verwirrt legte er sich auf sein frischgemachtes Bett und grub sein Gesicht in einem dunkelblauen Polster. Was habe ich denn falsch gemacht? Was ich kann ich dafür, dass ich Eltern noch nicht kannte. Aber woher wussten dann meine Freunde von dem Wort? Zufall? Oder kannte sie es doch, aber nicht die Bedeutung! Genau, das wollte mir Diana damit sagen. Ah ja! Bald fängt die Trainerschule an, ich freue mich schon so sehr!

Jemand klopfte an der Tür. Judal erschrak. Er war eingeschlafen. „Ist offen!“, rief er und rieb sich die Augen. Die Tür ging auf und Diana trat herein. „Hallo, kommst du bitte runter? Du hast speziellen Besuch“, meinte seine Erzieherin und lächelte. Verdutzt blickte er sie an und ging dann gemeinsam mit ihr hinunter. Judal folgte der jungen Dame in das Spielzimmer. Normalerweise spielten seine Freunde um diese Zeit, doch heute waren außer zwei fremde Menschen niemand da. Leicht verängstigt musterte Judal die unbekannten Personen. Sanft stupste Diana ihn. Die Fremden erhoben sich von ihren bequemen Sesseln. „Grüß dich, bist du Judal?“, fragte die junge Frau.

Judal nickte langsam. „Hat dir Diana schon erzählt, dass wir dich abholen? Du bekommst ein neues zu Hause. Ist das nicht toll? Du wirst ab sofort bei uns wohnen, Judal“, erklärte die junge Frau mit einem breiten Lächeln. Judal blieb der Mund offen. Er war auf das nicht vorbereitet. „Mein Name ist Heinzel, und das ist meine Freundin Julia“, sagte der Begleiter von Julia. Er wirkte etwas älter als sie. „Am besten, du packst jetzt deine Sachen, deine neuen Eltern wollen sicherlich schon nach Hause fahren“, meinte Diana.

Judal erstarrte. Hat sie gerade Eltern gesagt? Schimpft sie etwa mit mir? Er wollte seine Erzieherin darüber Fragen stellen, doch hielt inne, als sie ihm mit einem drohenden Blick anstarrte. Er verstand ihre Warnung und sauste in sein Zimmer. Ungewissen, was er alles mitnehmen sollte, nahm er einen schwarzen Rucksack, stopfte seinen Pyjama, zwei frische Hosen und T-Shirts, eine weitere Freizeitjacke und schloss seinen vollbepackten Rucksack wieder. Er nahm aus seinem Schrank eine dickere Jacke und rannte wieder zurück zum Spielzimmer.

„Willkommen zurück, hast du auch wirklich alles mit?“, fragte Julia und beugte sich über ihn. Judal nickte hastig. Einerseits war er froh, in die Welt da draußen zu gelangen, anderseits wollte er seine Freunde nicht verlassen, insbesondere sich nicht ohne zu verabschieden. Doch Diana packte ihm am Arm und zerrte ihn mit einem kranken Lächeln zur Tür. Das Paar folgte ihnen. „Auf Wiedersehen, Judal“, verabschiedete sich Diana. „Auf... Wiedersehen...“, antwortete er. Die Worte blieben ihn wie ein Kloß im Hals stecken. In wenigen Augenblicken befand er sich schon im Wagen des jungen Paares. Als sie losfuhren, sah er am Fenster, wie Diana ihm zuwinkte und gleichzeitig ein böses Lächeln vorzog. Dieses Lächeln brannte sich in sein Gedächtnis. Sie hat mich also nie gemocht, nein, sie hat mich abgrundtief gehasst! Aber warum? Ich habe immer das gemacht, was sie mir gesagt hat...

„Und bist du schon aufgeregt?“, fragte Julia. Ihre Frage brachte Judal wieder in die Gegenwart. „Ähm ja klar“, antwortete er mit einer schrillen Stimme. „Nun, von heute an heißt du Judal Trins. Willkommen bei den Trins, Judal“, meinte Heinzel. Judal schwieg. Nach einer halben Stunde kamen sie endlich an ihr Zielort. Heinzel parkte am Parkplatz der Wohngemeinschaften. Die Wohnung war ungewöhnlich hoch und hatte viele Zimmern. „Wir wohnen im dritten Stock“, erklärte die blonde Stiefmutter und zeigte mir ihrem Finger auf das Zimmerfenster. Die neue Familie Trins betrat das Gebäude. Schnell erreichten sie aufgrund eines Lifts, das dritte Stockwerk.

Leicht aufgeregt betrat Judal schließlich sein neues zu Hause. Ihre Wohnung bestand aus drei Zimmern: dem Schlafzimmer, dem Badezimmer und dem Wohnzimmer. Eine kleine Küche befand sich ebenfalls im Wohnzimmer. Julia führte Judal durch die gesamte Wohnung innerhalb von fünf Minuten. Danach machte sich die junge Dame an das Mittagessen. Bis dahin durfte Judal im Schlafzimmer seine Sachen auspacken. Dort allerdings befanden sich nur zwei kleine Schränke und ein großes Doppelbett. Ich muss also mit diesen fremden Menschen in einem Bett schlafen? Ist das ein schlechter Witz?

Doch plötzlich entdeckte der Junge ein Schlafsack in der hintersten Ecke liegen. Er ging zum Schlafsack und rollte ihn aus. Danach legte er sich mit dem Bauch auf dem Boden und blickte unters Bett durch. Ich wusste es! Eifrig packte er eine aufblasbare Luftmatratze. Schnell machte er sich daran, sie aufzublasen. Es dauerte eine Weile, doch schlussendlich war sein Schlafplatz vollkommen.
Der Rest des Tages verlief ruhig. In einer Woche würde die Trainerschule in Cornelia City wieder anfangen. Judal erinnerte sich allerdings nicht an seine Klasse. Außerdem hatte er das Gefühl, das das nicht dieselbe Schule wäre, die er früher besucht hatte. Er wusste nur nicht warum.


„Guten Morgen, Schüler!“, begrüßte der Lehrer, als er die Klasse betrat. Leicht nervös folgte Judal ihm. Auf der Stelle sprangen alle auf und verhielten sie ruhig. Überrascht sahen sie zum Lehrer. „Wie ihr sehen könnt, haben wir einen neuen Schüler in der Klasse, bitte stell dich den anderen vor“, meinte der Lehrer und setzte sich auf seinen Platz, dabei legte er seine Füße auf dem Lehrerpult. „Ähm, hallo allerseits, mein Name ist Judal Trins, freut mich sehr“, stotterte Judal. Die Worte blieben ihm im Hals stecken. Seine neuen Mitschüler beachteten ihn nicht wirklich. Sie schienen nicht an ihm interessiert zu sein. Herr Eberl erlaubte Judal, sich einen freien Platz auszusuchen. Eine große Auswahl gab es nicht, dies hatte er auch erwartet. Der neue Schüler setzte sich neben einen dicken Jungen.

Sein Sitznachbar ignorierte ihn. Judal war ganz und gar nicht von seinem ersten Schultag begeistert, ließ jedoch seine Enttäuschung nicht andeuten. Heute dauerte der Unterricht nur eine Stunde. Die ganze Zeit saß der Lehrer auf seinen Sessel und spielte mit dem Handy, während die Schüler leise sich miteinander unterhielten. Nur Judal und sein Sitznachbar verhielten sich ruhig. Die ganze Stunde lang saß Judal ohne ein Wort gesagt zu haben. Herr Eberl verabschiedete sich von seiner Klasse und ging hinaus, als die Pausenglocke klingelte. „Der Lehrer hat anscheinend keine allzu große Lust, uns zu unterrichten“, murmelte Judal leise. „Was hast du gesagt?“, fragte der dicke Schüler und sah ihn gelangweilt an. „Ach, nicht der Rede wert“, antwortete Judal und versuchte überzeugend zu wirken.

„Ich heiße Michael, du kannst mich Michi nennen, aber wehe, du sagst zu mir Dicker Michi, dann mache ich dich platt!“, raunzte der blonde Schüler. Judal nickte höflich und begab sich ebenfalls hinaus. Auf dem Nachhauseweg machte er sich Gedanken über den heutigen Tag. Die Volksschule, nein, diese Klasse allein nervt schon unheimlich. Bin ich nur Luft für sie? Und was ist mit dem Lehrer? Will er uns denn gar nichts beibringen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass es früher auch schon so gewesen war! Und außerdem, seit wann bin ich ein neuer Schüler? Diana meinte doch, dass ich schon immer die Volksschule von Cornelia City besuche. Oder hat sie mich auch hier belogen?....... Wer bin ich eigentlich?

„Und wie war dein erster Schultag?“, fragte seine Stiefmutter. „Ganz okay“, antwortete Judal. Gerade saß die Familie beim Abendessen. Vorher waren seine Eltern arbeiten. Bis dahin war der frische Schüler alleine gewesen. In der Zeit sah er sich verschiedene Dokumentationen über Pokémon an. Judal war komplett verzaubert. Unbedingt wollte der schwarzhaarige Junge sein eigenes Pokémon haben. Dies war sein Traum. Nachdem Essen legte sich Judal in seinem unbequemen Schlafsack, während das junge Paar ihren kleinen Fernseher aufdrehte und sich langweilige Filme reinzogen. Seine unruhigen Gedanken hielten ihn die ganze Nacht wach.

„Denkt daran, morgen fahren wir auf Exkursion! Wir besuchen den Ewigwald, welcher sich in der Nähe von Ewigenau befindet! Ich hoffe, dass eure Rucksäcke bereits gepackt sind! Also Schüler, wir sehen uns dann morgen. Wir fahren gemeinsam mit dem Bus von der Schule aus bis nach Ewigenau. Kommt also bitte pünktlich in die Schule! Bis morgen!“, erklärte Herr Eberl und beendete damit den Unterricht. Judals Herz pochte vor Aufregung. Im Ewigwald sind sicherlich Pokémon! Vielleicht treffe ich eins und freunde mich sogar mit ihm an. Zu Haus erzählte er seinen Eltern noch einmal über die bevorstehende Exkursion. Seine Mutter versicherte ihm, dass der Rucksack vollbepackt mit den nötigsten Sachen wäre. Erleichtert legte sich Judal schlafen, doch vor lauter Aufregung, konnte er nur schwer ein Auge zu machen. Der morgige Tag wird Alles verändern!
Ausgeschlafen wachte Judal auf. Sonnenlicht drang bereits durch das kleine Fenster. Merkwürdig, warum ist es schon so hell? Leicht nervös blickte er auf die Wanduhr. Was?! Ich muss in elf Minuten schon in der Schule sein? Warum hat mich niemand geweckt?! Ich will nicht zu spät kommen, nicht heute! Aufgeregt packte Judal seinen Rucksack und lief ins Wohnzimmer, um sich schnell zu verabschieden. Doch zu seiner Überraschung fand er nur seinen Vater auf dem roten Sofa sitzen. Still starrte er den Boden an. Unwohles Gefühl breitete sich in seiner Brust aus. Langsam marschierte Judal auf Zehnspitzen zur Tür. „Judal! Komm schnell her!“, brüllte sein Stiefvater energisch. Auf der Stelle erschrak der junge Schüler und gesellte sich zu Heinzel.

„Wo ist deine Mutter?!“, fuhr er ihn an. Verwirrt sah Judal seinen Vater an. „Was meinst du?“, flüsterte er kleinlaut. „Sie ist weg! Weg ist sie! Wegen dir! Was hast du ihr angetan?! Spuck‘s aus du Miststück, du elender Verlierer!“, brüllte Heinzel und bewarf seinen Sohn mit Bierdosen. Total überfordert mit der Situation beschloss Judal wegzurennen, doch sein Stiefvater hatte ihn im Visier. Eine wilde Hetzjagd begann bei den Stufen. Hastig rannte Judal hinunter, sein angetrunkener Vater stolperte plötzlich über seine eigenen Füße und landete unsanft.

Judal zwang sich wegzusehen und weiter zu laufen. Endlich entkam er seinen Vater. Mit großer Angst in der Brust lief er zu seiner Schule. Wolken verdeckten die Sonne. Schon bald spürte der verzweifelte Schüler die ersten Regentropfen. Was war das gerade? Wo ist Julia? Was habe ich getan? Gar nichts? Ist sie weg? Ist meine M-mutter etwa für immer weg? Aber das ist doch nicht meine Schuld? Gestern Abend war noch alles so friedlich, und heute? Judal lief pausenlos weiter. Der Regen gewann an Stärke und prasselte in ganz Cornelia City.

Endlich erreichte er die Schule, doch der Bus fuhr schon los. Wieso warten die nicht auf mich? So spät bin ich doch nicht dran? Judal blieb im Regen alleine stehen. „Ist das etwa der Tag, der Alles verändern wird?“, flüsterte Judal und blickte zum regnerischen Himmel. Doch plötzlich blieb der gelbe Bus stehen. Das Quietschen der Reifen brachte Judal wieder zurück. Er überlegte nicht lange und rannte halb froh, halb verängstigt zum Bus. „Da bist du ja! Hast du die Zeit vergessen?“, schimpfte Herr Eber gleich danach, als der Schüler hineintrat.

„T-tut mir leid... ich habe vergessen, den Wecker zu stellen. Das war mein Fehler. Es tut mir leid, Herr Eberl“, murmelte Judal und blickte beschämt zu Boden. Der Lehrer seufzte nur und schickte seinen Schüler zu einem freien Sitzplatz. Der einzige nicht belegte Platz war neben seinen Banknachbarn, Michi. „Auch schon da“, begrüßte der blonde Schüler mit einem Grinsen. Judal lächelte kurz. Sofort fuhr der Bus weiter Richtung Ewigenau.

Der Busfahrer öffnete die Tür und die Schüler strömten aus dem Bus. Nach einer zweistündigen Fahrt waren alle froh, wieder frische Luft zu spüren. Der Regen hatte ebenfalls aufgehört und warme Sonnenstrahlen erwärmten den Ort. Herr Eberl trat als Letzter heraus. „Da wären wir, Ewigenau. Eine hübsche Stadt nicht wahr? Und übrigens, unsere Führerin durch den Wald ist niemand geringer als die Arenaleiterin Silvana“, hob der Lehrer an. Sofort brach Aufregung unter den Schülern auf. Alle kannten die Arenaleiter von Sinnoh, Silvana war da keine Ausnahme. Selbst Judal erinnerte sich einigermaßen an die junge Arenaleiterin. „Sie ist ein Profi für Pflanzen Pokémon“, murmelte Judal. „Hast du was gesagt?“, fragte Michi ihn. „Ach, ich habe mich nur gefragt, ob Silvana ihre Pokémon herzeigt“, antwortete Judal hastig.

Der blonde Schüler sah ihn mit seinen hellblauen Augen an. „Hmm, da könntest du sogar Recht haben. Im Ewigwald laufen ein paar starke Pokémon frei herum, ein Kampf wäre nicht immer vermeidbar. Eine starke Trainerin wie sie ist bestimmt sehr hilfreich“, sagte Mich und kratzte sich am Kopf. „Guten Morgen, Schüler!“, rief eine junge Frau. Alle folgten ihrer Stimme. Vor ihnen stand tatsächlich die Arenaleiterin von Ewigenau. Silvana trug ein grünes Gewand mit einer kurzen, beigen Hose. „Auch Sie wünsche ich einen guten Morgen!“, begrüßte die Arenaleiterin den Lehrer. Das Gesicht von Herrn Eberl wurde langsam rot. Hastig richtete er seine Krawatte, hustete leise und begrüßte ebenfalls Silvana. „Es ist uns eine Ehre, Sie heute als Fremdenführerin begrüßen zu dürfen!“, sprach der Lehrer mit einer vornehmenden Stimme. „Die Freude ist ganz meinerseits, Herr Eberl!“, sagte sie fröhlich.

Danach drehte sie sich zu der Schülergruppe. „Na, seid ihr schon bereit? Wir werden jetzt gleich gehen!“, rief sie enthusiastisch. Alle Schüler platzten fast vor Aufregung. Auch Judal war begeistert. Sein Herz pochte laut. Schon bald wird er ein Pokémon nahe zu Gesicht bekommen. Der Lehrer teilte seine Schüler in zweier Gruppen hintereinander gegliedert ein. Judal war ein wenig froh, dass Michi sein Partner für diese Exkursion war. Immerhin war der einzige gewesen, mit dem er schon ein bisschen geplaudert hatte. Auch der blonde Schüler wirkte zufrieden. Letztes Jahr war er immer alleine gewesen, da die Klasse eine ungerade Zahl von Schülern hatte und er als einziger alleine übriggeblieben war. Doch heuer hatte er auch einen Kameraden gefunden. Sie beide waren nicht sehr populär in der Klasse.

„Der Ewigwald liegt von der Stadt aus im Westen, davor befindet sich die kurze Route 205 Ewigenau-Teil. Dort gibt es hohes Gras, also am besten ihr meidet diese. Und noch etwas. Bitte stört nicht die Angler, die auf der Brücke nach Wasser Pokémon angeln. Momentan gibt es hier ein Gerücht, das besagt, dass ein Karpador sich zu einem Garados entwickelt hat und nun die Route unsicher macht. Also haltet euch fern vom wässrigen Gebiet. Folgt einfach nur mir, und ihr seid in besten Händen!“, fasste Silvana die Regeln schnell zusammen. Die Schüler nickten ernst. Zufrieden marschierte die junge Arenaleiterin los. Wie beschrieben gab es ein paar kleine Stellen mit hohem Gras. Links und rechts befand sich kleine gebildete Gebirge. Judal sah kurz einen Honigbaum. Ein Papinella wurde vom süßen Duft angelockt. Silvana führte sie weiter zur Brücke, wo bereits Angler ihre Rute hineinwarfen oder zurückzogen. Ein paar von ihnen grüßten die Arenaleiterin, andere waren so vertieft in ihre Arbeit, dass sie nicht einmal die große Schülergruppe bemerkten. Nachdem sie die Brücke überquerten, befand sich ein großes Stück voller hohem Gras. Judal hörte kurz ein paar Schritte. Er war sich sicher, dass diese von einem Pokémon kamen, ging aber ohne langes Grübeln weiter.

Endlich konnte man schon die ersten Bäume erkennen. Schließlich blieb Silvana vor dem Eingang stehen. „Wir werden gleich den Wald betreten, seid ihr bereit?“, vergewisserte sie sich nochmals. Alle nickten entschlossen. „Gut, dann mal los!“, rief sie und betrat den Ewigwald. Starke Waldgerüche drangen in seine Nase, als Judal den Waldboden betrat. Die großen Bäume verdeckten mit ihren Blättern und Tannen die Sonne. Wachsam blickte sich der Schüler um. Hier könnte jederzeit sich ein Pokémon auf uns stürzen. Hoffentlich stoßen wir nur auf friedliche Pokémon.

Silvana wandte sich wieder ihrer Gruppe. „Der Wald ist wunderschön, nicht wahr? Er bietet den idealen Zufluchtsort vieler Pokémon. Seit ich hier lebe, tue ich alles für den Wald und deren Bewohner. Es macht mir nichts mehr Spaß als sich um die ganzen Pokémon zu kümmern und mit ihnen zu spielen. Bitte behandelt die Pokémon, als wären sie eurer Eigen“, erzählte die Arenaleiterin.

Herr Eberl ersuchte um kurze Aufmerksamkeit seiner Schüler und erklärte ihnen, dass sie nun einen Arbeitsauftrag bekommen. Dieser soll von den jeweiligen Paaren erledigt werden. Schließlich verteilte der Lehrer die Zettel. Nachdem Michi den Arbeitsauftrag entgegennahm, las er schon die erste Aufgabenstellung. „Findet ein Pokémon und beschreibt es. In der Schule werden wir dann mehr über es reden!“, las er vor. „Okay, dann lass uns zu suchen beginnen“, meinte Judal leicht aufgeregt. Doch bevor sich die Schüler aufteilten, hielt Silvana sie zurück. „Moment, Kinder! Zuerst zeige ich euch kurz den Wald und deren wichtigen Funktionen“, erinnerte die junge Arenaleiterin. Herr Eberl seufzte beschämt.

„Da ist ja ein Loch in der Rinde!“, staunte ein Schüler. „Ja richtig. In diesem Baum lagern bestimmte Pokémon ihr Futter. Könnt ihr erraten, um welches es sich handelt?“, fragte Silvana mit einem Lächeln. Die Gruppe sah sie schief an. Niemand konnte sich irgendein Pokémon vorstellen. „Nun, wenn man es nicht weiß, dann schaut man eben kurz nach. So lernt man am besten! Feldforscher machen so was ständig“, erklärte Silvana und griff in das Loch. Daraus zog sie eine blaue Beere.

„Nanu? Eine einzige Sinelbeere? Merkwürdig, scheint so, als hätte das Pokémon nicht viel verstaut. Viele Pokémon essen gerne Beeren, deswegen kann man nur schwer erraten, um welches es sich handelt. Aber genau aus dem Grund beobachten Feldforscher den ganzen Tag nur einen bestimmten Ort, bis das wilde Pokémon endlich sich zu erkennen gibt“, sagte sie und legte die Sinelbeere wieder in das Loch.

Judal war fasziniert von ihrem Fachwissen. Allerdings galt sein Interesse mehr an das Pokémon, welches diese Beere lagerte. Silvana marschierte schließlich mit ihrer Gruppe weiter, zeigte ihnen ein paar leckerriechenden Honigbäume, erklärte ihnen ihre Funktionsweise und schmierte sogar etwas Honig gegen die Rinde. Danach teilte sie den Honig auf und ließ den Schülern es selbst probieren. „Später kommen wieder hierher, um nachzusehen, ob wir schon welche Pokémon anlocken konnten“, erwähnte die Arenaleiterin. Kurz bevor sich die Schüler aufteilten, erklärte Silvana ihnen die Wichtigkeit der Beeren, und warum man nicht alle pflücken sollte. „Damit die Pokémon auch noch davon futtern dürfen“, hatte sie gesagt.

Judal und Michi gingen eine kleine Runde. Sie beobachteten verschiedenste Bäume und Gebüsche, suchten an jeder Stellte nach irgendwelchen Hinweisen auf ein Pokémon. „Die erste Aufgabe ist jetzt schon anstrengend“, meinte der blonde Schüler. Michi war bereits aus der Puste. „Was ist die nächste Frage?“, wollte er wissen. Judal las sich die nächsten Aufgabestellungen an und schüttelte danach den Kopf. „Wir brauchen für die nächsten Fragen die Antwort für die Frage Eins. Die nächsten Fragen beziehen sich nämlich auf diese. Also, wenn wir kein Pokémon finden, dann können wir keine einzige Frage richtig beantworten“, erzählte Judal und sah seinen Schulkollegen an. „Verdammter Eberl. Na schön, dann finden wir lieber eins, bevor es noch dunkel wird“, erwiderte Michi. Die beiden begaben sich erneut auf die Suche. Nach gefühlten zehn Minuten sah Judal einen Schatten über einen Baum huschen. „Psst!“, zischte er, als Michi auf einen dünnen Ast trat.

Langsam näherten sich die beiden zu der duftenden Kiefer. Auf einmal sprang ihn das schattige Wesen direkt ins Gesicht an, stieß sich weg und rannte erschrocken weg. Michi und er nahmen auf der Stelle die Verfolgung auf. Sie liefen an Büschen vorbei, sprangen über einen umgestürzten Baum und gewannen allmählich mehr Geschwindigkeit. Hastig huschte das Wesen unter einem Busch. Keuchend blieben die zwei Schüler davorstehen. „Und jetzt?“, fragte Michi mit hechelnder Stimme. Plötzlich verdunkelte sich der Wald. Die Sonne war kurz davor, unter zu gehen. Judal und sein Freund hatten komplett auf die Zeit vergessen und saßen nun alleine im Ewigwald fest. „Mist! Herr Eberl wird uns kaltmachen, und danach werden es unsere Eltern auch machen“, jammerte Michi.

Trotzdem lächelte der blonde Schüler. Er war von der Idee, mitten in einem Abenteuer zu stecken, mehr als nur begeistert. Auch Judal spürte eine leichte Aufregung in seiner Brust. Plötzlich raschelte es. Erschrocken blickten die beiden Schüler wild umher. „Hast du das auch gehört?“, flüsterte Michi. Judal nickte. Der Schüler sah sich weiterhin um und schrie fast auf, als ein rotes Pokémon einen Baum runterkrabbeln sah. Verängstigt deutete er auf dieses Pokémon. „D-das ist ein Waumpel. Ein Käfer Pokémon, wenn es uns mit seinen Stacheln berührt, können wir uns nicht bewegen. Zu viel von seiner Giftdosis könnte es sogar uns umbringen“, stotterte Michi leise.

Dann stieß der blonde Schüler einen lauten Schrei aus. „N-noch mehr von denen!“, wimmerte er verzweifelt. Judals Herz raste vor Angst. Die Waumpel sahen sie aggressiv an. Anscheinend duldeten sie keine Fremde in ihr Revier. Langsam krochen die Käfer Pokémon näher und näher. Sie waren umzingelt. Nachdem Judal seine Hoffnung aufgab, sprang plötzlich das schattige Wesen aus dem Gebüsch und stellte sich schützend vor den Schülern. Judal erstarrte.


Dieses Pokémon, ich kenne es. Der dunkelgrüne Schweif, der hellgrüne Körper und die gelben Augen, das ist ein Geckarbor! Das Geckarbor, welches ich schon mal gesehen habe. Ja, es ist das gleiche wie von FRÜHER! Ich sah es hier im Ewigwald, bevor meine ELTERN VERUNGLÜCKTEN!
Judal hielt sich die Hände auf den Kopf und ließ sich schreiend auf die Knie fallen. „AHHH!!! AHHH! AHHH!! AAAHHHHH!“, brüllte er verzweifelt. Erinnerungen, die lange Zeit geblockt waren, wurden wieder ins Gedächtnis gerufen. Judal erinnerte sich an seine alte Vergangenheit.

Seine Herkunft, seine Eltern, sein Haus in Schleiede, der tödliche Unfall, seine Zeit im Krankenhaus, an die Ärzte und an die Spritze und an seine Ohnmacht. „Hey! Hey! Judal! Hörst du mich? Trins! Komm wieder runter!“, rief Michi mit schriller Stimme. Judal hörte auf zu schreien. Sofort sah er Michi mit einem eiskalten Blick an. „Halts Maul. Mein Name ist Judal Guhl. Verstanden Fettsack?!“, blaffte Judal. Sein Freund erschrak über den barschen Ton. So kannte er ihn gar nicht. Währenddessen kämpfte Geckarbor gegen die feindlichen Waumpel. Er weichte geschickt den Fadenschüssen aus und auch die Giftstachel konnte er mühelos ausweichen. Danach schlug er sie alle mit seiner kräftigen Rute in die Flucht. Doch schon bald kehrten die Waumpel zurück.

Sie gaben sich nicht geschlagen. Judal fasste sich mit der rechten Hand auf seine linke Brust. Er fühlte sein Herz sehnsüchtig nach Rache schlagen. Plötzlich schrie er auf, packte das Geckarbor und lief blindlings Weg. Michi versuchte ihm zu folgen, aber ein Fadenschuss am Bein hielt ihn fest. Michi schrie nach Hilfe. Kurzeitig blieb Judal stehen, drehte sich zu seinem einzigen Freund und murmelte eine Nachricht. „Pech gehabt“, flüsterte er und rannte weiter. Michi blieb der Mund offen. Die Waumpel krabbelten auf ihn mit ihren Saugknöpfen und verschlangen ihn langsam.

Judal hielt beim Rennen Geckarbor fest in den Händen, obwohl er sich zu befreien versuchte. „Hör auf zu zappeln!“, zischte er. Endlich beruhigte sich das Pokémon. Der Schüler lief mit einem scharfen Tempo voran. Er drosselte kaum seine Geschwindigkeit, wenn gefallene Bäume ihm den Weg versperrten, die er in einem einzigen Satz überwand. Wild entschlossen raste er weiter und weiter, so weit weg von dem blonden Schüler wie möglich. Judal erkannte gerade noch die Umrisse eines großen Hauses. Er machte kurz Rast und näherte sich dem Haus vorsichtig. Ein alter, weißer Zaun, der halb hinüber war, grenzte die Markierung zum Vorgarten. Silvana und Herr Eberl werden sicherlich die Polizei Bescheid sagen und uns als Vermisste melden. Silvana hat kein Wort über diese riesen Hütte verloren, wahrscheinlich kennt sie den Teil des Waldes nicht.

Außerdem ist es schon dunkel, nicht das ich noch mehr wilde Pokémon begegne. Lieber verstecke ich mich in dieser alten Villa. Judal ging auf die Tür zu und öffnete sie langsam. Ein lautes Quietschen entwich der knorrigen Tür. „Tja, Geckarbor, das ist vorerst unser neues zu Hause. Hier werden wir übernachten und dann gleich morgen in der Früh abhauen“, meinte Judal und setzte das Pflanzen Pokémon ab. Geckarbor sah ihn misstrauisch an. Ein paar Kratzspuren liefen über das Gesicht des Schülers, als ihm das Pokémon vorhin ansprang.

„Du bist nicht von hier, stimmt‘s? Dann teilen wir das gleiche Schicksal. Normalerweise wäre ich ganz wo anders, aber die Menschen haben mich verraten und hierher verfrachtet. Sie dachten, sie könnten mit ihren Lügen mich für immer in das Ungewissen lassen, aber sie haben einen großen Fehler gemacht. Sie haben mich unterschätzt! Dank dir, mein Freund, war es mir möglich wieder ich selbst zu sein. Also was ist, schließ du mich mir an? Zusammen könnten wir die Stärksten sein und es allen heimzahlen, die Unrecht an uns getan haben“, sagte Judal und streckte ihm seine Hand entgegen.

Geckarbor zögerte. Er erinnerte sich daran, wie ihn Menschen in seiner Heimatregion von seiner Familie trennten, ihn in einem Laster verfrachten und schließlich hierher beförderten. Auch er hatte große Wut an den Menschen, die ihn Schlimmes angetan hatten. Darum streckte er ebenfalls seine Hand entgegen. „Sehr gut! Zusammen machen wir sie platt!“, murmelte Judal siegessicher. Der Schüler stand wieder auf und durchsuchte die einzelnen Zimmer. Zu seinem Glück fand er ein Bett recht schnell. Die Villa war komplett in Finsternis umhüllt, aber dies machte den beiden nichts aus, im Gegenteil, sie fühlten sich sehr wohl hier. Langsam schloss Judal seine Augen. „Der Tag der Alles verändern wird...“, murmelte er noch im Schlaf.

„Judal! Hilf mir! Hilf mir! Bitte! Schnell, rette mich!“, schrie Michi mit vollen Tränen in den Augen. Der blonde Schüler konnte kaum noch stehen. Die Waumpel klammerten sich fest an seinen Körper und durchbohrten ihn mit ihren Stacheln. Schreiend fiel Michi zu Boden. Das Gift lähmte seinen Körper und die wilden Pokémon begannen, ihn in Fäden zu wickeln. Schon bald war der Schüler ein dicker Kokon. Judal blieb angewurzelt stehen. Hä? Michi? Warum bin ich wieder ich? Judal erschrak plötzlich, als die Waumpel nun ihn ins Visier nahmen.

Er wollte wegrennen, aber seine Beine gehorchten ihm nicht. Der erste Fadenschuss erwischte ihn am Bein, gleich daraufhin folgten weitere klebrige Substanzen. „Nein! Geht weg! Verschwindet ihr Mistviecher! Verdammt!!!“, brüllte Judal, als die Käfer Pokémon auf ihn krabbelten. Sofort stachen sie mit ihren giftigen Stacheln zu. Bei dem höllischen Schmerz zuckte er zusammen. Erschrocken riss Judal die Augen auf. Keuchend erhob er sich aus dem Bett. Er hielt sich eine Hand vor sein Gesicht. „Nur ein blöder Alptraum“, murmelte Judal und blickte dann zu Geckarbor.

Dieser schlief ruhig weiter. Schon bald wird die Sonne aufgehen. Herr Eberl und die anderen sind sicherlich schon in Cornelia City, aber die Polizei sucht bestimmt noch nach mir. Ich kann nicht mehr hierbleiben. Ich muss nicht nur Ewigenau und Cornelia City verlassen, sondern auch die Sinnoh Region. Die Menschen hier haben mich verraten, es gibt keinen Grund mehr, noch da zu bleiben. Zeit zum Abhauen.

Sanft stupste er das Pflanzen Pokémon an. „Komm Partner, Zeit zum Gehen“, flüsterte Judal. Langsam machte Geckarbor die Augen auf. Er wirkte zwar noch müde, aber er war fest entschlossen gemeinsam mit Judal weiterzugehen. Leise schlichen sich die beiden wieder hinaus aus der Villa. Der Himmel war in der Morgendämmerung milchig fahl, und noch hingen Nebelschwaden zwischen den Bäumen, aber die Luft war erfüllt vom Duft frischen Wachstums, das neues Leben verhieß.

Angespannt blickte er nervös umher, nach der Suche auf Polizisten. Doch niemand wagte sich zur Alten Villa. „Die Luft ist rein, scheint so, als wüssten nicht alle von dieser Villa, naja ...“, sagte er zu sich selber. Judal und Geckarbor setzten sich in Bewegung. Dank dem Pflanzen Pokémon konnten sie schnell und sicher den Wald verlassen. „Wie erwartet, kennst du dich gut im diesen Wald aus, Geckarbor“, lobte er das Pokémon. Allerdings überraschte es Judal, dass er dieses Mal woanders herauskam. Verwirrt sah er sich um und entdeckte einen Wegweiser. „Route 205 – Flori Teil“, las er kleinlaut vor. Dann dämmerte es ihm plötzlich. In Bruchteil einer Sekunde schmiedete Judal einen brillanten Plan.

Das Dorf Flori ist gleich in der Nähe. Von dort aus gelange ich, wenn ich nach Süden reise, nach Jubelstadt. Im Westen von Jubelstadt befindet sich die Hafenstadt Fleetburg! Mit einer Fähre könnte ich die Region für immer verlassen! Schelmisch grinsend lief Judal die Route entlang.
Nahe dem Eingang des Ewigwaldes stand eine Hütte, deren Besitzer müden Reisenden Platz zur Rast boten. Judal erinnerte sich, als er mit seinen Eltern dort eine Nacht verbrachte, nachdem sie gerade vom Ewgiwald herauskamen. Diesmal entschied er sich, die Hütte auszulassen. Eilig sauste er vorbei.

Geckarbor lief auf allen vieren, um mithalten zu können. Irgendwie schafften es die beiden, problemlos durchs hohe Gras zu laufen. Danach überquerten sie eine stabile Holzbrücke. Ein ruhig fließender Bach und hügeliges Terrain machen dieses Areal zu einem geeigneten Gebiet für Abenteurer. Nach der anstrengenden Durchquerung der Route erreichten sie endlich das kleine, aber feine Dorf Flori. Genau in dem Moment, als sie das Dorf betraten, ging die Sonne auf und verzauberte mit ihren Sonnenstrahlen den Ort. Die hübschen Blumen freuten sich am meisten über die Sonne. Ein herrlicher Duft von prächtigen Blumen wehte ihnen entgegen.

Vor allem Geckarbor fühlte sich wohler denn je. Ein kurzes Lächeln entwich dem jungen Schüler. Er gönnte seinem Partner ein paar Minuten, um sich auszutoben. Momentan war es in Flori seelenruhig. Die Bewohner schliefen noch, aber es würde nicht mehr lange dauern bis auch sie aufstanden. Aus diesem Grund drängte er dem Pflanzen Pokémon weiterzugehen. Geckarbor wollte kurz protestieren, entschied sich aber dann eines Besseren. Flori verabschiedet ihre zwei Besucher mit einem fröhlichen Holzbogen an den Haupteingang.

Sie rannten die kurze Route 204 entlang, aber stoppten sofort, als ein kleiner Abgrund den Weg erschwerte. „Und jetzt?“, fragte er sich selber. Plötzlich packte er blitzartig das Pokémon und rutschte dem Hang hinunter. Höllischer Schmerz durchfuhr seinen gesamten Körper. Unsanft krachte Judal gegen den Boden und ließ dabei Geckarbor fallen. Nachdem harten Aufprall rappelte sich der Schüler und hinkte zu seinem Pokémon. Eine Woge der Erleichterung durchfloss es ihm, als Judal merkte, dass sein Partner wohl auf war. „Tut mir leid, das war sehr dumm von mir“, entschuldigte sich er bei Geckarbor. Das Pflanzen Pokémon schnurrte kurz und stand gleich wieder auf.

„Obwohl du so jung bist, hast du jetzt schon viel Mut und Kraft. Du wirst es einmal sehr weit bringen“, lobte der Schüler. Geckarbor musste lächeln. Gemeinsam marschierten sie weiter, als plötzlich Judal aus seinem Augenwinkel einen Höhleneingang entdeckte. Ein geheimer Tunneleingang? Führt der etwa wieder hinauf? Mist, hätte ich oben besser aufgepasst, könnten wir sicher hinuntergelangen, als wie Idioten einen Hang hinunterzurutschen. Judal seufzte kurz. Leichte Aufregung entwickelte sich in Judals Brust, als er den Nordeingang von Jubelstadt, eines der größten Städte Sinnohs, endlich erkennen konnte.

„Guten Morgen!“, begrüßte die Empfangsdame fröhlich. Judal erschrak kurz. „Guten Morgen!“, antwortete er hastig. „So jung und so früh schon unterwegs?“, fragte die junge Dame. „I-ich mache nur einen kleinen Spaziergang mit meinem Pokémon“, stammelte der Schüler. „Ach wirklich? Da hat dein Pokémon ja wirklich Glück mit dir. Oh, dieses Pokémon habe ich bis jetzt noch nie gesehen? Welches ist das?“, fragte die Dame erstaunt. „Geckarbor, ein Pflanzen Typ“, antwortete Judal knapp. „Interessant, sag mal wohnst du hier?“, fragte sie misstrauisch. „Ja natürlich. Ich wollte gerade heimgehen und mich für die Trainerschule bereitmachen“, log Judal. „Wenn das so ist, dann halte ich dich lieber nicht länger auf, viel Spaß noch in der Schule!“, meinte sie mit einem Lächeln. Judal lächelte zurück. Flink wanderte er hinaus.


„Puh, man war das knapp. Egal, so das ist also Jubelstadt? Wie erwartete ziemlich groß, fast noch größer als Schleiede“, murmelte der Schüler gelassen. Die moderne Stadt besaß sehr hohe Gebäuden. Unzählige Autos fuhren umher. Judal spazierte mit Geckarbor Richtung Zentrum. Sie marschierten an Jubelstadt TV vorbei. Jubelstadt TV war eines der größten Gebäude in Jubelstadt und strahlte an die ganze Sinnoh Region Sendungen aus. Dort konnte man sein Pokémon kostümieren und ein Bild davon aushängen lassen. Einige Bewohner liefen schon hinein, allerdings aufgrund der Lotterie, die dort angeboten wird. Wenn man an der Pokémon-Lotterie teilnimmt, konnte man tolle Preise gewinnen. Dennoch ist es sehr unwahrscheinlich, den Hauptgewinn zu ziehen.

Judal beachtete Jubelstadt TV nicht wirklich. Sein eigentliches Ziel war Fleetburg. Nachdem die beiden endlich das große Gebäude hinter sich lassen konnten, kam ihnen ein Geschäftsmann mit einem violetten Hemd entgegen. „Guten Morgen, Trainer! Hast du kurz Zeit für ein kleines Gespräch?“, fragte er plötzlich. „Ich habe es ziemlich eilig“, meinte Judal und wollte schon weitergehen, doch der Mann hielt ihn auf. „Was ist, wenn ich dir sage, dass ich ein tolles Item für erstklassige Trainer besitze?“, flüsterte er geheimnisvoll. „Ein Item?“, wiederholte Judal leicht neugierig. „Komm mit“, sagte der Geschäftsmann. Sie gingen die Richtung, die Judal von anfangs an gehen wollte.

Nordwestlich befand sich nämlich ein weiteres, großes Gebäude. „Das hier ist die Poketch Gesellschaft. Hier wurde das neue Poketch entwickelt“, erklärte der Mann. Auf einmal zog er aus seiner Jackentasche eine schwarze Armbanduhr. „Hier, das ist ein Sondermodell. Mit ihn kannst du viele tolle Sachen machen, wie andere Trainer per Videochat anrufen oder eine Karte der Region aufrufen oder deinen persönlichen Rang ansehen, nachdem du dich angemeldet hast. Wir haben in der Unorga Region ein ähnliches Unternehmen, dass auch Poketch herstellt, nur nennt man sie dort Poketech. Poketech sind die neuere Version von Poketch, allerdings können die Poketch aus Sinnoh durch Updates ebenso die gleichen Funktionen erhalten. Ich möchte, dass du mit diesem Poketech, welches aus der Unorga Region entwickelt wurde, hier in Sinnoh trägst und ein bisschen Werbung machst. Dafür schenke ich ihn dir. Und was sagst du dazu?“, sagte der Geschäftsmann hastig.

Unorga Region? Wo soll die sein? Aber dieses Poketech könnte sehr nützlich sein. „Einverstanden, ich nehme das Angebot sehr gerne an!“, antwortete Judal selbstbewusst. „Haha, so gefällt es mir am besten! Komm morgen einfach hier her in die Gesellschaft und wir probieren dann neue Funktionen aus. Ich muss jetzt leider gehen, die Arbeit ruft. Bis später!“, meinte der Geschäftsmann und verabschiedete sich von Judal. Der Schüler sah ihm zu, wie er das Gebäude betrat und ging schließlich selber mit seinem Pokémon Richtung Westen. Judal blickte auf sein neues Poketech.

Was war das gerade für ein komischer Typ? Verschenkt einfach so dieses Sondermodell einem fremden Jungen, der hat sie doch nicht mehr alle. Eigentlich wäre ich sogar morgen zur Gesellschaft gegangen, aber heute lasse ich die Sinnoh Region hinter mir. Echt schade, aber die Leute hier sind selbst schuld.
Nach einer Weile erreichten Judal und Geckarbor die letzte Route, Route 208. Der Geruch der Meeresbrise lockte viele Angelenthusiasten an. „Zum Glück hat Jubelstadt die Brücke fertiggestellt. Somit müssen wir nicht über das Wasser surfen, wie es früher einmal gewesen war“, meinte Judal zum Pflanzen Pokémon und schwelgte kurz in Erinnerung. Geckarbor nickte ernst. Eine angenehme Stille herrschte auf dieser kurzen Route. Kurz bevor die beiden Fleetburg betraten, hörten sie noch, wie ein Angler vor Freude aufschrie. „Ein goldenes Karpador! Endlich! Ich habe es endlich gefangen!“, rief er volle Glücksgefühl.

„Das ist also die Hafenstadt Fleetburg“, murmelte Judal und sah sich um. Eine Hafenstadt, die durch einen Kanal in zwei Teile getrennt wurde. Der exotische Wind fremder Kulturen wehte hier. Ein großes Schiff stand exakt vor der Brücke, welcher die beiden Teile miteinander verband. Eine Gruppe von Wingull flog am klaren, hellblauen Himmel über die Hafenstadt. Die meisten Leute waren schon unterwegs. Sie alle wirkten glücklich und zufrieden. Ihre Gesichter entflammten den Zorn von Judal erneut. Alle sind glücklich, nur ich muss leiden. Mir steht kein glückliches Leben zu. Die Menschen haben es mir weggenommen! Deswegen werde ich die Sinnoh Region, nein die ganze Welt verändern. Diese Welt ist zum Kotzen! Nachdem sich der Schüler beruhigte, suchte er mithilfe des Poketech ein Supermarkt. Ihr Magen knurrte schon.

Er kaufte mit dem Geld, welches er vor seiner Flucht aus seinem Zuhause eingepackt hatte, zwei Sinelbeeren-Sandwiches. Das Geld dafür reichte gerade noch. Judal suchte sich ein schönes Plätzchen mit einer roten Bank aus. Dort aßen sie ihre Sandwiches. Geckarbor schluckte gerade den letzten Bissen hinunter. „Und, hat es dir geschmeckt?“, fragte Judal freundlich.

Das Pflanzen Pokémon nickte begeistert. „Gut, nun denn, es wird Zeit, für immer von hier zu verschwinden“, sagte er mit ernster Stimme. Die beiden standen auf und liefen schnurstracks zum Hafen. Danach näherten sie sich einem weißen Transportschiff, wo gerade die letzten Güter hineintransportiert werden.

„Ein Transportschiff also. Wir können sowieso nur durch den Hintereingang. Irgendwie müssen wir uns da hineinschleichen. Und ich weiß auch schon wie“, flüsterte Judal zu seinem grünen Partner. Selbstbewusst marschierte er zu einem breiten und muskulösen Mann. „Entschuldigen Sie, aber ich glaube ein Pokémon ist gerade in das Schiff geflüchtet“, log er. Der Mann sah ihn verdutzt an.

„Etwa eines deiner Pokémon?!“, blaffte er. „Nein, nein, gewiss nicht. Ich habe nur dieses eine Pokémon“, erklärte Judal und zeigte auf Geckarbor. „Na schön, ich schau schnell nach, sollte sich aber herausstellen, dass sich dort kein Pokémon befindet, dann bist du alle! Kapiert?!“, brummte der Mann und legte gerade eine schwere Kiste zu Boden. Hastig rannte er in das Schiff.

Blitzartig packte Judal die Kiste, nachdem der Mann außersichtweite war. „Verdammt ist die schwer“, fluchte er und marschierte mit schweren Schritten zum Schiff. Dabei hielt der Schüler die Kiste vor seinem Gesicht, damit ihn niemand erkennen konnte. Hoffentlich gehe ich damit als Schiffsjunge durch. Er erreichte die schon die Schiffsplanke, allerdings ging ihm die Kraft aus und er ließ die Kiste fallen. Auf der Stelle drehten alle anderen Packer sich zu Judal. Panik stieg in ihm auf.

Ich bin aufgeflogen! Mist! Instinktiv entschloss er sich, zu rennen. Gemeinsam mit Geckarbor flüchtete er in das Transportschiff, die Männer dicht auf seine Fersen. Doch plötzlich bedeckte ein großer Schatten ganz Fleetburg. Judal und seine Verfolger blieben wie angewurzelt stehen. Ein riesiges, schwarzes Luftschiff flog am Himmel und verdeckte die Sonne. Seine bedrohliche Größe ließ jeden Bewohner erstarren. Judal nutze die Unaufmerksamkeit der Männer und floh in das Schiff.

Im Lagerraum befanden sich schon erheblich viele abgestellten Container. Hastig blickte er sich um. Ohne zu zögern rannte Judal nach rechts und versteckte sich gemeinsam mit Geckarbor in einem großen, olivgrünen Container, welcher noch offen war. Ohne lang darüber nachzudenken hauten die beiden die Frontkappe zu und erstickten damit das Licht, welches hineindrang.

Zum Glück hatte Judal kurz vorm Aufprall etwas gebremst, um einen lauten Knall zu verhindern. Erschöpft setzte sich Judal zu Boden. Nachdem das Schiff weitergezogen war, betraten auch die Männer gemeinsam mit ihren Machomei das Transportschiff. Die Packer suchten eine ganze Weile nach ihnen, fanden sie aber trotzdem nicht. Danach gaben sie auf und das Schiff legte schon ab. Das einzige was Judal noch hörte, war das laute Signal, das ertönte, als die Brücke sich öffnete.

Der Schüler durchsuchte derweil auf sein Poketech nach einer Taschenlampe-App. Endlich fand er das passende Symbol und erhellte den Container. „Ah, hier bist du Geckarbor. Irgendwie haben wir es doch noch auf das Schiff geschafft!“, meinte Judal aufgeregt. Er erstarrte plötzlich, als er die riesige Menge an bunter Pokébälle am Ende des engen Raumes entdeckte. „Dieser Container ist zu Hälfte mit Pokébällen verladen“, murmelte er und durchsuchte das Arsenal. Ob hier drin Pokémon sind? Ohne großartig sich Gedanken darüber zu machen, öffnete Judal eine rote Kapsel. Er erschrak, als tatsächlich ein Pokémon heraustrat.

Ein Panflam erschien vor ihm. Judal blieb der Mund offen. Sofort ging das Panflam in Kampfposition, aber Geckarbor stellte sich schon schützend vor seinem Partner. Doch das Feuer Pokémon brach in binnen von Sekunden zusammen. „Warte, Geckarbor!“, wies Judal ihn an. Der Schüler untersuchte vorsichtig das Pokémon. „Es...es ist verletzt. Überall hat es Wunden. Wo ist sein Trainer? Wieso hat niemand ihn geheilt? Werden all diese Pokémon etwa in die anderen Regionen verschleppt? Handel mit Pokémon? Das ist doch krank!“, flüsterte Judal mit zitternder Stimme. Mit schwerem Herzen griff er nach weiteren Bällen, dieses Mal waren es ein Netzball und ein Freundesball.

Zuerst warf Judal den Netzball. Ein verprügeltes Enton, welches sogar noch vergiftet war, trat in Erscheinung. Es hatte nicht einmal die Kraft seinen Namen auszusprechen. Halbtot lag es am Boden und wimmerte leise. Judal fasste sich auf seine Brust. Sein Herz schrie vor Schmerz auf. Er konnte den Anblick dieses Pokémon nicht mehr ertragen und schickte es zurück in den Netzball. Judal traute sich gar nicht mehr, den Freundesball zu werfen. Als er es doch noch tat, seufzte er erleichtert auf, als er feststellte, dass sich kein Pokémon darin befand.

„Dieser Freundesball ist leer, womöglich ein Irrtum, dass er hier liegt?“, fragte er sich selbst. Der Schüler wollte nicht, noch mehr angeschlagene Pokémon ansehen, und lies daher die fremden Pokébällen in Frieden. Nur noch er, Geckarbor und ein verletztes Panflam saßen noch still da. Judal wollte gerade Panflam in den Pokéball befördern, doch es schrie verzweifelt auf. Mühevoll rappelte er sich auf und sah Judal entschlossen in die Augen. Der Schüler musste schlucken. Das Feuer Pokémon zitterte am ganzen Körper. „P-pan...flam...“, krächzte das arme Pokémon. Judal war machtlos. Er konnte dem verletzten Panflam nicht helfen.

Der Schüler sah zu Boden. „Bitte kehre in den Pokéball zurück, ich ertrage dein Anblick nicht mehr...“, flüsterte Judal verzweifelt. „Panflam!“, brüllte es kleinlaut. Judal sah auf. Obwohl es so geschwächt war, brannte ein so entschlossenes Feuer in seinen Augen, welches die ganze Nacht erleuchten könnte. Die Entschlossenheit von Panflam ließ Judal erstarren. Der Pokéball rutschte aus seiner Hand und plumpste zu Boden. „Du möchtest es denen heimzahlen, die dir das angetan haben, nicht wahr?“, murmelte Judal.

Das Feuer Pokémon nickte entschlossen. Der Schüler holte noch einmal tief Luft bevor er weiterredete. „Nun gut, Panflam, möchtest du dich uns anschließen? Wir verfolgen den selben Plan. Auch wir wollen unsere Rache ausüben! Also was sagst du dazu?“, fragte Judal ihn direkt und streckte seinen Arm entgegen.

Ohne zu zögern legte Panflam seine Hand auf die von Judal. Auch Geckarbor gesellte sich zu ihnen. „Von nun an sind wir zu dritt. Wir drei gegen den Rest der Welt!“, sprach Judal mit einer kalten Stimme. Die Pokémon stimmten mit einem kurzen Jaulen mit ein. Der Schüler lächelte. Er war nicht mehr alleine. Endlich fand er gute Freunde, die immer zu ihm halten würden. Komme was wolle, ich werde diese Welt verändern!

Nach einer guten Stunde hielten es die drei nicht mehr aus. Sie mussten raus aus dem Teufels-Container. Zusammen öffneten sie wieder den Eingang. Ihre Augen hatten sich schon an der Dunkelheit gewöhnt. Wie Ninjas schlichen sie sich herum, auf der Suche nach Nahrungsmittel. Allerdings ergab sich die Suche als unmöglich, da die restlichen Container und Kisten verriegelt waren.

Judal sah kurz zu Panflam rüber. Wir könnten mit Glut die Verriegelungen schmelzen, aber die Frage ist nur, wie empfindlich die Rauchmelder sind und wie gut sich Panflam fühlt. Am Ende entschied sich Judal, die Suche abzubrechen. Auf einmal fiel dem Schüler etwas ein. Eilig lief er zu dem Pokéball-Container und griff nach dem leeren Freundesball. Seine zwei Pokémon gesellten sich zu ihm und warteten neugierig. „Los, Freundesball!“, rief Judal plötzlich und warf den Ball auf Geckarbor.

Dieser komplett überrascht konnte nicht mehr reagieren und wurde getroffen. Der Freundesball wackelte ein paar Male, schließlich machte es dann Klick! „Jawohl! So fühlt man sich also als Trainer? Irgendwie aufregend“, meinte Judal und hob den Freundesball auf. „Komm raus, Geckarbor!“, rief er schlussendlich. Das Pflanzen Pokémon trat wieder ins Freie.

„Gut, jetzt seid ihr offiziell meine beiden Pokémon. Und ich bin euer Trainer“, sagte Judal ehrgeizig. Geckarbor und Panflam jaulten glücklich. Jetzt müssen wir irgendwie diese Schiffsfahrt überleben ... Hoffentlich dauert sie nicht allzu lang. Der junge Schüler entschied sich zu schlafen, um die Zeit schneller tot zu schlagen. Gelangweilt lehnte sich Judal gegen einen Container und versuchte, einzuschlafen. Seine Pokémon taten ihm nach und gesellten sich zu ihrem Trainer. Man ist das langweilig hier. Wie lange die Fahrt noch dauert…

Gleich darauf, nachdem Judal eingeschlafen war, läutete plötzlich sein Poketech. Schlafgetrunken blickte er drauf. Eiskalt lief es ihm über den Rücken, als er die Nachricht las. Cornelia City komplett zerstört – Bomben Angriff aus der Luft.... Was hat das zu bedeuten? Der Schüler klickte auf die Nachricht, um weiter zu lesen. „Wie aus dem Nichts erschien auf einmal ein pechschwarzes Luftschiff und ließ eine Bombe nach dem anderen fallen.

Es dauerte nur wenige Augenblicke und die ganze Stadt war in höllischen Flammen verschlungen. Die starken Druckwellen der Explosionen verursachten einen verheerenden Schaden. Die Pokémon Liga reagierte nicht schnell genug. Die Stadt ist nicht mehr zu retten. Die mysteriösen Angreifer nutzten das chaotische Durcheinander um zu fliehen. Momentan kann niemand nachvollziehen, wer dahintersteckt und was die Ursache dafür gewesen war. Cornelia City wurde in nur wenigen Stunden komplett zerstört“, las Judal leise vor.

„W-war das etwa dieses eine Luftschiff, welches über Fleetburg kurz Aufmerksamkeit erregte? Das ist ja nicht zu fassen. Meine Heimatstadt wurde einfach so ausgelöscht...“, flüsterte er mit einer unheimlichen Stimme. Erschüttert über diese schlechte Neuigkeit, zwang sich Judal aufzustehen. Panflam und Geckarbor schliefen noch seelenruhig. Unruhig trabte der junge Schüler durch den Lagerraum. Er musste sich ablenken. Obwohl die Bewohner der Stadt ihn verraten hatten, so war er trotzdem über das Unglück bestürzt.

Sein Ziel war es, die Welt ohne Schaden anzurichten, zu verändern. Doch stattdessen mischten sich irgendwelche Mörder ein und zerbombten seine Heimatstadt in nur Augenblicken. Vor lauter Zorn schlug er seine Faust gegen die Wand. „Verdammt! Was soll das Ganze hier?!“, schrie er wütend. Durch seinen Zweifelsschrei weckte er seine Pokémon auf. Langsam beruhigte sich Judal wieder. Der Schüler seufzte.

Plötzlich fing das Schiff zum Schwanken an. Judal und seine Pokémon haute es um. „Ah!“, japste er. Was ist denn jetzt schon wieder los? Hastig rappelte er sich auf und holte den Freundesball und den Pokéball aus seiner Tasche. „Zurück ihr beiden!“, sagte er und holte sie wieder in ihre Pokébälle zurück. Ein lauter Knall war von oben zu hören.

Auf einmal wurde der Eingang vom Lagerraum gesprengt. Rasch bildete sich schon das Feuer, doch die sensiblen Rauchmelder reagierten sofort und das Wasser begann, die Flammen zu löschen. Judal fiel vor lauter Schreck um, sammelte sich aber gleich wieder. Ein ganzer Trupp von Männer, die jeweils das Gleiche trugen, nämlich weiße ganz-Körper- Anzüge, strömte herein. In der Mitte ihrer Anzüge war ein gelbes Alpha zeichnen gedruckt. Eine Kopfbedeckung trugen sie nicht.


„Omega möchte nur die Container F20-F05 bis F20-F10 haben! Den Rest könnt ihr ignorieren!“, befahl einer dieser Männer. Auf der Stelle holten sie alle ihre Pokémon heraus. Sie alle besaßen ein Machomei. Diese Pokémon sammelten sich um einen Container und hoben ihn gemeinsam auf. Währenddessen versteckte sich Judal hinter einer schweren Kiste. Wenn sie nur nach Containers suchen, dann bin ich hinter dieser Kiste in Sicherheit. Der Mann, der den Befehl erteilte, holte ein blutrünstiges Garados hervor.

„Hyperstrahl auf die Decke, Garados!“, befahl er und zeigte nach oben. Das drachenähnliche Wasser Pokémon sammelte all die Energie auf einen Punkt und feuerte es schließlich ab. Der Hyperstrahl durchbohrte nicht nur die Decke des Lagerraumes, sondern schoss ein riesiges Loch durch die verschiedenen Ebenen des großen Transportschiffes. Was für eine Wahnsinns Kraft. Gegen diese Typen komme ich niemals an. Hoffentlich entdeckt mich keiner. Das Garados schoss nach einer kurzen Pause weitere Löcher, bis ein Container durchpasste.

Danach wurde von oben aus ein riesiger Enterhaken heruntergelassen. Dieser packte den ersten Container fest und zerrte ihn langsam nach oben. Danach ging die Suche weiter. Drei weitere Behälter wurden gestohlen. Beim vierten Container rätselten die Rüpel, warum sie als einziger offenstand.

Judal erkannte den Behälter sofort. Dort hatte er sich versteckt gehalten. „Wieso ist der verdammte Container offen?!“, brüllte der Mann, der die Befehle erteilte. Doch er konnte sich nicht allzu lange beschweren. Der Enterhaken kam wieder nach unten. „Schließt den Container und bringt ihn unter dem Haken!“, ordnete er schließlich an. Gesagt getan. Nachdem alle Behälter entführt wurden verließen die Männer den Lagerraum. Nach einer Weile hörte Judal, wie ein Luftschiff davonflog. „Sie sind weg. War das etwa das gleiche Luftschiff, welches Cornelia City zerstörte?“, fragte er sich selbst.

Auf einmal waren Sirenen zu hören. Die Küstenwache! Judal geriet in Panik. „Wie erkläre ich denen jetzt mein Dasein? Die werden mich wieder in die Sinnoh Region verfrachten! Ich muss mir was einfallen lassen!“, stammelte der junge Schüler. Nach wenigen Augenblicken durchsuchten die Polizisten auch schon das Schiff. Bis dahin hatte Judal einen halbwegs guten Plan geschmiedet. Er ließ sich absichtlich von den Polizisten finden, indem er sich einfach auf dem Boden legte.

„Hey, wach auf! Komm schon, wach auf!“, sagte ein Beamter. Nur langsam machte Judal die Augen auf. Sein Herz klopfte wild. Er durfte jetzt keinen Fehler machen. „Uhm, wer bist du und ... wo bin ich?“, murmelte der junge Schüler absichtlich verwirrt. Auf der Stelle benachrichtigte der Mann seine Kollegen. „Ich habe einen Jungen gefunden!“, rief er aus voller Lunge. Sofort stürmten alle zu Judal. Sie alle stellten gleichzeitig Fragen. Für Judal war es unmöglich, sie alle zu beantworten.

„Lasst ihn in Ruhe!“, rief ein weiter Polizist, der gerade dazukam. Die anderen Beamten teilten sich wieder auf. Nun waren Judal und der neue Polizist alleine. „Alles in Ordnung?“, fragte er freundlich. „N-nicht wirklich. Ich weiß nicht, wo ich gerade bin“, log der Schüler. „Wie lautet dein Name? Weißt du, wie du hierherkamst?“, wollte der Beamte wissen.

„Julian Trins. Die Männer vom schwarzen Luftschiff brachten mich hierher“, sagte Judal und schaute zu Boden. „Verstehe, weißt du, von wo du herkommst?“, hackte der Polizist weiter nach. Mist! Das ist genau die Frage, die alles weitere Entscheiden wird! Was soll ich sagen? Was soll ich nur sagen? „W-wie meinen Sie das? Bin ich nicht in meiner Heimat?“, erwiderte Judal. „Äh, also, dir ist schon klar, dass du dich auf dem Luftschiff befindest?“, erklärte der Beamte. „Ja ja, ich dachte nur, dass wir nicht weit geflogen sind. Aber wo genau bin jetzt wirklich?“, wiederholte Judal.

„Auf einem Transportschiff. Es kam aus Sinnoh und fuhr Richtung Unorga. Allerdings wurde es vor kurzem überfallen“, fasste der Polizist zusammen. Unorga? Das hat doch dieser Geschäftsmann damals in Jubelstadt erwähnt. Bingo! „Genau, ich komme aus Unorga“, antwortete Judal. „Wo genau aus Unorga?“, wollte der Beamte wissen.

Judal schwieg für eine Weile. Plötzlich hatte er ein Geistesblitz. Er öffnete die Weltkarte auf seinem Poketech und tippte „Unorga“ ein. Der Schüler drückte auf die größte Stadt, Empire City. „Oho, du bist von Empire City also? Wir bringen dich nach Apotos, von dort aus können deine Eltern dich dann abholen“, sagte der Polizist mit ruhiger Stimme. Bei dem Wort Eltern zitterte Judal. „V-verstanden“, antwortete der Schüler.

„Also, hast du deine Eltern schon verständigt?“, fragte der Fahrer des kleinen Motorbootes. Judal bekam eine persönliche Eskorte nach Apotos. Das kleine Motorboot entnahmen die Polizisten aus ihrem großen Patrouillenschiff. Dieser war selbstverständlich für Notfälle wie dieser gedacht. Vor der Abfahrt konnte er auf dem Hauptschiff der Küstenwache seine Pokémon heilen. Judal nickte. „Sie warten dann am Hafen auf mich“, log der junge Schüler. „Gut. Und dir geht es auch wirklich blendend?“, vergewisserte sich der Fahrer. „Ja schon, ich mein, ich wurde zwar entführt, aber das meiste habe ich sowieso nicht mitbekommen“, erwiderte Judal und kratzte sich Kopf.

Der Fahrer schwieg. Leicht neugierig drehte sich Judal in die entgegensetzte Richtung, um das überfallene Transportschiff zu sehen. Das war ganz schön knapp da drin. Weder haben mich diese verrückten Schurken erwischt, noch wurde ich von der Polizei nach Sinnoh verschleppt. Endlich ist das Glück auch auf meiner Seite. Judal genoss den wunderschönen blauen Himmel. Keine einzige Wolke war zu sehen. Die Sonne strahlte Wärme aus. Das Ganze wurde durch das fast schon türkisene Wasser zu einer perfekten Kombination.

Die Wellen waren ruhig und es wehte nur ein Hauch Wind. Der Schüler stand sprachlos da und beobachtete das Meer. Um herum des kleinen Bootes flogen ein paar Wingull. Allmählich konnte er schon die Umrisse der bezaubernden Hafenstadt erkennen. Sein Herz klopfte vor Aufregung. Jetzt müsste er nur noch diesen Bootsfahrer loswerden, und Judal wäre frei.

Das Boot näherte sich dem großen den Hafen. Der Fahrer steuerte es ziemlich geschickt, um danach schnell wieder ablegen zu können. Endlich stand das Boot für eine kurze Weile still. „Okay, Julian. Da wären wir. Gehen wir schnell zu deinen Eltern“, meinte der Fahrer und stieg aus dem Motorboot. Mist! Wie erkläre ich ihm, dass ich lieber alleine gehen will? Judal blickte auf sein schwarzes Poketech. Er täuschte eine Benachrichtigung, indem er bei den Sound-Einstellungen den Klingelton wechselte. Kurzzeitig überrascht sah der Fahrer zum Schüler. „Hast du eine neue Nachricht von deinen Eltern, Julian?“, wollte er wissen.

„Ja, sie schreiben, dass sie sich verspäteten, da viel Verkehr in Empire City herrscht“, log der Schüler mit gutem Gewissen. „Verdammt, dabei sollte ich doch so schnell wie möglich wieder zum Schiff zurück“, fluchte der Fahrer. „Sie können ruhig fahren. Mir macht es rein gar nichts, alleine zu warten. Das bin ich als Einzelkind sowieso gewöhnt“, erklärte Judal und täuschte ein Lächeln vor. Dies hatte er von seiner Erzieherin Diana gelernt. Der Fahrer wollte gerade widersprechen, doch Judal redete weiter. „Außerdem muss ich auf das WC. Ganz dringend!“, log der Schüler und fing an, merkwürdig zu tanzen. Nun war der Polizist überfordert mit der momentanen Situation. Judal stieg ebenfalls aus dem Boot und marschierte, ohne seine Miene zu verziehen, an ihm vorbei. Doch plötzlich packte der Polizist ihn am Arm und hielt den Jungen fest. Judal ging ein Licht auf. Ohne Grund fing er an zu schreien.

„AHHH! Hilfe! Hilfe! Dieser Mann will mich entführen!“, rief er lauthals. Ein paar Seemänner, die sich gerade um ihre hübschen, weißen Schiffe kümmerten, eilten zu ihnen. Ein breitschultriger Mann mit einem dicken Bart stellte sich vor dem Polizisten. „Was läuft hier für ein schmutziges Spielchen ab?“, knurrte er den Fahrer an. „Ich bin ein Beamter, Mister. Dieses Kind untersteht meiner Aufsicht. Ich habe für ihn die Verantwortung“, erklärte er gelassen. So leicht lasse ich dich nicht davon. „Er lügt! Er ist ein Betrüger! Er hat einen Beamten überfallen und dessen Ausrüstung gestohlen!“, schrie Judal und wollte sich vom festen Griff des Polizisten losreißen.

Doch dieser hielt ihn fest. Mittlerweile versammelte sich schon eine große Menschengruppe am Hafen. Der breitschultrige Mann sah den jungen Schüler an. „Bleib ruhig, ich regle das. Können Sie sich denn ausweisen?“, brummte er. „Natürlich“, antwortete der Beamte und holte sein Abzeichen und seinen Ausweis. Verdammt! Ich muss hier weg! Weg! In dem Moment nahm Judal Reißaus.

Er befreite sich vom Beamten, schnappte sich den Ausweis und warf es ins Meer. Blitzartig umklammerte er sich an den Polizisten und wollte ihn ebenfalls unter Wasser befördern, doch der Beamte konnte sich sehr gut verteidigen. In Handumdrehen hielt er erneut Judal fest. Dann geschah etwas Unglaubliches. Der breitschultrige Mann packte den Polizisten am Gesicht. Dieser ließ vor Panik und Schreck Judal frei. Der Schüler nutzte den Moment und flüchtete nach oben. Die Menschenmassen ließ ihn passieren. Hastig rannte er die weißen Stufen nach oben. Dabei riskierte er einen kurzen Blick nach unten. Der Mann und der Beamte lieferten sich einen heftigen Kampf. Blut quoll aus der Nase des Polizisten. Judal lief weiter.

Während immer mehr Menschen zum Hafen liefen, um das Ereignis miterleben zu dürfen, flüchtete der junge Schüler schnell in einer Seitengasse, um Luft zu holen. Danach prüfte er die Karte. Vielleicht sollte ich nach Empire City gehen, und mich dort verstecken. Die Polizei würde sowieso mich nicht finden, da es keinen Julian Trins gibt. Aber wie komme ich zur Hauptstadt? Sicherlich weiß es die App, Pokéearth. Judal tippte ungeduldig Empire City ein, klickte dann auf Route und dann auf aktuellen Standort. Die App berechnete sekundenschnell den Weg. Es gab vier verschiedene Möglichkeiten, von Apotos zur Hauptstadt zu gelangen. Entweder er ging zu Fuß oder fuhr mit dem Fahrrad einen langen Umweg, oder er fuhr selbst mit dem Auto oder auch der Reisebus wäre eine Option.

Normalerweise würde Judal mit dem Bus fahren, doch er war sich sicher, dass ein Auto die schnellere Methode wäre. Nur als ein elfjähriger Schüler konnte man kein Auto selber fahren. Unbedingt musste er jemanden finden, die ihm eine Mitfahrgelegenheit anbot. Am Ende rief Judal mit seinem Poketech ein Taxi an. Judal solle sich in einer Stunde mit dem Fahrer in der Nähe vom großen West-Tor treffen. Unverzüglich lief er schon los, machte aber einen großen Bogen um den Hafen.

Überall standen weiße Häuser mit blauen Türen und Fenster. Der mit weiß gepflasterten Steinen wurde mit hübschen Blumen verschönert. Auch grünes Gras war an manchen Stellen zu finden. Diese wunderschöne Stadt konnte man nur allzu ungern hinter sich lassen, doch Judal besaß keine große Wahl. Hier könnte er niemals leben. Je größer die Stadt, desto einfacher war es sich zu verstecken. Empire City war perfekt. Momentmal, habe ich nicht dem Polizeichef berichtet, dass ich in Empire City lebe? Mist!

Aber er weiß nicht wo genau ich lebe. Trotzdem wird man nach mir fahnden. Dieser Beamte, der gerade am Hafen verprügelt wird, möchte sich bestimmt an mir rächen und wird es der Behörde petzen. Allerdings haben sie keine genauen Informationen über mich. Weder ein Foto, noch meinen richtigen Namen besitzen sie. Ich bin zwar erst elf, aber kein Trottel. Selbst wenn sie mich erwischen sollten, was wollen sie schon mir antun? Schuld an allen sind ja meine Stiefeltern. Genau so ist es, und jetzt weiter.

Müde rannte der erschöpfte Schüler weiter. Niemand schenkte ihm Aufmerksamkeit. Die Menschen, vor allem die Touristen, waren bezaubert von der wunderschönen Hafenstadt und verpassten keinen Augenblick, ein weiteres Foto zu schießen. Judal bog in einer engen Gasse ein. Diese Abkürzung sollte ihn um ein Vielfaches an seinem Zielort verhelfen.

Er kam an einem kleinen, aber feinen Ladenstand vorbei, der hübsche Souvenirs anbot. Der Verkäufer, ein alter Mann, der hinter der Theke stand, begrüßte Judal herzlich. Dieser erschrak plötzlich, da er den alten Mann übersehen hatte. „Guten Tag!“, erwiderte der Schüler und hetzte sich weiter. Das war richtig unhöflich von mir, aber ich keine Zeit! Ich muss zur Hauptstadt und dann ...

Judal blieb auf einmal stehen. Regellos stand er mitten auf dem schmalen Gehweg. Und dann? Was dann? Was mache ich hier eigentlich? Hey, wieso wollte ich nach Empire City? Um mich zu verstecken? Vor wen? Vor was? Der Schüler starrte aufgeregt seine Hände an. Wie soll ich alleine ohne Hilfe in einer fremden Stadt überleben? Von wegen ich schaff das! Ich bin verloren! Es war ein riesen Fehler hierherzukommen! Ich hätte einfach in Sinnoh bleiben sollen! Ich ... ich ... weiß nichts mehr... was soll ich tun? Judal brach einfach zusammen. Erst jetzt realisierte er, welchen Weg er eingeschlagen hatte. Schmunzelnd kroch er zu einer Straßenlampe und vergrub sein Gesicht. Wie ein armseliges Häuflein saß der junge Schüler.

All sein Mut verschwand und was noch übrig blieb, war die Angst. Der arme Junge zitterte am ganzen Körper. Plötzlich fühlte er sich so schwach. Judal war komplett am Boden zerstört, er hatte seinen absoluten Tiefpunkt erreicht. Allmählich ging auch die warme Sonne unter. Der milchige Himmel verblasste und die ersten Sterne leuchten schon am Horizont. Ich will nach Hause, zu meiner Mutter, zu meinem Vater. Ich will doch nur nach Hause. Judal konnte seine Tränen nicht mehr unterdrücken. Wieso passiert sowas nur mir?! Ich bin doch nur ein schwaches Kind. Ach wieso bin ich nur so schwach und unnützlich. Ein Versager! Mehr nicht. All sein Lebenswille floss dahin. Judal gab sich auf. Er zitterte. Sein Herz blutete. Frischer Wind brachte Kälte.

Auf einmal spürte der Schüler, wie jemand an seine Schulter klopfte. Judal erschauderte. Hastig sah er auf und wich auf der Stelle zurück. „Ist da noch ein Platz für einen alten Mann?“, fragte der Fremde freundlich. Judal wischte sich die Tränen von den Augen und begutachtete den Mann vorsichtig. Er erkannte das Gesicht. Obwohl der Schüler ihn nur für einen Augenblick erhaschte, so wusste er, dass es der Verkäufer von vorhin war. „Was wollen Sie von mir“, schluchzte Judal. „Nur ein bisschen plaudern“, meinte er und setzte sich.

Der alte Mann bat Judal, sich ebenfalls zu setzen. Der Schüler seufzte und begab sich zum Opa. „Ich sehe, dir geht es nicht besonders toll. Was ist passiert? Du kannst mir vertrauen“, hob der alte Mann an. „Es ist alles in Ordnung, ich war nur ein bisschen müde“, log der Schüler. „Das kannst du jemanden anderen erzählen. Sag einfach, was dich so sehr bedrückt. Du kannst es mir in Ruhe erzählen. Der alte Fredricks hat immer ein gutes Ohr für euch junge Leute offen“, sagte er mit einer angenehmen Stimme.

Judal überlegte für eine Weile. Dann gab er schließlich nach und erzählte seine Geschichte. „Hm, verstehe. Deine Geschichte könnte man glatt in ein Buch umwandeln. Weißt du mein Junge, ich kann mir nicht vorstellen, welche Schmerzen du erlitten hast. Das was du erlebt hast, hätte ich mir niemals erträumen lassen. Aber ich weiß, welche Leere du gerade empfindest. Ich hatte auch einmal meinen Tiefpunkt im Leben. Das wichtigste dabei ist, sich davon zu erholen und wieder aufzustehen. Greife nun nach dem Höhepunkt deines Lebens. Ganz gleich welche schrecklichen Dinge dir widerfahren, das Leben geht weiter. Lebe dein Leben, schlage aber nicht alle Ratschläge ab. Tu das, was du für richtig hältst, ohne anderen dabei zu Schaden. Und wer weiß, eines Tages wirst du das Leben wieder glücklich schätzen“, erzählte Fredricks weise.

Judal lief ein Schauer über den Rücken. Er hatte nicht damit gerechnet. Aus irgendeinem Grund gaben ihm diese Wörter wieder Kraft und Mut. „Vielen Dank, Fredricks. Ich fühle mich besser. Danke!“, meinte der Schüler. Fredricks fing an zu lachen. „Ach, ihr jungen Menschen müsst noch so viel lernen. Naja, und was wirst du jetzt unternehmen?“, wollte der alte Mann wissen und kratzte sich am Kopf.

Blitzartig schoss Judal seine alte Idee wieder ins Gedächtnis. Hastig blickte auf sein Poketech. „Oh nein, ich habe das Taxi verpasst! Mist! Dabei wollte ich ursprünglich nach Empire City fahren und ein neues Leben beginnen“, stammelte Judal. „Empire City?“, wiederholte Fredricks. Judal nickte.

Plötzlich stand der alte Mann auf. Er zog aus seiner alten, blauen Lederjacke, die unzählige Male geflickt wurde, einen Schlüssel. Der junge Schüler sah auf. „Huh, was ist denn das?“, fragte er nach. „Autoschlüssel mein junger Freund. Komm mit“, erwiderte Fredricks und marschierte los. Judal entschied sich, ihm zu folgen. Sie kamen wieder an dem kleinen Souvenirgeschäft vorbei. „Hinter dem Stand steht mein bescheidenes Zuhause. Und daneben eine kleine Garage für mein geliebtes Auto“, erwähnte Fredricks. Judal zählte eines und eins zusammen. Fredricks grinste.

Schnell gelangen sie zu der Garage, wo ein blauer Käfer stand. „Das ist dein Auto?“, staunte Judal, denn er hatte dieses Modell noch nie zu Gesicht bekommen. „Haha, ja das ist ein schon älteres Auto, genauer gesagt ein Käfer“, schwärmte Fredricks und brüste sich Stolz. „Und mit dem fahren wir nach Empire City?“, fragte Judal stutzig. „Richtig, ich fahre dich zur Hauptstadt, na los, steig schon ein“, erklärte Fredricks fröhlich. „Vielen, vielen Dank! Ich weiß nicht, was ich dazu noch sagen soll“, stammelte Judal vor Freude. „Ist schon in Ordnung“, antwortete der Opa.


Gemeinsam stiegen sie ein und Fredricks startete den Motor. Dieser brummte auf. „So mein alter Freund, bereit für eine Spritztour?“, sagte er und lachte dabei. Mit einem lauten Reifenquietschen fuhren sie aus der alten kleinen Garage hinaus. Obwohl Fredricks schon sehr alt war, beherrschte er die Fahrkunst wie eh und je. Langsam fuhr er runter zum Hafen, dann gerade aus Richtung West-Tor.

Fredricks fuhr weiter auf der Landstraße, die den Straßen von Apotos nicht mehr ähnelten. „Und wie fühlt es sich an, in so einem alten Wagen zu sitzen?“, wollte Fredricks unbedingt wissen. „Fantastisch!“, antwortete der Schüler. Judal konnte seine Aufregung nicht verbergen. „Genau das habe ich mir schon gedacht! Nächster Halt, Empire City!“, rief er, drehte das Radio auf und beschleunigte das Tempo. Die Fahrt hatte begonnen, begleitet von der stillen Nacht und der hübschen Musik wurde dies ein weiterer unvergesslicher Moment. Gerade spielte If You Leave Me Now von Chicago im Radio.

Nach einer gefühlten Stunde erreichten sie auch schon die berüchtigte Autobahn „Empire-Empire“. Diese war nämlich eine vierspurige Autobahn und bot daher den Fahrzeugen eine Menge Platz. Empire-Empire, die wichtige Zentralverbindung zwischen der Hauptstadt und Unorga. Man konnte von jeder Stadt, jeder Himmelsrichtung aus nach Empire City mithilfe der Autobahn gelangen. Die hübschen Straßenbeleuchtungen verzauberten den Weg ungemein und ließen die langen Nachtstrecken wie ein Lichtpfad anfühlen.

Judal sah aus dem kleinen, rundförmigen Fenster. Die verschiedensten Fahrzeuge fuhren ungewöhnlich schnell. Allein hier sind schon so viele Menschen unterwegs, wie wird das dann in der Stadt wohl sein? Hoffentlich habe ich dort Glück und eine nette Familie wird mich aufnehmen. Die in Cornelia City war der reinste Reinfall! Judal war sich einig, dass er sich der Polizei stellen würde, damit man ihn ins Heim schicken würde.

Dort sollte er dann ein neues Leben anfangen. Geckarbor, Panflam, ich hoffe euch geht es soweit gut. Bald werden wir uns wiedersehen. Trotz dem tollen Anblick musste der Schüler gähnen. „Schlaf ruhig ein, heute Nacht werden wir es sowieso nicht schaffen. Sobald wir morgen ankommen, werde ich dich wecken, versprochen“, erwähnte Fredricks freundlich. „Danke, Fredricks“, murmelte Judal und gähnte erneut ausgiebig, bis er endlich in Tiefschlaf versank.

Ein komisches Geräusch weckte den verschlafenen Schüler auf. Blinzelnd blickte er zu Fredricks. „Oh, Guten Morgen! Es sieht so aus, als würden wir bald ankommen, aber ein paar technische Schwierigkeit erschweren uns die letzten Kilometer“, erklärte der alte Mann. Judal schwieg. Auf dem Radiozeiger, konnte er erkennen, dass es schon sieben Uhr war.

Die Sonne selbst war von den grauen Wolken verdeckt worden. Heute würde es ein grauer Tag werden. Schon langsam konnte man die Umrisse der Wolkenkratzer ausfindig machen. Erneut machte es merkwürdige Geräusche. „Scheint so, als würde der Motor nicht mehr lange mitmachen. Aber keine Sorge, es wird sich ausgehen“, versicherte Fredricks und blickte ernst drein.

Der alte Mann beschleunigte plötzlich. „Ich werde dich an dein Ziel begleiten und auch hinbringen! Das garantiere ich dir!“, schwor Fredricks und seine Augen leuchteten dabei. Judal musste grinsen. „Empire City, wurde aber auch Zeit, dass ich endlich ankomme“, murmelte der junge Schüler und schlug mit seiner rechten Faust gegen seine linke Handfläche. Schon bald würden die beiden die Hauptstadt erreichen.

Endlich fuhr Fredricks mit seinem blauen Käfer in die Stadt hinein. „Wir haben es geschafft!“, jubelten die beiden gleichzeitig. Kurz bevor das Auto den Geist aufgab, parkte der alte Mann seinen geliebten Käfer am Seitenrand der breiten Straße. Nun saßen beide vollkommen still im Wagen. Judal wusste nicht, was er jetzt machen sollte. Er wollte sich nicht einfach so von dem Mann verabschieden, der ihm geholfen hat, wieder auf die Beine zu kommen.

„Nun geh schon, ich habe meinen Teil erledigt“, brach Fredricks das Schweigen. „J-ja, ähm, v-vielen Dank nochmals für Alles, Fredricks! Du hast mir sehr viel geholfen und beigebracht. Ich schulde dir so viel. Ich habe so vieles von dir bekommen, dabei ich kann dir nichts zurückgeben!“, stammelte Judal und eine kleine Träne floss aus seinem Auge. Ein leichtes Seufzen entwich dem Opa.

„Hörzu mein Junge, du hast mir ebenfalls einen Gefallen getan. Auch ich habe was von dir bekommen. Lange hatte ich nicht so viel Spaß wie vor kurzem, als ich dich getroffen habe. Die Reise von Apotos nach Empire City hat sehr Spaß gemacht. Dafür danke ich dir!“, sprach Fredricks mit rauer Stimme. Auch ihm fiel der Abschied nicht leicht. Judal öffnete die kleine Tür. „Ich geh dann mal“, flüsterte Judal. „Halt warte!“, rief der alte Mann plötzlich. Hastig kramte er in der Schublade seines Autos. „Wo ist das Ding nur..., ah hier! Bitteschön!“, sagte er und gab Judal einen blauen Pokéball.

„Das ist ein Köderball, den ich selber hergestellt habe. Ursprünglich wollte ich ihm meinem Sohn schenken, doch er gelang schon zu früh in den Himmel. Also nimm bitte du ihn. Er soll dich an mich erinnern, quasi ein kleines Souvenir“, erzählte der Mann. Dankbar nahm Judal den Köderball. „Auf Wiedersehen, Fredricks“, flüsterte der Schüler und stieg aus dem Wagen. „Auf Wiedersehen, mein Junge!“, verabschiedete sich der alte Mann. Judal schloss sanft die Tür und rannte dann weg. Fredricks, ich werde dich nie vergessen! Dieser Köderball ist ein tolles Andenken an dich!

Nach dem er ein gutes Stück zurückgelegt hatte, hörte Judal auf zu laufen. Mitten auf dem breiten, weißbemalten Gehweg stand der Junge keuchend da. Die vielen Spaziergänger ignorierten ihn einfach. Der junge Schüler war überwältigt von Empire City. Viele riesige Wolkenkratzer standen sich gegenüber. Fotovoltaikanlagen wurden dabei an den Hochhäusern montiert, da der Energieverbrauch deutlich zu hoch war. Judal blickte nach oben, und sah, dass gerade am berühmten Kaufhaus, Empire Queenshop, ebenfalls eine Anlage befestigt wurde. Ich fühle mich hier so fehl am Platz wie ein Karpador in der Pokémon Liga. Sein Magen meldete sich wieder mit einem lauten Knurren.

Judal gab sein Bestes, um sein Hunger zu verdrängen, doch die Gier nach etwas Essbarem war zu groß. Hastig suchte er nach einem billigen Laden per Pokéearth. Die App schlug ihm vor, im Zentrum vorbeizuschauen, denn dort befanden sich momentan Lebensmittelstände. In dieser Woche feierten die Bewohner den „Gesunden-Apfel-Tag“, wo sie nur frisches Obst und Gemüse genüsslich verspeisten. Diese Gelegenheit ließ Judal nicht aus und marschierte Richtung Zentrum.

Er tat sich schwer bei den Überquerungen der Straßen, da diese mit den verschiedensten Fahrzeugen überfüllt waren. Sie alle hatten auch zwei Fahrspuren und waren übersät mit differenten Straßenbemalungen. Ampeln blinkten jede Minute abwechselnd in Rot, kurzzeitig Orange, und Grün. Mit viel Glück schaffte es der junge Schüler auf die andere Seite zu gelangen.

Das ist ja der reinste Alptraum hier. Judal schaute nervös auf sein Poketech. Sein Hunger ließ ihn zittern und schwächeln. Schleunigst musste etwas Köstliches in seinem Magen gelangen. Judal kratze sich am Kopf. Hoffentlich sind die Preise nicht allzu hoch, ansonsten steh ich blöd da. Der junge Schüler eilte nach rechts, wich den Menschen geschickt aus und bog dann seitlich nach links. Vor ihm erstreckte sich die famose Empire Allee. Hier durften keine Fahrzeuge fahren. Der ganze Gehweg bestand aus hübschen Marmor.

Er sah, wie zwei breitschultrige Männer versuchten, eine Aufschrift in den Boden einzugravieren. „Was soll das heißen, du hast unsere Gräte vergessen?!“, schnauzte einer der Männer zu seinem Kollegen, der allmählich blas wie Kreide wurde. Judal kicherte. Doch nachdem er seinen ersten Schritt wagte, lief es ihm eiskalt über den Rücken. Irgendwas hinderte ihm, die Promenade zu betreten. Obwohl sich die Atmosphäre wie in einem Märchen anfühlte, so grauste es dem jungen Schüler trotz all dem Glanz. Dieser Weg ist nicht für mich bestimmt. Ich sollte besser einen Umweg nehmen.

Bevor Judal seinen Fuß an dem hübschen Marmorboden setzte, kehrte er schnurstracks um und lief davon. Kenne deinen Platz, du Schwachkopf! Der junge Schüler knirschte mit den Zähnen. Allmählich ließ seine Ausdauer nach und er musste eine kurze Rast einlegen. Dabei verspürte er ein unangenehmes Stechen an der Seite. Der Junge versuchte, tief ein- und auszuatmen, doch die Leute am Gehweg hinderten ihm gewaltig. Immer wieder wurde er an der Seite gestoßen oder jemand trat auf seinen Fuß.

Sichtlich genervt bahnte er sich seinen Weg durch die Menschenmasse. Die Route auf seinem Poketech änderte den Kurs ein wenig. Durch den Positionswechsel sprang der blaue Pfad um ein gutes Stück weiter und ließ den Weg viel länger erscheinen. Judal seufzte. Dieser Weg wird kein leichter sein. Wegen einem blöden Apfel reiß ich mir hier den Hintern auf. Dabei wollte ich doch direkt zur Polizei und dann ins Heim wandern, wo ich jeden Tag garantiert drei Mahlzeiten verspeisen darf. Aber das kann warten, zuerst muss ich essen, bevor ich zur Polizei trappe.

Nach den vielen Seitenwechseln, den Ausweichen der Spaziergänger und den anstrengenden Marsch, stand Judal anschließend vor dem hiesigen, goldenen Globus, dem Wahrzeichen der Stadt. „Empire Global, hier ist der Zentralpunkt. Gleich dahinter soll der größte Nationalpark fertiggebaut werden. Die Stände stehen von hier aus im Osten“, murmelte Judal und begutachtete dann den schweren Globus. Diese Information bekam er von Pokéearth. Schließlich setzte er seinen Marsch fort. Der Weg zu den Ständen dauerte nicht lange. Ein gemütlicher Spaziergang reichte vollkommen, um in unter acht Minuten zum Lebensmittelmarkt zu gelangen.

Der Gehweg machte einen ruhigen und zufriedenen Eindruck mit seinen rotbraunen Pflastersteinen. Hin und wieder waren symmetrisch auch schwarze Steine zu sehen, die immer Kreise bildeten. Ebenfalls verzauberten hübsche Blumen, Sträucher und Busche den geschmeidigen Weg. Manchmal waren auch kleine Bäume mit starken, grün übersäten Blättern zu sehen, die aber nur in der Nähe des Parks vorzufinden waren. Obwohl es kurz nach mittags war, traf man dennoch eine Menge Leute, die aufgeregt zum alljährlichen Lebensmittelmarkt wollten, um frisches Obst zu vernaschen.

Der Gehweg mündete schlussendlich vor dem Markt. Viele Leute standen vor den verschiedensten Ständen und kauften all Mögliches. Judal ging gelassen zu einem Stand voller leckeren Beeren. Dabei hatte er seine Hände tief in seiner schwarzen Jeans, die schon völlig verdreckt war, einstecken. Der Verkäufer hatte alle Hände vollzutun, sodass er sich nicht um jeden Kunden, der verrückt nach wilde Beerensorten war, kümmern konnte. Die meisten Beeren kannte der junge Schüler nicht. Keine einzige kam ihn vertraut vor, doch sein Magen drängte ihn dazu, eine zu nehmen.

Dann dämmerte es dem jungen Schüler. Ihm fehlte das Geld dafür. Plötzlich schoss ihm eine ekelhafte Idee in den Kopf. Ich könnte schnell diese rote Beere nehmen, der Verkäufer würde es nicht merken, zu viele Kunden warten gierig darauf, diese Köstlichkeiten zu probieren. Die Schlange bricht sowieso schon auseinander, da kann ich den Tumult nutzen, um unbeachtet nach einer dieser Beeren zu greifen. Ansonsten sterbe ich vor Hunger... Wie erwartet, löste sich die ordentliche Reihe auf und jeder begann sein Geld dem Verkäufer vorzustrecken. „Nehmen Sie mein Geld! Ich möchte diese Beere da! Nein ich war zuerst! Kann ich die Beeren probieren? Ich kaufe Ihnen alle Beeren ab!“, riefen die Konsumenten und drängelten sich. Nur Judal und ein weiterer kleiner Junge standen hinter dem Getümmel.

„Und das sollen Erwachsene sein? Was für ein schlechter Witz“, flüsterte der Schüler und suchte nach einem günstigen Moment, zu zuschlagen. Doch seine Aufmerksamkeit galt dem kleinen Jungen mit dem feuerroten Haar, der sich einfach abwand. Judal fixierte ihn genau. Dieser kleine Junge trug sehr vornehmende Kleidung. Eine orangene Jacke, die identisch zu seiner Haarfarbe passte. Plötzlich zog er seine Jacke aus und faltete ihn so zusammen, dass er kleine Sachen hineinlegen konnte. Der Junge mit den rot-orangen Haaren flitzte zu einem Stand, der die wohl schönsten Äpfel verkaufte, die jemals existierten.

Natürlich standen auch dort viele Äpfel-Freaks, die nur darauf warteten, die berühmten Äpfel zu probieren. Der Stand war sichtlich überfüllt, und so schenkte niemand seine Aufmerksamkeit diesen Jungen, der in Sekundenschnelle wie ein talentierter Jäger nach der Beute schnappte und schnell in die Jacke stopfte. Keine Augenblicke später und der Junge lief weg, bevor irgendjemand etwas bemerken konnte. Judal bewunderte den kleinen Jungen für seine diebischen Fähigkeiten. Aus irgendeinem Grund kam er ihn sympathisch vor, und entschied sich, ihm schnell zu folgen.


Der hat ein ganz schönes Tempo drauf, aber ich kann ihn einholen, er muss ja schließlich diese leckeren Äpfel tragen. Trotz seiner Müdigkeit, blieb Judal ihm dicht auf den Fersen. Der mysteriöse Junge blieb auf einmal wie angewurzelt stehen. Judal nutze dies aus und sprintete direkt auf ihn los. „Hey, du! Warte kurz!“, rief der junge Schüler. Der fremde Junge erschrak nach dem plötzlichen Schrei und drehte sich hastig um. Judal stand direkt vor seiner Nase. Seine smaragdgrünen Augen funkelten ihn an. „Oh du bist es, was kann ich für dich tun?“, hob er mit einer angenehmen Stimme an.

Judal war es eigentlich peinlich, ihm zu fragen, ob er einen gestohlenen Apfel essen durfte, aber der Hunger trieb ihn in den Wahnsinn. Außerdem war er komplett ausgelaugt. Der Sprint vorhin hatte ihm seine letzten Energiereserven gekostet. „Ich habe gesehen, wie du mit Leichtigkeit nach den Äpfeln geschnappt hast“, flüsterte der Schüler nervös. Der mysteriöse Junge schwieg. „Dürfte ich bitte einen haben? Ich sterbe nämlich vor Hunger“, warf Judal ein. „Hast du kein zuhause?“, fragte er ruhig nach. Judal schüttelte den Kopf.

„Ich habe mein zuhause schon lange verloren. Meine Eltern sind bei einem Autounfall gestorben. Außerdem komme ich weit weg von hierher. Ich bin aus der Sinnoh Region“, erklärte der Schüler kurz und knackig. Der fremde Junge biss sich in die Lippe. „Fein, du kannst den Apfel haben“, meinte er dann nach einer kurzen Schweigeminute und übergab Judal einen sauergrünen Apfel, den er aus seiner Jacke fischte. „Dankeschön“, flüsterte der Schüler und nahm in entgegen. Judal fackelte nicht lange und biss genüsslich in den Apfel. Ein säuerliches Aroma breite sich in seinem Mund aus. Fantastischer Apfel, einfach herrlich.

In nur wenigen Augenblicken war der Apfel auch schon gegessen. Der fremde Junge bückte sich und schob den Kanaldeckel, den Judal vorher nicht bemerkte, weg. Der rothaarige Junge steckte die restlichen Äpfel in seiner hübschen Jacke, die er auch gleich anzog und klettert geschwind eine rostige Leiter hinunter. Völlig perplex sah Judal ihm dabei zu. Plötzlich hielt der Junge kurz inne und schaute zu Judal hinauf. „Ähm, das ist mir jetzt ein bisschen peinlich, aber könntest du den Deckel wieder in seiner Ursprungsposition bringen?“, fragte ihn der Fremde. Judal brauchte eine Weile, um sich wieder zu fangen. „Würdest du mir lieber sagen, was zum Teufel du in der Kanalisation vor hast?“, klagte Judal.

Sein Gegenüber schwieg für eine Weile. Er schloss seine Augen und murmelte leise vor sich hin. Unerwartet riss der mysteriöse Junge seine smaragdgrünen Augen auf und starrte Judal entschlossen an. „Wie wär’s, wenn du es dir selber ansehen würdest?“, schlug er selbstbewusst vor und kletterte weiter hinunter. Judal schmiss den übriggebliebenen Teil des Apfels in die Kanalisation, holte den Deckel, klettert ohne lange darüber nachzudenken ebenfalls hinunter und schob den Kanaldeckel zurück. Die letzten Sprossen der Leiter sprang der junge Schüler einfach hinunter, bereute es jedoch, als er auf dem glitschigen und nassen Boden ausrutschte.

Für eine Zeit lang fühlte er sich benommen. Doch der Schüler kam wieder zu sich. „Wäh! Hier stinkt es gewaltig! Und dreckiger geht’s wohl kaum noch!“, beschwerte sich Judal und rappelte sich auf. „Haha, scheint so, als würde es dir sehr gefallen hier unten“, neckte der Fremde und musterte ihn nachdenklich. „Wieso sollte jemand wie du unbedingt in eine Kanalisation springen wollen?“, erwiderte Judal und fixierte seinen Blick auf den rothaarigen Jungen. Statt ihm eine Antwort zu schenken, drehte sich der mysteriöse Junge um und ging gerade aus. Dabei deutete er mit einer Geste, ihm zu folgen. Obwohl sein Verstand alarmierend die Warnsignale ausstieß, so folgte er dem Fremden.

Dicht hinter ihm marschierte Judal mit eingesteckten Händen in seiner Jeans. Es war unheimlich ruhig. Tropfen für Tropfen platschte Wasser aus einem Rohr, welches dann laut hallte. Keiner sagte etwas. Grelles Licht schien von alten Beleuchtungen, die an den Rohren angeheftet waren. Judal versank in seine Gedanken. Was wird hier gespielt? Wer ist der Typ überhaupt und was will er mir zeigen? Ist das eine Falle? Verkauft er mich etwa an ... an Menschenhändler? Hastig verbannte der Schüler diese Vorstellung aus dem Gedächtnis.

Je weiter sie wanderten, umso düsterer wurde es in der Entwässerungsanlage. Das schirche, grelle Licht hörte ab diesem Punkt auf zu leuchten. Anscheinend wurden keine weiteren Lichter montiert. Gute zehn Minuten vergingen, doch der Weg schien endlos. Weder blieb der rothaarige Junge stehen, noch sagte er etwas. Stattdessen spazierte er gelassen weiter. Allmählich gewöhnte sich Judal an die Dunkelheit. Irgendwann hielt der Schüler es nicht mehr aus und brach die Stille. „Wer genau bist du eigentlich?“, wollte er wissen und blieb protestierend stehen. Der Fremde ging ein paar Schritte weiter, bis er sich endlich zu Judal umdrehte und ihn mit unleserlicher Miene anstarrte.

Die Luft knisterte vor Anspannung. Judal ließ ihn nicht aus den Augen. Plötzlich lockerte sich der Blick von dem rothaarigen Jungen. Er verschränkte leicht seine Arme. „Ist dir das etwa erst jetzt eingefallen, nach meiner Identität zu fragen?“, hob der Fremde langsam an. Judal errötete leicht. „Ich bin nur neugierig. Ich meine, es wäre doch schön zu wissen, wer mich gerade durch diese dreckige Kanalisation führt, oder etwa nicht?“, erwiderte Judal selbstsicher. Der mysteriöse Junge lächelte und brachte seine Arme in die aktive Zone. „Fein, dann stelle ich mich einmal vor! Mein toller Name ist Ill Phoenix. Ich bin zwölf Jahre alt und habe mein reiches Elternhaus verlassen, um mein eigenes Leben in vollen Zügen zu genießen!“, prahlte er voller Stolz. Judal blieb der Mund offen.

Ungläubig starrte er den rothaarigen Jungen an. Blufft er? Oder meint er das todernst? Der Schüler kratzte sich kurz am Kinn. „Du stammst also von einer reichen Familie ab?“, wiederholte Judal unsicher. Ill nickte. „Wie kann man bitte nicht mit einem reichen Elternhaus zufrieden sein? Welchen Grund soll es da geben, nicht dort zu leben?“, knurrte der Schüler. Ill seufzte nur. „Ja das sagen sie alle, bis sie meine Geschichte hören. Dann sagen sie, dass sie es trotzdem anders gemacht hätten. Sie meinen, sie wüssten alles besser als ich, nur weil ich erst zwölf Jahre jung bin. Dabei vergessen sie immer das Wichtigste: Geld ist nicht alles im Leben!“, brüllte er plötzlich energisch. Judal wich zurück.

Ill holte tief Luft. „Tut mir leid, manchmal verliere ich die Beherrschung. Leider ist dieses Thema bei mir nicht gerade willkommen“, erwähnte der rothaarige Junge und sah zu Boden. Seine Miene hellte sich jedoch gleich wieder auf. „Verrate mir nun deinen Namen. Wer bist du genau?“, wollte Ill wissen und grinste. Dabei zeigte er mit seinem Zeigefinger direkt auf Judal. Dieser Typ ist seltsam... Ich versteh gerade nicht wirklich, was hier abgeht. Niemand kennt hier meinen Namen. Soll ich es diesem Ill erzählen, den ich gefühlte dreißig Minuten kenne? Klingt nach einem dämlichen Plan, aber er scheint irgendwie vertrauenswürdig. „Nenn mich Judal, Judal Guhl“, antwortete der Schüler nach einer kurzen Überlegung. Ill betrachtete ihn nachdenklich.

„Hm, dein Name ist merkwürdig, aber ich mag solche Namen. Sie sind quasi was Einzigartiges, sie spiegeln deine Persönlichkeit. Wenn ich irgendwo den Namen Judal aufschnappe, so werde ich immer nur an dich denken. Du gefällst mir jetzt schon. Mein Bauchgefühl lag also richtig. Komm mit, ich zeige dir dein neues Zuhause“, erzählte Ill gelassen und ging ohne auf die Reaktion von Judal zu achten weiter. Dieser seufzte nur und folgte erneut dem mysteriösen Ill. Plötzlich musste der Schüler niesen. Ein kraftvolles „Hatschii!“ entwich dem jungen Schüler, eher er weiterging. Der Marsch dauerte nicht lange, als Ill wieder einmal stehen blieb und prüfend die Wand anstarrte. „Was soll das schon wieder werden?“, brummte Judal leicht genervt.

„Ruhe, ich suche nur etwas Bestimmtes, sowas wie eine Markierung“, erklärte der rothaarige Junge entspannt. Judal kratze sich am Kopf und suchte ebenfalls nach Anzeichen einer Markierung. „Da, ich hab’s“, jubelte Ill kurzzeitig und bückte sich, um die Mauer besser abzutasten. Judal kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Ein kleines, schwarzes x war an der Wand gemalt worden. „Hilf mir Judal, wir müssen die Stelle mit dem x verschieben“, wies Ill an. Verschieben? Die Mauer? Widerwillig begab sich Judal direkt neben Ill und die beiden drückten mit ganzer Kraft gegen die dreckige und feuchte Wand. Tatsächlich bröckelte sie schon. Nur langsam verschob sich die Wand. Kurz daraufhin flog sie ohne Klang um.

Hinter der Wand verbargen sich kleine, knorrige Holzstufen, die nach oben führten. Kalte Luft strömte von der Oberfläche und ließ Judal erschaudern. „Da rauf?“, sagte er kleinlaut. Ill nickte. Grinsend sah der rothaarige Junge ihn an. „Höre ich da etwa Zweifel in deiner Stimme? Traust du dich etwa nicht?“, stachelte Ill den jungen Schüler an. „Ich traue eher den alten Stufen nicht, halten die mich wirklich aus?“, erwiderte Judal skeptisch. Ill zuckte mit den Schultern.

„Ich bin schon des Öfteren rauf und runter geklettert, und es ist nichts passiert“, gab der rothaarige Junge zurück und bot Judal den Vortritt. „Wenn ich falle, werde ich dich persönlich in dem Abflusswasser ertränken“, knurrte der Schüler und musterte die klapprigen Stufen. Ill grinste. „Gib Bescheid, wenn du deinen Hintern nach oben befördert hast, dann kann ich die Wand wieder aufstellen und ich geselle mich zu dir schneller als es dir lieb ist“, äußerte der mysteriöse Junge und seine smaragdgrünen Augen leuchteten vor Aufregung.

Judal wollte keine Angst zeigen. Unbeeindruckt kroch er durch den engen Eingang. Vorsichtig setzte er ein Fuß nach dem anderen, um seine Balance aufrichtig zu erhalten. Manchmal knacksten die Holzstufen, nachdem Judal ein Fuß daraufsetze. Es ist verdammt kalt hier. Was verbirgt sich dort oben? Wieso will Ill, dass ich es mit meinen eigenen Augen sehe? Naja, gleich wird es sich sowieso herausstellen. Geschmeidig bewegte sich Judal wie ein echter Kletterer, nachdem er sich langsam daran gewöhnte und erreichte schnell die letzten zwei Stufen. Plötzlich knackste es bei der Vorletzten. Blitzartig sprang Judal vor Schreck weiter zur obersten Holzstufe.

Er sah gerade noch wie die vorherige Stufe in sich zusammenbrach und runterstürzte. „Wow!“, rief Ill überrascht, nachdem er erfolgreich ausgewichen war. Nun trennte eine fast schon zwei Meter lange Lücke die beiden Stufen voneinander. „Die eine Stufe ist abgebrochen! Aber du kannst schon mal raufkommen!“, rief Judal nach unten.

„Verstanden!“, hallte es unterhalb von Judal. Dieser streckte seine Arme nach oben und taste sich dort alles sorgfältig ab. Der schwarzhaarige Schüler stützte sich am grünen Boden ab und hievte sich nach oben. Keuchend und erleichtert stand Judal wieder im Freien. Erstaunt darüber, dass die Nacht schon eingebrochen war, blickte er sofort auf sein Poketech.

Wie lange war ich schon der Kanalisation? Leicht zitternd wartete Judal auf den rothaarigen Jungen. Er hörte gerade noch, wie Ill sich abmühte, die Wand in ihre Ursprungsposition zu bringen. Schließlich gesellte er sich wie versprochen zu Judal. „Natürlich musstest du ausgerechnet die vorletzte Stufe zum Einsturz bringen. Diese Relaxo-Lücke ist ja richtig brutalst-schwer zu überwinden“, sagte Ill keuchend.

„Ich hab doch gesagt, dass sie nicht stabil sind“, erwiderte Judal mit einem selbstsicheren Grinsen. Ill biss sich in die Lippe. „Naja, wir wollten sowieso einen neuen Geheimgang bauen“, erwähnte er schroff. „Was meinst du mit wir? Und wo sind wir hier eigentlich?“, fragte Judal misstrauisch.

Sie standen auf einer kleinen Wiese. Judal musterte die Umgebung, sah nach links, nach rechts, nach oben, überall erhaschte er einen schnellen Blick. Oben war der Blick zu den Sternen frei. Der Mond allerdings wurde von Wolken bedeckt. Jeweils links und rechts waren nicht weit voneinander entfernt, große und schwarze, fensterlosen Hochhäuser und ließen den Ort so aussehen, als wäre man in einer Schuhschachtel gefangen.

Ill schwieg. „Nun sag schon, außerdem wie kann es schon nachts sein?“, fragte der Schüler empört. Der mysteriöse Ill gähnte ausgiebig, dabei hielt er höflich seine Hand vor dem Mund. „Ahh, sag mir nicht, du hast dein kleines Nickerchen in der Kanalisation vergessen? Als du hinabgestiegen bist und die letzten Sprossen ignoriert hast und einfach abgesprungen bist, da bist ausgerutscht und hast dir den Kopf gestoßen, aber das nur zur Nebensache“, sprach Ill mit einer ruhigen Stimme.

Judal war sprachlos. „Ich habe also geschlafen? Und ich merkte es nicht einmal? Außerdem, warum hast du mich da nicht aufgeweckt?“, meinte Judal und musste plötzlich niesen. „Erstmals, Gesundheit, Judal. Zweitens, brauchtest du den Schlaf, du wirktest ziemlich erschöpft. Und natürlich habe ich mich vergewissert, dass du nur ein bisschen Schlaf nachholst, und nicht gerade dabei warst, von uns zu gehen“, sagte Ill aus.

Judal gab auf. Er seufzte nur. Er drehte sich einmal um die eigene Achse und ging schnurstracks in eine Richtung die Umgebung erkunden. „Bleib hier!“, warnte der rothaarige Junge mit einem scharfen Ton. Judal lief es eiskalt über den Rücken. Ill klang gereizt. „Warum? Was sollte mich aufhalten?“, widersprach der Schüler und runzelte mit der Stirn. Ill deute hastig ihm zu folgen. Er marschierte direkt nach Norden.

Judal lief eilig hinter dem mysteriösen Jungen her. Das Gras hörte beim Weitergehen auf zu wachsen. Nur noch aufgewühlte Erde erstreckte sich. Ein kleines Flackern konnte Judal von weiten ausfindig machen. Je näher sie dem Licht entgegenkamen, umso mehr konnte Judal erkennen. Es war ein Lagerfeuer, dass gerade mit Ästen gefüttert wurde. Etwas größere Steine steckten in der Erde und dienten als Weg-Spur. Um das Feuer selbst waren ebenfalls Steine gesteckt worden. Der Schüler sah noch die letzten Überreste der Äste, bevor sie zur Asche verbrannten. Ein paar Funken fielen auf die schon schwarz geräucherten Steine.

Ein paar kleine Zelte waren überall verteilt. Nur ein einziges Zelt stach sichtlich hervor. Es war im Gegensatz zu den anderen größer und moderner und hatte auch keine Schäden wie Rissspuren. Ein paar dünne Kinder wärmten sich vor dem Feuer, während manche schon in den Zelten schlummerten. Ein Kind bemerkte die Ankunft von Judal und Ill und drehte sich sofort neugierig zu ihnen. „Ill, wer ist dieser Fremde?“, fragte ein kleiner, blonder Junge, der nur zerrissene Kleidung trug. Nicht einmal Schuhe hatte er an.

„Das werdet ihr schon gleich erfahren. Ist Hal hier?“, erkundigte sich der rothaarige Junge. Seine smaragdgrünen Augen glänzten beim Anblick der Flammen. Der blonde Junge schüttelte den Kopf und zeigte mit dem verkrüppelten Finger auf das große, weiße Zelt. Judal schoss eine Menge Fragen durch den Kopf, aber traute sich nicht, danach zu fragen. Stattdessen folgte er unfreiwillig Ill in das moderne Zelt hinein. Drinnen war es viel gemütlicher. Eine Öllampe hing an der Decke und erleuchtete den Raum ein bisschen. Das Zelt bot sogar Platz für sechs Personen. Der Zeltboden war überraschender weiße sauber, es herrschte eine tolle Ordnung. Ein blonder, durchtrainierter Jugendlicher lag in einem rostigen Klappbett.

„Hallo, Hal. Ich hoffe, ich störe nicht“, begann Ill mit ruhiger Stimme. Der Jugendliche blickte die ganze Zeit nach oben, war in Gedanken vertieft, bis Ill ihn begrüßte und ihn wieder in die Realität zurückbrachte. Als er Judal aus dem Blickwinkel entdeckte, setze er sich auf der Stelle auf. „Ein neues Gesicht, Ill?“, sagte er mit einer tiefen Stimme. Hal trug ein graues Tanktop und eine dunkelgrüne Hose, dazu pechschwarze Stiefeln. Um die Hose hatte er einen schwarzen Ledergürtel umgelegt. Nun saß er auf sein altes Klappbett und starrte Judal aufdringlich an. Ill sagte nichts. Stattdessen drehte er sich zu Judal und stieß ihn sanft nach vorn. Anscheinend sollte er sich selber vorstellen.

Mit all seinem Mut stellte er sich dem robusten Hal. „Mein Name ist Judal Guhl und meine Eltern sind verstorben. Heute Morgens traf ich Ill, der mich hierherbrachte“, erzählte Judal kurz und bündig und wartete auf die Reaktion des Jugendlichen. „Du scheinst ziemlich jung zu sein? Welches Alter?“, befragte Hal den Schüler. „Elf“, antwortete Judal knapp. „Kommst du aus Empire City?“, bohrte Hal nach. Judal schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht aus Unorga, ich komme aus ... Sinnoh“, gab der junge Schüler zu. Bei diesem Fakt wirkte auch Ill überrascht. „Interessant, und du bist dann wie hierhergekommen?“, wollte der Jugendliche wissen.

Judal überlegte eine Weile. Er wählte mit Bedacht die passenden Wörter. Er wollte nicht zu viel verraten. Deswegen erzählte er seine Geschichte nur halbrichtig. Er ließ den Teil mit dem Waisenhaus von Cornelia City aus, sagte nur, dass er in Fleetburg mit einem Transportschiff nach Apotos gelang, ließ aber den wichtigen Teil mit dem Überfall auf das Schiff von fremden Verbrechern aus. Außerdem erwähnte Judal Fredricks nicht. Auch verschwieg er Hal, dass er eigentlich zwei Pokémon im Besitz hatte. Dieser hörte ihm gebannt zu. Nachdem die Erzählung zu Ende war, wischte Hal kurz seine Nase ab und stand auf. Dabei streckte er seine Gliedmaßen.

„Scheint so, als hättest du ein wahnsinniges Abenteuer erlebt. Und was genau war jetzt dein Plan nach Empire City zu kommen?“, stellte Hal die nächste Frage. „Einfach ein neues Leben beginnen“, antwortete Judal ohne lange darüber nachzudenken. Die Fragerei wurde eingestellt. Hal ging im Zelt herum, als würde er unter Entzug stehen. Schließlich fasste er einen interessanten Entschluss.

„Fein Judal, ich nehme mal an, dass du Ill das gleiche erzählt hast. Wie du sicherlich schon bemerkt hast, ist das hier quasi ein Lager für Waisenkinder beziehungsweise für Rausreißer wie Ill. Vor vier Monaten lebte ich noch alleine hier, doch irgendwie fanden ein paar Kinder mein Versteck. Allerdings waren sie wie ich. Sie kamen nicht zum Spielen, sondern suchten nach einem geeigneten Schlafplatz, oder besser gesagt, nach einem neuen Zuhause“, fing Hal an zu erzählen und fuhr mit der Hand durch seine blonden, kurzgeschnittenen Haare.

„In den kommenden Monaten wuchs die Gruppe stetig. Der letzte, der sich uns anschloss, war der gute Ill, genauer gesagt vor zwei Wochen. Nun werde ich dir die gleiche Frage stellen wie ich es bei Ill getan habe. Möchtest du dich uns anschließen, um zu überleben?“, beendete Hal seine Predig mit der wichtigen Frage.


Judal kam dies zu plötzlich vor, allerdings fand er den Vorschlag nicht übel. Entweder er würde hier zusammen mit Ill und den anderen leben, oder er müsste sich der Polizei stellen und in einem sicheren Waisenhaus wohnen, bis ihn jemand adoptieren würde. Judal holte tief Luft. Scheiß auf die Erwachsenen, scheiß auf die, die auf mich herabsehen. Hier werde ich willkommen sein! Ja, das hier ist was ich will. Danke Ill, dass du mich hierhergeführt hast! „Hal, dein Angebot ist sehr großzügig. Ich nehme natürlich an. Ich freue mich schon auf die kommenden Tage!“, meinte der Schüler zuversichtlich.

Hal grinste. Auch Ill wirkte erfreut. „Nun gut, willkommen daheim, Judal. Aber ich muss dich warnen, das Leben hier ist wirklich scheiße, Essen gibt es nur selten, heißt, dass wir stehlen oder betteln müssen. Aber wenn du mein System befolgst, dann überstehst du selbst den härtesten Winter!“, prahlte Hal und streckte seine muskulöse Brust vor. „Ja, Hal“, gab Judal zurück. „Kommt mit ihr beiden, es wird Zeit für die Aufnahmezeremonie“, murmelte der blonde Jugendliche und verließ das gemütliche Zelt. „Und freust dich?“, wollte Ill wissen. „Naja, den Rest meines Lebens bei dir zu verbringen wird wahrscheinlich die reinste Hölle werden“, neckte der junge Schüler und die beide verließen lachend das Zelt.

„Dan, bitte weck die anderen, wir haben ein Neuling in der Gruppe“, forderte Hal auf und sprach dabei mit dem blonden Jungen, dessen Finger verkrüppelt waren. Dieser nickte fröhlich und sauste in die kleinen Zelte, um seine Freunde zu wecken. Die Nachricht, dass ein neues Kind dazustoßen würde, verbreitete sich wie ein Lagerfeuer. Aufgeregt standen alle hellwach vor dem Feuer. Hal stellte sich auf einen größeren Felsen und wirkte wie ein glorreicher Anführer. „Meine lieben Freunde, heute fand ein neues Mitglied in unseren Reihen seinen Platz. Dies hier ist Judal Guhl. Er ist gerade mal elf Jahre alt, sowie die meisten von euch.

Er verlor seine Eltern bei einem Autounfall. Außerdem kam er von Sinnoh aus hierher, nach Empire City! Bitte nehmt in auf und kümmert euch um ihn! Ill, du weist ihm in unser System ein, Nadira und Anna, ihr zwei zeigt ihm alles Wichtige. So das wars auch schon mit der Zeremonie, den anderen wünsche ich noch eine gute Nacht!“, die letzten Worte schrie er mit erhobenen Kopf. Die geweckten Kinder umkreisten auch schon Judal und stellten ihm all mögliche Fragen.

Zum Glück rette Ill den jungen Schüler, ansonsten wäre er untergegangen. „Am besten wäre es, wenn du dich jetzt mal ausruhen würdest. Morgen erkläre ich dann das System, wovon Hal die ganze Zeit schwärmt. Im Zelt von Anna und Nadira sollte noch Platz sein, wehe du vergehst dich an ihnen“, schmunzelte Ill und lachte sich schief. „Hey, was? Sowas mache ich doch nicht. Außerdem wo steht ihr Zelt?“, stellte Judal seine Fragen, doch Ill war verschwunden. „Hallo, du bist Julda?“, meldete sich eine süße Stimme von hinten.

Leicht genervt, dass sein Name falsch gesprochen wurde, drehte er sich um. Vor ihm standen zwei hübsche Mädchen, ungefähr das gleiche Alter wie Judal. „Es heißt Judal, nicht Julda“, korrigierte er und versuchte freundlich zu klingen. Die beiden kicherten. „Ich bin Nadira, freut mich“, begrüßte sich und streckte ihre Hand entgegen.

Der Schüler tat ihr nach. Dann drängte sich das andere Mädchen vor. „Ich bin die Anna! Es freut mich wahnsinnig, dass du hier bist!“, sagte sie mit einem strahlenden Lächeln. „Freut mich ebenfalls“, gab er zurück und gähnte. Beide hatten schöne, schwarze Haare. Die von Nadira waren schulterlang, während Anna sie eher kurz geschnitten hielt. „Komm mit ins Zelt, du bist sicherlich sehr müde“, schlug Nadira fröhlich vor und zu dritt marschierten sie in das enge Zelt, welches in der Nähe von Hal’s Unterschlupf stand.

Erleichtert über eine weiche Matratze, legte sich Judal auch gleich schlafen, zog sich jedoch vorher hinter dem Zelt um. Er trug den alten Pyjama, den er von Diana geschenkt bekam. Der Gedanke an ihr grauste ihm zwar, aber er bleib standhaft. Endlich konnte er wieder richtig schlafen. Erschöpft schloss er seine Augen. Er spürte noch den warmen Atem der Mädchen, bevor er endgültig ins Reich der Träume glitt.

„Guten Morgen!“, grüßte Ill mit einem schelmischen Grinsen und spähte hinein. Er stand direkt vor dem Zelteingang, hielt mit der einen Hand einen grünen Apfel. Sonnenstrahlen glitten in die schmale Öffnung. Langsam öffnete Judal die Augen. Er lag alleine, keine Spur von den Mädchen. „Ah, morgen“, grüßte er zurück und gähnte. „Wusste gar nicht, dass du ein Langschläfer bist“, schmunzelte Ill und streckte ihm den Apfel entgegen. „Hier, dein Frühstück. Zieh dich schnell um, denn wir haben viel vor“, erklärte der rothaarige Junge gelassen.

Judal nahm dankend den grünen Apfel. „Ich komm gleich“, erwiderte der Schüler. Daraufhin verließ Ill das Zelt und das Licht der Sonne wurde durch den Zeltvorhang geblockt. Hastig nahm er seine Kleidung aus dem Rucksack und zog sich rasch um. „Man, ich sollte bald meine Sachen waschen“, murmelte Judal, „Und mich selber“, fügte er noch hinzu. Leicht betrunken von dem langen Schlaf, taumelte er aus dem kleinen Zelt. Mist, mein Apfel! Leicht genervt holte Judal den grünen Apfel aus dem Zelt und biss kräftig rein. Nie im Leben werde ich von einem Apfel satt werden. Das meinte Hal also damit, dass das Leben hier auch nicht gerade das Gelbe vom Ei wäre.

Judal wartete vor seinem Zelt auf Ill, der sogleich wie gerufen erschien. „Schmeckt dir der Apfel? Habe ich gestern vom Jahrmarkt mitgenommen“, sagte er mit einer gelassenen Stimme. „Oh ja, sehr köstlich“, gab Judal zurück. „Wie du sicherlich gemerkt hast, ist das Essen hier knapp, zu knapp. Deswegen gehen immer zwei leer aus. Damit es gerecht bleibt, entscheidet das System automatisch, wer wann Essen bekommt und wann nicht. Außerdem schreibt das System vor, wer für die Nahrungsbeschaffung oder Anderes zuständig ist“, fing Ill an zu erklären. Judal nickte ernst.

„Meine Aufgabe ist es, dich in diesem System einzuweihen. Dazu werden wir uns mit dem Entwickler des Systems treffen. Sein Name ist Riccardo. Normalerweise sitzt er den ganzen Tag in seinem privaten Zelt, dass er Fortissimo nennt“, sagte Ill und zeigte auf ein mittelgroßes Zelt. Auf dieses türkise Zelt waren vorne zwei große, schwarz gedruckte f zu lesen. Fortissimo stand gleich neben dem großen Zelt von Hal. Ohne Weiteres marschierten sie auf das türkise Zelt. Ill zog langsam den Vorhang zur Seit.

„Hallo, Riccardo. Ich habe Judal mitgebracht“, begrüßte er freundlich und trat in das Zelt. Judal folgte ihm. Drinnen war es erstaunlicherweise ordentlich und hübsch. Ein eisweißer Teppich erstreckte sich über den gesamten Zeltboden. Sogar ein kleines Holzregal, mit verschiedensten Büchern, ruhte hinten im Eck. Gleich am Eingang saß ein hübscher Bengel mit dunkelgrauen Haaren, die mittellang geschnitten waren, auf einen kleinen Drehsessel.

Er arbeitete gerade am Computer, welches auf einem kleinen Holztisch, wo der Rechner gerade noch Platz hatte, stand. Unter dem Tisch befand sich ein riesen Kabelsalat. Ein richtiges Durcheinander. „Willkommen im Fortissimo“, begrüßte Riccardo mit seiner angenehmen Stimme. Auf der Stelle fiel Judal auf, dass der Junge ebenfalls moderne Sachen trug. Eine schöne, schwarze Jeans und schwarze Schuhe, dabei trug er noch ein seidiges, weißes Hemd, und wo die Knöpfe befestigt waren, eine schwarze Linie bildeten.

„H-hallo“, stammelte Judal, überwältig von Riccardos Ausstrahlung. „Unser Musikgenie, oder besser gesagt Genie in Allem“, verdeutlichte Ill. Am Computer lief eine Klavier-App, wo man die Klaviertasten betätigen musste, um schöne Töne zu musizieren. Am liebsten spielte Riccardo "Gaspard de la nuit", welches unglaublich viel Talent und Können erforderte.

Riccardo musterte Judal genaustens ab. Plötzlich hielt sein Blick am linken Arm von Judal hängen. „Ist das etwa ein Poketech?“, wunderte sich der junge Musikant. „Oh, ähm ... ja, das ist ein Poketech“, stotterte der Schüler. Riccardos Augen leuchteten vor Bewunderung. „Diese sind erst vor kurzem entwickelt worden. Dass du der Besitzer von einem bist, ist wahrhaftig sagenhaft“, hauchte er und lächelte. Ill pfiff laut los. „Na da hast du Ricky aber schnell um den Finger gewickelt“, bemerkte der rothaarige Junge und grinste. Judal versuchte ebenfalls zu lächeln. „Also Riccardo, kannst du mir dein System erklären?“, hob der Schüler an. „Nenn mich Ricky“, schlug der Musikliebhaber vor. „Haha, jetzt darfst du ihn auch schon Ricky nennen. Bis jetzt durften nur die besten Freunde, also ich und Hal, weil er Anführer ist, ihn mit Ricky ansprechen“, erwähnte Ill gelassen.

„Und du hast nichts Besseres zu tun, als den Kommentator zu spielen?“, neckte Riccardo. „Oh, nein nein nein, meine Aufgabe ist es, Judal zu betreuen. Ich zeige ihm Alles, was er wissen muss“, gab Ill zurück. „Fein, fein. Also gut, in meinem System geht es hauptsächlich darum, wer welche Aufgaben erledigen muss, damit wir hier überleben können. Ohne ein gutes System gibt es nur Chaos. Naja, ich habe auf meinem Computer die Namen von uns allen eingetragen. Vorher habe ich dazu ein Programm entwickelt. Es ist eigentlich eher ein Organisationsaufbau und Ablauf“, erklärte Riccardo gewissenhaft sein System, und zeigte es am Bildschirm vor. Judal konzentrierte sich, um mithalten zu können.

„Ich habe es so eingerichtet, dass wir immer in zweier Teams arbeiten können, doch momentan sind elf Namen eingetragen, so bleibt eine dreier Gruppe übrig. Doch da du jetzt hier bist, Judal, kommen wir auf eine gerade Zahl, nämlich zwölf. Ich trage dich mal ein“, erläuterte Riccardo und öffnete die Namensliste. Dabei ließ er Judal seinen Namen selber eintragen. Schwerfällig tippte er seinen Namen in die kleine Box ein. Judal war es nicht gewöhnt, am Computer zu schreiben. Generell schrieb er schon seit geraumer Zeit nicht mehr. „Gut, danke. Jetzt mischt der Computer alle Namen und Tätigkeiten für heute“, definierte der grauhaarige Junge.

Der Rechner erstellte eine merkwürdige Übersichtstafel, wo immer eine Tätigkeit und zwei Namen in einem Block standen. Judal las neugierig alle Namen. Rasch fand er auch seinen Namen. „Nahrung – Ill & Judal“, murmelte der Schüler. „Perfekt“, warf Ill ein. „Viel Glück bei der Suche. Und Ill“, hob Riccardo an. Ill drehte sich mit neugieriger Miene zu seinem Freund. „Sieht so aus, als würden du und Hal heute nicht mehr essen“, sagte Riccardo mit gleichgültiger Stimme. „Tz, blöder Rechner“, konterte Ill und verließ das Zelt. Judal verabschiedete sich vom jungen Musikliebhaber und ging ebenfalls hinaus.

„So, was genau müssen wir jetzt erledigen?“, wollte Judal unbedingt wissen. Er erstrebte auf eine erfolgreiche Leistung. Immerhin musste er den anderen zeigen, dass er sehr wohl bereit wäre, für das kleine Lager zu sorgen. „Erstmals gehen wir wieder zum Lebensmittelmarkt, denn heute ist der letzte Tag. Montag wird wieder hart. Aber heute werden wir sicherlich noch ein paar leckere Äpfel mitgehenlassen, nicht wahr?“, antwortete Ill und setze zum Marsch an. Judal spazierte neben seinem Freund.

„Ist es wirklich klug, sich nochmals dort zu zeigen?“, zweifelte der junge Schüler. „Die meisten Leute werden sich nicht an mich erinnern, dabei habe ich auffallende rote Haare. Du wirst nicht einmal bemerkt, das garantiere ich dir“, versicherte Ill. Sie waren auf dem Weg zum Geheimeingang. Bei hellem Tageslicht konnte Judal die Umgebung besser begutachten. Ist ja schon fast wie auf einem Campingplatz, dachte er. Allmählich wuchs auch wieder grünes Gras. Dies war das Zeichen dafür, dass sie sich dem geheimen Eingang näherten.

Die beiden Jungs blieben vor dem gerade mal menschengroßen Loch stehen. Judal erinnerte sich, wie er gestern hinaufgeklettert war und dabei fast gestürzt wäre. „Denk daran, dass eine Stufe fehlt“, warnte Ill und lachte. „Jaja, ich bin mir sehr sicher, dass ich am besten darüber Bescheid weiß“, konterte Judal und fühlte sich leicht unbehaglich. Kaum war er hier, so hatte er schon etwas ruiniert. Ill ließ ihm den Vortritt. Vorsichtig schlüpfte er durch das Loch, hielt sich aber mit den Händen noch an der Oberfläche fest. Erst als Judal die knorrige Holzstufe spürte, ließ er sich leicht wie eine Feder fallen.

Und jetzt zur nächsten Stufe. Verdammt, Ill hatte Recht. Die zwei letzten Stufen sind wirklich weit auseinander. Judals Gesichtsfarbe nahm etwas weiße Farbe an, als er sich langsam auf den Sprung vorbereitete. Der junge Schüler holte tief Luft und machte einen gewaltigen Satz. Dabei zitterten die Holzstufen. Halbwegs konnte er sicher landen. Danach war es ein Kinderspiel, hinunter zu gelangen. Eifrig hopste er Stufe für Stufe zur Kanalisation.

„Da bist du ja. Und ich dachte schon, dass du dich nicht mehr hinuntertraust“, neckte Judal und grinste selbstgefällig. „Große Worte für einen elfjährigen Jungen“, konterte Ill, der gerade angekommen war. Selbst am hellsten Tag war die Kanalisation überfüllt mit Finsternis. Hier drang fast gar kein Licht ein. Nur ein fahler Lichtstrahl aus dem Loch an der Oberfläche erhellte den Geheimeingang. „Und jetzt müssen wir den Eingang wieder blockieren, richtig?“, erwähnte Judal.

„Nicht ganz. Wir blockieren ihn nur, wenn alle anderen schon im Lager sind. Heißt also, die die als Letzter ins Lager kommen, müssen die sogenannte Wand wieder aufstellen. Das von gestern war eine Ausnahme, da irgendjemand vergessen hatte, dass ich noch nicht zurück war. So viel dazu“, erklärte Ill rasch.

Gemeinsam spazierten sie schweigsam weiter. Aus irgendeinem Grund kam Judal der Weg viel kürzer als gestern vor. Schnell hatten sie die rostige Leiter erreicht und Ill machte sich gleich auf dem Weg nach oben. Es gelang ihm den alten Kanaldeckel zu verschieben. Sonnenlicht drang in die Tiefen der Kanalisation ein. Judal kletterte hastig nach oben. Endlich oben angelangt, war er sichtlich froh darüber, die stinkende Kanalisation zu verlassen. Ill schob leichtsinnig mit dem Fuß den Deckel zu seiner ursprünglichen Position. Danach machten sich die beiden auf dem Weg Richtung Lebensmittelmarkt. Auf dem Weg dorthin wurden sie gesprächiger.

„Ich kenne zwar die Umstände nicht, aber mir kommt Riccardo irgendwie anders als die anderen im Lager vor. Er hat ungefähr die gleiche Ausstrahlung wie du. Seid ihr verwandt?“, hob Judal an und sah seinem Freund hoffnungsvoll an. „Nein, wir sind nicht verwandt, nur ziemlich beste Freunde“, gab Ill zurück. Judal bohrte weiterhin nach. „Die Sachen die er trägt, sein Zelt, die Innenausstattung, sag mir, stammt Riccardo ebenfalls von einer reichen Familie?“, interessierte sich Judal. Ill biss sich in die Unterlippe.

„Du hast es erraten. Naja, war ja nicht sonderlich schwer. Er und ich ähneln uns in gewisse Sachen. Wir beide kamen zwar aufgrund verschiedener Motive hierher, aber im Grunde wollten wir beide nur das Eine“, erklärte der rothaarige Junge und blickte in die Vergangenheit. Judal hörte aufmerksam zu.

Seine Neugier erwachte. „Seine Familie, die De Gio’s waren steinreich. Wahrscheinlich reicher als die Phoenix, also meine Familie. Sie lebten in Apotos, die berühmte Hafenstadt, doch dann gab es ein Schicksalsschlag. Der Vater verlor das gesamte Vermögen beim Glücksspiel und so waren sie dann bankrott. Sie mussten ihre Super-Luxus-Villa verkaufen, doch sie waren trotzdem noch im Minus. Die ganzen Schulden die sie noch zu begleichen hatten, konnten sie nicht zurückzahlen. Die Familie De Gio verlor einfach alles Wichtige. Bis dahin besuchte Ricky die Hochbegabtenschule in Empire City.

Doch ohne Geld konnte er seine Ausbildung nicht fortsetzen und bracht damit die Schule ab. Seine Familie löste sich praktisch auf. Sie waren besitzlos geworden. Riccardo selber war am Boden zerstört. Sein gewöhntes, perfektes Leben ging den Bach runter. Deswegen hasste er für eine lange Zeit auch seinen Vater abgrundtief. Mit der Zeit wurde er immer reifer. Er gewann an Erkenntnis. Ricky wusste, dass sein Vater nicht nur vom Glücksspiel überlistet wurde, sondern dass jemand seine Hände im Spiel haben musste. Deswegen schwor er Rache. Er will unbedingt alle üblen Machenschaften aus der Welt treiben“, erzählte Ill mit ernster Miene.

„Das muss echt schlimm für ihn gewesen sein“, flüsterte Judal und sah zu Boden. „Jeder von uns fühlt sich vom Schicksal verraten“, antwortete Ill. Für eine Weile schwiegen sie. Ihr Spaziergang füllte sich mit düsterer Stimmung. „Und was ist eigentlich mit dir?“, hob Judal vorsichtig an. „Eigentlich bin einfach von Zuhause weggelaufen. Meine Eltern waren fürchterlich zu mir.

Ich hasse sie einfach. Genauso wie ich meine Schule hasse. Aufgrund schlechter Noten wurde ich gehänselt und geschlagen. Dabei waren die Lehrer total unfair zu mir. Sie wussten, dass ich reich war und machten mich damit fertig. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und machte mich aus dem Staub. Zum Glück traf ich auf Hal. Seitdem lebe ich hier“, brachte Ill seine Vergangenheit hervor.

Judal wollte ihn gerade trösten, doch da erreichten sie schon ihr Ziel und Ill konzentrierte sich nur noch auf die Nahrungsbeschaffung. „Okay, folgender Plan: Du fischst dir irgendwelche leckeren Beeren und ich hole mir erneut die leckeren, grünen Äpfel. Hier, pack deine Beute in diesem schwarzen Sackerl. Falls du erwischt wirst, renne so schnell du kannst, aber versuche nicht gleich in Panik zu geraten und die Beute fallen zu lassen. Außerdem lock die wütenden Verfolger nicht gleich in die Kanalisation.

Hoffen wir einfach, dass die Verkäufer dich nicht jagen werden oder noch besser, dass dich niemand erwischt“, schilderte Ill seinen genialen Plan. „Wir treffen uns dann erst in der Kanalisation, nicht wahr?“, fasste Judal schnell zusammen. Ill bestätigte ihm dies und reichte ihm ein schwarzes Sackerl. Danach teilten sich die beiden auf.


Wie gestern war es extrem überfüllt am Marktplatz. Sogar noch mehr Leute wollten die köstlichen Snacks für sich entscheiden. Judal hielt Ausschau nach Beerenständen. Sein Blick ruhte auf einem großen Imbisswagen, wo davor eine Menge Konsumente ihr Geld dem Verkäufer entgegenstreckten. Zu seinem Pech waren die Beeren alle hinter einem Schutzglas verstaut. Nur der breitschultrige Verkäufer konnte nach ihnen greifen. Der Schüler seufzte.

Auf einmal ging ihm eine grandiosere Idee auf. „Los Geckarbor, los Panflam“, rief er leise und holte seine zwei Pokémon heraus. Sofort stürzten sich die beiden auf ihren Trainer. „Ist ja schon gut. Ich weiß, dass wir uns lange nicht mehr gesehen haben. Ich hätte da eine Bitte an euch. Könnt ihr mir helfen, diese leckeren Beeren zu bekommen? Natürlich springt auch was für euch dabei raus“, erklärte der junge Schüler hastig. Beide Pokémon nickten ernst. Judal kam näher an sie ran.

„Gut, hört mir jetzt genaustens zu“, flüsterte der Junge, „Geckarbor, du tust so, als würdest du übergeschnappt sein und jeden Menschen angreifen. Nachdem du für Wirbel gesorgt hast, wird Panflam von diesem Baum aus mit Glut seine Wut demonstrieren. Bei dem Durcheinander werde ich ein paar Leuten ihre gekauften Beeren entwenden. Danach muss ich um mein Leben rennen. Sobald ich renne, folgt ihr mir unauffällig, verstanden?“

Geckarbor und Panflam nickten entschlossen. Niemand schenkte ihnen Aufmerksamkeit. Während Geckarbor sich langsam auf seine wilde Aktion vorbereitete, kletterte Panflam auch schon auf der jungen Buche und setzte sich unauffällig auf einem dicken Ast. Judal gab Geckarbor das Zeichen zum Angriff.

Auf der Stelle sprang es auf die große Menschenmenge und stieß einen schrillen Schrei aus. Die Schlange vor dem Imbisswagen löste sich langsam in einem Haufen. Alle starrten überrascht das kleine Pflanzen Pokémon an. Geckarbor griff mit Pfund einen jungen Mann mit Anzug an und traf ihn mit seinem Schweif an den Bauch. „Uff“, stöhnte er und fiel zu Boden. In dem Moment stieß Panflam seine Glut aus. Er zielte dabei auf die Menschen. Die schwachen, glühenden Funken verursachten kaum Schaden, dennoch flippten alle aus. Ein paar holten sogar ihre eigenen Pokémon heraus. „Rihornior, schnapp dir das elende Vieh!“, befahl ein kräftiger Bursche und zeigte dabei auf Geckarbor. „Rihornior!“, brüllte das kolossale Pokémon.

Es setzte Steinpolitur ein, um an Geschwindigkeit aufzubauen. Währenddessen sprühte Panflam weiterhin sein kleines Feuerwerk von der Buche aus und Judal entriss fleißig ein paar Damen ihre Einkaufstaschen. Mit vollen Händen sprintete er den gleichen Weg zurück, wo er gestern Ill noch verfolgte. Seine Pokémon rasten ihm hinterher, doch das wütende Rihornior drohte, aufzuholen. Spitze Steine flogen an Judal vorbei. Nur knapp streiften ein paar messerscharfe Steine sein Gesicht.

Erschrocken blickte er nachhinten. Ein teuflisches Pokémon stapfte sich seinen Weg durch und zertrat alles, was sich ihm in den Weg stellte. Mittlerweile holten Geckarbor und Panflam ihren Trainer ein. Zu dritt liefen sie nun dem aggressiven Rihornior davon. In Angstschweiß gebadet, sah Judal alle paar Momente zurück, um den Abstand zu messen. „Was für eine beeindruckende Steinkante. Die wird uns allen durchlöchern!“, krächzte der junge Schüler.

Seine Pokémon hatten es deutlich schwerer als er. Tagelang aßen sie kein einziges Futter, nun verlangte man von ihnen einen Wahnsinnssprint. Voller Schuldgefühle holte er seine kleinen Freunde nach der Reihe in ihre Pokébällen zurück. Nun war er allein. Judal musste Rihornior entkommen. Bald würde er am Kanaldeckel ankommen, doch niemals könnte er den Deckel verschieben, während ein brutales Pokémon ihn schnappen wollte. Zum Glück hat es aufgehört, anzugreifen. Anscheinend greift es nur Pokémon an, überlegte er kurz, doch dann durchfuhr ihm ein stechender Schmerz.

Ein spitzer Stein durchbohrte seinen fleischigen Rücken. Schmerz durchfuhr ihm. „Dieser Mistkerl“, fluchte Judal und knirschte verbissen. Auf einmal hörte das laute Trampeln auf. Rihornior machte plötzlich halt. Judal drehte sich mit pochendem Herzen zurück. Er riskierte eine kurze Laufpause. Das wütende Pokémon schien wie erstarrt. Blut tropfte zu Boden. In dem Moment machte Rihornior eine Kehrtwende. Ohne Weiteres drehte er sich um und marschierte ruhig zurück zum Markt. „Was war das jetzt?“, murmelte Judal und versuchte den Stein aus seinem Rücken zuziehen. Doch dieser fiel von selber runter. „Hey, alles in Ordnung?“, meldete sich eine bekannte Stimme von hinten.

Ill sah ihn besorgt an. Er untersuchte die Wunde an seinem Rücken. Judal zog seine dünne Jacke aus und krempelte sein schwarzes T-Shirt nach oben. „Sehr tief scheint die Wunde nicht zu sein“, stellte Ill fest. Dabei holte der rothaarige Junge ein Taschentuch aus seiner Hosentasche und wischte das bisschen Blut ab. Trotzdem brannte es wie Feuer.

„Au! Ah, danke Ill“, seufzte er erleichtert auf. „Gehen wir wieder runter“, wies Ill an. Gemeinsam trabten sie zum bekannten Kanaldeckel. „Scheint so, als hättest du fette Beute gemacht“, erwähnte Ill und sah ihn grinsend an, nachdem Judal hinuntergeklettert war. Der Schüler untersuchte sorgfältig sein Diebesgut. „Wow, das sind ein paar ziemlich exotische Beeren dabei. Ein paar sind rot, welche wiederum blau bis violett. Ein paar grüne Beeren scheinen ebenfalls mit von der Partie zu sein“, zählte Judal die Beeren.

Nach der netten Durchsuchung gingen sie weiter. „Und hast du die Äpfel?“, erkundigte sich der junge Schüler. Ill nickte. Doch plötzlich blieb er stehen und starrte Judal bedrohlich an. „Huh? Was ist los?“, fragte Judal nach. „Wieso hast du zwei Pokémon? Bist du ein Trainer? Etwa von der Polizei, als getarnter Ermittler?“, unterstellte Ill ihm. „Nein!“, zischte Judal. „Wie kannst du nur annehmen, ich wäre ein Spion? Ich habe diese Pokémon nur durch Zufall gefunden! Ich bin sowas wie ein Anfänger in Sachen Pokémon-Trainer!“, blaffte Judal und erwiderte seinen harten Blick.

„Hast du einen Trainerpass?“, wollte Ill wissen. Judal schüttelte den Kopf. „Wie schon gesagt, ich kenne meine Pokémon erst vor kurzem und habe sie nur durch Zufall bekommen“, erklärte er dieses Mal ruhiger. Ill seufzte. „Tut mir leid, Judal, aber ich wollte kein Risiko eingehen“, entschuldigte sich der rothaarige Junge. „Naja, ich hätte dir davon berichten sollen, aber irgendwie konnte ich nicht“, gab der Schüler zu. „Eigentlich haben wir kein Problem mit Pokémon, aber du weißt ja wie knapp das Essen hier ist. Zusätzlich noch Pokémon zu ernähren wäre ein sicherer Totschlag für unser Lager“, versuchte Ill klar zu machen.

„Ich kümmere mich schon selber um meine Pokémon. Ich werde ihnen einfach meinen Anteil geben“, antwortete Judal und lächelte aufgezwungen. „Schade, dass du kein Trainerpass besitzt, denn mit dem könntest du ins PokéCenter gehen und deine Pokémon dort ernähren. Aber ohne einen Pass wird man annehmen, dass du die Pokémon gestohlen hast“, erklärte Ill mit trauriger Miene.

„Ich komme schon über die Runden“, versicherte Judal. Ill streckte sich kurz und die beiden setzten ihre Heimreise fort. Nachdem sie wieder am Lager standen, kamen auch schon Hal und Riccardo ihnen entgegen und begutachteten ihre Beute. Zum Glück hatte Judal unten in der Kanalisation Geckarbor und Panflam ihren Anteil hergegeben. Außerdem freundeten sich die beiden mit Ill an und wurden gute Freunde. Natürlich versprach auch Ill, dass er kein Wort über seine Pokémon verlieren würde. „Gut gemacht ihr zwei, ihr habt reichlich an Essen mitgebracht“, lobte Hal und teilte gemeinsam mit Riccardo das Obst auf. Wie erwartet bekamen Hal und Ill dieses Mal keinen einzigen Bissen.

Am Abend saßen alle gemütlich am Lagerfeuer und rösteten die übriggebliebenen Beeren. Hal und Ill rissen dabei lustige Witze und sorgten für eine gute Stimmung. Ill war an der Reihe. „Also: Meine Frau hielt mir einen Vortrag: *Wir streiten uns nur noch. Unsere Beziehung muss endlich vorwärtskommen, also lass uns von nun an dieselbe Sprache sprechen. Okay? * Darauf ich: *Miiiiillltaaannnk!!*“

Tobendes Gelächter. Alle klatschten und lachten begeistert. Hal haute es sogar nach hinten. Selbst Anna und Nadira konnten sich ein herzliches Lachen nicht verkneifen. Auch Judal bekam einen Lachanfall. Nachdem sich alle beruhigten, war Hal an der Reihe. Er hielt sich kurz die Hand vor dem Mund und hustete. Dann richtete er sich kurz seine blonden Haare und erzählte: „Wisst ihr, was der Brüller ist? – TM05.“ Erneut schallendes Gelächter bei den anderen. Hal war allerdings noch nicht fertig. „So Leute, einen habe ich noch“, erwähnte er und wartete darauf, dass man ihm wieder volle Aufmerksamkeit schenkte.

„Gut, los geht’s: Irgendwann werden Kühlschränke den Gegenangriff starten und alle zehn Minuten die Schlafzimmertür aufreißen, blöd anstarren und wieder gehen“, scherzte Hal. „Und dir die Eier wegnehmen!“, fügte Ill noch hinzu und grinste blöd.

Dieser Witz gab ihnen den Rest. Alle jubelten und lachten. Sogar der ruhige und vornehmende Riccardo verlor die Verfassung. Ein unvergesslicher Abend für Judal und den anderen. Als es zunehmend später wurde, drängte Hal alle in ihre Zelte. Nachdem er sich vergewisserte, dass alle schön brav eingekuschelt in ihren Schlafsäcken lagen, löschte er das Feuer, indem er es mit Efeu, welches hier am Lager in der hintersten Ecke wuchs, erstickte.

***

Judal verbrachte tolle, aber auch schwierige zwei Jahre am Lager von Hal. Die Gruppe wuchs in der Zwischenzeit zwar nicht, aber wuchs in sich stetig heran. Aus Ill und Riccardo wurden hübsche Jugendliche, und auch Judals Körper veränderte sich. Hal hingegen wurde nur muskulöser. Nadira und Anna wuchsen zu wunderhübschen Frauen. Der Jüngste blieb immer noch Ugo, der gerade elf geworden war. Bei Judals damaliger Anschließung der Gruppe, verbrachte Ugo, in den Moment noch junge neun Jahre alt, die meiste Zeit im Zelt. Er wurde entweder von Anna oder Nadira betreut. Mittlerweile wurde er zutraulicher und verließ öfters sein kleines Zelt. Über seine Herkunft weiß niemand Bescheid.

In den letzten zwei Jahren freundete sich Judal auch mit den anderen Bewohnern an. So erfuhr er, dass Nathan eine große Vorliebe für Fußball empfand. Seine Leidenschaft für den Sport brannte so heiß, dass er jeden Tag mindestens zwei Mal Dosenfußball spielte. Gerne schlossen sich Dan, Ugo und auch Judal an. Hin und wieder kickte auch Hal mit. Zwei weitere Mitglieder der Gruppe, Tobi und Emma tauchten plötzlich nach ein paar Monaten, nach der Aufnahmezeremonie von Judal, wieder auf. Sie erzählten ohne zu zögern von ihrem Zwischenfall mit der Polizei.

Bevor Judal hierherkam, waren die beiden auf Nahrungssuche. Sie schleusten sich am späten Nachmittag in das große Kaufhaus, Empire Queenshop, ein und stahlen wertvolle Dukate von der Einall Region. Daran wollten sie Geld verdienen, um reichlich Essen für das Lager zu besorgen. Doch der Plan schlug erheblich fehl. Die Videoüberwachung verhalf den Sicherheitsleuten, schnell die Diebe zu fassen. Die Polizei wurde verständigt, doch Tobi und Emma gelang die Flucht, bevor sie noch eintrafen. Allerdings kamen sie nicht weit und wurde vorübergehend ins Kinderheim versetzt, bis man ihre wahre Identität herausfand. In dieser Zeitspanne brachen Tobi und Emma aus dem Heim, welches sich östlich vom Zentrum befand, und kehrten nach einem langen Fußmarsch wieder zurück.

Judal zog sich seine frischen Klamotten an, die gestern von Nadira gewaschen wurde. Dafür war er sehr dankbar. Der junge Bursche ließ keinen Augenblick aus, ihr dafür zu danken. „Das war doch keine große Sache“, hatte sie gesagt und lächelte verlegen. Der einzige, der tatsächlich einen Dank verdiente, war Riccardo. Durch seinen brillanten Einfall, Wasser mit einer selbstgebauten Röhre abzuzapfen, wurde er gehörig gelobt. Am Anfang schien der Plan für die anderen ziemlich unrealistisch, doch das junge Genie überzeugte Hal und Ill und am Ende sollte jedes Team versuchen, ein stabiles Rohr zu bauen.

Zum Glück konstruierte das Musiktalent einen einfachen Bauplan. Außerdem notierte er an der Zeichnung auch die verwendbaren Materialen. Irgendwie schafften Riccardo, Dan und Judal die Röhre zu basteln. Hauptsächlich bestand sie aus einem rostigen Rohr. Dafür mussten Ill und Judal in das östliche Stadtgebiet reisen und dort nachts, heimlich in die Kanalisation schleichen und ein Rohr runterschrauben, wo man sicher sein konnte, dass sie kein Nutzen mehr brachte. Zu ihrem Glück lagen schon ein paar altmodische Röhren abmontiert in der Entwässerungsanlage.

Irgendwie schafften sie es – jeder von ihnen trug ein kurzes Wasserohr – sie schleunigst wieder ins Lager zu bringen. Ill und Judal mussten Umwege nehmen, damit sie nicht mitten in der Öffentlichkeit mit rostigen Rohren herumspazieren mussten, wo jeder hinsehen konnte und eventuell die Polizei wegen Diebstahl zu rufen. Eine sehr verzwickte Angelegenheit, aber mit großem Erfolg. Nun hatten sie pro Tag, eine Stunde lang warmes Wasser. Danach mussten sie die Kuppelung lösen, damit kein Verdacht für Gemeinde entstand.

Der junge Schüler blickte noch kurz um sich herum und verließ leicht zitternd das von Kälte eingedrungene Zelt. Judal schnupperte an der eisigen Luft. Die ersten Schneeflocken fielen langsam und sanft zu Boden, bis sie schmolzen. Der Winter ist viel zu früh gekommen. Wir hatten nicht genügend Zeit gehabt, uns auf ihn gut vorzubereiten. Letztes Jahr haben wir zu dieser Zeit uns hingelegt und gesonnt. Und jetzt fällt schon der Schnee. Hoffentlich erkältet sich niemand. Letztes Jahr hatten wir Glück. Nur ein milder Winter verhinderte die Grippewelle. Ill trat aus dem riesigen Zelt heraus. Auch er wirkte überrascht und besorgt. Erst vorgestern stellte Anna fest, dass der junge Ugo Fieber hatte.

Schnell wurde er in sein persönliches Zelt barrikadiert. Hal hatte ihnen ausdrücklich verboten, sich Ugo zu nähern. Zu groß war die Ansteckungsgefahr, erklärte der blonde Anführer. Nur er würde alleine Ugo besuchen und sich nach seinem Zustand zu erkundigen. Doch ohne die nötigen Mitteln, war es selbst für Hal ein unüberwindbares Hindernis, Ugo gesundzupflegen. Ill kam ihm entgegen. „Morgen, Judal“, hauchte der rothaarige Junge und formte mit seinem Atem eine Eiswolke. Judal grüßte zurück.

Er verschränkte seine Arme und hoffte, dass er nicht zu stark zitterte, immerhin wollte er sich Ill beweisen. „Kein Wunder, warum Ugo Fieber hat. Bei der kalten Luft ist es ein Leichtes, sich mit Infektionen anzustecken“, teilte Ill mit. Judal atmete aus. Er konnte schon die kalte Luft schmecken. Dies gefiel ihm ganz und gar nicht. „Nicht mal das kleine Lagerfeuer wird uns alle erwärmen“, bemerkte der Schüler. „Verdammt!“, fluchte Ill und stampfte wütend auf die Schneeflocken. Die Reaktion seines Freundes ließ Judal blinzeln.

Lange hatte er nicht mehr miterlebt, dass Ill die Fassung verlor. „Alles in Ordnung?“, versuchte Judal zu trösten. „Wir haben ein Problem, mein Freund. Hal wurde wahrscheinlich von Ugo angesteckt. Ich habe es heute in der Früh gemerkt, wie schwer er atmet. Die ganze Nacht schlief er ruhig, doch seit Morgen keuchte er schrecklich laut“, flüsterte Ill in Judals Ohr. Vor weitem Schreck schlug der Schüler die Augen weit auf. Wenn selbst unserer Anführer krank im Bett liegt, was wird dann mit uns noch geschehen? Die Dinge geraten außer Kontrolle!

Bei dieser schlechten Nachricht musste Judal zittern. Ihm schauderte der Gedanken, der großartige Hal könnte nicht mehr gesund werden. „Wenn Hal nicht bald gesund wird, dann hat Ugo keine Chance“, flüsterte Judal zurück. Ill nickte finster. Die beiden spürten die unheimliche Anspannung, als würde etwas nur darauf warten, sich über das gesamte Lager herzumachen. Eine Gewalt staute sich, die verheerenden Schaden verursachen würde. „Gehen wir zu Ricky“, schlug Ill vor und gemeinsam besuchten sie ihren weisen Kameraden.


Als sie das türkise Zelt betraten, kamen ihnen eine angenehme warme Hitzewelle entgegen. Riccardo saß auf sein gemütliches Bett und las ein dickes Buch über Heilkunst und Medizin. Nachdem Ill den Zeltvorhang verschloss, um keine Wärme zu verlieren, klappte das Musikgenie das Buch mit einem lauten Knall und stand auf. „Grüß euch“, hob Riccardo höflich an. Judal und Ill grüßten zurück. Sobald Riccardo die ernsten Mienen seiner Freunde erblickte, stellte er sich automatisch auf schlechte Nachrichten ein.

„Yo, Ricky, wir haben ein dickes Problem. Hal hat Fieber“, überbrachte Ill kurzfassend die üble Neuigkeit. Für einen kurzen Moment stand Riccardo mit offenen Munde da. Er brauchte eine kleine Weile, um die Nachricht zu verarbeiten. Das Genie legte sein Buch auf sein Bett und wandte sich wieder seinen Freunden. „Da habt ihr Recht, das sind schlechte Neuigkeiten. Wenn das die anderen erfahren, gibt es höchstwahrscheinlich Chaos im Lager“, erzählte Riccardo und schluckte kurz, „Geht behutsam mit dieser Information um.“

Er fuhr sich durch seine dunkelgrauen Haare und nahm seine berühmte Denkposition ein. Er hielt sich seine rechte Hand vor seinem Mund und grübelte. Angespannt warteten Judal und Ill auf seine weitere Aktion. Plötzlich ging ihm ein Licht auf. Erneut wandte er sich seinen vertraulichen Freunden. „Alle, die sich momentan im Fortissimo befinden, haben die Schweigepflicht... Momentan herrscht eine angespannte Situation im Lager. Ich vermute stark, dass Hal und Ugo mehr als nur Fieber haben. Eine Infektion vielleicht? Wie auch immer, es breitet sich eine Seuche im Lager aus. Eine wirklich scheußliche Seuche. Wir haben zwei Optionen: Entweder wir vertuschen unsere Erkenntnis und Besprechung, die gerade stattfindet, und lassen allen glauben, dass wir selber ahnungslos und machtlos gegenüber dieser Pest sind“, begann Riccardo zu schildern,

„Oder wir ziehen alle mit hinein und erstellen gemeinsam eine Lösung zur Bewältigung dieses Problems. Aber zurzeit ist Variante zwei nicht möglich. Wir wissen, dass Hal und Ugo die einzigen sind, die krank in ihren Zelten liegen. Unsere Kameraden gehen davon aus, dass nur Ugo ein bisschen Fieber hat, mehr nicht. Mein Vorschlag und quasi der Übergangsplan für Phase zwei schließlich wäre, wir pferchten die Kranken in ein Zelt, am besten in das große. Alle Gesunden barrikadieren sich von den zweien Erkrankten und suchen dann nach einer endgültigen Lösung. Mehr Chancen stehen uns zurzeit nicht zur Verfügung.“

„Also kurz zusammengefasst, erholen sich Hal und Hugo in Hal’s Zelt, damit sich die Seuche nicht ausbreitet. Und wir ziehen uns in unseren eigenen Zelten zurück und suchen nach der passenden Lösung“, stellte Judal klar. Ill schwieg. „Einfach gesagt, ja“, antwortete Riccardo. „Klingt ziemlich provisorisch“, mischte sich Ill doch noch ein. „Für bessere Vorschläge bin ich immer offen“, konterte das Musikgenie gelassen. Ill lachte kurz. „Nein, ich wäre nicht einmal auf den Vorschlag in so einer kurzen Zeit gekommen. Man merkt, dass du nicht umsonst das Gehirn der Gruppe genannt wirst“, meinte Ill und entspannte sich ein wenig. „Ich dachte, man nennt ihn das Musikgenie der Gruppe“, erwiderte Judal. „Guter Witz“, gab Riccardo zurück. „Ach du sei einfach ruhig“, sagte der rothaarige Junge und lachte.

Die Stimmung hellte sich allmählich wieder auf. Judal grinste. „Aber im Ernst Leute, wir müssen dies so schnell wie möglich umsetzen. Je länger wir warten, desto schneller breitet sich die Seuche aus und wer weiß schon, wie lange Hal und Ugo noch aushalten werden“, brachte das Musikgenie hervor. Da ging Ill eine glorreiche Idee auf. „Wir wäre es, wenn wir uns in dreier Gruppen in den übrigen Zelten aufteilen würden, und dort dann die Lage besprechen und nach Lösungen forschen“, schlug Ill vor. „Klingt nach einem guten Vorschlag“, schaltete sich Judal ein. „Ja schon, aber momentan sind wir zehn gesunde Leute und zwei kranke Leute. Zehn lässt sich nur schwer durch Drei teilen“, erwiderte Riccardo und grübelte weiter.

Auf einmal drang eiskalte Luft in das Zelt. Anna stand keuchend vor dem Eingang und blickte entsetzt die drei jungen Burschen an. „Wir haben ein Problem! Raphael ist umgekippt! Seine Stirn brennt wie Feuer! Er hat hohes Fieber!“, schrillte ihre ängstliche Stimme in das Zelt. Blitzartig sprangen alle drei auf und rannten gemeinsam mit Anna als Spitze zu Raphael. Mit ihm hatte Judal nicht viele Wörter ausgetauscht, aber die zwei akzeptierten sich gegenseitig. Raphael war ein kluger Frechdachs und ungefähr gleichaltrig wie Judal. Auf der Stelle betraten sie das Zelt von Raphael und Dan.

Hastig zog Anna den Zeltvorhang weg und betrat hektisch das kleine Zelt. Sobald Judal hineintrat kam ihn eine Woge der Krankheit entgegen. „Hier riecht es schon nach Krankheit“, murmelte der Schüler und sah sich kurz um. Nadira und Dan hockten bereits neben Raphael, der kaum Luft bekam. Panisch starrten sie den kranken Jungen an.

Völlig ratlos standen sie alle da und beobachteten, wie Raphael immer wieder nach Luft rang. Dann übernahm Riccardo plötzlich die Initiative und scheuchte alle aus dem Zelt. „Raus hier! Sonst steckt ihr euch noch an!“, drängte er hitzig. Es war sogar von Nöten, die Mädchen an den Armen zu packen und heraus zu zerren. Nur mit viel Mühe konnte Riccardo die schreienden Mädchen endlich hinauswerfen. Ill, Dan und Judal verließen schweigend Raphael.

Als letzter kam Riccardo, der dann das Zelt verschloss. „Was soll das werden? Willst du ihn sterben lassen?!“, fuhr Nadira den Musikliebhaber aggressiv an. „Ja genau! Bist du verrückt geworden?!“, kreischte Anna und wollte sich ins Zelt stürzen, doch Ill hielt sie fest. „Denkt doch nur ein einziges Mal nach!!“, blaffte Riccardo gereizt. Bei den harschen Worten erstarrte selbst Ill. So kannte er seinen besten Freund nicht. Vor Überraschung ließ er dabei Anna wieder los. „Je länger ihr euch bei Raphael aufhaltet, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihr ebenfalls angesteckt werden!“, knurrte Riccardo und versperrte den Eingang. Nachdem sich Ill wieder fasste, mischte er sich erneut ein.

„Ricky hat Recht! Wir dürfen nicht riskieren, dass wir alle krank werden! Hal hatte doch ausdrücklich verboten, sich in der Nähe von Kranken aufzuhalten!“, zischte dieser. Die Anspannung wuchs. Dan schien das ganze sehr zu bedrücken. Er zitterte am ganzen Leibe. Das Schneien wurde intensiver. Schon bald war der größte Teil vom Boden mit Schneeflocken bedeckt. Bei dem ganzen Wirbel tauchten nun Tobi und Emma aus ihrem Zelt auf. Auch Nathan gesellte sich zu ihnen, der vor kurzem noch geschlafen hatte.

„Was ist denn hier für ein Lärm?“, beschwerte sich Emma sogleich. Riccardo holte tief Luft, bevor er die Situation aufklärte. „Leute, hört mir jetzt mal alle zu! Die Dinge geraten langsam, aber sicher aus der Kontrolle. Eine Seuche breitet sich im Lager aus. Dagegen können wir uns nicht wehren. Medizin ist sowieso keins vorhanden, also bitte steckt euch nicht an! Wir haben genug Probleme!“, erklärte er mit fester Stimme. Ill stellte sich neben seinem Freund, um ihn zu unterstützen. Er erzählte vom geschmiedetem Plan, welcher in Fortissimo geschaffen wurde. Nach seiner Rede starrten ihn bis auf Judal und Riccardo alle ungläubig an. Dass eine Seuche das gesamte Lager in Angst und Schrecken versetzte, bedrückte sie sehr. „Ich teile nun die Gruppen ein“, gab das Musikgenie von sich.

„Emma, Tobi und Nathan bilden eine Gruppe. Ihr werdet ihm Zelt von Tobi und Emma stationiert sein. Anna, Nadira und Dan gehen in das pinke Zelt. Mein Team, bestehend aus Ill, Judal und meiner Wenigkeit befinden uns in Fortissimo. Sobald einer von euch eine Idee hat, meldet euch bitte unverzüglich bei uns im Fortissimo. Ansonsten werden wir euch zu uns rufen, falls wir selber einen Lösungsvorschlag erarbeitet haben. Danke und viel Erfolg! Denkt daran, dass das Leben von Ugo und Raphael von euch abhängt!“, wies er an und machte sich auf dem Weg in sein türkises Zelt. Sprachlos und überwältigt, teilten sich die Mitglieder in die besagten Gruppen und wanderten in die vorgeschlagenen Zelten. „Hoffentlich sind sie nicht allzu sehr geschockt“, erwähnte Judal und seufzte. „Sie müssen damit klar kommen“, meinte der rothaarige Junge.

Während Riccardo an seinem Computer saß, blätterten Judal und Ill die verschiedensten Medizinbücher. Keiner von ihnen wusste genau, um welche besondere Art von Krankheit im Lager herrschte. Riccardo, der verzweifelt versuchte, sich in das Wlan eines Hotels in der Nähe einzuhacken, las zur gleichen Zeit das dicke Buch über Heilkünste. „Geschafft!“, jubelte das Genie kleinlaut, nachdem er endlich Zugriff zum Internet hatte. Doch bevor er seine Anfrage der Suchmaschine stellen konnte, machte es auf einmal Wzipp! - und der Bildschirm wurde schwarz.

„Oh nein! Wir haben keinen Strom mehr. Die kleinen, selbstgebauten Fotovoltaikanlagen haben keinen Saft mehr. Das haben wir das schlechte, sonnenbedeckte Wetter zu verdanken!“, fluchte Riccardo leise. Seine Freunde schauten kurz auf, bevor sie weiterlasen. Nun widmete sich das Genie ganz dem Buch. Unheimliche Stille herrschte sowohl im Zelt, als auch im Lager.

„Wir können doch nicht den ganzen Tag hier rumsitzen und Bücher, die die merkwürdigsten Ausdrücke verwenden, durchlesen. Wir müssen schneller handeln!“, knurrte Ill angespannt. Dies brachte Judal auf eine Idee. Eifrig klappte er sein Buch mit einem Knall zu, um die Aufmerksamkeit zu erringen. „Das ist es! Ill hat recht, wir müssen schneller handeln!“, hob der Schüler sofort an. Riccardo wandte sich neugierig zu ihm. „Ein Geistesblitz. Du hast also eine Idee, ja? Schieß los!“, ordnete er an. „Also, soweit ich weiß, werden wir hier im Lager keine passende Antwort auf unser Problem finden“, fing Judal an. Allmählich nahm sein freierfundener Plan eine Gestalt an.

„Wir müssen in die Stadt. Am besten wieder ein Duo. Wir suchen mit meinem Poketech nach einer Apotheke und erkundigen uns erstmals, welche Seuche uns befallen hat. Natürlich nehmen wir die Bücher mit. Vielleicht können die Apotheker die passende Stelle zeigen und mit dummen Glück schenken sie uns das Heilmittel“, schilderte Judal aufgeregt seinen Vorschlag. Ill grinste. „Hehe, der Plan könnte funktionieren“, meinte er und sah dabei Riccardo an. Dieser schwieg und dachte an Judals Plan.

„Naja, bezweifle stark, dass die Apotheker auch selber Ärzte sind, und das mit dem Heilmittel als Geschenk klingt eher nach Wunsch als Plan. Dennoch ist das wahrscheinlich die günstigste Option. Gut gemacht, Judal“, meinte Ricky. „Und wer soll gehen?“, erwähnte Ill interessiert. „Judal geht automatisch mit, er ist der Besitzer des Poketech. Am besten gehst du gleich mit ihm, Ill. Bis dahin kümmere ich mich hier um alles, aber beeilt euch“, antwortete Riccardo und erhob sich. „Natürlich, gib den anderen Bescheid“, sagte Judal.

Gleich an der ersten Leiter kletterte Ill nach oben. Er drückte ein paar Male gegen den Deckel, bis er sich endlich verschieben ließ. Rasch kletterte Judal ihm nach. Beide standen nun draußen in der Kälte irgendwo mitten in der Stadt. Gerade befanden sie sich in einer engen Gasse, die auch schon als Sackgasse endete. Der Schnee hatte schon ganz Empire City bedeckt. Judal trug eine dicke Winterjacke von Riccardo und einen grauen, dünnen Schal. Handschuhe hatte er keine, so musste er seine gefrorenen Hände tief in die Jackentasche vergraben.

Ill dagegen trug seine altbekannte, orangene Jacke, die er damals auch trug, als sich er und Judal zum ersten Mal begegneten. „Wohin jetzt, Kapitän?“, erkundigte sich Ill sogleich, nachdem Judal den Deckel zurückschob. Er suchte auf Pokéearth nach einer nahgelegenen Apotheke. Das Eintippen gestaltete sich allerdings mit tauben Fingern schwieriger, als gedacht. „Okay, es sollte eins ein paar hundert Meter weit befinden. Wir müssen jedoch ziemlich oft die breiten Straßen überqueren“, erwiderte Judal und stapfte voraus durch den weichen Schnee.

Zu ihrem Glück herrschte gerade nicht viel Verkehr, die meisten waren um diese Zeit in ihren gemütlichen Häusern, oder auf der Arbeit. Nachdem auch schon die letzte Straße überquert worden war, standen sie nun gegenüber einer kleinen Apotheke. Das grünangestrichene Gebäude wirkte sehr altmodisch, untypisch für die moderne Hauptstadt. Nicht einmal eine Leuchtanzeige hing an der Decke mit dem bekannten Symbol der Apotheken. Nur eine schlechtlesbare Schrift war ober der alten Eingangstür aufgedruckt: A P O T H E K L

Dem letzten Buchstaben fehlte zwei Striche. Ill und Judal holten ihre Bücher aus den Rucksäcken und betraten leicht nervös das Gebäude.
Doch zu ihrer Überraschung war der Raum komplett leer. Kein Licht erhellte das kleine Zimmer und auch sonst war niemand anzutreffen. Der knorrige Holzboden wirkte stark abgenutzt. Ein paar alte Regale standen hinter der kleinen Theke von Spinnweben überseht. „Was zum Teufel soll das hier?“, fluchte Ill kleinlaut. Judal hatte keine Antwort.

Schließlich drehte sich sein Freund um und wollte hinaus. „Hauen wir ab“, murmelte der rothaarige Junge und verließ genervt die leerstehende Apotheke. Judal folgte ihm enttäuscht. „Tut mir leid, scheint so als habe Pokéearth keine Daten darüber, dass diese Apotheke nicht mehr benutzt wird“, jammerte der Schüler. Beide Freunde seufzten tief. Gerade wollte Judal nochmals mit der App nach einer anderen Apotheke suchen, als plötzlich ihnen ein fremdes Mädchen entgegenkam. „Hallo ihr zwei!“, grüßte sie freundlich. Beide blickten sie überrascht an.

„Es scheint so, als bräuchtet ihr was“, sagte sie und deutete auf das grüne Gebäude. „Nein danke“, erwiderte Ill leicht gereizt. Nachdem Ill dankend abgelehnt hatte, blickte sie Judal fragend an. „Ähm, wir kommen schon zu Recht“, stammelte dieser verlegen. Wer ist sie und woher kommt sie überhaupt her? Scheint, als hätte sie ungefähr das gleiche Alter wie Ill und ich. Merkwürdige Sachen gehen hier vor. Oder vielleicht ist sie einfach hilfsbereit. Kann ja gut sein, dass sie hier in der Gegend wohnt und möglicherweise weiß sie auch, dass die Apotheke schon lange nicht mehr geöffnet hat.

Das Mädchen hatte traumhafte hellblaue Augen. Sie trug einen dicken, schwarzen Wintermantel, einen langen und breiten Schal, welcher wie ein kleiner Teppich aussah. Dabei hatte sie eine dunkelblaue Jeans und braune Winterschuhe, die anscheinend im Trend waren, an. Unter ihrer grauen Strickmütze verbarg sie ihre blonden Haare. Ein paar Strähnen schauten heraus und Judal konnte somit ihre Haarfarbe ablesen. „Wenn ihr meint“, sagte sie zurückhaltend und ging die gleiche Richtung, von wo sie herkam, wieder zurück. „Das war echt seltsam“, murmelte Ill verwirrt.

„Glaubst, sie hätte uns ernsthaft helfen können?“, fragte Judal und sah dabei seinen Freund unsicher an. Ill blinzelte. „Hä? Du denkst, die hätte einen Onkel, der Arzt ist und unsere Freunde kostenlos behandeln würde? Hat dir die Kälte das Gehirn eingefroren?“, brummte der rothaarige Junge. Judal verdrehte die Augen. „Nicht jeder Fremde ist gleich der Teufel“, gab er zurück, „Vielleicht wollte sie einfach nur nett sein.“

„Vielleicht bist du schon in ihr verschossen!“, konterte Ill. Verlegend trat Judal einen Schritt zurück. „Was? Nein, ich kenne sie doch gar nicht!“, stotterte der Schüler und erröte leicht. „Ja und die Seuche verschwindet von alleine“, erwiderte Ill und grinste schelmisch. Allmählich wurde das Schneien stärker. „Wie auch immer. Am besten gehen wir lieber zurück, ansonsten werden wir von einem Schneesturm böse überrascht“, warf Ill ein. „Das wäre wohl das Sinnvollste“, schloss Judal und die beide machten sich auf dem Weg zur Sackgasse.

Gerade als Judal mit mühsamer Hüpferrei sich nach oben arbeitete, hörte er ein entsetzliches Kreischen. Was zum? Das kommt von der Kanalisation. Ill, der schon oben stand, meinte zu Judal, er sollte kurz nachsehen, wer um Arceus Willen sich in der Kanalisation herumtrieb. Der Schüler seufzte und stieg wieder nach unten. Nachdem ich erst raufgeklettert bin, darf ich nun erneut runter und dann abermals nach oben klettern. Fantastisch!

Als Judal die Holzstufen Stück für Stück zum Runtergehen benutzte, sah er auch schon eine Gestalt auf ihn zu rennen. „Da seid ihr also hingegangen!“, rief die Person. Dabei hallte ihre laute Stimme durch die Entwässerungsanlage. Judal erschrak kurzzeitig. Ihm kam diese Stimme sehr bekannt vor. „Du?!“, schrie er überrascht. Das Mädchen von vorhin hatte sich hinter ihm und Ill rumgeschlichen und sie bis hierher verfolgt. „Ja!“, rief sie enthusiastisch. „Alles klar bei dir?!“, rief Ill von oben. Judal wandte sich zu seinem Freund und blickte danach zu ihm rauf. „Ill, wir haben Besuch!“

Riccardo starrte sie entsetzlich an, als Judal mit Ill das Mädchen direkt ins Herz der Gruppe führte. Mittlerweile hatte der Schnee das ganze Lager bedeckt. Wie ein weicher, weißer Teppich erstreckte es sich über die gesamte Ebene. Die anderen waren gerade dabei gewesen, den Schnee von den Zelten hinunterzubekommen, was schließlich umsonst war, da schon die ersten Anzeichen für einen Schneesturm zu erkennen war. „Wer ist das denn?!“, jaulte Tobi. Sichtlich war niemand erfreut, ein neues Gesicht in solch einer Zeit anzutreffen. Doch das Mädchen störte die Feindseligkeit ihrer Mitmenschen nicht besonders.

Stattdessen trat sie selbst bewusst auf und stellte sich unaufgefordert vor. „Hallo! Mein Name ist Lena. Ich bin hergekommen, um euch zu helfen! Ich könnte euch Essen und Trinken bringen! Und ihr müsst auch keine Angst haben, dass ich euch verraten würde!“, jubelte sie begeistert von ihrem eigenen Angebot. Riccardo ging selbstsicher auf Lena zu und stellte sich genau vor ihr. „Aus welchen Grund würde jemand wie du uns helfen wollen?“, fragte er sie ruhig. Lena schwieg für eine Weile. „Naja, was ist daran schon verkehrt, Menschen in der Notlage zu helfen?“, gab sie zurück. „Du weichst meiner Frage aus“, meinte Riccardo und beherrschte sich nicht die Geduld zu verlieren. Immerhin stand das Leben von drei Menschen auf dem Spiel.

„Weil ich das Gefühl kenne, schutzlos zu sein. Mir hat auch jemand mal geholfen. Nun möchte ich euch ebenfalls behilflich sein. Zeigt mir den Grund, warum diese zwei Jungs unbedingt eine Apotheke aufsuchen wollten“, beharrte sie. Riccardo fuhr sich durch seine Haare. Er holte danach tief Luft, um sich zu beruhigen. „Ill und Judal, folgt mir, und du auch ... ähm“, er schnippte ein paar Male mit dem Finger, „Lena, wir gehen zu Ugo.“ In wenigen Augenblicken zwängten sich die vier auch schon in das kleine Zelt von Ugo. Dieser lag wie erwartet keuchend in seinem Schlafsack eingewickelt, zu schwach um einen Laut von sich zu geben. Der Geruch der Krankheit hing in der Luft. Lena starrte den kleinen Jungen seelenruhig an.

„Er wird bald von uns gehen“, flüsterte sie unheimlich. Wie aufs Stichwort, fing Ugo an zu husten. Er schlug seine Augen auf und sah sich panisch um. „K-kei...ne Luf“, krächzte Ugo, bevor er das Bewusstsein verlor. Judals Augen weiteten sich vor Schreck. „Er ist tot“, flüsterte Lena. Ugo? Tot? Ugo ist tot? Judal blieb der Mund offen. Er fühlte sich plötzlich so schwach. Er bekam Kopfschmerzen. Er musste das Zelt verlassen. Hastig bahnte er sich seinen Weg nach draußen. Die kalte Luft klärte seinen Verstand. Schon bald hatte er seinen Schock verarbeitet. „Verdammt!“, fluchte er kleinlaut.


Seit Ugo vor ein paar Tagen verstarb, war das gesamte Lager von Bekümmernis überfüllt. Schwere Vorwürfe lasteten auf die Schulter von Judal. Hätte ich doch weiter nach einer Apotheke gesucht! Ich bin an seinem Tod schuld!

Sie hatten Ugo unter der Erde begraben. Judal hatte nach seinem Tod die ganze Nacht allein ein Loch für seinen verstorbenen Kameraden gegraben. Der Schnee war wieder geschmolzen, doch die Kälte blieb. Mithilfe seiner Pokémon schaffte er eine passende Ruhestätte, die sich hinter dem Zelt von dem jungen Ugo befand. Leider besaßen sie keine Möglichkeit, seine Ruhestätte zu dekorieren. Doch es kam noch schlimmer. Während Hal heute Nacht am Lagerfeuer die letzten Worte für den gefallen Ugo aussprach, brach Raphael, der sich ebenfalls an Ugos Beerdigung beteiligten wollte, einfach zusammen.

Erneut starb ein Mitglied direkt vor den Augen seiner Freunde. Bei diesem Anblick wurde selbst Hal richtig übel. Er war der Letzte, der krank war und noch lebte. Panik flammte in den anderen auf, nachdem auch Raphael sie verlassen hatte. Jeder wusste, dass es Hal erwischen würde. Deswegen hoffte man sehr, dass Lena, die schon seit dem Tod von Ugo das Lager verlassen hatte, mit den versprochenen Güter zurückkehren würde. Außerdem meinte sie, dass sie auch die richtige Medizin mitnehmen würde. Doch bis jetzt gab es keine Spur von ihr. „Raphael!“, hustete Hal und blickte entsetzt auf den leblosen Körper. „Hal! Bitte geh wieder ins Zelt! Deine Verfassung verschlechtert sich, wenn du in der Kälte rumsitzt!“, flehte Ill an. Er wusste, dass Hal jeden Moment zusammenbrechen würde, sollte er sich nicht schonen.

„Nein, Ill! Es ist bereits zu spät!“, krächzte Hal und unterbrach seine Rede aufgrund eines langen Hustenanfalls. „Mit mir ist es schon geschehen! Meine Freunde, es wird Zeit für mich zu gehen! Trauert nicht zu lange um mich! Im Namen von Ugo und Raphael, ich ernenne Ill zum neuen Anführer unserer Gruppe! Ich weiß, dass er euch sehr gut führen wird!“, ächzte Hal. In dem Moment wurde es ihm schwarz vor Augen und er kippte einfach um.

„HAAALLL!!“, schrie Ill verzweifelt. Tränen flossen aus seinen smaragdgrünen Augen. „HAALLL!!! HAAALL!!“, brüllten die Jugendlichen. Doch ihr Anführer regte sich nicht. Diese Nacht brannte sich in Judals Gedächtnis. Er verlor zwei weitere Kameraden. Eiskalte Krallen packten sein Herz und zerdrückten es vollkommen. Noch nie hatte er solche Schmerzen erlitten. Der Schüler konnte seine Gefühle nicht mehr im Zaun halten und heulte los.

Die ganze Nacht verbrachten die Jugendlichen damit, Löcher für ihre gestorbenen Freunde zu graben. Nachdem sie es mit großen Mühen und Schmerzen es irgendwie schafften, Hal und Raphael vollständig zu begraben, hielt Ill eine kurze Rede ab. „Heute starben zwei wunderbare Menschen“, fing der rothaarige Junge im Flüsterton an. „Hal und Raphael wandeln nun gemeinsam neben Ugo im Himmel. Wenn es irgendwelche Menschen verdient hätten, ihre Ruhe zu kriegen, dann sie“, flüsterte Ill und sah hoch hinauf zum wolkenlosen Himmel.

Unter all den Sternen tauchten plötzlich zwei weitere auf und leuchtet hell auf. „Im Namen von Ugo, Raphael und Hal, ich schwöre es euch, dass ich mein Bestes geben werde, um diese Gruppe zu erhalten!“, schwor Ill und blickte entschlossener denn je. Zustimmende Rufe erbte der rothaarige Junge. Nach der ganzen Sache wollte Judal einfach nur noch in seinem Schlafsack. Rasch und demotiviert zog er sich seinen Pyjama an und legte sich schlafen. Nadira und Anna folgten ihm nach einer Weile. Ihr ruhiger Atem beruhigte ihn ein bisschen.

Lustlos stand Judal auf, zog sich um und verließ taumelnd das pinke Zelt. Schlafgetrunken taumelte er sich in das große Zelt. Als er hineintrat, stand zu seiner Überraschung Lena im warmen Zelt und unterhielt sich gerade mit dem frischernannten Anführer. „Oh, guten Morgen, Judal“, begrüßte Ill ihm, als er ihn erblickte. Judal bemerkte, dass Lena voll mit großen Taschen beladen war. „Morgen“, gab er unmotiviert zurück. „Hallo, lange nicht gesehen, was?“, sagte Lena fröhlich. Wie kann sie so glücklich und zufrieden wirken? Und überhaupt, warum ist sie hergekommen?

„Es gibt wieder einmal auch gute Nachrichten. Lena hat uns allen Essen und Trinken gebracht. Sandwiches und Mineralwasser“, erzählte Ill und versuchte erfreut zu wirken. Ach ja, wegen dem. „Und Medikamente“, fügte Lena mit einem breiten Lächeln hinzu. „Das sehe ich“, brummte Judal. „Naja, war nett mit dir zu plaudern, Ill. Allerdings muss ich jetzt leider gehen. Ich komme dann morgen wieder vorbei“, sagte sie. Dabei zwinkerte sie Judal zu. Dieser erröte leicht.

Er wich zur Seite, damit Lena vorbeikam. „Du hattest recht, sie möchte uns nur helfen“, begann Ill und sah Judal an. „Ja, leider etwas zu spät“, murmelte der Schüler. Lautes Geschreie war auf einmal wahrzunehmen. „Ill!! Ill!“, schrie jemand von draußen. Hastig zwängten sich die beiden hinaus.

Tobi wirkte völlig verstört. Sein besorgter Blick verriet nichts Gutes. „Was ist los, Tobi?“, wollte Ill wissen. „Emma, ich kann sie nicht mehr finden! Sie meinte, dass sie nur kurz in die Stadt gehen wollte!“, jaulte Tobi entsetzt. „Was? Wieso hat sie mir nicht Bescheid gegeben?“, empörte sich Ill. „Naja, heute ist ja Weltkuchentag“, murmelte Tobi kleinlaut. „Weltkuchentag?“, wiederholte Ill. Plötzlich dämmerte es ihm. „Oh nein! Sag mir nicht, dass sie zur Empire Allee gegangen ist“, sagte Ill entsetzt.

„Ja, dort verkaufen sie immerhin den weltbesten und teuersten Kuchen!“, stammelte Tobi. Judal und Ill zählten eins und eins zusammen. „He, Ill! Ich werde gemeinsam mit Tobi zur Empire Allee laufen und nach ihr suchen! Einverstanden?“, schlug Judal seinem Anführer vor. „F-fein, aber beeilt euch und lasst euch nicht erwischen. Ich hoffe, dass es ihr gut geht“, meinte Ill und ließ sie gehen. „Auf geht’s, Tobi“, sagte Judal und die beiden rannten zum Geheimeingang.

„Da ist der Globus. Heißt also, dass wir in der Nähe der Promenade sind“, erklärte Judal seinem Partner, nachdem sie endlich am Empire Global ankamen. Tobi war komplett aus der Puste. Immerhin hatte er den ganzen Morgen damit verbracht, seine Freundin wiederzufinden. „Jetzt müssen wir einfach gerade aus Richtung Süden marschieren, da im Norden der Nationalpark ist“, erwähnte der Schüler und gemeinsam wanderten sie zur famosen Allee.

Sein Unbehagen wuchs, je näher sie zu der Promenade kamen. Beim letzten Mal hinderte ihm ein seltsames Gefühl die Empire Allee zu betreten. Doch dieses Mal würde Judal ungehindert hineinstürmen, wenn es sein musste, um Emma zu finden. Endlich standen sie vor der bekannten Allee. Ohne zu zögern gingen sie hindurch. Der ganze Gehweg bestand aus hübschen Marmor. Links und rechts befanden sich luxuriöse Café Ständen, aber auch teure Geschäfte wie Juweliere oder bekannte Modegeschäfte von der Kalos Region.

Ebenfalls wurden auf der linken und rechten Spur kleine Kirschblütenbäume gepflanzt, um die Atmosphäre zu verdeutlichen. Manche von ihnen waren sogar in prächtigen goldenen, und auch in Regenbogen Farben, getunkt. Nur schwer konnte man ihre künstliche Eigenschaft ablesen. Judal sah sich um. Zu viele Menschen waren heute hier versammelt, um von den besten Kuchen der Welt zu kosten. Eine große Plakatwand hing oberhalb eines großen Caféhauses mit folgender Aufschrift: Kosten Sie von dem Legendärem Empire Càke

Kühle Windzüge wehten durch die famose Allee. Judal und Tobi zitterten. Bei der ganzen Hektik vergaßen sie darauf, sich warm anzuziehen. Heute war es ungewöhnlich laut in Empire City. So ziemlich jeder bestand darauf, einmal vom Kuchen zu probieren. Dabei sah für Judal der Kuchen wie ein normaler Gugelhupf mit aufwendigen Verzierungen und oben drauf mit Zuckerstreuseln aus. Die Empire Allee war fast schon überfüllt mit den verschiedensten Leuten, obwohl der Preis für ein Stück eine Wahnsinns Summe betrug. „Hier ist es zu laut, verlassen wir die Allee!“, brüllte Judal, damit Tobi ihn trotz der hohen Lautstärke verstehen konnte. Dieser nickte ihm zu und gemeinsam liefen sie weiter.

Schnell bahnte sich das Team durch die überfüllte Promenade, wich den Menschen aus, die sie grimmig ansahen, weil sich die Zwei mitten im Weg durchzwängten und schafften es schlussendlich herauszukommen. Keuchend liefen sie weiter nach rechts, da von links sich noch mehr Passanten auf dem Weg zum gloriosen Caféhaus machten. Danach entschieden sie sich, in einer engen Gasse kurz Luft zu holen. Keuchend blieben sie stehen. „Die sind doch alle verrückt!“, sagte Tobi außer Atem. Judal lehnte sich gegen die Wand und überlegte. „Ich denke kaum, dass Emma sich solch teuren und begehrten Kuchen schnappen konnte. Ich mein, stell dir vor, wie wahnsinnig die Leute werden, wenn ein armes Kind solch ein fabelhaftes Stück umsonst kriegt“, meinte der Schüler.

Tobi nickte zustimmend. „Ich kann mir schon die wütende Meute vorstellen. Hoffentlich hat Emma es nicht gewagt, zu stehlen“, warf Tobi ein. Der dunkelblonde Junge kratzte sich am Kopf. Plötzlich hob er erschreckt den Kopf. „Riechst du das auch?“, fing er an und sah sich panisch um. Judal schnupperte an der Luft. Das riecht wie .... Nein! Das ist der Geruch von Tod! Eine Leiche, hier? Judals Augen weiteten sich vor Schreck. Tobi und er sahen sich an. Sie beide dachten an das Selbe. Emma!

Sie verfolgten den verwesten Geruch. Neben einer überfüllten, grünen Mülltonne, bewachten ein paar Unratütox den großen Container. Drei Rattfratz liefen kreuz und quer herum. Die Pokémon wirkten ängstlich. „Was ist mit den Pokémon los?“, flüsterte Tobi. Seine Augen waren feucht. Genau wie Judal vermutetet er das Schlimmste. Ohne zu zögern ging der Schüler zum Müllcontainer und durchwühlte ihn.

Er erstarrte sofort, als er etwas Hartes spürte. Langsam tastete er sich weiter ab, bis er die weichen Haare fühlen konnte. „Ich habe ihren Körper gefunden“, murmelte der Schüler. Tobi brach in Tränen aus. „Oh nein, Emma!“, stieß er verzweifelt aus. Die Pokémon reagierten auf den Schrei und liefen mit einer Spur von Angstgeruch davon. Gemeinsam fischte das Team das tote Mädchen aus dem Müll. Sie sah gar nicht gut aus. Überall auf ihrem Körper klebte Müll. Ihre Kleider waren voller Fettflecken. Doch dies war bei weitem nicht so schlimm, wie ihre Verletzung.

Emma hatte überall Bisswunden und Prellungen, auf ihrer Nase klebte vertrocknetes Blut, ihr Körper war ganz blau und rot von den harten Schlägen. Als Judal etwas in ihrem Mund entdeckte, verlor er die Beherrschung. „Diese reichen Schweine haben ihr den ganzen Kuchen ins Maul gestopft!“, fluchte er und knirschte mit den Zähnen. „Sie haben sie zu Tode verprügelt“, flüsterte Tobi, der schon kreidebleich war. „Sie ist entweder am Kuchen erstickt, oder wie schon gesagt zu Tode verprügelt. Dabei wollte sie doch nur ein Stück Kuchen probieren!!“, zischte Judal zornig. Er war außer sich.

Wie konnte man das einem Mädchen nur antun? Und wieso hat niemand die Polizei verständigt, oder die Rettung? Weil es ihnen egal war, was mit einem armen Kind passiert! Judal konnte die Ungerechtigkeit nicht fassen. „Was machen wir jetzt?“, erkundigte sich Tobi, nachdem er sich die Tränen abgewischt hatte. Erneut spürte der Schüler, wie sein Herz auseinandergenommen wurde.

„Tut mir leid, Tobi, aber wir müssen sie hier lassen“, flüsterte Judal und sah Emma traurig an. „Was? Du erwartest von mir, dass ich meine beste Freundin hier verstümmelt liegen lasse?!“, fuhr er ihn an. „Bleib ruhig!“, zischte Judal, „Wir können nicht anders. Der Weg zum Lager wäre viel zu weit und außerdem wird uns sofort die Polizei auflauern, wenn sie sehen, dass wir eine Leiche mit uns rumschleppen!“ „Die Polizei sollte sich lieber darüber kümmern, die Täter zu verhaften!“, blaffte Tobi und versuchte Emmas leblosen Körper zu heben.

„Wie willst du sie in die Kanalisation befördern ohne aufzufliegen? Und selbst wenn wir es schaffen würden, wie kriegen wir sie wieder nach oben? Mit einem Seil?! Keine Chance Tobi! Allein ihr Geruch sorgt für ungebetene Aufmerksamkeit!“, schrie Judal ihn an. Auch er konnte seine Gefühle nicht kontrollieren. Beiden war es zu viel. „A-aber was soll sonst mit ihr geschehen? Willst du sie wieder in die Mülltonne hauen und dann einfach abhauen?“, schnauzte der dunkelblonde Junge ihn an. „Keine Ahnung!“, fuhr Judal ihn an. „Zum Teufel! Ich gehe jetzt mit Emma zurück nach Hause, und niemand hält mich davon ab!“, brummte Tobi und stand schwankend mit Emma auf.

„Du Idiot, wenn du dich jetzt so blicken lässt, landest du sogar im Jugendknast! Ein paar könnten annehmen, dass du sie auf dem Gewissen hast!!“, blaffte der Schüler und wollte schon die letzten Worte zurücknehmen. Bei den harschen Worten erstarrte Tobi. Er brach bei Emmas Gewicht einfach ein. Judal kam diesen Gesichtsausdruck sehr bekannt vor. So hatte er auch in Apotos ausgesehen, nachdem er seinen absoluten Tiefpunkt erreichte.

Nur durch Fredricks gelang es ihm wieder ins Leben einzusteigen. „Hörzu Tobi, ich weiß, dass es sehr schwer für dich ist, Emma hierzulassen. Aber überleg mal, würde sie wollen, dass man sie so sehen wird? Ich weiß, dass dieser Ort keine optimale Ruhestätte darstellt, aber wir haben keine Wahl. Lass uns Emma hier die letzte Ehre erweisen. Ich bin sicher, dass Ill dann am Lager auch noch seine Rede halten wird. Komm schon, Tobi, tu es für Emma und auch für uns. Wir werden schon noch unsere Rache bekommen“, baute Judal seinen Begleiter auf.

Der dunkelblonde Junge seufzte tief. „In Ordnung, tut mir leid, Judal. Ich habe meine Gefühle nicht mehr im Griff. Ich kann’s einfach nicht glauben, dass man sie wegen einem überteuerten Stück Kuchen zum Schweigen brachte“, meinte er. Judal klopfte ihm an der Schulter. „Komm, erweisen wir ihr die letzte Ehre“, flüsterte Judal. Gemeinsam entfernten sie die Überreste vom Kuchen und säuberten ihr halbwegs den Mund. Mittlerweile war ihr Körper schon ganz hart. Die Leichenstarrte hat wohl eingesetzt.

Sanft legten die beiden Emma wieder zurück in den Container. Dabei bewegte Tobi mit seinen Fingern ihren Mundwinkel, damit sie lächeln konnte. „Auf Wiedersehen, Emma“, flüsterte Tobi und verdeckte den Container mit dem Deckel. „Gehen wir zu Ill“, sagte Judal, nachdem sie kurzzeitig die Totenwache gehalten hatten. „Und dann ab in die Dusche, obwohl es eiskalt ist, dürfen wir nicht nach Tod riechen“, erwähnte Tobi. Sein Begleiter nickte ernst.

Sie kamen erneut an der Promenade vorbei. Sie einigten sich darauf, sie nicht zu betreten. Plötzlich stupste Tobi ihn leicht an. Sofort wandte sich Judal an ihn. „Sieh mal, dort ist Nathan“, sagte der dunkelblonde Junge und zeigte auf den sportlichen, schwarzhaarigen Nathan. „Wahrscheinlich wollte er uns abholen. Wir sind schon sehr lange fort“, murmelte Judal und freute sich, dass Nathan gekommen war. Auch er hatte sie entdeckt. Freudig überquerte er gerade den großen Zebritzstreifen, als plötzlich ein Familienauto, das zum Caféhaus unterwegs war, natürlich viel zu schnell, Nathan nicht sah und ihn mit voller Wucht anfuhr.

Bei diesem grässlichen Anblick erstarrten Judal und Tobi in Windeseile. Nathan schleuderte es gute zehn Meter davon. Auf der Stelle stieg der Vater aus dem Wagen und rannte zum schwarzhaarigen Jungen. Seine Frau rief panisch die Rettung an und es dauerte keine Minuten, bevor auch schon die Sirenen zu hören waren. Ein großer, rotweißer Krankenwagen blieb auf der Straße mit quietschenden Reifen stehen. Sofort stiegen zwei Sanitäter aus dem Wagen, zwei weitere folgten gleichzeitig. Sie untersuchten den angefahrenen Jungen.

Mittlerweile hatte sich eine große Anzahl von Schaulustigen gesammelt. Seelenruhig beobachteten sie, wie die Sanitäter verzweifelt nach Lebensanzeichen suchten. „Wir haben ihn verloren!!“, schrie der Sanitäter. Judal blieb der Mund offen. Der Sanitäter wandte sich zum Fahrer. „Sie haben ihn das Genick gebrochen!!“, brüllte dieser ihn an.

Bei dieser Meldung übergab sich Judal. Sein Begleiter hielt es ebenfalls nicht mehr aus. Sie würgten alles heraus. Der Anblick an seine toten Freunde bereitete ihm starke Übelkeiten. Schreiend rannte Judal weg, Tobi hinter ihm. Sie stürmten durch die Empire Allee, schubsten die übrigen Passanten weg, die nicht zur Straße gelaufen waren und rannte direkt zum Empire Global.

Adrenalin schoss durch ihren ganzen Körper. Wie betäubt rasten die beiden unbeirrt weiter zur Kanalisation. Tobi stürzte sich sogleich auf den Deckel, schmiss ihn mit all seiner Kraft weg und sprang übermutig einfach hinunter. Judal stürzte sich ebenfalls nach unten. Er ignorierte die starken Schmerzen, die seinen Körper zucken ließ, nachdem er dumpf auf den nassen Boden prallte.

Benommen lief der Schüler mit seinem Begleiter, stolperte jedoch häufig. Erneut übergab sich Judal. Seelisch am Ende, kämpfte er sich verbittert zum Geheimeingang, wo der Schüler leichtsinnig die morschen Holzstufen wie ein Verrückter hinaufkletterte. Oben angekommen, erblickte er Tobi, der wie ein Betrunkener zum Lager stürmte. Plötzlich wurde ihm schwindlig. Alles drehte sich um ihn, sein Kopf brummte vor Schmerzen. Er hörte verschiedene Stimmen, die in seinem Schädel rumorten, bis auf einmal alles um ihn herum schwarz wurde. Eine große Woge der Erschöpfung übernahm den Schüler und er stolperte halbtot zu Boden.


Wirre Gedanken flogen durch Judals Kopf. Alle Augenblicke blitzten die schrecklichen Bilder seiner toten Freunde auf. Ein Teufelskreis, wo er nicht mehr herauskam. Jedes Mal hörte Judal die verzweifelten Rufe seiner Kameraden, die um die Toten trauerten. Der Druck war so mächtig, dass Judal dachte, sein Schädel würde förmlich explodieren. Ihm war heiß, sehr heiß. Die Hitze machte es ihm zu schaffen.

Doch dann plötzlich Ruhe. Die grausamen Szenen tauchten nicht mehr auf. Sein Kopf war klar wie Eis, aber auch leer. Reine schwärze umgab die Umgebung. Langsam schlug Judal die Augen auf. Angenehme Wärme durchfloss seinen Körper. Die Umgebung um ihn herum war auf einmal ein pinker-violetter Raum ohne Boden oder Ähnliches. Es fühlte sich so an, als würde der Schüler mitten in der Luft schweben. Verwirrt schaute er sich um. Der sogenannte Boden sah aus wie der Himmel und umgekehrt. Der Ort besaß etwas Magisches. Als wäre er gezeichnet worden und mit glitzernden Sternen und durchsichtigen Blasen verziert.

„Hallo, Judal“, grüßte eine weiche Stimme. Der Schüler nahm keine Notiz. Vor lauter Trauer schwieg er. Augenblicklich erschien vor ihm ein kleines, pinkes Wesen mit einem langen Schweif und hübschen, blauen Augen. Erstaunt starrte Judal das Wesen an. Ihm stockte der Atem. Das pinke Wesen hielt sich seine süßen, kleinen Tatzen vor seinem Mund und lachte vergnügt. „Was bist du?“, fragte der Schüler kleinlaut. Er war überwältigt von diesem mysteriösen Treffen. Das Wesen schwebte vor sich hin, flog aber auf einmal sanft herum und amüsierte sich prächtig. „Ah, ich habe so selten Besuch. Und ausgerechnet ein kleiner Junge soll mich auffinden?“, plauderte das pinke Wesen. „Kleiner Junge?“, wiederholte Judal empört.

Erneut kicherte es entzückend. „War nur ein kleiner Witz, Judal“, meinte es und flog durch den ausgedehnten Raum. Hin und wieder verschwand es von seinem Sichtfeld, doch dann tauchte es immer ganz wo anders auf. Plötzlich erschien das Wesen hinter seinem Rücken. „Bist du etwa ein Pokémon? Was willst du von mir? Und überhaupt, woher kennst du meinen Namen?“, hob Judal verwirrt an. Auf einmal erschien das pinke Wesen vor seinem Gesicht. Unmittelbar schwebte es vor Judal. Mit seinen hübschen, hellblauen Augen blickte es Judal an, als könnte es durch sein Herz hineinsehen. Gleichdarauf lächelte es fröhlich. „Verstehe“, murmelte das Wesen. „Was?“, erwiderte Judal nervös. Ihm gefiel nicht, wie das Wesen ihn mit seinem alläugigen Blick durchbohrte.

„Du kannst mich Mew nennen. Ich habe dich in deinem Traum aufgesucht“, erklärte Mew mit ihrer sanften Stimme. „M-mew?“, stammelte Judal und sah sie fragend an. Das pinke Pokémon entfernte sich ein bisschen von ihm. „Hörzu, Judal. Du bist einer von den vier Auserwählten, die vom Schicksal bestimmt wurden“, sagte sie mit ernster Stimme. „Auserwählter? Vom Schicksal?“, echote Judal konfus. Doch bevor Mew antworten konnte, verblasste allmählich ihr kleiner Körper. Sie sah Judal mit einem verständnisvollen Blick an, bevor sie sich endgültig in Luft auflöste. Blitzartig verschwand der pinke Raum und die Schwärze bedeckte alles. Nur noch eine bekannte Stimme drang hinein. „Judal! Judal! Judal!“, rief sie verzweifelt.

Sofort riss der Schüler seine Augen auf. Verschwitzt lag er auf ein angenehmes Klappbett eingekuschelt in einem warmen Schlafsack. Judal blinzelte ein paar Male, bevor er sich umsah. Sein Freund und Anführer, Ill, beugte sich vor ihm und sah ihn erleichtert an. „Du bist wieder da“, hauchte er überglücklich. „Oh, ich habe euch viele Sorgen bereitet, nicht?“, meinte Judal und öffnete vorsichtig den Schlafsack. „Ist schon in Ordnung, ruh dich lieber noch etwas aus“, empfahl Ill, doch Judal schüttelte bereits den Kopf. „Nein, passt schon, wie geht es Tobi? Ihr habt sicherlich von ihm die schreckliche Nachricht erhalten“, murmelte Judal und wollte gerade aufstehen, als Ill ihm eine erschreckende Neuigkeit überbrachte. „Tobi ist tot“, flüsterte der rothaarige Junge und sah verstohlen zu Boden. Diese Nachricht traf den Schüler wie ein Blitz. Er schwächelte und fiel wieder aufs Bett.

„Tobi? Tot? Hättest du mir wenigstens das nicht schonender beigebracht“, keuchte der Schüler. „Tut mir leid, ich dachte, dass du halbwegs wieder fit wärst, nachdem du ganze zwei Tage durchgeschlafen hast“, meinte Ill und sah ihn besorgt an. Judals Mund war trocken. Sein Herz fühlte sich schwerer denn je. „Zwei Tage also... Wie ist Tobi gestorben?“, wollte er unbedingt wissen. „Selbstmord“, gab der Anführer zurück. „Er hat Suizid begannen?“, wiederholte der Schüler ungläubig. Sein Freund nickte ernstvoll. „Tobi hat uns einen Abschiedsbrief geschrieben, ich lese dir ihn mal vor“, erzählte Ill und kramte aus seiner orangenen Winterjacke ein gefaltetes Blatt Papier heraus. Er falte es wieder zur seiner ursprünglichen Form und begann langsam zu vorzulesen.

„Liebe Freunde!

Es tut mir wahnsinnig leid, dass ich euch auch noch Trauer bereite. Aber ich kann nicht mehr. Ich schaffe es nicht mehr. Das Leben ist zu schrecklich. Seit Ugo gestorben ist, fühle ich mich schlechter denn je, obwohl ich es mir nicht anmerken lasse, wahrscheinlich sowie die meisten von euch. Aber seit Emmas Tod fühle ich mich katastrophal. Emma, Hal, Nathan, Raphael und Ugo, Menschen die mir alles Bedeutenden sind gestorben. Mein Herz ist gebrochen, für immer. Mein Herz sehnt sich nach Emma, doch sie ist nicht mehr hier...
Ich will sie wieder sehen... und das werde ich auch. Ich werde mir heute Nacht das Leben nehmen, um dann oben, im Himmel wieder mit meinen Freunden und besonders Emma vereint zu sein. Das was man mir weggenommen hat, war zu viel und zu grausam. Diese Menschen auf diesem Planeten sind schlimmer als der letzte Dreck. Sie haben meine Emma wegen einem blöden Stück Kuchen kalt gemacht!! Unverzeihlich!
Leute, es tut mir wahnsinnig leid, dass ich euch ohne Vorwarnung verlasse! Danke für die tolle Zeit! Ill, Riccardo, Judal, Nadira, Anna, Dan... Danke für Alles!

Euer Tobi“


Judal schwieg. Verstört blickte zu Boden. Ill packte sorgfältig den Brief in seine Jackentasche. Tränen flossen aus seinen Augen. „Wir haben seinen Körper im Zelt gefunden. Anscheinend hat er sich mit dem Schal von Emma selbst erdrosselt. Tobi hatte ihn stark um den Hals gewickelt, sodass keine Luft mehr hineindrang und er somit erstickte“, schluchzte Ill. Judal sah ihn an. „Ich bringe nur schlechtes Glück. Seit ich Anführer bin, habe ich so viele wertschätzende Freunde verloren. Hal hat einen Fehler gemacht, mich als seinen Nachfolger auszuwählen“, jammerte der rothaarige Junge und ging auf die Knie und wimmerte vor sich hin.

Ich habe nie nachgedacht, wie sich Ill als Anführer fühlen muss, wenn von uns welche sterben. Dabei sollte ich ihn als guten Freund unterstützen!! Judal fasste einen Entschluss. „Ill, es ist nicht deine Schuld. Die Welt ist nun mal grausam. Lasst uns eine Gedenkfeier an unseren Verstorbenen veranstalten. Das würde uns allen guttun“, erzählte Judal und half seinen Freund auf. „Du hast recht, immer heulen bringt niemanden etwas. Allerdings hat uns Lena, seitdem du und Tobi Emma aufspüren, ähm ... gegangen seid, nicht mehr besucht. Das heißt, keine Nahrung mehr“, murmelte der Anführer. Seine Stimme klang niedergeschlagen. „Dann lass uns sie suchen gehen!“, meinte Judal fest entschlossen. „Dann gehen wir erstmal zu Ricky, er soll davon wissen“, sagte Ill und gemeinsam brachen sie auf, um ihren klugen Freund aufzusuchen.

Ein heftiger Wind peitschte Judal ins Gesicht, als er hinaustrat. Selbst das große Zelt wackelte und der Wind ließ die Schicht herumwirbeln. Die Sonne tat sich schwer, ihre warmen Strahlen durch den grauen Himmel durchsickern zu lassen. Hin und wieder verdeckten graue Wolken den hellen Stern. Hastig betraten sie Fortissimo.

Riccardo saß wie üblich vor seinem Computer und aktualisierte die Liste. „Oh, hallo“, grüßte er, nachdem seine Freunde plötzlich hineinkamen. „Hey, Ricky! Würdest du mir einen Gefallen tun?“, begann Ill gleich zu reden. Das Musikgenie musterte ihn an. „Natürlich, wir sind doch Freunde. Was kann ich für dich tun?“, gab Riccardo leicht neugierig von sich. Judal blickte ihn an. Er wirkt von außen ruhig, ruhig und gelassen wie immer. Ob er wie Ill seine Trauer hinter seinem leichten Lächeln versteckt?

„Du weißt ja, dass Lena uns jeden Tag besuchte, doch seit zwei Tagen ist das nicht mehr der Fall. Ich bin ihr sehr dankbar, dass sie und Lebensmitteln und Medikamente zu Verfügung gestellt hat. Damit haben wir die Seuche vertrieben. Und ich kann sehr gut nachvollziehen, warum sie nicht mehr kommt. Aber ich möchte unbedingt wissen, ob ich mich noch auf sie verlassen kann, denn ansonsten müssen wir wieder nach unserem alten System weiterleben. Deswegen begehen Judal und ich uns auf die Suche “, schilderte Ill sein Vorhaben. Riccardo seufzte und sah seine Freunde verständnisvoll an.

„Ich habe schon verstanden, Ill. Ich kümmere mich um alles hier, aber bitte beeilt euch mit der Suche. Und bringt wieder gute Nachrichten“, sagte das Genie und befasste sich mit seinem Computer. „Bis später, Ricky!“, verabschiedeten sich die beiden von ihm und traten ins Freie. Gleich darauf tauchten Anna und Nadira aus ihren Zelt auf und wären beinahe mit Judal und Ill zusammengestoßen. „Oh, Judal! Du bist endlich wach!“, freute sich Anna sogleich.

„Und du bist auf dem Weg zur Dusche, richtig?“, meinte Nadira und verzog das Gesicht, nachdem sie seinen Körpergeruch wahrnahm. „Sei nicht so gemein, er lag immerhin zwei Tage lang im Bett. Er wird schon bald wieder so gut wie immer riechen“, erwiderte Anna und ihre Augen blitzten schelmisch. Leicht errötet trat Judal einen Schritt zurück. „Äh, also ...“, stammelte dieser, doch Ill rette schnell die Situation. „Tut uns leid, Mädels, aber wir haben es ziemlich eilig. Wir suchen nach Lena“, erwähnte der rothaarige Junge und zog Judal mit sich, doch die Mädchen versperrten den Weg.

„Momentmal! Lena? Wenn sie nicht mehr herkommt, dann soll es so bleiben. Ich für meinen Teil lebe lieber ohne ihre Hilfe“, knurrte Nadira feindselig. Judal war sprachlos. Er konnte nicht glauben, was er zu hören bekam. „Naja, so schlimm ist sie nun auch wieder nicht“, mischte sich Anna ein, nachdem sie von Judals Gesichtsausdruck ablas. „Hört zu, Ill und ich werden sie persönlich fragen, was sie noch vorhat und was nicht, danach kommen wir ganz normal zurück, und ja, ich gehe mich dann duschen, versprochen!!“, sagte Judal entschlossen und bahnte sich seinen Weg. Ill folgte ihm lachend. Beide Mädchen standen mit offenem Munde da.

Sie stapften durch das nasse Gras, wo sich durch die kühle Luft auch Matschpfützen bildete. Mit einem unangenehmen und kalten Gefühl wanderten sie motiviert zum Geheimgang. Rasch hüpften sie die schon deutlich zu sehenden morschen Holzstufen hinunter. Das feuchte Wetter tat ihnen nicht gut. Judal schob gemeinsam mit Ill die Wand nach vorne, bis sie umkippte. Um sich aufzuwärmen, entschieden sich die beiden für ein kleines Wettrennen bis zur ersten Leiter. Doch keine zwanzig Meter bezwungen, rutschte Judal aus und landete mit dem Hintern auf den kalten und nassen Boden. Ein Schauder lief ihm durch den gesamten Körper. Jetzt konnte er es gar nicht mehr erwarten, zu duschen.

„Zum Glück warst du nicht vorher duschen, sonst wäre alles für ‘n Mauzi gewesen“, neckte Ill und half dem schwarzhaarigen Jungen auf. Dieser schüttelte sich kräftig. „Wie auch immer“, brummte Judal. Zusammen marschierten sie weiter, kamen auch schon bald an der Leiter an und stiegen hinauf. Als sie zur Oberfläche gelangen, bemerkte Judal die ersten Regentropfen. „Jetzt auch noch Regen“, knurrte dieser, nachdem Ill sich zu ihm gesellte. Die grauen Wolken hatten komplett den gesamten Himmel bedeckte und recht bald folgte ein Regenschauer.

Ein dumpfes Donnergrollen war kurzzeitig zu hören. „Fantastisch“, seufzte Ill und fuhr sich durch seine nassen Haare. „Ein böses Omen.“ Judal sah in fragwürdig an. „Seit wann bist du abergläubisch? Hast du etwa eine Bibel bei Ricky gefunden?“, zog Judal ihn auf. „Ich bin nicht abergläubisch, nur realistisch. Aber meistens bedeutet ein schlechtes Wetter nichts Gutes. Zum Beispiel, als ich noch die nervige Schule besuchte, da hatte ich bei der Matheschularbeit ein schlechtes Gewissen. Und siehe da, am Nachmittag hatte es wie wahnsinnig geschüttet. Ein paar Tage später erhielt ich meine tolle Arbeit zurück und hatte so ziemlich gar keine Punkte erzielt“, erzählte Ill und lachte dann. „Klingt nicht gerade sehr aufbauend für unsere Suche“, murmelte Judal und grinste.

„Wo fangen wir eigentlich mit der Suche überhaupt an?“, hob der rothaarige Junge an. „Naja, möglicherweise gehen wir zur dieser alten Apotheke od- “, Ill unterbrach ihn sofort. „Sieh mal, dort ist sie!“, zischte er und zeigte auf ein blondes Mädchen, welches sich gerade unter einem Regenschirm einer fremden Person stellte. „Du hast recht, das ist sie“, flüsterte der Schüler. Doch wer war die fremde Person, mit der sich Lena einen Schirm teilte? Gebannt starrte er auf die Zwei. „Und jetzt?“, holte Ill seinen Freund aus seinen Gedanken zurück, „Auf sie zurasen und ihren Namen lautstark brüllen?“

Judal kratzte sich am Kopf. „Wir verfolgen sie. Ich bin mir sicher, dass sich dann alles von selbst klären wird“, redete Judal und sein Gesicht verzog sich finster. Besorgt sah Ill seinen Freund an, schwieg allerdings. Ohne lange nachzudenken, schossen die beiden davon und rannten direkt auf Lena hinzu. Der Fremde legte seinen Arm um ihre Taille und zog sie näher an sich heran. Dies machte Judal äußerst Eifersüchtig. Er platzte vor Neid. Er wandelte seine Eifersucht in Wut um. Zornig raste er weiter, erhöhte sein Tempo und überquerte unvorsichtig die erste breite Straße. Nur knapp verfehlte ihn ein Lastkraftwagen.

Der Fahrer hupte mürrisch und beschimpfte den Schüler, doch der ignorierte seine Bemerkungen. Ill versuchte mitzuhalten, doch vor der Straße blieb er stehen, bis die Luft rein war und kurzfristig keine Fahrzeuge herumfuhren. Hastig lief er über die dreispurige Straße. Mittlerweile waren die breiten Straßen und die weißbemalten Gehsteige pitschnass, genauso wie die zwei Jugendlichen. In der Zwischenzeit hatte Judal den meisten Vorsprung von Lena aufgeholt und zog sich daher ein bisschen in einer Seitengasse zurück. Nun hatte auch Ill Judal erreicht.

„Willst du etwa abkratzen, du Idiot?!“, fuhr er ihn gleich leise an. Allmählich war Judal wieder heruntergekommen und beruhigte sich. „Es tut mir leid, ich konnte nicht anders“, gestand der schwarzhaarige Junge und schämte sich für seine nicht durchdachte Aktion. Doch schon bald ruhten ihre Augen auf das paarwirkende Team. „Ich kenne diesen Weg, sie wollen zum Empire Global“, vermutete Judal kleinlaut und die beiden folgten ihrer Spur. Tatsächlich waren sie auf dem Weg zum Zentrum der Stadt. Aus der Ferne konnte Judal schon das hübsche, goldene Wahrzeichen der Hauptstadt erkennen. Doch Lena und ihr Begleiter gingen an dem Globus vorbei und zogen weiter nach Norden. Dort hinten befand sich der berühmte Nationalpark. Allerdings war er heute einmal nicht so zahlreich besucht, da das schlechte Wetter dafür sorgte, dass die meisten Leute ihren Sonntag zu Hause verbrachten.

Geschwind eilten Judal und Ill zum Globus. „Prächtig wie immer“, bemerkte Ill. „Jaja, einfach fantastisch, dieser goldene Kerl“, knurrte Judal mürrisch. Hinter dem Globus hielten Lena und der Fremde an. Auf einmal nahm die fremde Person den Regenschirm runter und drückte das blonde Mädchen ganz nah an sich heran. Beide sahen sich tief in die Augen. Danach küsste der Junge, der eine rundliche Schädelform besaß, das Mädchen vor Judals Augen.

Dieser Junge mit einem schlechten Haarschnitt, der seine braunen Haare nur in der Mitte aufgestellt hatte und rechts und links kahl war, küsste Lena. Das Mädchen aus Judals Träumen wurde von einem fremden Jungen geküsst und das direkt vor seiner Nase. Dieser Anblick brannte sich in sein Gedächtnis. Sein Herz zerriss es buchstäblich. Er hatte genug gesehen. Benommen wandte er sich von denen ab und torkelte nach Hause. Ill sah ihn besorgend erregt an.

Ill hatte immer gewusst, was sein Freund für dieses Mädchen empfand, obwohl er es nie gestanden hatte. Er wünschte sich, dass Judal diese Schmerzen erspart sein würde. Führsorglich gesellte er sich zu seinem Freund und versuchte ihm beizustehen. „Ill, du hattest wieder einmal recht. So ein Wetter bringt tatsächlich Unglück“, murmelte Judal niedergeschlagen. Sein Freund schwieg. Ratlos spazierte er durch den Regen neben seinem getrübten Freund.

„Weißt du, ich bin ihr nicht einmal böse. Ich kann sie sehr gut verstehen, warum sie keine Lust auf uns mehr hat. Wir sind arme Leute, kein Geld und keine Zukunft. Wir leben in zwei verschiedenen Welten. Anscheinend war ihr dieser hässliche Typ wichtiger als ich. Ich habe die Schnauze voll von dieser Welt und derer Menschen. Ab sofort vertraue ich nur noch meinen wenigen Freunde und mir selbst. Der Rest soll zur Hölle fahren“, flüsterte Judal mit einer kalten Stimme. Ill wusste kein Rat. Sein Herz war gebrochen – dafür gab es kein Heilmittel. Nur die Zeit konnte seine Schmerzen lindern. „Gehen wir nach Hause und verkünden die frohe Botschaft“, murmelte Judal schadensfroh.


Warmes Wasser floss seinen Rücken hinunter. Judal befand sich in der selbstgebauten Dusche. Sie war umringt von alten, dunkelbraunen Zäunen und bot daher nicht viel Platz für eine Einzelperson. Das Wasser selbst kam aus einer alten Röhre, die anstelle eines Duschkopfs unprofessionell montiert war. Wie gelähmt stand Judal schon seit einer guten halben Stunde unter dem warmen Wasserfall und versuchte den grässlichen Anblick, der sein Herz in Stücke zerfetzte, zu vergessen.

Die Nacht brach über die Stadt herein. Der Regen hielt allerdings immer noch an. Endlich wagte Judal, das Wasser abzudrehen, zog sich depressiv seinen vom Regen durchnässten Pyjama an, den er oben auf den Zaun hingen ließ und marschierte barfuß zu seinem Zelt. Anna und Nadira befanden sich draußen, genauso wie Ill, Riccardo und Dan. Trotz des Regens, der es verhinderte, ein Lagerfeuer zu veranstalten, hielten sie gerade die vorgeschlagene Gedenkfeier ab. Der Schüler trocknete sich seine Füße mit einem Handtuch von einem der Mädchen ab. Gleichzeitig säuberte er auch so seine Füße von dem Matsch. Dreck und ein paar Grashalme pickten an dem Handtuch. Danach zog er sich schleunigst seinen Pyjama aus und trocknete sich mit dem anderen sauberen Handtuch der Mädchen und holte erstmals tief Luft.

Demotiviert zog sich der schwarzhaarige Junge anschließend seine frischgewaschenen Klamotten an. Judal überprüfte rasch seinen Abschiedsbrief, bevor er sich aus dem Zelt wagte. Dabei verlor er eine Träne. Sie tropfte auf das Papier und hinterließ einen großen Fleck, verschmierte allerdings nicht die Schrift, da nicht allzu viel Text stand.

Sanft legte er den Brief auf den rosa Schlafsack von Anna. Hastig packte er seinen feuchten Pyjama ein, überprüfte die Anzahl der Pokébälle und verließ unauffällig das pinke Zelt. Wie ein Ninja schlich sich der schwarzhaarige Junge zum letzten Mal zum Geheimgang. Doch zu seiner Überraschung stand Ill schon dort und schien darauf gewartet zu haben, dass Judal sich heimlich davonschlich. „Du gehst, ohne dich zu verabschieden?“, warf der rothaarige Junge ihm gleich vor. Judal sah weg.

„Bitte, lass mich gehen, Ill. Ich habe meinen Entschluss schon gefasst. Der Abschiedsbrief liegt im pinken Zelt. Ich weiß, dass mich die anderen dafür hassen werden, wenn ich ohne ein letztes Wort gesagt zu haben, abhaue. Aber ich kann mich einfach nicht von euch trennen“, flüsterte Judal und bekam feuchte Augen. Ill lächelte und auch seine Augen sammelten Tränen.

„Ill, danke! Danke, dass ihr mich damals aufgenommen habt. Ohne euch wäre ich vermutlich total unglücklich! Aber dank euch hatte ich Spaß im Leben! Doch ich weiß, dass ich nicht für immer hierbleiben kann. Ich habe mich dazu entschieden, euch zu verlassen! Ich werde in die Welt hinausgehen, als Indra Hunter und werde Champ der Unorga Region! Gib mir nur zwei Jahre, und ich werde als Champion wieder zurückkehren und euch alle hier rausholen! Bitte geduldet euch noch ein wenig“, schwor Judal entschlossen.

„Indra Hunter, eh?“, meldete sich eine Stimme von hinten. Riccardo! Warum ist er hier? „Also Judal, echt jetzt, abhauen, ohne Bescheid zu geben? Das sieht dir aber gar nicht ähnlich!“, warf Nadira ihm vor, die plötzlich mit den anderen hinter ihm auftauchten. Nun marschierte Ill, der Anführer, zu seinen Freunden. Alle standen hinter Judal.

„Judal Guhl!“, hob Ill selbstbewusst an. „Hiermit erlaube ich dir, deine eigene Reise anzutreten! Wir, der ab sofort sogenannte Phoenix Clan, stehen dir immer zur Seite!!!“, jubelte Ill und die anderen fielen mit ein. Riccardo trat aus der Menge und streckte Judal ihm sein Poketech entgegen. „Als Trainer wirst du denn brauchen. Ich habe, als du duschen warst, einen Trainerpass installiert. Ill hatte schon geahnt, dass du bald von hier gehen wirst. Den Namen darfst du selber eingeben“, erklärte Riccardo freundlich. Dankbar und voller Tränen nahm Judal seinen Poketech an und befestigte es an seinem Arm. „Ill, Riccardo, Nadira, Anna, Dan .... Ich danke euch für Alles!“, jaulte Judal und sah danach zum regnerischem Himmel. „Und euch auch, Hal, Ugo, Raphael, Emma, Nathan, Tobi!“

Jeder einzelne vom Phoenix Clan trat vor und verabschiedete sich persönlich von Judal Guhl. „Bis bald Dan. Du bist ein netter und toller Kerl, bleib wie du bist“, redete Judal und schüttelte die Hand des blonden Jungen. „Nadira und Anna, ihr zwei seid immer noch die hübschesten Mädchen. Ich hoffe, wir sehen uns wieder“, meinte de schwarzhaarige Junge. „Natürlich du Blödmann!“, scherzte Nadira. „Bis bald, Judal“, flüsterte Anna und umarmte ihn. „Ill, Riccardo, ihr zwei seid die besten Freunde, die man sich wünschen kann. Danke für Alles“, flüsterte Judal und wischte sich die Tränen ab.

„Komm bald wieder Heim“, sagte Riccardo mit feuchten Augen. „Wehe, du verbockst es! Nein Spaß, wann immer du kannst und willst, bitte komm uns besuchen, selbst wenn du nicht Champ bist“, flehte Ill. „Das werde ich!“, versprach Judal selbstbewusst. „Judal“, hob Ill im Flüsterton an, „Pass auf dich auf. Die Leute da draußen werden deine schlimmsten Feinde sein. Sie werden dich verprügeln, auf dich einschlagen und dir eintrichtern, dass es fair ist.“ „Verstehe, ich werde es ihnen alle heimzahlen und diese Welt verändern“, flüsterte der schwarzhaarige Junge. Danach nahm Ill eine hübsche, silberne Halskette aus seiner Tasche und reichte es Judal.

„Hier, der Silberne Scharfzahn. Denn habe ich von Hal geschenkt bekommen, als er und ich alleine im Zelt waren, wo er schon im Sterbebett lag. Er meinte, dass das ein Symbol der Weisheit, Stärke und Mut sei. Sollte ich nicht weiterwissen, könnte ich ihn sogar verkaufen, da er aus echtem Silber besteht. Natürlich konnte ich ihn nicht einfach verkaufen, selbst wenn es bedeutet, dass es nichts zum Essen gibt, er erinnert mich einfach zu stark an Hal und an euch. Nun schenke ich ihn dir, damit der Silberne Scharfzahn dich an uns erinnert“, erzählte Ill mit einem Lächeln.
„Hübsch er ist er auf jeden Fall“, bemerkte Riccardo und lachte ein bisschen. Dankbar nahm Judal die Halskette und legte es sich gleich um den Hals.

„Bis bald, Judal!“, sagte Ill und gab Judal ein letztes Mal die Hand. Mittlerweile hörte es sogar auf zu regnen. Erneut verabschiedete sich Judal von seinen Freunden, nein, von seiner Familie und stieg langsam die alten Holzstufen hinunter. „Auf Wiedersehen! Judal Guhl!!“, rief seine Familie, bevor er den Geheimeingang verschloss. Zufrieden lächelte Judal und schwelgte kurz in der Vergangenheit. Alles was er mit seiner neuen Familie erlebt hatte, würde für immer in seinem Herzen bleiben.

Ill, Riccardo, Anna, Nadira, Dan, Tobi, Emma, Nathan, Raphael, Ugo, Hal.
Ich werde euch nie vergessen!
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Re: Auf in die Welt - Specials

#1300791 von KleinKokuna
29.12.2017, 17:41
So, die ersten sechs Abschnitte deiner Lebensgeschichte über Judal alias Indra Hunter, hab sich schon mal gelesen und finde sie richtig interessant :)! Vor allem die ersten zwei Teile lesen sich wie ein Alptraum: Richtig 'schön' verstörend und wütend machend, wie da mit dem armen Jungen, der gar nicht begreift wie ihm geschieht, umgegangen wurde :~. Da ahnt man auch schon, dass diese Erlebnisse wahrscheinlich insgeheim den Grundstein für Judals zweite, dunkle Persönlichkeit gelegt haben.

Die Sache mit Geckarbor und der Verknüpfung mit Judals Erinnerungen fand ich gut gemacht, wie auch deine Darstellung von Waumpel - richtig fiese Viecher, echt genial xD!

Allgemein gefällt mir Judals bisherige Reise in deine Region und alles, was er auf dieser erlebt, ziemlich gut. Wenngleich es auch dort weiterhin eher düster bleibt, wie man bei der Wahl seines Schiffes oder dem Überfall von Team Alpha deutlich sehen kann. Aber immerhin hat er ja nun zwei treue Gefährten gewonnen und im sympathischen Fredericks wenigstens schonmal eine Person getroffen, die ihm geholfen und aufgebaut hat. -Der Abschied zwischen den beiden war richtig rührend.

Jetzt bin ich selbstredend gespannt, wie es mit Judal weitergeht und will so bald wie möglich auch den Rest lesen :).
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Re: Auf in die Welt - Specials

#1300881 von Donnerkralle
30.12.2017, 22:21
Vielen Dank für deinen Kommentar :)

Ich muss zugeben, dass ich am Anfang Schwierigkeiten hatte, wie ich am besten hineinstarte. Naja, irgendwie habe ich dann noch angefangen. Zuerst fand ich selber, dass es etwas zu 'brutal' zugeht, aber mir fiel nichts Besseres ein und wollte es nicht mehr ändern, weil ich etwas gebraucht habe, dass seinen Hass entflammt, wie du schon gesagt hast :tja:

Meiner Meinung nach wird es ab dem Zeitpunkt, wo Judal zum ersten Mal Empire City kennen lernt, richtig spannend. Und der gute Ill bekommt schließlich auch noch eine wichtige Rolle. Außerdem habe ich (relativ am Ende) eine Szene gesetzt, welches dann in der Hauptgeschichte schon bald eine zentrale Rolle einnehmen wird.

Ansonsten werde ich in Zukunft hin und wieder kleine Spezialgeschichten schreiben, um wichtige Fragen von der Hauptstory zu beantworten.
Viel Spaß noch beim Lesen!
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Re: Auf in die Welt - Specials

#1300928 von KleinKokuna
31.12.2017, 19:06
So, hab mir den Sonntag nun auch für den Rest deiner Geschichte Zeit genommen und muss sagen, das ich begeistert wie ergriffen bin :~ !

Du hast schon Recht mit deiner Aussage, dass es ab der Ankunft in Empire City erst so richtig spannend wird. Ich finde es eine echt schöne Idee, wie Judal Ill und die ganze Gruppe von Waisenkinder kennenlernt und in ihre Gruppe aufgenommen wird, was sie alles Spannendes erleben, wie viel Spaß sie, trotz der prekären Lage, immer wieder haben. Genauso wie du dir die Mühe gemacht hast, die einzelnen Mitglieder und ihre Talente bzw. Aufgaben zu beschreiben - man merkt richtig, dass du Spaß dabei hattest dir deine 'Truppe' auszudenken :D! (Ich musste dabei an das Buch 'Die rote Zora und ihre Bande' sowie ein wenig an die 'Warrior Cats' Bücher denken^^.)

Umso trauriger und ergreifender sind dann all die schlimmen Schicksalsschläge, die Judal und die anderen erleiden müssen und die noch deutlicher machen, wie aus Judal die Persönlichkeit wurde, die er in deiner FF darstellt; da war mir selber übrigens auch ganz unwohl bei diesen Stellen :cry: ...

An dieser Stelle möchte ich aber deine deutliche Gesellschaftskritik lobend hervorheben, die du in deine FF anhand des Schicksals der Waisenkinder eingebaut hast. Denn wenn wir ehrlich sind, gehen doch auch heutzutage immer noch zu viele Menschen äußerst herzlos mit den schwächsten der Schwachem am Rand der Gesellschaft um und sehen in ihnen nur Störenfriede, wenn sie in ihrer Not zu stehlen beginnen und man sie dann nicht mehr ignorieren kann :twisted: . (Wenn ich an manchen Zeitungsartikel zurückdenke muss ich traurigerweise auch sagen, dass Emmas Schicksal leider alles andere als überzogen ist...)

Die Prophezeiung von Mew gegen Ende macht mich aber auch wieder neugierig, denn wenn ich mich recht erinnere, hatte es ja auch schon in deiner Haupt-FF eine kleine Rolle inne. Zudem hat es etwas tröstliches an sich, dass zumindest das Legendäre auch versteht, wie es in Judal aussieht.

Der Abschied am Schluss von Judal und seiner Familie um Ill war dann nochmal richtig rührend und lässt in mir die Hoffnung aufkeimen, dass das Ende vielleicht ja wieder halbwegs versöhnlich und gut sein wird. Jedenfalls bin ich sehr gespannt, wie es in deiner Hauptgeschichte weitergeht bzw. was für Specials noch kommen werden :)! Für dieses hier aber ganz klar Daumen hoch 8)!

P.S: Eine kleine Kritik aus Spaß will ich mir aber nicht verkneifen: Mit dieser facettenreichen Vorgeschichte spielt Judal deine beiden eigentlichen Hauptcharas für den Moment glatt an die Wand xD!
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Re: Auf in die Welt - Specials

#1300936 von Donnerkralle
31.12.2017, 22:19
Wow...o_O...hätte nicht damit gerechnet, dass dir das Special so gut gefällt. Da hat sich die Mühe (hoffentlich) gelohnt. Auf jeden Fall Dankeschön für deinen tollen Beitrag.

Du hast es erraten! Tatsächlich hat es mir ungeheuerlich großen Spaß gemacht, die einzelnen Mitglieder zu beschreiben. Und da ich ja schon viele Warrior Cats Bücher gelesen habe, so habe ich mich davon inspirieren lassen (mit den einzelnen Aufgaben für jeden und dem Lager der Truppe, sowie das Mew Judal in seinem Träumen aufsucht und eine 'Prophezeiung' mitbringt ^^).

Als ich dann über das Leben der Waisenkinder schrieb, so musste ich einfach an unsere Welt denken. Ich bin immer noch der Meinung, dass es eine zu große Ungerechtigkeit herrscht, und wollte es in meiner Geschichte zum Ausdruck bringen.

Meine Hauptgeschichte wird dann schon recht bald fortgesetzt und für die nächsten Kapiteln ist schon eine Menge geplant. Ich kann schon mal verraten, dass beim Auswahlturnier viel geschehen wird und Team Alpha was Großes plant ^^

Außerdem scheint es so, dass ich Leon und Marco wieder ins Rampenlicht stellen muss, sonst übernimmt Judal/Indra ihre Rolle :D

Und natürlich wünsche ich allen ein Frohes Neues Jahr, sowie einen guten Rutsch ins neue Jahr 2018!
:klee: :bier:
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