Schreibe eigene Geschichten über Pokémon und deine Lieblings-Charaktere.

(Kapitel V ist da) Die Stimme ...

#1302582 von empyrean dreamer
20.02.2018, 12:55
Die Stimme der Drachen

Inhalt: Eine chaotische, junge Drachenzähmerin bricht auf, um Hoenn zu durchstreifen und die Geheimnisse der Drachen zu ergründen. Indes begibt sich ein naives, übermütiges Latias auf eine ganz eigene Reise. Wenn sich die Wege der beiden Suchenden kreuzen und Latias telepathischen Kontakt zu dem Menschen knüpft, nehmen große Abenteuer ihren Anfang.

Altersempfehlung: 13+


Hi!
Nach langer Zeit habe ich mal wieder eine Geschichte begonnen, nachdem mich die Inspiration dafür überraschend überkam. Ich hoffe, mein erstes Kapitel gefällt euch. ^^

Kapitel 1: Die Wildheit des Waldes

Das Sonnenlicht zwängte sich derart durch das Laubdach des Blütenburgwaldes, dass es beinahe greifbar wirkte. Unter dem Baldachin aus Blättern ging ich auf einem unbefestigten, erdigen Pfad voran, von uralten, moosbewachsenen Bäumen umgeben. Die geradezu mystische Stimmung des Waldes gab mir ein beflügelndes Gefühl von Abenteuerlust. Immerhin war heute der Tag, dem ich seit Kindergartentagen entgegen fieberte – der erste Tag meiner Pokémonreise! Ich war zu einer jungen Frau herangewachsen, die aufbrach, um ihre Träume zu verwirklichen.

Ab und an kreuzten Spaziergänger meinen Weg. Gut gelaunt grüßte ich jeden von ihnen. Ein lässig gekleideter Passant mit Dreitagebart und Geheimratsecken erwiderte auf mein beschwingtes „Hi!“ nur: „Magst wohl Drachen, was?“ Er hob die Hand zum Abschied, ging vorüber und ich warf flüchtig einen amüsierten Blick herab auf meine heutige Garderobe. Mein weit geschnittenes Shirt – welches ein wenig kaschierte, dass ich nicht die Schlankste war – zeigte das Motiv eines weißen, gefiederten Drachen: Reshiram, der aus einem Flammenmeer emporstieg. Meine offene Sweatjacke zierten generische Tribal-Drachenmuster. An meiner Halskette hing ein silbern verschlungener Rayquaza-Anhänger und an meinem Rucksack baumelte ein Plüsch-Giratina. Meine Jeanshose war drachenlos, meine sportlichen Stiefel hingegen waren mit einer durchscheinend blauen Schuppenhaut überzogen: Die Haut, die Dratini bei seinem Wachstum abstreift, ist ein begehrtes Naturmaterial für luxuriöse Schuhe. Eigentlich finde ich Schuhe gleichauf mit Mathematik und Wirtschaftslehre das Langweiligste, was es auf unserer faszinierenden Welt gibt. Aber über dieses Geschenk meines Großvaters zu meinem Abschluss der Trainerschule hatte ich mich wie ein kleines Kind gefreut. Schließlich vergötterte ich Drachen geradezu. Und jetzt war ich endlich, endlich unterwegs, um die entlegenen Orte aufzusuchen, an welchen jene großartigen Geschöpfe noch lebten.
Ich wollte Drachen verschiedener Arten einfangen und zähmen. Ich wollte sie trainieren und ihre Geheimnisse ergründen. Ich wollte mein Wissen und die Stärke meiner Drachen in den Kampfarenen Hoenns auf die Probe stellen.

Hier und dort sah ich ein Waumpel, das eifrig einen Baumstamm hinauf oder hinab kletterte oder sich, auf einem Ast sitzend, an der Blätterpracht gütlich tat. Einmal erhaschte ich auch den Blick auf ein Knilz, das rasch im Bodenlaub verschwand wie ein heimlicher Waldgeist. Die schrillen, kurzen Rufe der Schwalbini tönten gelegentlich aus den Wipfeln. Vielleicht ein halber Nachmittag war seit meinem Aufbruch von Zuhause vergangen, als in tänzelndem Flug ein Papinella hinter einem Dickicht aus hohen Farnen hervorkam. Die schwarz und farbenfroh gemusterten Flügel des großen Schmetterlings boten einen herrlichen Kontrast zu seiner wilden Umgebung. Und eine gewisse Wildheit lag auch in seinen runden, himmelblauen Augen, als er mich wahrnahm und mich durchdringend ansah. Dieses Wesen war anders als die übrigen Waldbewohner, denen ich heute begegnet war. Trotz seiner Eleganz besaß es die Ausstrahlung eines Kämpfers. Und so war es meine Entscheidung aus dem Bauch heraus, meinen bislang einzigen bewohnten Pokéball zu zücken und das Geschöpf darin durch Betätigung des Knopfes hinaus auf den Waldweg zu schicken.

„Papinella, wir fordern dich heraus“, sagte ich so bestimmt wie möglich und hielt dem Blick des wilden Pokémon fest stand, während sich mein eigenes Dratini aus einem roten Energiestrahl materialisierte. Da „Atlantis“ noch ein Jungtier war, besaß er weiche Schuppen und kaum einen Meter zwanzig Körperlänge.
In seinen Augen lag ein entschlossenes Funkeln, als sie seinen Gegner fixierten. Sein Schwanz peitschte in aufgeregter Erwartung.
Er war seit nunmehr sechs Wochen an meiner Seite – ich kaufte ihn bei einem renommierten Züchter aus Sinnoh, nachdem ich jahrelang für das Drachenjunge gespart hatte. Doch hier und jetzt begann unser erster gemeinsamer Kampf – bisher kannten wir lediglich das Training ohne tatsächliche Gegner.
Papinella ließ sich nicht zweimal bitten. Rasch flatterte es ein Stück weit auf Atlantis zu, hielt dann in der Luft inne und fing an, in einem Rüttelflug sehr kräftig mit den Flügeln zu schlagen.
„Atlantis, setz Windhose ein!“, befahl ich. Mein Pokémon schlängelte daraufhin flink in einem engen Kreis herum, bis innerhalb weniger Herzschläge die Luft in dessen Innerem zu wirbeln begann. Atlantis drückte seinen schlangenhaften Leib flach auf den Waldboden, als er den wirbelnden Wind mit schierer Willenskraft über sich selbst hinweg zu Papinella wehen ließ. Die Windhose entriss den umstehenden Pflanzen indes die Blätter sowie kleine Zweige und nahm sie in sich auf.
Die Schmetterlingsschwingen schlugen noch hektischer, um dem Sog des Miniatursturmes standzuhalten, der auch an mir, meiner Kleidung und meinem üppigen, dunkelbraunen Haar zog – und damit entfesselte Papinella endlich seine eigene Attacke. Ein silbrig schimmernder Windstoß schien geradewegs aus seinen Flügeln zu brausen. Der Silberhauch zerschlug Dratinis Sturm mit immenser Wucht, hob den Seedrachen in die Luft. Ich legte instinktiv den Arm vor mein Gesicht und taumelte zwei Schritte zurück, als auch mich – obgleich weniger stark – silberner wie farbloser Wind traf. Zweige schleuderten mir entgegen; einer streifte meine Hand und schrammte sie. Dann verging der Wind urplötzlich.
Atlantis fiel aus ungefährer Manneshöhe zur Erde. Er klatschte auf den hell geschuppten Bauch und ich zuckte zusammen. Doch tapfer hob Atlantis den rundschnäuzigen Kopf sogleich wieder, wenn auch Schmerz in seinen Augen lag.
Papinella stürzte sich auf seinen geschwächten Herausforderer hernieder, während es einen hellen, zittrigen, aggressiven Ruf vernehmen ließ. Atlantis schaute treuherzig zu mir auf, meinen Befehl erwartend.
Aber meine Nervosität wegen unserer misslichen Lage brachte mich vollkommen aus dem Konzept. Wäre es klüger, mein Pokémon ausweichen oder es mit einem Gegenangriff kontern zu lassen? Ich wusste es nicht, konnte keine Entscheidung treffen. Meine Gedanken waren wie gelähmt. Was sollte ich tun?
Papinellas chitingepanzerte Stirn rammte seitlich Atlantis‘ Hals. Der Aufprall des Tackles warf den jungen Drachen zu Boden. Dort blieb er benommen liegen, die Lider halb geschlossen, und rührte sich nicht.
Papinella landete anmutig neben seinem besiegten Gegner. Blitzschnell rollte es seinen langen, dünnen, spiralförmig gewundenen Rüssel aus. Dieser endete in dem spitz zulaufenden Mund des Falters – einem harten, sehr filigranen Schnabel, der erkennen ließ, dass das Insekt mehr als bloß Nektar fraß.
Und dann stieß Papinellas Rüssel gezielt wie ein Dolch auf Dratinis entblößt daliegende Kehle zu.

Da erfasste ich mein Pokémon – in allerletzter Sekunde – mit dem roten Strahl seines Pokéballs, sodass Atlantis sofort entmaterialisiert und in die Sicherheit des Balls zurückbefördert wurde. Papinellas tödliche Mundwerkzeuge stießen ins Leere. Es wandte sich zu mir um und starrte unverwandt den Pokéball in meiner Hand an. Einige Momente verstrichen, in denen das wilde Waldgeschöpf und ich beide bewegungslos dastanden. Letztlich erhob sich Papinella wieder in die Lüfte, wandte sich um und flatterte schlichtweg davon, entschwand in die reiche Vegetation.

Ich ließ mich auf einen knorrigen Ast sinken, der am Wegesrand lag. Aufgewühlt sah ich in das endlos erscheinende Grün, ohne wirklich irgendetwas zu betrachten. Meine Hände bebten und mein Herz pochte spürbar. Meine eigene Niederlage kümmerte mich kaum. Ohnehin hätte ich Papinella nicht eingefangen, selbst wenn ich es hätte schwächen können; es war ein interessantes Pokémon, aber nun mal kein Drache. Nein, was mich bestürzte, war, dass mein kleiner Atlantis besiegt und beinahe getötet wurde, nur weil ich zu dumm war, ihm eine rechtzeitige Anweisung zu geben!
Und war es nicht grundsätzlich eine fahrlässige Aktion, ein Jungtier in den Kampf gegen einen ungezähmten Prädator zu schicken? Wildlebende Pokémon spielen nicht nach den Regeln der Pokémonliga; das jedoch hatte ich nicht bedacht, als ich Papinella so leichtsinnig herausforderte…

Ich blickte auf den Pokéball, den ich noch immer in der Hand hielt. Die kleine Schramme auf meinem Handrücken war nichts im Vergleich zu den Schmerzen, die Atlantis bereitwillig in unserem ersten Kampf ertragen hatte. Pokémon und Trainer agierten im Kampf zwar als Duo, aber das Pokémon nahm zweifellos stets das ungemein größere Opfer auf sich: Es kämpfte tatsächlich für den Sieg und scheute dabei weder Anstrengung noch Schmerz, während der Trainer lediglich vom Rande des Kampffeldes aus Befehle erteilte. Da trug man als Mensch doch zumindest die Verantwortung, sein mutiges Team mit einer klugen Strategie so gut wie möglich anzuleiten…!
Allerdings wusste ich jetzt, dass es nicht genügte, die strategische Theorie zu beherrschen – das Wichtigste war wohl, im Kampf schnell reagieren zu können, und das erschien mir wie eine viel schwierigere Disziplin.

Ich öffnete den Pokéball und Atlantis nahm auf meinem Schoss seine materielle Gestalt an. Er schmiegte sich schwach an meinen Bauch und zitterte.
„Shhhh“, machte ich und streichelte ihm behutsam über den Kopf. „Alles ist gut. Das böse Pokémon ist fortgeflogen. Es wird dir nichts antun.“
Für eine Weile saßen wir still auf dem Ast. Ich streichelte mein Drachenjunges nur und allmählich ließ sein Zittern nach. Irgendwann gab es einen leisen, bekümmerten Laut von sich und sah mich nun mehr unglücklich als ängstlich an.
„Bist du traurig, weil wir verloren haben?“, fragte ich.
Atlantis nickte. Das Schuldgefühl versetzte meinem Herz einen Stich.
„Du, das war dein allererster Kampf!“, betonte ich und lächelte gezwungen. „Und dafür warst du einfach klasse, mein Kleiner! Hätte ich dich vernünftig angewiesen, hättest du gewinnen können. Darf ich dich mal genau anschauen? Ich bin vorsichtig.“
Atlantis nickte abermals; sein Blick war jetzt unergründlich. Ich hob ihn behutsam hoch und besah seinen Hals- und Bauchbereich: An mehreren Stellen bildeten sich schon violette Blutergüsse. Ich seufzte, setzte den Drachen wieder auf meinen Schoß und nahm den Rucksack von meinem Rücken, um in dem für mich typischen, heillosen Durcheinander im Innenraum nach einem Trank zu wühlen.
Gerade schob ich auf meiner Suche in meinem kleinen Reich des Chaos ungeduldig Zeichenutensilien und Kartoffelsnacks beiseite, als auf einmal ein heller Schrei voller Angst und Leid die würzige Waldluft zerriss und mich zusammenfahren ließ.

Der Schrei schien aus dem Himmel herab zu tönen, aber gehörte er einem Pokémon oder einem Kind? Ich sah hinauf, doch durch das Blätterdach hindurch konnte ich nur wenige Fetzen Himmelblau erkennen.
Ein zweites Mal erklang der Schrei und Atlantis schlängelte verängstigt unter meine Jacke.

Hört mich irgendjemand? Hilfe!, erreichte mich zeitgleich ein verzweifelter Ruf. Diesen jedoch vernahm ich nicht mit den Ohren. Nein, er drang direkt an meinen Geist – so als würde mir ein plötzlicher Gedanke kommen, nur dass dieser Gedanke keinesfalls von mir selbst stammte. Ich stutze. Hatte da etwa… jemand telepathisch kommuniziert? Ich wusste, dass manche Psycho-Pokémon solcherlei verblüffende Fähigkeiten besaßen.

„Atlantis. Hast du den Hilferuf auch… gehört?“, fragte ich leise, in Ermangelung eines besseren Wortes, und ich konnte die Furcht in meiner Stimme nicht unterdrücken. Ich spürte, dass das Jungtier im Schutz meiner Jacke schwach nickte und sich noch enger an mich drängte. Mein Herz hatte abermals begonnen, zu flattern und mein Atem ging schneller. Ich versuchte, Ruhe zu bewahren, als ein dritter akustischer Schrei erklang – schriller und noch schmerzerfüllter als die ersten beiden, nun jedoch weiter entfernt.
Die Ungewissheit um die Herkunft der Schreie und des Rufs um Hilfe war grauenvoll. Aber ich wusste, dass es mehr als unklug wäre, in dieser Situation laut eine Frage heraus zu posaunen. Welches Geschöpf auch immer sich dort in Gefahr befand, konnte es bloß Gedanken senden oder auch welche empfangen? Ich probierte es aus und dachte fest: Wo bist du? Was geschieht?
Die Augenblicke verstrichen, während ich die Fragen stetig in meinem Kopf wiederholte. Diese monotone Konzentration auf fünf Worte war seltsam beruhigend; bald schon kamen mein Herzschlag und meine Atmung wieder ein wenig zur Ruhe.
Dann wurde mein gleichförmiger Gedankenfluss von einem erneuten fremden Gedanken unterbrochen: Brilliant, ich konnte euch orten! Wo ich bin? Ich komme zu euch! Bitte helft mir! Seid kampfbereit, Mensch und Dratini.


...Jep, das war's für heute. Über Kommentare/Feedback würde ich mich freuen wie ein Honigkuchendrache. ^^
Zuletzt geändert von empyrean dreamer am 23.05.2018, 09:48, insgesamt 9-mal geändert.
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Re: Die Stimme der Drachen

#1302612 von KleinKokuna
21.02.2018, 16:23
Ja also erstmal hallo neue/r Schreiberling :).

Hab mir dein erstes Kapitel gerade durchgelesen und muss sagen, dass das richtig gut durchdacht und solide ist. Du hast einen sehr schönen, detailverliebten und dennoch übersichtlichen Schreibstil, der es einem leicht macht, dem Geschehen zu folgen und sich alles gut bildlich vorzustellen.

Vom Blütenburgwald, samt Flora und Fauna, über deine interessante, angehende Drachentrainerin mit ihren netten Accessoires - die keinen Zweifel aufkommen lassen, welchen Typ sie favorisiert^^ - bis zu dem kurzen, aber heftigen Kampf zwischen ihrem Dratini und dem wilden Papinella. (Dessen brutale Natur, wie sie in den Dex-Einträgen immer erwähnt wurde, du gut zur Geltung hast kommen lassen.) -Das hast du alles richtig schön beschrieben und macht jetzt schon Lust auf mehr :).

Darum bin ich auch schon gespannt, wie es weitergeht, wenn sie schon am Ende von einem Legendärem um Hilfe gebeten wurde, und wünsche dir noch viel Spaß und Motivation hier :lol:.
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Re: Die Stimme der Drachen

#1302625 von empyrean dreamer
21.02.2018, 21:57
Hi KleinKokuna,

Vielen Dank für deinen Kommentar! Freut mich richtig, dass dir mein erstes Kapitel gefällt! :)

Das Zweite ist auch schon seit paar Tagen fertig, ich wollte bloß nicht beide Kapitel auf einmal posten. ^^

Kapitel 2: Die gejagte Telepathin

Ich nahm Atlantis auf den Arm und stand ruckartig auf, mich fiebrig umschauend. Atlantis sah mich fragend an.
„Ich weiß es auch nicht“, murmelte ich leise.
Für einige Momente herrschte Stille – bis ich das unverkennbare Schlagen von Flügeln im westlichen Himmel wahrnahm. In derselben Richtung hörte ich auch ein Sirren, so als würde sich etwas sehr geschwind durch die Luft bewegen. Die Geräusche waren erst noch schwach, kamen aber näher und näher. Atlantis wimmerte und ich bedeutete ihm, still zu sein.

Und plötzlich durchbrach ein fliegendes Pokémon das Laubdach des Waldweges, auf dem ich stand, in nicht mehr als vierzig Metern Entfernung. Es war so groß, dass ich sicherlich auf ihm reiten könnte, besaß bläulich weißes Gefieder, ledrige, pastellrote Haut und flossenartige Flügel. Ich erkannte das ungewöhnliche Wesen sogleich erstaunt als eine Latias – einen sehr seltenen, hoch intelligenten Drachen stets weiblichen Geschlechts, der über ausgeprägte mentale Kräfte verfügte.
Lebte diese scheue Spezies nicht fernab der Menschen an verborgenen Orten? Ich empfand die Latias als bildschön, doch sie war verletzt: An ihrer Brust klaffte eine blutende Wunde. Schmerz, Angst und Hoffnung lagen in ihren bernsteinfarbenen Augen.
Latias sauste dicht unter den Baumwipfeln in meine Richtung, der annähernd geraden Linie des Waldweges folgend – zu beiden Seiten des Weges standen die Bäume so nah beisammen, dass ein Drache ihrer Größe dort nicht fliegen konnte.
Das Pokémon bewegte die Flügel während seines Fluges kaum; merkwürdig schwebend preschte es voran und ignorierte alle physikalischen Gesetze. Es waren seine dünnen Flossenflügel, welche dabei das sirrende Geräusch erzeugten.
Sekunden nach Latias‘ Erscheinen brach ein zweites Geschöpf der Lüfte mühelos durch das grüne Dach des Waldpfades. Es war ein Raubvogel mit einem kräftigen, gekrümmten Schnabel. Seine feuerroten Schwanzfedern und der lange, mähnenartige, gelbe und ebenso rote Federschopf auf seinem Kopf boten einen wilden Kontrast zu den Nuss- und Sandfarben seines Körpers. Der Vogel war noch etwas größer als der Drache. Mit ersteren kannte ich mich weniger gut aus als mit letzteren, aber ich glaubte, dass die Vogelart Tauboss hieß.

Tauboss‘ hungrige Augen fixierten Latias und flugs nahm es deren Verfolgung auf. Ich sah, dass sein linker Fuß mit den beeindruckenden Klauen blutbenetzt war. Der Beutegreifer schien selbst allerdings unverletzt zu sein.
Latias zischte über mich hinweg, ihr Jäger wenige ihrer Körperlängen hinter ihr. Atlantis zuckte zusammen und duckte sich, als ihn die Schatten der beiden Pokémon trafen. Mein Blick folgte diesen Pokémon nervös.
Latias gewann wieder ein wenig mehr Abstand von Tauboss, bis sie – vielleicht achtzig Meter hatte sie zurückgelegt, seit sie über mich hinweg geflogen war – sich auf einmal senkrecht gen Boden stürzen ließ. Sie drehte sich dabei um die eigene Achse, um dann in einer windschnellen, fließenden Bewegung wieder in die Waagerechte zu gehen. Nun aber flog sie in die entgegengesetzte Richtung.
Tauboss stürzte sich jetzt ebenfalls herab, allerdings in einem Landeanflug. Sowie seine tödlichen Fänge die Erde berührten, wirbelte es flinken Schrittes herum in Latias‘ Richtung und erhob sich erneut in den Flug. Offenbar kannte Tauboss seine eigenen Grenzen und wusste, dass es auf so engem Raum nicht hätte fliegend wenden können. Schließlich war es weniger agil als seine anvisierte Beute und musste anders als der übersinnlich begabte Drache zudem die Gesetze der Physik befolgen.
Als Tauboss sich wieder in die Luft geschwungen hatte, war Latias‘ Vorsprung bereits deutlich gewachsen. Etwa vierzig Meter lagen zwischen ihr und ihrem Verfolger. Da stoppte sie urplötzlich abrupt und blieb ohne jegliche Bewegung der Flügel in der Schwebe stehen. Sie schloss die Augen und ihr Brustkorb hob sich in einem tiefen Atemzug, den sie wie in meditativer Konzentration tat.
Latias atmete langsam aus. Tauboss näherte sich entschlossen.
Seine Verfolgte atmete noch einmal ein. Tauboss war jetzt schon ganz nah. Zum Angriff bereit öffnete es seinen scharfkantigen Hakenschnabel.
Und Latias schlug die Augen auf. Geschickt und wendig führte sie dasselbe Flugmanöver aus wie zuvor: Sie begab sich, diesmal aus geradezu erschreckend niedriger Höhe, in den Sturzflug und nutzte diesen für einen Richtungswechsel.
Doch Tauboss war darauf vorbereitet: Sobald der Drache sich hinabstürzte, startete auch der Vogel einen geschwinden Sinkflug. Mit ausgestreckten Klauen raste er seiner Beute entgegen und aus seiner Kehle drang ein hoher, langgezogener Ruf voller Siegeswille.
Die Kehle Latias‘ blähte sich indes und ein schwach violettes Leuchten glomm dort von innen heraus durch Haut und Federn, während das Psychopokémon schwebend auf der Stelle verharrte und den Kopf zurücklegte. Ich sah gebannt zu. Ich glaubte zu wissen, was für eine Art von Attacke Latias vorbereitete.
Doch ihr Jäger war schneller. Tauboss schlug seine Klauen in Latias‘ Rücken und warf sein Opfer mit der Wucht des Aufpralls zu Boden.

Mit ausgebreiteten Schwingen thronte der Prädator über dem erbeuteten Drachen, bohrte die Krallen tief in dessen Körper und übte mit dem eigenen Körpergewicht Druck auf ihn aus.
Latias aber gab nicht auf. Nein – sie hob flink den Kopf, in ihren Augen die verzweifelte Panik um ihr Leben. Ihre Kehle leuchtete stärker. Sie öffnete ruckartig den Mund und spie einen blitzschnellen Strahl gleißend violetter Energie. Der Psystrahl traf Tauboss direkt am Hinterkopf.
Augenblicklich brach es über Latias zusammen wie eine leblose Puppe.
Latias ließ den Kopf entkräftet wieder sinken.

Ich stand da wie angewurzelt. Ich wartete, aber Tauboss rührte sich nicht. Bewegungslos blieb es auf seiner vermeintlichen Beute liegen. Also wagte ich es letztendlich, zögernden Schrittes zu den zwei großen Pokémon zu gehen.
Atlantis wand sich protestierend in meinen Armen und ich fühlte sein kleines Herz unter meinen Händen rasen.
„Shhh. Du musst keine Angst haben. Komm zurück, mein Kleiner“, sagte ich. Ich zückte Atlantis‘ Pokéball und beförderte das Jungtier in die Geborgenheit der vertrauten Kugel.
„Weißt du“, sprach ich zu dem Dratini in seinem Ball, „Der andere Drache ist ein Latias, ein ganz freundliches Wesen. Und der Vogel – na ja, so schnell wird er nicht aufwachen. Mach dir keine Sorgen.“
Ich hoffte, dass ich Recht behielt und es tatsächlich keinen Grund zur Sorge gab. Aber als ich Tauboss nah genug kam, erkannte ich, dass das majestätische Wesen – anders als ich zunächst annahm – nicht bloß das Bewusstsein verloren hatte: Es atmete nicht mehr. Eine beschämende Erleichterung überkam mich.
Latias‘ Atmung dagegen ging stoßweise. Ich beschleunigte meinen Gang und packte Tauboss schließlich ohne viel Federlesen an den ledrigen Beinen, die so dick wie meine Handgelenke waren. Ich hob seine gebogenen Krallen vorsichtig aus Latias‘ stark blutenden Wunden. Tauboss‘ halb geöffnete Augen – einst voller bedrohlicher Lebenskraft – starrten mich leer und glasig an, während ich den toten Vogel keuchend vor Anstrengung von Latias herab zerrte. Danach hastete ich zu dem Kopf des Drachen. Ich beugte mich vor ihm nieder.

Latias‘ geschlossene Augen zuckten. Sie öffnete sie einen Spalt breit. Ihr Blick war kraftlos und vernebelt, und doch faszinierte mich die fremdartige Schönheit ihrer Bernsteinaugen mit den schlitzartigen Pupillen.
Die Gedanken des Pokémon streiften schwach meinen Geist.
Oh… Hallo, Mensch. Hast du mich gerettet? Ach… nein. Das brauchtest du ja gar nicht tun… Latias lächelte verklärt. Durch dich… hab ich den schmalen Pfad gefunden. Danke. Wie… heißt du?
„Du verblutest“, gab ich nur beklommen zur Antwort, während ich in fahriger Hektik meine Tasche durchsuchte. Dies war wahrlich nicht die richtige Situation für Small Talk.
O je!, erwiderte Latias, klang aber nicht beängstigt, sondern viel eher aufrichtig mitleidig. Was für… ein trauriger Name! Warum… haben dich deine… Eltern bloß so genannt?
Auf diese Frage gab ich keine Antwort. Ich hatte gefunden, wonach ich in meinem Gepäck gesucht hatte: Einen leeren Pokéball.

Latias schaute milde irritiert drein, als ich die Kapsel öffnete und an ihre Stirn legte. Einen Wimpernschlag später hatte das Wunderwerk der Technik den Drachen schon in reine Energie transformiert, welche in den hohlen Innenraum des Balls gesogen wurde.
Ich schloss diesen und er lag still in meiner Hand: Die völlig geschwächte Latias unternahm keinerlei Versuch, auszubrechen.
Ihre telepathische Sprache allerdings strömte aus dem Pokéball in meinen Geist.
Huch? Bin ich… in einem dieser Fangbälle? So… fühlt es sich dort also an. Ganz… merkwürdig… und leicht… Ich glaube, ich… mag es…
Ihre Gedanken wurden von Wort zu Wort schwächer, bis sie vollkommen verebbten.
„Trifft sich ja gut, Latias“, erwiderte ich, obgleich ich unsicher war, ob das Pokémon noch bei Bewusstsein war. „Du musst jetzt nämlich erstmal dort drinnen bleiben. So lange du in diesem Ball bist, wirst du nicht weiter Blut verlieren. Ich bringe dich zu einem tollen Ort, wo man dich heilen wird. Du wirst wieder gesund, versprochen.“
Latias antwortete nicht. Ich fragte mich voll Angst und Ungewissheit, ob ich mein Versprechen halten konnte. Aufgrund meines Wissens aus der Trainerschule war ich gewiss, dass Latias sterben würde, wenn es nicht bald die medizinische Versorgung eines Pokémon Centers bekäme. Gewöhnliche Trankmedizin vermochte es nur, oberflächliche Wunden, Blutergüsse und Prellungen zu heilen – sie war ein wirksames Mittel gegen die kleinen Verletzungen, die sich Pokémon in den sportlichen Trainerkämpfen zuzogen. Doch es wäre die pure Zeitverschwendung, zu versuchen, mit bloßen Tränken gegen Latias‘ lebensbedrohliche Wunden anzugehen. Und die Zeit spielte gnadenlos gegen uns, denn selbst in einem Pokéball konnte ein Geschöpf in Latias‘ Zustand nur für wenige Stunden dem Tod entrinnen.
Mit einem sehr mulmigen Gefühl im Magen sah ich auf den Weg, der vor mir lag und sich im scheinbar endlosen, üppigen Frühlingsgrün des Waldes verlor. Und ich rannte.

Ich konnte unmöglich abschätzen, wie weit es noch bis zur nächsten Stadt – Blütenburg City – war. Mein Zeitgefühl war nämlich miserabel. Nach wenigen Minuten des Rennens stachen schon meine Seiten und Atemzüge. Ich wurde stetig langsamer, bis ich erschöpft stehen blieb und mich gegen einen flechtenbewachsenen Baum lehnte. Oh, ich war beileibe nicht die Sportlichste! Zwar hatte ich im letzten Jahr einmal guten Willens eine Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio begonnen, doch lohnte sich der horrende Monatsbeitrag für mich kaum, da ich mich zu selten zu Sport motivieren konnte. Letztlich hatte ich das Abonnement vorzeitig gekündigt. Wehleidig fragte ich mich, welche Strecke ich wohl noch bis Blütenburg zurücklegen musste. Im nächsten Augenblick jedoch stieg erdrückender Scham in mir auf. Da bemitleidete ich mich selbst, während ein Pokémon um nichts Geringeres als sein Leben kämpfte! Mit welchem Recht schimpfte ich mich Trainerin?
Zornig verfluchte ich mein inneres Relaxo, gab mir einen Ruck und rannte weiter. Bald aber wurde meine Anstrengung wieder mit jedem Schritt größer und meine Frustration darüber war schwer wie eiserne Gewichte an meinen Füßen.
Nein! Ich musste zumindest noch eine Weile durchhalten, bis ich mir die nächste Verschnaufpause erlauben konnte! Ich rief mir Latias‘ Bild vor Augen und malte mir flüchtig das schreckliche Szenario aus, ihren Pokéball im Pokémon Center zu öffnen, nur um einen toten Drachen aus der Kapsel hervor zu rufen.
Aus der Sorge um Latias schöpfte ich neue Kraft und beschleunigte meinen Lauf.


So, das wär's mal wieder. Über Kommentare/Feedback würde ich mich auch weiterhin total freuen! ^^

LG,
dreamer
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Re: Die Stimme der Drachen

#1302803 von KleinKokuna
26.02.2018, 11:10
Also dein zweites Kapitel ist auch richtig gut geworden :).

Ganz besonders deine Latias hat es mir angetan; mit der wäre ich auch gern befreundet :D. Ihre, wie schon eingangs von dir erwähnte, naive ja fast sorglose Art ist wirklich erfrischend und heitert unweigerlich die eigentlich wortwörtlich toternste Szenerie wieder auf. (Ich musste bei ihr sofort an den Gildenmeister Knuddeluff aus Mystery Dungeon oder an Che Nupet aus den 'Jägermond'-Büchern denken^^.)

Das Zusammentreffen der beiden hast du jedenfalls gut hingekriegt und jetzt hoffe ich mal, dass deine Protagonistin sie rechtzeitig ins Pokémon-Center bringen kann und freue mich auch auf weitere Kapitel von dir :).
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Re: Die Stimme der Drachen

#1302925 von empyrean dreamer
01.03.2018, 01:16
Hi nochmal, KleinKokuna,

Und danke sehr für noch einen Kommentar! Dass es dir weiterhin gefällt, freut mich total. :)

Stimmt, ein paar Gemeinsamkeiten haben Gildenmeister Knuddeluff und meine Latias! (Jägermond kenne ich nicht.)
Ich hab schon verdammt viele Szenen/Dialoge mit Latias fest im Kopf, kleine und größere, bei denen ich es kaum erwarten kann, sie früher oder später zu Papier zu bringen. :D
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Re: Die Stimme der Drachen

#1302973 von Donnerkralle
02.03.2018, 16:40
Hallo,

Ich muss sagen, dass deine Story gut begonnen hat. Erstmals, der Starter hat einen netten Spitznamen. Eine Drachentrainerin - klingt interessant und vielversprechend. Du beschreibst (nicht nur) die Umgebung gut. Ich finde es klasse, wie du die Details mitunterbringst.

Ebenfalls toll gelungen war die Beschreibung vom Kampf. Man konnte gut mitlesen und sich das Geschehen vorstellen. Weiter so!
Freu mich schon auf weitere Kapiteln :)

Lg
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Re: Die Stimme der Drachen

#1305811 von empyrean dreamer
02.05.2018, 21:54
Sorry, Donnerkralle, dass ich jetzt erst antworte! Ich bin manchmal sehr verpeilt und bin immer fest davon ausgegangen, ich hätte dir schon geantwortet! :oops:
Dein Kommentar hat mich sehr gefreut und ich bin glücklich, dass du die Geschichte magst und liest. ^__^

Sooo,
ich hatte viel um die Ohren, aber hier kommt nach längerer Zeit endlich das dritte Kapitel. Ich hoffe, es gefällt euch!


Kapitel 3 - Ankunft in Blütenburg City

Der anbrechende Abend warf seine Schatten über Blütenburg City, ein beschauliches Dorf, welches die Stadt in seinem Namen mitnichten verdiente. Die Ländlichkeit dieser Ortschaft war so malerisch, als sei sie einem Märchenbuch entsprungen. Lichter Wald umgab eine gepflegte Graslandschaft – weder betoniert noch gepflastert -, auf der Holzhütten wie Wiesenblumen verstreut waren. Schmale, unbefestigte Wege verbanden die Hütten miteinander. Der fast wolkenlose Himmel spiegelte sich in dem klaren, sauberen Wasser zweier Weiher. Wie schimmernde Tücher lagen sie zwischen den hölzernen Häuslein. In einem daher treibenden Ruderboot saß ein älterer Herr und angelte. Gerade holte er seine Angelschnur ein, an deren Ende ein Pokéball zappelte.
Ich rannte keuchend einem Gebäude entgegen, das wie ein Fremdkörper aus Blütenburg hervorstach. Mit seiner metallisch glänzenden Außenverkleidung, seinem feuerroten Flachdach und der großflächigen Leuchtschrifttafel neben seinem gläsernen Doppeltor wirkte es hier völlig fehl am Platz, wie ein Besucher aus der Zukunft.
Das Glastor öffnete sich automatisch, als ich es erreichte.

Ich eilte hindurch und fand mich in einem behaglichen Raum wieder, aus dem viele Türen offenbar hinaus in weitere Räumlichkeiten führten. Warmes Deckenlicht fiel auf mich herab. Trainer und ihre Pokémon gönnten sich hier auf Sitzkissen, Sesseln und Sofas eine komfortable Rast. Ein sommersprossiges, junges Mädchen bürstete das flaumige Federkleid seines Flemmlis. Ein schlaksiger Knabe, dessen schlichte Kleidung mit Grasflecken beschmutzt war und vor dessen Füßen ein Fangnetz lag, las dem Smettbo auf seiner Schulter ein Bilderbuch vor. Ein grobschlächtiger Mann massierte den Rücken seines tiefenentspannten Meditalis. Eine Gruppe Jugendlicher spielte an einem Glastisch Poker. Einige der Rastenden sahen mich perplex an, als ich das Pokémon Center so überstürzt betrat. Ich ignorierte sie und hastete über das Kachelmosaik am Fußboden, das einen stilisierten Pokéball darstellte, zu der polierten Theke auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes.
Dahinter stand eine ergraute Dame, die runde Früchte mit königsblauer Schale sorgfältig in Würfel schnitt. Sie trug Stiefel mit einem dunklen Wellenmuster, eine eng geschnittene, hellblaue Hose, einen Arztkittel und eine dezente Muschelkette. Ihr Haar hatte sie zu einem Dutt gebunden. Sorge lag in ihrem sanftmütigen Blick.
„Mädchen, woher die Eile?“, fragte sie.
„Dieses Latias ist – schwer verletzt“, erwiderte ich atemlos. „Es – wurde attackiert, von – einem Tauboss.“
Die wasserblauen Augen der Ärztin weiteten sich vor Sorge und Erstaunen.
„Ach, du meine Güte!“, sagte sie. „Komm mit mir, Kind.“

Sie schwang eine Tür hinter der Theke auf und ich folgte ihr hindurch in einen langen, neonbeleuchteten Korridor. Schleunigen Schrittes führte sie mich an mehreren weiteren Seitentüren vorüber.
„Ich habe Latias – gefangen“, fuhr ich währenddessen aufgewühlt fort. „Damit sie nicht – verblutet. Ich hoffe, es – ist nicht zu spät…!“
„Ich werde mein Möglichstes tun“, erwiderte die Ärztin mitfühlend und sachte.
Wir bogen schließlich rechts in einen kleinen Raum ab, der eine Atmosphäre völliger Sterilität besaß. Er war fensterlos und seine Einrichtung beschränkte sich auf eine Plastikkommode, einen metallenen Tisch, ein blitzsauberes Waschbecken, eine eigentümliche, kastenförmige Maschine und einen unauffälligen Abfalleimer.
Eine junge Frau in klassischer Krankenschwesterkluft, die ihr magentafarbenes Haar in zwei schlaufenartigen Zöpfen trug, stand an der Kommode und besah gerade abwägend den Inhalt deren oberster Schublade. Dieser bestand anscheinend aus verschiedenen Laborproben.
„Schwester Joy, besetzen sie bitte die Rezeption?“, wies die Ärztin das Mädchen freundlich an. Die Schwester schaute auf und nickte höflich.
„Ja, Frau Doktor Seegesang“, sagte sie, schloss die Schublade und schritt davon.
Aus einer der anderen Schubladen holte Doktor Seegesang jetzt flugs ein Paar Plastikhandschuhe, zog es eilig an und wandte sich zu mir um.
„Gibst du mir dein Pokémon?“
Ich reichte der Dame Latias‘ Pokéball. Sie sandte das Geschöpf als Energiestrahl aus seiner Kapsel hinaus auf die metallene Tischplatte.
Sowie der gefiederte, vogelhafte Drache dort materielle Gestalt annahm, sackte er in sich zusammen und das Blut strömte wieder aus seinen Wunden. Latias lag bewusstlos da, atmete schwach und ihre geschlossenen Lider zuckten.

Doktor Seegesang musterte Latias‘ Verletzungen mit ein paar flinken, gezielten Handbewegungen und Blicken. Anschließend beförderte sie Latias sofort in ihren Ball zurück, ohne jegliche weitere Untersuchungen an ihr vorzunehmen. Nur die klebrigen Blutspuren des Drachen verblieben auf dem Metalltisch.
Die Ärztin legte ihre blutbenetzten Handschuhe dazu und ging zu der merkwürdigen Maschine hinüber. Jene war kunststoffverkleidet und besaß einen Bildschirm und viele Tasten, die mit unterschiedlichen Farben und Symbolen versehen waren. In ihre Oberseite waren sechs halbkugelförmige Vertiefungen eingelassen, mit zahlreichen winzigen Poren übersät. Ein paar der Tasten wurden gedrückt, Latias‘ Pokéball wurde in der vordersten linken Vertiefung platziert und das Gerät produzierte piepsende Töne. Zeitgleich leuchtete sein Bildschirm blau auf. Reihen weißer Zahlen und Buchstaben erschienen darauf. In meinen Augen besaßen sie keinerlei Sinn oder Zusammenhang, Doktor Seegesang jedoch studierte sie aufmerksam.
„So, so“, sagte sie schließlich nachdenklich. „Die Ärmste hat viel Blut verloren, und ihr Allgemeinzustand könnte besser sein. Aber innerlich ist sie nicht verletzt, dem Himmel sei Dank… Und es wird schon. Ich werde sie heilen können.“
„Wirklich?“, fragte ich und eine wunderbare, befreiende Erleichterung überkam mich.
Die Ärztin nickte mir mit einem warmen Lächeln zu, in dem sich ihre eigene Erleichterung zeigte. „Aber ja doch. Bald ist Latias wieder gesund und munter.“
Sie betätigte mehrere weitere Tasten, bis aus der Einbuchtung, in welcher Latias‘ Kapsel lag, ein goldgelbes Licht empordrang. Auf dem Bildschirm war nun eine Leiste zu sehen, deren Beschriftung „Latias, Kraftpunkte“ lautete. Die Leiste war leer.
„Und der Heilungsprozess beginnt“, verkündete Doktor Seegesang. Dann aber seufzte sie und warf mir einen bedauernden Blick zu. „Mädchen, ich kann dir leider nicht versprechen, dass keine Narben zurückbleiben. Aber geben wir dem Regenerator seine Zeit. Ich schätze, morgen früh wird das Maschinchen fertig sein. Wenn die Kraftpunktleiste voll ist, werde ich Latias entnehmen.“

„Vielen Dank! Sie sind unsere Rettung, Frau Doktor!“, sagte ich, von ganzem Herzen dankbar, und schüttelte die Hand der Ärztin überschwänglich. Meine erhebende Freude darüber, dass Latias leben würde, drängte momentan jede Sorge um sie an den Rand meines Bewusstseins.
„Papperlapapp, das ist doch mein Beruf!“, erwiderte die Dame schmunzelnd. „Sag mal, mein Kind, was ist denn eigentlich dein Name?“
„Stimmt ja. Ich heiße Gwenda“, antwortete ich munter. „Oh. Aber Sekunde! Ich muss kurz etwas Wichtiges erledigen.“
Ich hob den Rucksack von meinem Rücken und führte darin die Suche nach einem Trank für Atlantis fort, die Latias‘ telepathischer Hilferuf und mein darauffolgender Wettlauf gegen die Zeit so spektakulär unterbrochen hatten.
„Aha!“, machte ich triumphierend, als ich endlich einen meiner Tränke zwischen bunt zusammengewürfelten Socken aufstöbern konnte.
„Was möchtest du damit anstellen?“, antwortete Doktor Seegesang verwundert, die indes ihre benutzten Plastikhandschuhe entsorgt und den metallenen Tisch gesäubert hatte.
„Auch mein Dratini wurde in einem Kampf verletzt“, erklärte ich. „Es ist nichts Ernstes, aber Dratini hat Blutergüsse. Und das ist so ziemlich meine Schuld“, fügte ich nach einem Moment des Zögerns betreten hinzu. „Deshalb will ich selbst für die Behandlung aufkommen.“
„So ein Unsinn!“, widersprach Doktor Seegesang. „Du musst dich doch nicht selbst bestrafen! Das führt zu überhaupt nichts, Mädchen. Was du Dratini jetzt schuldig bist, ist eine möglichst schnelle Heilung. Also gib mir schon seinen Pokéball.“
„Ähm…“, setzte ich an. „Wirkt Ihr Regenerator denn schneller als ein Trank?“
„Ja, aber sicher.“
„Okay… Wenn das so ist, bleibt mir wohl nichts Anderes übrig.“
Ich übergab der Ärztin das Drachenjunge in seiner Kapsel. Sie öffnete diese über dem gereinigten Metalltisch. Als Atlantis sich jedoch materialisierte, wand er sich sogleich von der Tischplatte herab und suchte übermütig mich auf. Er schlängelte an mir hinauf, kringelte sich wie ein geschuppter Schal um meinen Hals und schleckte freudig meine Wange ab.
„Hallo, Kleiner! Du bist froh, dass alles wieder gut wird, was?“, vermutete ich, während ich den Kopf meines Pokémon tätschelte. Atlantis gab ein wohliges, zustimmendes Geräusch von sich und schmiegte seine Schnauze an mein Gesicht. Offenbar hatte er Doktor Seegesang und mir zugehört und uns zumindest ansatzweise verstanden.
„Nein, was für ein lebhaftes Kerlchen!“, sagte die Ärztin entzückt. Sie wickelte Atlantis wie einen Verband von meinem Hals und besah dabei seine Blutergüsse, die sich inzwischen etwas dunkler verfärbt hatten. Letztlich rief sie ihn zurück in seinen Ball. Diesen legte sie in den Regenerator – in die freie Nische neben der von Latias. Abermals ließ sich Doktor Seegesang eine Abfolge von Buchstaben und Zahlen auflisten. Anschließend aktivierte sie auch für Atlantis das heilende Licht.
Unter Latias‘ Kraftpunktleiste wurde jetzt auch eine mit „Dratini, Kraftpunkte“ bezeichnete Leiste angezeigt. Sie war anfangs bloß knapp halbvoll. Es dauerte aber nur Sekunden, bis die Kraftpunkte des Jungtiers vollständig wiederhergestellt waren. Indes war Latias‘ Leiste erst einen geringen Bruchteil weit aufgefüllt.
Ding, ding – ding, ding – ding, ding – ding!“ Der Regenerator erzeugte eine kurze, fröhlich klingende Melodie und der Lichtschein um Atlantis‘ Pokéball erlosch.
„Siehst du, und schon ist dein Drachlein wieder auf der Höhe“, meinte Doktor Seegesang augenzwinkernd und gab mir die Kapsel.

„Also das ging tatsächlich schnell“, räumte ich verblüfft ein und verwahrte den Ball samt Jungdrache in meiner Hosentasche. „Danke!“
Die Dame lächelte ihr warmes Lächeln. Nun, da ich wusste, dass Atlantis wieder unversehrt war, fühlte ich mich auf einmal noch unbeschwerter, traumhaft leicht – als sei mir eine bedrückende Last genommen worden, die ich in meiner Angst um Latias kaum wahrgenommen hatte.
„Dieser Regenerator ist so gut, dass er mir fast schon Angst einjagt!“, meinte ich anerkennend. „Ich werde diese Maschine ab heute ‚Besieger des Todes 9000‘ nennen… oder so.“
Ich lachte und fragte die ebenfalls schmunzelnde Ärztin dann neugierig: „Bestimmt bin ich ungebildet, aber wie funktioniert die Maschine eigentlich, Frau Doktor?“



**************
So, das wär's. Kommentare/Feedback würden mir viel bedeuten. ^^

Das vierte Kapitel ist auch schon so gut wie fertig, denn ursprünglich sollten Kapitel drei und vier ein einziges, langes Kapitel werden. Ich werde es also bald posten. ;)

Viele Grüße!
dreamer
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Re: Die Stimme der Drachen

#1305924 von KleinKokuna
05.05.2018, 18:54
Oh Klasse, es geht weiter: Das freut mich genauso sehr, wie der Umstand, dass deine Protagonistin noch rechtzeitig das Center erreichen konnte :)!

Zusammen mit deinem nach wie vor schönen, detaillierten Erzählstil liest sich auch dieses Kapitel wunderbar flüssig und macht weiterhin Lust auf mehr. Und das, obwohl sich das wichtigste ja im Hintergrund abspielt^^.

Nebenbei gefällt mit hier persönlich am meisten, dass man sieht, wie eng die Beziehung zwischen Gwenda und ihrem Atlantis ist. Nicht jedes Pokémon begrüßt seinen Trainer nach so einer Niederlage so herzig; diese Stelle finde ich voll süß :3.

Jedenfalls kann und will ich nur eines sagen: Weiter so :up:!
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Re: Die Stimme der Drachen

#1306000 von empyrean dreamer
08.05.2018, 20:17
Vielen Dank, KleinKokuna! Es freut mich richtig, dass dir meine Fanfic gefällt. :)

Ich merke auch, dass ich total viel Spaß daran hab, diese Interaktionen zwischen Trainer und Pokémon zu schreiben :D

Und das vierte Kapitel kommt angeflattert, diesmal ist es ein recht kurzes. Viel Spaß beim Lesen! :)

Kapitel 4 - Fragen und Antworten

„Dich interessiert, wie der Regenerator arbeitet?“, sagte Doktor Seegesang. Die ergraute Dame schenkte mir ein erfreutes Lächeln.
Ich nickte lebhaft und sie begann beschwingt zu erklären: „Nun, er tut seine Pflicht auf ganz vorzügliche Weise. Er kombiniert nämlich die Magie der Pokémon mit hochmoderner Technologie. In seinem dicken Bauch befinden sich Tanks, die Heilenergie speichern. Die Pokémon Liga beliefert uns da regelmäßig mit frischem Nachschub. Na, was meinst du, Gwenda – wie gewinnt sie die Energie wohl?“
„Vielleicht aus Beeren?“, äußerte ich meine erste, spontane Vermutung. „Viele Beerenarten besitzen ja heilende Kräfte. Und wenn man sogar komplexe Lebewesen wie Pokémon in reine Energie verwandeln kann, geht das garantiert auch mit Pflanzen… oder deren Früchten.“
„Das wäre zwar sicherlich möglich, aber weniger effektiv“, verneinte Frau Seegesang. „Beerensaftkonzentrat wird mit einer Menge Chemie vermischt, um Tränke herzustellen. Unser Maschinchen allerdings nutzt eine viel stärkere Energiequelle: Die Kräfte unserer Freunde, der Pokémon.
Die mysteriösen, unbefruchteten Eier, die Chaneira zu unbekannten Zwecken legen, sind mehr als bloß sehr nährreich. Sie sind eine ausgesprochen magische Substanz. Manche von ihnen wecken Glücksgefühle – daher rühren wohl die Erzählungen über großherzige Chaneira, die das Land durchstreifen, um ihre Freude mit hoffnungslosen Menschen zu teilen. Psychiater verschreiben solcherlei Eisubstanz übrigens oft als Antidepressiva. Andere Eier Chaneiras wiederum wirken bei körperlichen Verletzungen als ganz erstaunliche Medizin – umso intensiver, wenn man ihre Magie extrahiert und in Form purer Energie verabreicht. Deinem Dratini habe ich davon nur ein kleines bisschen gegeben. Latias bekommt natürlich eine höhere Dosis.
Außerdem führt der Regenerator ihr noch die Magie zu, die Palimpalim freisetzen, wenn sie einen ihrer übersinnlichen Klänge erklingen lassen – er hat den hübschen Namen Vitalglocke und nimmt jedem Lebewesen, der ihn hört, eine Vielzahl von Beschwerden. Auch Vergiftungen kuriert er in Windeseile. Das ist wichtig für uns, denn eine Blutvergiftung können wir bei einem Greifvogelangriff nicht ausschließen – wer weiß, wo Tauboss‘ Krallen und sein Schnabel vorher überall gewesen sind.
Drittens“, fuhr die Ärztin fort, „habe ich Latias unter die Hypnose verschiedener Psycho-Pokémon gesetzt. Sie verbringt die Behandlung also in einem sehr, sehr tiefen Schlaf – ansonsten würde es der Ärmsten wehtun, so viel zerstörtes Körpergewebe so rapide zu regenerieren.“
„Und erst die ganze verlorene Körperflüssigkeit…“, fügte ich mit einem leichten Erschaudern hinzu. „Für die wahnsinnigen Fähigkeiten der Pokémon können wir dankbar sein.“
„Pokémon sind das Beste, was es auf unserer Welt gibt“, pflichtete mir Doktor Seegesang bei und ergänzte mit einem Augenzwinkern: „Noch vor Kriminalromanen.“
Ich lachte. „Krimis finde ich eher langweilig“, entgegnete ich etwas neckisch. „Fantasy-Bücher begeistern mich um einiges mehr. Ich bin regelrecht besessen von dieser ‚Mystery Dungeon‘-Serie – einer Buchreihe rund um eine Parallelwelt, die nur von Pokémon bewohnt wird. Sie haben dort ihre eigene Zivilisation und Menschen gibt es keine… Als Kind habe ich mir immer gewünscht, in einer solchen Welt zu leben.“
„Ich glaube, meine Enkelin hat mir einmal von der Reihe erzählt. Aber nun muss ich dich fragen“, kündigte die Ärztin erwartungsvoll an. „Wo in Rayquazas Namen bist du auf eine Latias getroffen? Was genau ist denn passiert, Mädchen?“

Ich erzählte der Dame alles über die eigentümliche Begegnung. Sie lauschte verblüfft.
„Ein Jammer, dass man dem Tauboss nicht mehr helfen konnte“, sagte sie am Ende meiner Geschichte mit einem mitfühlenden Seufzer. „Aber so ist unsere Mutter Natur… Gwenda, ich werde nicht klug daraus, dass du Latias im Blütenburgwald getroffen hast. Hier, in unserem Wäldchen! Was sie dort wohl getan hat?“
„Ich werde Latias fragen“, meinte ich leichthin. „Ich bin schon gespannt, was sie uns berichten kann.“
Wenn sie uns etwas darüber verraten möchte“, warf Doktor Seegesang ein. „Vor dem heutigen Tag habe ich nur ein einziges Mal eine Latias gesehen, an einem Winterabend vor beinahe sieben Jahren. Ihr Trainer war ein unfreundlicher Geselle. Aber sie verstand sich blind mit ihm. Ständig plauderten sie telepathisch miteinander… Das war zumindest mein Eindruck. Die beiden haben damals hier in diesem Pokémon Center übernachtet. Doch Latias hat weder mit mir noch mit einem anderen Fremden gesprochen – sie war so ein schüchternes junges Ding. Latias gelten grundsätzlich als scheue Geschöpfe.“
„Also meine Latias kam mir tatsächlich ziemlich … gesprächig vor. Vor allem dafür, dass sie zuerst von einem Mördervogel gejagt wurde und danach fast im Sterben lag“, merkte ich in einem Anflug von Zynismus an. „Und jetzt nenne ich sie schon ‚meine‘, obwohl ich gar nicht weiß, ob sie überhaupt bei mir bleiben wird. Wahrscheinlich hat sie darauf keine Lust, dann werde ich sie freilassen.“
Ich warf einen sehnsüchtigen Blick zu Latias‘ Pokéball hinüber. „Ich würde verdammt viel dafür geben, Latias behalten zu können“, gab ich zu. „Sie ist ein so faszinierender Drache! Aber ihr Glück würde ich niemals dafür opfern. Wenn sie nicht bleiben möchte, werde ich sie nicht zwingen.“
Doktor Seegesang nickte. „Das wäre nicht anständig. Aber wer weiß, vielleicht wird sich Latias ja doch für das Leben mit einem Menschen entscheiden? Nur bitte dränge sie nicht zu einer Entscheidung, Schätzchen. Gib ihr Zeit, das Geschehene zu verarbeiten.“
„Natürlich“, sagte ich aufrichtig, hoffte aber mit einer gewissen Gier darauf, dass der ungewöhnliche Drache sich mir anschließen würde.
Es kehrte eine dezent peinliche Stille ein, in der niemand so recht zu wissen schien, was er noch sagen sollte.

„Was möchtest du denn nun tun, Gwenda?“, erkundigte sich Doktor Seegesang nach einigen Augenblicken endlich. „Blütenburg ist ein schönes Fleckchen Erde. Hier kann man seine Zeit ganz wunderbar genießen.“
Über diese Frage musste ich nicht lange nachdenken. Meine Füße schmerzten, ich war hungrig und was den Hunger betraf, erging es Atlantis sicher ähnlich.
„Das Center hat eine Cafeteria, oder?“, gab ich zurück. „Und da werden bestimmt auch Pokémon verpflegt?“
„Aber ja doch. In dem Punkt sind sich alle Pokémon Center gleich.“
„Klasse!“, sagte ich etwas lauter als beabsichtigt und freute mich bereits auf die Speisekarte. „Dann weiß ich, was ich als Erstes tun werde.“
Die Ärztin schmunzelte. „Guten Appetit.“
„Danke! Und nochmal vielen Dank für alles, Frau Doktor!“
Wir verabschiedeten uns mit einem Händedruck. Und ich wandte mich um und verließ das Behandlungszimmer, dessen Atmosphäre vollkommener Sterilität dank der Herzlichkeit der Ärztin überhaupt nicht mehr so kühl und gleichgültig wirkte.


*********
Ich hoffe, es hat euch gefallen. Das fünfte Kapitel wird auch bald folgen. Es ist schon so gut wie fertig, denn die Kapitel 3-5 sollten ursprünglich ein einziges langes Kapitel sein, bevor ich sie gesplittet habe. :P
(Jep, ich habe das Ursprungskapitel nun doch tatsächlich in drei statt zwei Einzelkapitel aufgeteilt.)

Viele Grüße,
dreamer
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Re: Die Stimme der Drachen

#1306735 von empyrean dreamer
22.05.2018, 19:35
Und hier folgt Kapitel fünf. :D Viel Spaß beim Lesen!

Kapitel 5 - Begegnungen im Dämmerlicht

Die Cafeteria war ein lebendiger Ort. Ein Gewirr von Menschen- wie Pokémonstimmen und köstliche Düfte erfüllten die Luft. Geschäftige Kellner huschten zwischen den Gästen umher.
Ich fand einen freien Tisch an einer großen Fensterfront, die den Ausblick auf das Schilfufer eines seerosengesprenkelten Weihers gewährte. Hier bestellte ich mir einen Maracujasaft und die Tagesempfehlung für Trainer, einen mit Miltank-Mozzarella überbackenen Kartoffel-Broccoli-Auflauf. Für Atlantis ließ ich einen Napf voll Wasser bringen und eine Seegrasplatte mit Algenbeilage aus der Pokémon-Menükarte zubereiten. Ihm wurde eine runde Teppichmatte, die wie ein Pokéball gestaltet war, neben meinem Tisch auf dem Boden ausgelegt. Bald darauf wurden unsere Getränke serviert und mein Drache nahm mit seiner langen, gespaltenen Zunge einige Schlucke aus seinem Keramiknapf, während ich in großen Zügen meinen exotischen Saft trank.
Die Wartezeit auf die Gerichte allerdings wäre eine wahre Geduldprobe gewesen, hätte ich sie nicht genutzt, um mein Telefon zu zücken und meinem jüngeren Bruder sowie meinen engsten Freunden daheim zu schreiben. Ich berichtete ihnen ausschweifend und in beinahe literarischer Qualität von meinen aufregenden und beängstigenden Abenteuern. Jedoch versicherte ich ihnen mehrfach, dass es keinen Grund zur Sorge mehr gab und versprach, sie über Latias auf dem Laufenden zu halten. Atlantis schlummerte indes zu einer Spirale eingerollt auf seinem Teppich, bis uns endlich der Geruch unserer herannahenden Speisen in die Nasen stieg und er schnuppernd erwachte.
Mit Begeisterung verspeiste ich meinen schmackhaften Auflauf. Als mein Teller leer und mein Hunger gestillt waren, blickte ich träge und träumerisch aus dem Fenster, sah zu den vereinzelten Sternen hinauf, die allmählich an dem dämmernden Himmelszelt erglommen. Atlantis aber, der seine eigene Portion regelrecht verschlungen hatte, schlängelte voll neuer Energie auf meine Schulter herauf. Er stupste mit der Schnauze meine Schläfe an, schaute hinaus zu dem Weiher und gab mir noch einen Stupser.
„Oh. Du möchtest etwas schwimmen, oder?“, fragte ich ein wenig leidig.
Mein Jungdrache nickte, was mich nicht verwunderte, obwohl wir beide vorgestern erst gemeinsam im Schwimmbad von Metarost waren. Immerhin war das Wasser der natürliche Lebensraum aller Dratini. Zu gerne hätte ich nun die Schlafräume des Pokémon Centers aufgesucht: Nach diesem wahrlich ereignisreichen Tag war es eine verlockende Vorstellung, in einem gemütlichen Bett in das Reich der Träume zu entgleiten. Aber ich gab mir einen Ruck und sagte: „Okay, Kleiner. Hab du richtig viel Spaß im Weiher und ich schau dir dabei zu.“
Atlantis‘ große Augen strahlten und er schleckte mir dankbar über die Hand. Als der Seedrache in den stillen Weiher eintauchte, spritzte das Wasser nach allen Seiten. Atlantis bewegte sich rasch vom schilfgesäumten Ufer fort und tauchte dabei stetig tiefer, sodass ich ihn bald nicht mehr sah. Ich setzte mich in das Ufergras und ließ die friedvolle Atmosphäre des Frühlingsabends auf mich wirken. Ich lächelte, als ein Zubat wie ein flatterhafter Schatten über mich hinweg flog. Aus der Ferne ertönte schwach der mystische Ruf eines Noctuhs. Eines der Seerosenblätter, die auf dem Weiher schwammen, trennte sich von den Anderen und bewegte sich auf mein Ufer zu. Erst als es nahekam, erkannte ich, dass das vermeintliche Blatt in Wahrheit ein Pokémon war. Unter dem lotusblattartigen Gewächs, das aus seinem Rücken spross, besaß es einen gedrungenen Körper. Es hob seinen Kopf aus dem Wasser, legte das vorderste Paar seiner sechs kurzen Stummelbeinchen auf die Uferböschung und offenbarte glatte, feuchte Haut und eine schnabelartige Schnauze. Loturzel sah mich aus starren, runden Augen unergründlich an. Ich erwiderte den Blick des faszinierenden Wesens noch, als mir urplötzlich etwas Nasses auf den Schoß fiel.

Ich sprang reflexartig auf und ein zappelnder Fisch purzelte von meinem Schoß auf den grasigen Grund. Loturzel schwamm ob dieses Tumults erschrocken wieder fort. Das Schuppenkleid des Fisches hatte eine feuerrote Färbung. An Rücken und Bauch trug er kräftig gelbe, scharf gezackte Flossen. Lange, ebenso gelbe Barteln entsprangen hinter seinen fleischigen, rosafarbenen Lippen. Seine Schwanz- und Brustflossen waren durchscheinend weißlich.
Auch Atlantis war hier, bei mir an Land. Mit seinem Maul nahm er das Karpador hoch, reckte den Hals und reichte es mir. Auf dem Kopf des Jungtiers lag eine blühende Seerose, deren Stiel sich an einer seiner beiden Kopfflossen verfangen hatte.
Ich stand perplex da und es vergingen ein paar Augenblicke, bis ich begriff, dass mein Drache den Fisch wohl für mich gefangen hatte. Ich wusste nicht recht, was ich mit diesem quicklebendigen Geschenk tun sollte. Aber ich brachte es nicht über mich, es abzulehnen – dafür schaute Atlantis mit zu viel Stolz zu mir hinauf, während das Karpador erfolglos versuchte, sich aus dem Griff seines Mauls zu winden. Also nahm ich meinen Rucksack ab und kramte hastig darin nach einem Pokéball. Diesmal vergingen bloß vielleicht zwanzig Sekunden, bis ich einen meiner Pokébälle fand; er lag in einem meiner Hausschuhe, die wie plüschige Brutalanda-Tatzen designt waren. Nach dieser absoluten Rekordleistung meinerseits warf ich den leichten, hohlen Ball auf Karpador herab. Sowie er seine glitschigen Schuppen berührte, wurde das Wesen in leuchtende Energie umgewandelt und von der Kapsel aufgesogen.
Flink schnappte Atlantis die Kapsel aus der Luft, noch bevor sie zu Boden fallen konnte. Sie zappelte in seinem Maul. Doch nach wenigen Momenten hörte sie auf, sich zu bewegen, als die Technologie den Kampf gegen das Pokémon gewann.

Atlantis legte den Ball mit stolz geschwollener Brust in meine Hand.
„Danke“, sagte ich unschlüssig. „Dein erster Fang – das hast du gut gemacht.“
Mein Wasserdrache gab ein gurrendes Geräusch tiefster Zufriedenheit von sich. Ich blickte den Pokéball, der jetzt den Fisch beherbergte, ratlos an. Mir gefiel der Gedanke keineswegs, dieses Geschöpf in meine Sammlung aufzunehmen. Karpador war kein Drache, obgleich es sich bei hinreichender Kampferfahrung erstaunlicherweise zu einer riesenhaften Seeschlange entwickeln konnte, die Laien oftmals für einen solchen hielten. Allerdings galt es als extrem nervenaufreibend, Karpador die nötige Erfahrung zu bieten – denn es war das mit Abstand schwächste und erbärmlichste Pokémon der Welt. Zudem verfügte es nicht über Lungen, sondern lediglich über Kiemen, konnte also außerhalb des Wassers oder seines Pokéballs nicht atmen…
Ich ging zu dem Weiher herüber und öffnete dort die Kapsel, sodass Karpador sich in dem Flachwasser des Gewässerrandes materialisierte. Dort schwamm es auf der Stelle. Es wirkte irritiert, doch nicht ängstlich. Ich kniete mich nieder und streckte langsam und etwas widerstrebend die Hand aus, um den Fisch vorsichtig an der Nase zu streicheln. Karpador wich nicht zurück, zuckte aber zusammen. Daher nahm ich meine Hand wieder fort und ließ sie unsicher in dem kühlen Nass verharren.
„Hallo“, sprach ich stattdessen zögerlich und recht gezwungen zu meinem neuen Pokémon. „Freut mich, dich kennenzulernen. Ich bin Gwenda.“ Ich setzte ein unehrliches Lächeln auf.
Die großen Fischaugen mit den winzigen Pupillen sahen mich ausdruckslos an.
„Und wer bist du wohl?“, plapperte ich weiter und versuchte, Interesse vorzugeben. „Du hast kräftig gefärbte Barteln, also bist du ein Männchen, richtig? Das weiß ich von meiner Tante, in ihrem Gartenteich wohnen nämlich Karpador wie du. Lass mich mal überlegen… Ich hab’s! Dein Name ist Poseidon.“
Der frisch getaufte Poseidon öffnete den Mund und schloss ihn wieder.
„Ich finde, Poseidon passt zu dir, denn deine Rücken- und deine Bauchflosse erinnern mich beide an einen Dreizack“, erklärte ich. „Das ist eine Waffe, die Kyogre – der große Gott der Meere! – bei sich trägt. Zwar nicht in Wirklichkeit, aber in einem Märchen – einer Geschichte, die ich als Kind geliebt habe. Und in dieser Geschichte gibt Kyogre seinem treuen Dreizack den Namen Poseidon.“
Das Karpador zeigte keinerlei Reaktion. Ich fragte mich etwas genervt, ob es überhaupt genügend Intelligenz besaß, um die Bedeutung meiner Worte zu verstehen. Daraufhin, auf einmal, schwamm Poseidon zielstrebig nach vorne und legte seinen Kopf in meine Hand. Ich kraulte seine Schnauze und er schlug mehrmals schnell mit den Brustflossen, wie in freudigem Wohlbehagen. Ich lächelte unwillkürlich ein aufrichtigeres Lächeln. Ein plätscherndes Geräusch erklang. Ich blickte auf und sah, dass Atlantis wieder in den Weiher glitt. Er hob seinen Kopf – auf dem nach wie vor die Seerose lag – aus dem Wasser, betrachtete Poseidon und machte einen leicht flötenden, anerkennenden Laut. Offenbar lobte er das zutrauliche Geschenk, das er für mich gefangen hatte. Als das Drachenjunge danach vollkommen untertauchte, löste sich Poseidon plötzlich von meiner Berührung. Er schwamm Atlantis nach und folgte dessen vergnügten Runden in Ufernähe.

Nach einer kurzen Weile bemerkte der Drache den Fisch. Das Dratini hielt inne und musterte mit schief gelegtem Kopf das Karpador, das nun ebenfalls auf der Stelle verweilte. Ich verfolgte die Szene mit Überraschung, da ich erwartet hätte, dass Poseidon mehr Scheu vor seinem Fänger zeigen würde. Doch der feuerfarbene Fisch näherte sich Atlantis und schmiegte sich an seine Wange wie zuvor an meine Hand. Für einen Moment wirkte Atlantis verwundert, bevor er die Geste der Zuneigung überschwänglich erwiderte. Dann legte er den Kopf zurück und pustete Poseidon verspielt einen sachten Schwall Luftblasen entgegen. Die Brustflossen des Fisches schlugen abermals schneller; er schien die Blasendusche zu genießen.
Ich wusste, dass die verschiedenen Pokémon eines Trainers durch den Einfluss ihrer Pokébälle in einer Art Rudel- oder Schwarmgefühl verbunden waren. Dennoch war es verblüffend, dies auf jene berührende Weise bei meinem Neuzugang zu beobachten. Jäh überkam mich ein schlechtes Gewissen, weil ich Poseidon allzu oberflächlich beurteilt hatte. Das Wesen hatte mir aus solch egozentrischen Gründen missfallen…
Entschuldigung, Poseidon, dachte ich im Stillen. Ich hatte kurz vergessen, worauf es tatsächlich ankommt.
Und ich setzte mich wieder zwischen die Grashalme und schaute mit ehrlicher Begeisterung zu, wie meine beiden aquatischen Pokémon durch das Gewässer tollten. In der einbrechenden Nacht wurden sie langsam zu dunklen Schemen. Erst als sich ein verschwommener Schleier der Schläfrigkeit über meine Augen legte und meine Lider allmählich schwer wurden, rief ich Atlantis und Poseidon in ihre Pokébälle zurück. Ich begab mich zu dem warm erleuchteten Pokémon Center, in Vorfreude auf das behagliche Bett, das mich dort erwarten würde.


*********
Ich hoffe, es hat euch gefallen. Über Kommentare/Feedback freue ich mich immer total. :)

Viele Grüße,
dreamer
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