Schreibe eigene Geschichten über Pokémon und deine Lieblings-Charaktere.

Verdrängte Erinnerungen - Wen...

#807472 von jingdoo
04.06.2011, 13:01
Verdrängte Erinnerungen - Wenn Erlebnisse ans Licht kommen


Irgendwann hatte ich das Gefühl dafür verloren, zwischen Realität und Einbildung zu unterscheiden. Ich konnte mit der Last und dem Gefühl, ausgenutzt worden zu sein, einfach nicht mehr weiterleben. Unsicher und verzweifelt suchte ich Ablenkung in physischem Schmerz und tat Dinge, die ich nie hätte tun sollen.

Schon immer musste sie um Anerkennung oder eine Umarmung kämpfen. Nie hatte man sie aus Liebe in die Arme geschlossen, nur um ihr zu zeigen, dass man für sie da sei oder ihr einfach nur nah sein wollte. Alea verletzte schon immer die kühle Distanz, die ihre Mutter ihr gegenüber ausstrahlte. Sie konnte sich bisher keinem Menschen voll und ganz anvertrauen, bis sie anfing, sich in gewissen Situationen an etwas zu erinnern. Etwas, das nur Unruhe und Panik in ihr breit machte. Durch diese offensichtliche Veränderung wurde auch ihre Freundin Janka, mit der sie sich eigentlich schon auseinandergelebt hatte, auf ihr seltsames Verhalten aufmerksam und versuchte, irgendwie an die verschlossene Alea heranzukommen. Doch niemand hätte geahnt, welch Dunkelheit in ihrer Vergangenheit lauern würde.

-> Dies ist keine fröhlich bunte Pokemon-Geschichte, in der es um die wilden Abenteuer neuer Helden geht, sondern ein Drama, in dem sowohl blutige als auch körperlich interagierende Szenen stecken. Entsprechend weise ich darauf hin, dass ihr selbst entscheiden sollt, ob ihr eine solche Geschichte lesen wollt oder nicht. Jüngeren Usern rate ich davon ab.! Wenn ihr euch nicht sicher seid, ob das wirklich was für euch ist, solltet ihrs besser lassen oder mich per PN nach genaueren Handlungssträngen fragen.


Übersicht
Prolog
Kapitel 1 - Alltag
Kapitel 2 - Boden- und Geräteturnen
Kapitel 3 - Gedanken
Kapitel 4 - Der neunte Geburtstag


Prolog


Vorsichtig und behutsam öffnete er Knopf für Knopf ihrer rot-weiß karierten Bluse. Langsam strich er mit seinen eiskalten Fingern ihren Kopf entlang und formte ihre Wangenknochen nach. Ihr Herz schlug wie wild. Eine Schweißperle rollte ihre Stirn hinunter. Ihre Augen waren verheult, ihre Wimperntusche verlaufen. Ihre Augen suchten verzweifelt nach einem Punkt, den sie anschauen konnten, doch in diesem Raum gab es nichts, das sie ablenken konnte. Ihr gesamter Körper zitterte, Panik machte sich breit. Doch sie wagte es nicht, auch nur einen Mucks zu sagen, das scharf geschliffene Messer, das neben ihm lag, hielt sie zurück. Ihre Gedanken schwirrten umher, von Lasten und Problemen sprangen sie zu ihrem neunten Geburtstag und landeten wieder in dem heruntergekommenen Raum, in dem sie sich befand. Der Putz rieselte schon von den Wänden, die Luft war trocken. Den muffigen Geruch und die bedrückende Atmosphäre würde sie nie vergessen.

Kapitel 1: Alltag


Normalerweise fuhr sie in rasantem Tempo die endlos scheinende Straße entlang, doch heute schob sie ihr Fahrrad auf dem Weg zur Schule langsam neben sich her. Sie hatte die ersten beiden Stunden sausen lassen, mittlerweile schien die Sonne schon spürbar warm auf sie herab, es war keine Wolke am Himmel zu sehen. Sie war in Gedanken noch bei sich zu Hause, bei dem Streit, den sie mit ihrer Mutter hatte. Sie konnte es nicht verstehen, dass sie die ersten beiden Stunden schwänzt, dabei hatte sie ihr klar und deutlich gesagt, dass sie noch nicht in der Lage sei, dorthin zu gehen. Aber das wollte sie nicht hören, tat einfach so, als hätte sie es nicht mitbekommen und redete wie wild auf sie ein, sie solle sich doch bitte etwas zusammenreißen, so schlimm könne es ja nicht sein. Ihr waren die Noten doch eh wichtiger, als ihre eigene Tochter. Nie hat sie nachgefragt, wie es ihr ging, ob sie zufrieden oder glücklich sei. Nein, immer stand die Schule an erster Stelle. 12 Punkte waren ja nicht genug, es mussten mindestens 14 sein. Dabei war sie früher selbst nicht besser gewesen. Doch damals waren die Anforderungen ja viel höher, heute sei alles viel leichter. Sie hatte echt keine Ahnung, was in der Schule abging. Wie auch, wenn sie nie nachfragte. Irgendwie hatte sie sich mit dieser puren Ignoranz schon abgefunden, doch tief in ihr schlummerte noch der Wunsch von Anerkennung.

Ihr Fahrrad stellte sie normalerweise unter der hintersten Überdachung ab, heute aber parkte sie es ganz vorne, im Freien. Stöhnend hob sie ihre Tasche vom Gepäckträger und schlurfte den Weg zum Schulgebäude entlang. Es kam ihr auch von Tag zu Tag immer hässlicher vor. Teilweise zierten Risse die Außenfassaden, an anderen Stellen haben ein paar Schüler Graffitis an die Wände gesprüht. Kleine Bagger standen auf dem Pausenhof herum und überall waren halb aufgebaute Gerüste zu sehen. Aber im Verdrängen und sich mit Sachen abfinden war sie schon immer gut gewesen. Am Eingang angekommen kam ihr von Innen ein junger Schüler entgegen, der ihr im hinausgehen die Tür offen hielt. «Danke…», murmelte sie und ging schnell weiter, den Gang entlang. Der Junge schaute ihr nur etwas irritiert hinterher.

Je näher sie ihrem Klassenraum kam, desto lauter wurde der Geräuschpegel, den sie wahrnahm. Vor der Tür standen ihre Mitschüler wie gewohnt in kleinen Grüppchen. Wobei sich das eigentlich nur auf die Mädchen beschränkte, die Jungs standen immer auf einem Haufen, jeder verstand sich irgendwie mit jedem, auch wenn es zwischendurch zu Differenzen und Streitereien kam. Ihre sogenannte beste Freundin stand heute bei den hochnäsigen Mädchen. Da war sie nur, wenn sie etwas Besonderes zu erzählen hatte oder sich einfach cool oder wichtig fühlen wollte. Sonst gesellte sie sich auch ab und zu zu den schlauen Köpfen der Klasse. Zu denen hat sie aber auch nicht mehr den guten Kontakt, wie früher. Bei ihnen kommt sie nur an, wenn sie sich über eine anstehende Klausur unterhalten will, Hausaufgaben abschreiben muss oder das Thema recht interessant klingt. Wie sie es hasst, wenn sie ständig mit ihren Erfahrungen rumprahlt und sich dabei so wichtig fühlt. «Na, schön geschwänzt?» Als ob sie auch nur ansatzweise Ahnung davon hätte, wie es ihr geht oder nachvollziehen könnte, dass sie nicht in die Schule gehen kann, wenn sie psychisch nicht auf dem Damm ist. «Nein, es ging mir heute Morgen einfach nicht so gut.» «Meine Güte, ist ja schon gut. Wenn du schlecht drauf bist, dann sag das und zick mich nicht so dumm an.» Sie hielt einen Moment Inne und sparte sich dann lieber einen Kommentar, um einem weiteren Streit aus dem Weg zu gehen. Vielleicht hatte sie es auch einfach verdrängt, dass ihre Freundschaft auch nicht mehr so stark war, wie vor zwei Jahren. Im Verdrängen war sie ja schließlich nicht die Schlechteste. «Hey Leute!» Sie spürte eine Hand auf ihrer Schulter, sie zog sie ein kleines Stückchen zurück, so wie sie es immer machte, wenn sie den kleinen Kreis, in dem sie standen auflockern wollte, um nicht außen stehen zu müssen. Sind eigentlich alle so besessen auf Aufmerksamkeit? Heute fand sie es aber unangenehm, plötzlich und ohne Vorwarnung eine Hand auf der Schulter zu spüren. Sie zuckte kurz zusammen und drehte sich dann schnell um. «Alea ist heute schlecht drauf, mich hat sie auch schon angezickt.» Wie sie es hasste, bevormundet zu werden. Aber um den sinnlosen Kommentar nicht zu bestätigen, hielt sie sich wieder einmal zurück. Ihre große Freundin schaute nur ein wenig abweisend auf sie herab und ging zu einer anderen Gruppe hinüber, um sich dort über ihr ach so tolles Wochenende zu unterhalten. «Sag Bescheid, wenn man sich wieder normal mit dir unterhalten kann.»

Okay, das könnte man durchaus als abgewiesen beschreiben. Irgendwie verletzte sie das, warum auch immer. Das Gefühl von Trauer und Abschaum wuchs in ihr, sie konnte sich nicht erklären, woher es auf einmal kam, sie hatte es nicht unter Kontrolle. Schnell stellte sie ihre Tasche ab und lief zügig den Flur entlang zur nächsten Toilette. Der ekelhafte Geruch von Abwasser stieg ihr sofort in die Nase, als sie den kleinen gefliesten Raum betrat. Trotzdem versuchte sie einmal tief durchzuatmen und drehte den Wasserhahn auf. Während das Wasser so im Becken herumspritze lief ihr eine kleine Träne die Wange hinunter. Sie schluchzte und wusste nicht, warum es ihr mit einem Mal so schlecht ging. Schnell ließ sie etwas kühles Wasser in ihre Hände laufen und tauchte ihr Gesicht hinein. Es fühlte sich angenehm kühl an. Sie nahm ein Tuch aus dem kleinen Kasten, der an der Wand hing und trocknete sich das Gesicht ab. Mit einem Blick in den Spiegel bemerkte sie, dass ihre Wimperntusche verlaufen war. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie einen dunklen Schatten an der Wand, sie drehte sich erschrocken und blitzschnell um, doch da war nichts.

Kapitel 2: Boden- und Geräteturnen


Seufzend kniete sich Alea auf den kalten Hallenboden und band die Schnürsenkel ihrer Turnschuhe zu einer Schleife. «Ich hab heute so gar keine Lust auf Sport.» Janka hatte sich mittlerweile wieder beruhigt und sich für ihr forsches Überreagieren entschuldigt. Durch einen erneuten, tiefen Seufzer bestätigte sie die Bemerkung ihrer Freundin. Langsam erhob sie sich wieder und sie gingen gemeinsam aus der Umkleide heraus, den schmalen Flur entlang, die Treppe hinunter und betraten die kleine Halle. Sie waren wiedermal die Letzten, aber daran hatten sie sich schon gewöhnt. Janka ging schnell zu ein paar anderen Mädchen hinüber, als sie das Stichwort 'Party im Heartattack' aufschnappte. Alea sah ihr nur lächelnd hinterher und holte ein Zopfgummi aus ihrer Hosentasche. Gemächlich nahm sie Strähne für Strähne ihrer Rot-Braunen Haare zusammen und zog sie schließlich geschickt durch das Band. Während sie auf ihrem Kopf nach abstehenden Strähnen tastete, schaute sie sich nach der heutigen Sportart um. Sie konnte aber nichts Auffälliges entdecken. «Kommt ihr mal bitte alle zusammen?» Langsam und trottend versammelte sich die Klasse in einem Kreis, die Jungs auf der einen und die Mädchen auf der anderen Seite. Dazwischen stand der Lehrer und gegenüber war eine kleine Lücke. Dafür standen die weiblichen Kandidaten sogar in zwei Reihen. Alea hasste dieses unreife Verhalten, doch heute wollte sie sich auch nicht in die Lücke stellen, wie sie es sonst immer gemacht hatte. «Können wir Fußball spielen?», brachte ein Mädchen hervor, woraufhin ein paar Weitere mit einstimmten. Dieses ekelhaft kindische Verhalten hatte sie schon lange verdrängt und wartete einfach ab, ob der Lehrer auf den Vorschlag einging oder nicht. «Nein, für heute habe ich etwas anderes geplant. Heute machen wir Boden- und Geräteturnen.» Ein lautes Stöhnen ging durch die Klasse. Keiner hatte so wirklich Lust, auf einem Schwebebalken zu balancieren oder einen Handstand zu machen. Alea aber war ganz gut darin. Nicht ohne Grund ging sie jede Woche zum Turnen. Doch heute hatte sie ebenfalls nicht so große Lust dazu, da es ihr ja ohnehin nicht so gut ging. Aber das kümmerte ja keinen, ein Großteil der Klasse jammerte herum, er könne doch gar nicht turnen und es sei nur etwas für Schwächlinge. Der Lehrer unterbrach die Trauerrunde mit einem sehr euphorischen Unterton. «Na dann würde ich mal sagen, bauen wir das Ganze doch schon mal auf. Wir brauchen dort hinter einen Boden, in der Ecke baut ihr bitte eine dicke Matte auf und davor stellt ihr ein Trampolin, gegenüber stellt ihr den Schwebebalken hin und legt die dünnen Matten drunter. Daneben kommt dann der Barren, den ihr mit … »

Leicht wacklig und schwankend stand sie wieder auf den Beinen. Fünf Rollen waren wohl doch zu viel, dabei hatte sie sonst keine Probleme mit ihrem Gleichgewicht. Um ihre Grenzen ein wenig auszutesten ging Alea zur nächsten Übung, dem Schwebebalken, über. Gekonnt schwang sie sich hoch und balancierte zur anderen Seite hinüber. Sie hatte zwar währenddessen ein leicht mulmiges Gefühl, aber das kam bestimmt noch von den Vor- und Rückwärtsrollen. Während sie langsam wieder zurück zum Anfang ging, warf sie einen Blick durch die Halle. Die meisten Mitschüler hatten sich vor dem Trampolin aufgestellt, sprangen in einem Strecksprung hoch und landeten relativ unsanft auf der dicken, blauen Schaumstoff-Matte. Bestenfalls rutschten sie noch aus und klappten unter dem eigenen Gewicht, das sie nicht aufrecht halten konnten, zusammen. Alea konnte in solchen Situationen ein lautes Lachen nicht unterdrücken, heute brachte sie aber nur ein leichtes schmunzeln hervor. Da ihr gerade niemand Aufmerksamkeit schenkte, wollte sie ihre Lieblingsfigur auf dem Schwebebalken üben. Die Radwende. Die Aufregung trieb ihren Puls in die Höhe. Geschickt machte sie einen kleinen Sprung nach vorne, beugte sich flink nach unten, stützte ihre Hände auf und schwang sich geschickt über den dünnen Balken hinüber. Sie kam aber nicht gut auf, rutschte ab und stürzte recht unsanft zu Boden. Mit einem lauten 'UAAHHH!' kam sie auf der weichen Matte auf. Schnell kamen ein paar Mitschüler angelaufen, die das Spektakel aus dem Augenwinkel mit beobachtet hatten. Janka vorweg. «Oh mein Gott, Alea! Ist dir was passiert?» Stöhnend richtete sie sich auf und streifte sich ein paar Strähnen aus dem Gesicht, die beim Aufkommen aus ihrem Zopf gerutscht waren. «Ich bin voll ausgerutscht. Aber es geht schon, nur ein Schock.» «Ihhh, guck mal, dein Bein blutet voll!» Vorsichtig zog sie das Bein an und entdeckte eine Schmale Wunde, aus der langsam eine rote Flüssigkeit herunterlief. Stechenden Schmerz spürte sie nicht, es war eher vergleichbar mit einem Nadelstich. Während sie so auf die Verletzung schaute, bildete sich das Bild ganz scharf auf ihrer Netzhaut ab, alles um sie herum nahm sie nicht mehr wahr, die Konturen anderer Objekte verschwammen und sie befand sich in einer Art Traum, in dem sie nichts hörte, außer ihre eigene Stimme in ihrem Kopf. An irgendetwas erinnerte sie dieses Bild, sie wusste nur nicht an was. Sie dachte nach und kramte in ihren Erinnerungen, doch sie fand nichts. Nur Unwohlsein über das, was sie mit dem Anblick verband.

«Alles in Ordnung mit dir?» Die Stimme ihres Lehrers riss sie aus ihrem Gedankengang. Er kniete sich vor die Matte, auf der sie saß und begutachtete die Wunde. Er berührte sanft und vorsichtig ihr Bein, um die Blessur besser untersuchen zu können. Das erneute Gefühl von Unwohlsein und innerer Unruhe kam wieder auf sie zu, sie wurde total panisch, ihr Brustkorb hob und senkte sich immer schneller. «Lassen sie das! Nehmen sie ihre Finger weg!», schrie sie ihn an. Dieser schreckte zurück und sah sie verwundert an. «Es geht mir gut, das ist doch nur ein Kratzer.» Ihre Stimme zitterte und klang leicht verletzt. Schnell richtete sie sich auf und stand ein wenig wacklig auf ihren Beinen. Das Humpeln unterdrückend verließ sie schnellstmöglich die Halle und zog sich in die Umkleidekabine zurück. Dort angekommen packte sie schnell ihre Klamotten in die Tasche, wischte sich mit einem Taschentuch das leicht angetrocknete Blut von ihrem Bein, schnappte sich ihre Tasche und rannte immer noch leicht gekränkt aus der Kabine, die Treppe hinunter und verließ die Sporthalle.

Der Weg zu ihrem Fahrrad kam ihr ewig lang vor, sie flüchtete und wusste nicht einmal, wovor. Panik spiegelte sich in ihrem ängstlichen Blick wieder, ständig drehte sie sich um, um nachzuschauen, ob sie jemand verfolgte. Ein wenig erleichtert kam sie an den Fahrradständern an und wühlte in ihrer Tasche, auf der Suche nach ihrem Schlüssel. Ein rascheln. Entsetzt drehte sie sich um. Sie beruhigte sich, als sie den Vogel aus dem Gebüsch wegfliegen sah. Sie wandte sich wieder ihrem Fahrrad zu und vor ihr stand Janka. Sie machte erschrocken einen Satz zurück und stolperte fast über den Ast, der vermutlich vom Unwetter gestern Abend heruntergefallen war. «Was ist eigentlich los mit dir? Seit Tagen verhältst du dich komisch und was sollte das gerade bei unserem Lehrer? Er wollte dir doch nur helfen!» Alea atmete tief ein, um den Schock, den sie zuvor erlebte wieder zu verkraften. «Ich kann nicht mit dir darüber reden.» Sichtlich gekränkt warf ihre Freundin ihr einen abweisenden Blick zu. «Hör zu, ich weiß auch nicht, woher das kommt. Aber in letzter Zeit ist mir der Druck einfach viel zu groß. Der Kampf nach Anerkennung von meiner Mutter geht unermüdlich weiter. Bei meinem Nebenjob erwarten auch alle zu viel von mir und hier in der Schule reden ständig alle nur von sich selbst und kümmern sich nicht darum, wie es anderen geht.» Janka sah sie nun mit großen Augen an. Auch wenn man es ihr nicht ansah, Alea wusste genau, dass sie versuchte, ein Lachen zu unterdrücken. «Das hättest du mir doch sagen können. Ich wäre für dich dagewesen. Schau mal, ich hatte selbst vor längerer Zeit Stress mit meiner Mutter und mittlerweile haben wir uns auch wieder vertragen. Seitdem geht es mir auch wieder besser und ich konnte mich voll und ganz…» «Hör auf! Hör auf, ständig von dir selbst zu reden! Ich kann das einfach nicht mehr hören, du hier, du da, du überall. Es interessiert mich einfach nicht, auf welchen Partys du warst und wie unbeschreiblich dicht du da mit irgendwelchen wildfremden Typen rumgemacht hast. Und deine kleine Auseinandersetzung mit deiner Mutter kannst du nun wirklich nicht als Vergleich darstellen. Sie hat dir nicht erlaubt, zu dem Festival zu fahren, meine Mutter hingegen zeigt mir nicht, dass sie mich liebt, wenn sie es denn überhaupt tut. Du hast doch keine Ahnung, wie sich das anfühlt, wenn dich niemand in den Arm nimmt, niemand dir sagt 'Hey, das wird schon wieder.' und niemand für dich da ist.» Der ganze Frust und die ganzen Gedanken, die sich in den letzten Tagen, Wochen und Monaten in ihr aufgestaut haben, kamen nun heraus. Würden sie ihr ständiges Schluchzen und Tränen aus dem Gesicht wischen nicht ablenken, würde sie vermutlich das ganze Schulgebäude zusammen schreien. Doch nun war es still. Janka stand wie versteinert da und sah sie verblüfft und ein wenig angewidert an. «Bist du eigentlich total gestört? Hör auf, dein Leben ständig so hoch zu pushen. Du denkst vielleicht, es wäre interessant, das ist es aber nicht. Wie auch, wenn du ständig nur ans Arbeiten denkst und zu Hause sitzt und für die Schule lernst. Denkst du, das beeindruckt Andere? Denkst du, du kannst so deine Ansehen höher stellen? Und wenn man dir dann mal, so wie gerade im Sportunterricht, helfen möchte, stößt du einen gleich weg und machst einen solchen Abgang, nur um Aufmerksamkeit zu bekommen.» Jetzt konnte Alea sich nicht mehr halten, sie brach in einen Heulkrampf aus und sank gen Boden, bis sie mit ihren nackten Knien auf den kühlen Steinplatten saß, das Gesicht in den Händen vergraben. «Und jetzt hör auf, mir so eine Show zu machen. Heul auch nicht gleich rum, wenn man dir mal die Meinung sagt, das ist ja nicht auszuhalten.» Die Worte trafen sie hart. Zum Teil war sie zwar selber Schuld, dass sie so angezickt wurde, aber mit solchen hochgestellten Kleinigkeiten hatte sie nicht gerechnet. Doch aus irgendeinem Grund hörte sie auf, zu weinen. Vielleicht war es die Erkenntnis, dass sie mit einer solch oberflächlichen Person nichts mehr zu tun haben wollte. Sie stand auf, wischte den Dreck von ihrer Sporthose ab und lehnte ihr Fahrrad ein Stück nach hinten, um den Ständer nach oben zu klappen. Mit einem genervten Blick auf das noch immer zugeschlossene Fahrradschloss wühlte sie erneut wortlos in ihrer Tasche und fand den Schlüssel endlich. Sie warf das Schloss in den vorderen Fahrradkorb, inklusive Schlüssel, setzte das Rad ein wenig zurück und stieg mit einem tiefen Atemzug auf das Fahrrad. Kommentarlos gab sie sich mit dem Fuß ein wenig Schwung und rollte schließlich davon. Sie hörte ihre Freundin nur noch etwas Ähnliches wie 'Ja, hau doch ab du überempfindliche dumme Kuh!' hinterherschreien. Über das genaue Schimpfwort wollte sie nicht weiter nachdenken.

Kapitel 3 - Gedanken


Genervt schlug sie die Zimmertür hinter sich zu. «Türen kann man auch leise schließen!» Hörte sie ihre Mutter von unten schreien. «Jaja…», murmelte Alea vor sich hin und ließ sich erschöpft auf ihr Bett fallen. Es federte sie leicht zurück, mit einem Griff zur Seite zog sie ihre Bettdecke fest an ihren Körper. Ihre Hände verkrampften und sie spannte sie so sehr an, dass ihre Fingerknochen schon weiß hervorstachen. Sie atmete tief ein und ließ die Luft langsam wieder durch ihren halb geöffneten Mund entweichen. Sie wusste nicht, von welchem Gefühl sie besessen war, war es Trauer, Wut, Enttäuschung, Scham oder fühlte sie sich einfach dreckig, ausgenutzt, missbraucht und in die Ecke geschmissen? Verzweifelt versuchte sie, einen klaren Gedanken zu fassen, doch es gelang ihr nicht. Zu viele Dinge schwirrten in ihrem Kopf herum. Dinge, die ihr zum Teil zu nebensächlich waren. Der Streit mit Janka traf sie zwar hart, jedoch war sie auch irgendwie erleichtert darüber, dass sie endlich mal beide sagen konnten, was sie dachten. Das brachte ihr wenigstens die Erkenntnis, dass zwischen ihnen schon längst keine gute Freundschaft mehr vorhanden war. Nein, eigentlich war es überhaupt keine Freundschaft mehr. Sie erzählte ja immer nur von sich, ihren ach so tollen Erlebnissen und ach so schwierigen Problemen. Alea verdrängte in solchen Situationen immer die endlos redende Stimme ihrer 'Freundin'. Wenn sie aber mal genau auf das Gerede achtete, fiel ihr auf, dass sie ihre Meinung, während sie redete, änderte und am Ende ihres Gelabers‘, sich immer im Vergleich zum Anfang widersprach. Und wenn Alea sie darauf ansprach, meckerte sie nur rum, sie meine es ja so und so und sie solle nicht immer alles so genau nehmen. Sie wollte sich aber auch nicht weiter gedanklich mit Janka auseinandersetzen, das war sie ihr nicht mehr wert. Viel mehr verletzte sie die grobe und skrupellose Art und Weise, in der sie von ihrer Mutter behandelt wurde. Nachdem Alea heute Morgen früher von der Schule nach Hause gekommen war, fand sie einen Zettel mit der Aufschrift «Bin mit einer Freundin zum Mittagessen verabredet.» auf dem leeren Küchentisch. Zwar nett, dass sie Bescheid gesagt hat, aber was sollte sie essen? Blieb ihr natürlich selbst überlassen. Demnach durchwühlte sie den Tiefkühlschrank, auf der Suche nach einer Fertigpizza, die sie auch anschließend fand. Nachdem ihre Mutter gegen Abend nach Hause gekommen war, meckerte sie auch gleich rum, Alea solle nicht immer so ungesund essen, sie sei schon alt genug, um sich etwas Anständiges zu kochen. Als wäre diese Bemerkung nicht überflüssig genug gewesen, hielt sie ihr noch einen Vortrag über ihr Fehlverhalten in der Schule. Ihr Sportlehrer habe sie besorgt angerufen und nachgefragt, ob bei Alea zu Hause alles in Ordnung sei, da sie sehr verschreckt und eingeschüchtert wirkte. Das sei ihrer Mutter extrem unangenehm gewesen, mit der Bemerkung «Pass demnächst gefälligst besser auf, wie du dich vor Autoritätspersonen verhältst!» zog diese sich dann in die Küche zurück, wo sie fluchend anfing, Haushaltsgeräte hin und her zu räumen. Eigentlich war Alea der Meinung, dass sich ihre Mutter hätte entschuldigen sollen. Aus einem ihr unerklärlichen Grund jedoch, hatte sie selbst Schuldgefühle. Demnach nahm sie ihren Mut zusammen und suchte ihre Mutter nach einer totgeschlagenen Stunde auf. Sie befand sich im Wohnzimmer, wo sie gemütlich auf dem Sofa saß und eine Liebes-Schnulze im Fernsehen geschaut hat. Doch als Alea den Raum betrat, nahm sie gleich die Fernbedienung und schaltete den leuchtenden Kasten aus. Alea versuchte, sich bestmöglich zu entschuldigen, jedoch unterbrach ihre Mutter sie.

Der Gedanke an das, was sie ihr erzählt hatte, ließ sie in ein tiefes Loch fallen. Erst unscheinbar, dann deutlich sichtbar, bildete sich eine Wasseransammlung von Tränen in ihren smaragdgrünen Augen. Sie ließ sie geöffnet, schlug ihre Augenlieder nicht nach unten, um das nun verschwommene Bild, das sich auf ihrer Netzhaut abzeichnete, erneut zu schärfen. Nein, sie starrte leer vor sich hin. Dunkelheit und Schatten legten sich über verdrängte Erlebnisse. Plötzlich kam ihr eine Art Erinnerung hoch, ein kleines Detail, das eine solch immense Wirkung auf sie erzielte, die sie geschockt zusammenzucken ließ. Sie sah das Bild klar vor sich. Es war ein schmaler Waldweg, von Laternen beleuchtet. Sie wusste, dass sie diesen Weg einmal gerne entlang fuhr. Bei Nacht war es so schön still, diese ruhige Atmosphäre ließ sie entspannen. Doch sie sieht auf einmal einen Schatten hinter sich herlaufen, der in den hell beschienenen Bereichen des Weges gut sichtbar durch das Licht huschte. Was es war, konnte sie nicht sagen. Unruhe machte sich breit, sie ging schneller und fing an zu laufen, bis sie davon rannte. Der Schatten immer schnell hinter ihr her, bis sie einen lauten und schrillen Schrei ausstieß. In diesem Moment kniff Alea ihre Augen fest zusammen, auf beiden Seiten rollten ihr nun die Tränen über ihre Wangen hinunter und hinterließen zwei dunkle Flecken auf ihrer Decke. Doch das Bild verblasste schon wieder und was ihr blieb, war die Erinnerung daran, dass sie nachts vor etwas geflohen war. Mit einem Blick auf die verkrustete Schnittstelle auf ihrem Bein kam ihr ein Gedanke.

Sie hatte sich nie wirklich mit dem Thema beschäftigt, sie fand die Vorstellung ekelhaft. Aber in diesem Moment sah sie keinen Ausweg, sie wollte nicht mehr an all die Lasten denken, wollte sich einfach mit etwas anderem befassen. Vorsichtig und leicht zitternd setzte Alea die scharfe Klinge ihres Messers auf ihrem Arm an. Sie kniff die Augen fest zusammen und übte Druck auf die Stelle, an der sich Spitze und Haut berührten, aus. Ohne noch einmal darüber nachzudenken, schlitzte sie sich quer den Arm auf. Sofort drang Blut aus der frischen, schmerzenden Wunde aus, das ihr überraschend schnell den nach unten gebeugten Arm hinunterlief. Fast wie im Affekt setze sie die Messerklinge wieder an und ritzte sich erneut. Sie wiederholte es noch mehrmals, hatte irgendwann keine Kontrolle mehr über diese Handlungskette. Dann fing sie an zu zittern, das Messer fiel ihr aus der Hand und hinterließ ein paar Spritzer auf dem weißen Bettlaken, diese fielen jedoch nicht sonderlich stark auf, da es ohnehin von vielen Blutflecken übersät war. Trotz des beißenden Schmerzes fand Alea das Gefühl der warmen, hinunterlaufenden Flüssigkeit angenehm. Sie konnte sich nicht erklären, wie sie zu dem Schluss kam, es war einfach so. Sie zog ihren von Schlitzen geprägten Arm an ihren Bauch heran, woraufhin sich ihr T-Shirt ebenfalls schnell rot färbte. Sie war erfüllt von der Tatsache, abgelenkt zu sein. Glücklich, nicht mehr an das denken zu müssen, was ihr ihre Mutter über ihre Vergangenheit erzählt hatte, ließ sie sich nach hinten auf ihre Matratze fallen und schloss ihre Augen, die noch leicht gerötet waren. Doch weinen tat sie nicht mehr. Ein mattes Lächeln zeichnete sich auf ihren Lippen ab und sie kam für einen Moment zur Ruhe.

Kapitel 4 - Der neunte Geburtstag


Es war vermutlich der schönste Tag in ihrem Leben. Der einzige Tag, an den sie sich erinnern konnte, an dem sie tiefe Zuneigung und Verbundenheit mit einem Menschen gespürt hatte. Sie trug ein buntes, mit Blumen verziertes Kleid, das wenn sie sich drehte, an ein Ballkleid von früher erinnerte. Der Stoff war dünn und geschmeidig, das war gerade im Sommer, wo sie Geburtstag hatte, sehr angenehm. An die Geschenke, die sie an dem Tag bekam, konnte sie sich nicht mehr erinnern, vermutlich viele Wertgegenstände, wie sie es von ihrer Mutter gewohnt war. An diesem Tag wurde sie nachmittags von einer netten Frau abgeholt, sie dachte, es sei eine Freundin ihrer Mutter, da sie sie als solche vorgestellt hatte. Gemeinsam gingen die beiden in einen kleinen Tierpark, Alea wollte schon immer dort hin, allerdings fand ihre Mutter die hinter Gittern eingesperrten Tiere langweilig, weswegen sie bis zu diesem Tag nie dort gewesen war. Nadine, die Freundin ihrer Mutter, hingegen, mochte den Park sehr. Sie berichtete Alea, dass sie selbst als Kind oft dort gewesen sei. Ihr Vater sei immer mit ihr ins Freilaufgehege gegangen, gemeinsam hätten sie die Rehe in dem großen Auslauf, der sie mehr an einen wilden Streichelzoo erinnerte, gefüttert. Alea fühlte sich auf irgendeine, ihr Art und Weise, die ihr nicht bekannt war, mit Nadine verbunden. Gemeinsam gingen sie an den Gehegen vorbei, entzückt vor Freude standen sie bei den Riesenottern, die vergnügt im Wasser herum plantschten. Die Dachse beobachteten sie ebenfalls mit Vergnügen, sie hatten vor Kurzem Nachwuchs bekommen. Nach den neu gewonnen Eindrücken gingen sie noch in eine Eisdiele, wo sie viel Spaß hatten. Alea war sichtlich traurig, als Nadine sie wieder bei ihrer Mutter absetzte. Sie versprach ihr, dass sie bestimmt wieder einen solchen Tag zusammen verbringen würden, doch bis heute sah sie sie nie wieder. Nur eine kleine, aus verschiedenen Stoffen gebastelte Blume, die sie nicht sonderlich hübsch fand, was für sie aber keine Rolle spielte, trug sie noch immer bei sich, sie konnte sich einfach nicht davon trennen, da noch immer die Erinnerungen an diesen Tag daran hingen. Es war ihr kleiner, persönlicher Schatz, den sie von Nadine geschenkt bekommen hatte.

Vertieft in ihre Gedanken starrte Alea die Wand an, ein kleiner Staubfaden machte sich durch minimale Bewegung bemerkbar. Irgendwoher kam ihr das Bild bekannt vor, doch sie konnte keinen Bezug dazu herstellen. Oder etwa doch? Sie strich sich langsam mit den kühlen Fingern eine Strähne aus dem Gesicht, die ihr in die Augen gefallen war. Da hielt sie plötzlich einen Moment inne. Ihre Augen waren weit geöffnet, noch immer auf den Staubfaden an der Wand gerichtet, der einen leichten, fast unscheinbaren Schatten hinterließ. Er erinnerte Alea tatsächlich an etwas, etwas, das sie in Unruhe versetzte. Sie erschrak, hatte das genaue Bild eines Risses in der Wand vor Augen, aus dem etwas Putz herunter rieselte. Automatisch stieg ihr ein muffiger Geruch in die Nase, der sie an feuchten Beton erinnerte. Ihr Herz schlug fest in ihrer Brust, bei jedem Schlag spürte sie die Adern in ihrem gesamten Körper pulsieren, es fühlte sich an, als würde der Boden, auf dem sie stand, beben. «Alea? Alea sag doch was!» Janka riss sie aus ihrem Schock zustand und schüttelte sie deutlich spürbar an ihren Schultern hin und her. Schnell kniff Alea die Augen zusammen, ließ sich zurück auf das Sofa fallen und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Langsam führte sie sie vor ihrem Mund und ihrer Nase zusammen und holte tief Luft. Prüfend sah sie sich noch einmal in dem Raum, in dem sie sich befand, um und stellte zu ihrer Zufriedenheit fest, dass sie in Janka‘s Zimmer saß. Diese nahm gerade die beiden Tassen vom kleinen Couchtisch und reichte ihr eine. «Hier, trink erst mal was.» Dankbar nahm Alea das heiße Getränk an und wärmte ihre kalten Handflächen damit. «Warum kommst du eigentlich bei einem solchen Wetter hierher? Es gewittert wie Sau!» «Ich… wollte mich bei dir entschuldigen.» Leicht verdutzt sah Janka sie an, ließ sie aber aussprechen, ohne ihr ins Wort zu fallen, was Alea positiv überraschte. «Was ich da gestern zu dir gesagt habe… das tut mir ehrlich Leid. Also ich wollte dir zwar schon immer mal sagen, dass mir dein Egotrip auf die Nerven geht, aber an dem Tag und in der Situation ist das Ganze etwas eskaliert. Ich bin zwar froh, dass wir beide endlich mal unsere Meinung sagen konnten, aber irgendwie haben wir uns gegenseitig so hochgeschaukelt, dass die Argumente teilweise echt lächerlich wurden.» Spätestens jetzt hatte Alea mit einem Einspruch gerechnet, doch Janka hörte ihr noch immer aufrichtig zu, was ihr schon fast ein wenig unangenehm vorkam. «Ja… und irgendwie vermisse ich die Zeit, in der wir uns noch richtig gut verstanden haben. Wo es nicht darum ging, wer die coolsten News zu berichten hatte und wer besser bei den Jungs ankam, sondern wo wir uns gegenseitig so sehr vertraut haben und… » Sie stockte kurz und sah Janka dann tief in die Augen. «… und wo wir dem Anderen jederzeit sagen konnten, was uns bewegte, wo es einem nicht egal war, ob es ein großes oder kleines Problem war, sondern wo man einfach gemeinsam lachen, weinen und Schokolade essen konnte.» Janka schmunzelte bei dem Wort 'Schokolade' leicht. Nach einem großen Schluck Tee stellte sie die Tasse zurück auf den Tisch und begab sich in eine gemütliche Position. «Oh ja… das war schon eine schöne Zeit, damals. Vielleicht haben wir uns auch einfach auseinandergelebt, sind lieber unseren eigenen Interessen nachgegangen und haben so auch verschiedene Meinungen gebildet, die aneinander geprallt sind. Was mich persönlich stört, ist, dass du nicht mit mir redest. Auch wenn ich Vieles auf mich beziehe, das mache ich nur, um mich irgendwie in dich reinversetzen zu können. Tut mir Leid, wenn du das falsch aufgefasst hast, aber gleich alles abzublocken, ist auch keine Lösung. Und gerade weil du scheinbar sehr emotional bist, ist es wichtig, darüber zu reden. Dafür bin ich dann auch da. Egal, was es ist, du kannst es mir sagen und ich denke, wir sind auf einem guten Weg, wenn wir demnächst einfach mehr Zeit miteinander verbringen. Dass wir uns nicht mehr verabredet haben, trug vermutlich auch dazu bei, dass wir den Kontakt ein wenig verloren.» Ihre Augen waren glasig und eine kleine, unscheinbare Träne rollte langsam Alea’s Wange hinunter. Als eine Geste der Versöhnung stand Janka schnell auf, setzte sich neben sie auf das Sofa und breitete ihre Arme aus, sodass Alea sich schnell darin vergraben konnte und schließlich laut anfing, zu schluchzen und zu weinen. Das Gefühl, dass sie in diesem Moment spürte, konnte sie nicht richtig beschreiben, es war ein wenig Erleichterung, gemischt mit Freude, auf der anderen Seite spürte sie Angst und Ungewissheit. Doch eins wusste sie: Janka konnte sie von nun an wieder vertrauen, das gab ihr ein wenig Halt und Sicherheit.

«So, hier ist ein Kissen und eine Decke konnte ich auch noch auftreiben.», meinte Janka, als sie beides mit einem Stöhnen auf die Matratze warf. Gerade, als Alea sich draufsetzen wollte, stolperte sie über eine Tasche, die auf dem Boden lag und fiel sehr unsanft auf einen Klamottenstapel. «Sorry, dass es hier nicht so aufgeräumt ist. Hätte ich gewusst, dass du vorbeikommst und auch noch hier übernachtest, hätte ich noch schnell den Staubsauger geschwungen.» Staub… Dieses Wort erinnerte sie an ihre Erinnerung an den dreckigen Raum, doch diesen Gedanken schob sie schluckend beiseite. Stöhnend richtete sie sich auf und krabbelte das kleine Stück hinüber, zu ihrem Bett. Schnell mummelte sie sich in die weiche Decke ein und fühlte sich sofort geborgen. «Jaja, mach es dir ruhig schon mal gemütlich, während ich noch schnell das Chaos beseitige.» «Soll ich dir helfen?» «Nene, lass mal, das möchte ich dir nicht zumuten.» Janka lächelte ihr freundlich zu und zwinkerte einmal mit ihrem Auge. Alea hatte dieses unbeschwerte Gefühl schon fast vergessen, umso schöner fühlte es sich nun an. Nachdem auch ihre Freundin das Licht ausgemacht hatte und sich in ihrem Bett vergraben hatte, redeten die beiden noch von alten Zeiten und berichteten Dinge, die die jeweils Andere in der Zeit, wo sie nicht viel miteinander zu tun hatten, nicht mitbekommen hatte. Spät in der Nacht kamen sie schließlich zur Ruhe, wobei Alea von Albträumen geplagt wurde. Ständig lief sie im Wald vor etwas davon und fand sich später in dem abgeschotteten Raum wieder. In anderen Szenarien sah sie Nadine vor sich, die ihr freundlich zulächelte, doch dieses friedliche Bild wurde schnell von ihrer Mutter zerstört, die Alea immer wieder zurief: «Du bist adoptiert! Deine leibliche Mutter wollte dich nicht! Du warst nicht gut genug für sie! Und jetzt? Jetzt ist sie tot!» Alea rief immer «Nein! Nein, das kann nicht sein!» Doch sie wusste genau, dass es die Wahrheit war.
Zuletzt geändert von jingdoo am 13.08.2011, 01:35, insgesamt 14-mal geändert.
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Re: Verdrängte Erinnerungen -...

#807490 von jingdoo
04.06.2011, 13:29
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Re: Verdrängte Erinnerungen -...

#808238 von jingdoo
06.06.2011, 14:24
Kapitel 2: Boden- und Geräteturnen


So, neues Kapitel ist up. Ich hoffe, es gefällt euch.
Zuletzt geändert von jingdoo am 10.06.2011, 13:04, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Verdrängte Erinnerungen -...

#808925 von N-Friend
08.06.2011, 15:38
Ich wollte mal wieder eine FF kommentieren und hatte die Wahl zwischen drei neuen Werken. Entschieden hab ich mich für die Geschichte, die die wenigsten Kommentare bekommen hat und die auch noch schön kurz ist..... jetzt merk ich aber, dass es verdammt schwer wird sie zu kommentieren Dx


Die Geschichte beginnt mit dem Schultag eines Mädchens. Eine Protagonistin, die von ihrer Mutter scheinbar nicht geliebt wird, die zurzeit sehr unter stress steht und durch die Brille der Ignoranz schaut. Beim Lesen der ersten 1,5 Kapitel muss ich zugeben, es ist nicht mein Genre - immerhin geht es um die Probleme anderer Leute in einer Alltagsgeschichte... was sich dann den letzten Abschnitt abspielte, war dann doch schon recht interessant und lässt mich weiter hoffen.

Ich fang mal ganz vorne mit dem Spekulieren an - sogar noch vor dem Titel der Story. Dein Vorwort.... ich liebe Vorwörter, ich weiß nicht wieso... dass deines so kurz ist finde ich eigentlich schade.... und dass ich gerade sinnlos über das VOrwort philosphiere zeigt in Wirklichkeit, dass ich keine Idee hab wie ich sonst anfangen soll :|

Aber gut, starte ich mit dem Prolog, zu dem sich sagen lässt: Sehr interessant! Vor meinem inneren Auge spiegelt sich das Bild eines Übergriffs wieder. "Eiskalte Finger", "verheulte Augen".... "Panik". All das weist darauf hin, dass etwas gegen ihren Willen geschieht und sie zerstört. Das es noch ein Gegenstück, "Er", gibt, lässt mich auf einen Überfall schließen. Kurz darauf kommt das erste Kapitel, bei dem es mit dem Weg zur Schule eines Mädchens beginnt - zeigt auch wieder den schönen EInsatz des Prologs. Man wird durch den Vorspann direkt in ein dramatisches Erlebnis einbegriffen, man weiß nicht ob es vor oder nach dem ersten Kapitel passiert (ist). Man weiß aber, dass es so ein Erlebnis gab/geben wird und dass es sich um die Protagonisten handelt sollte eigentlich selbstverständlich sein.
Und jetzt kommt eigentlich das Highlight des ersten Kapitels. Es mag dich vielleicht verwundern, aber das erste Wort im ersten Kapitel hat verdammt viel Ausdruck. "Normalerweise" - spiegelt Alltäglichkeit und Gewohnheit... aber nun ist es anders, es muss etwas geben, was zu dieser Veränderung führt. Klar, Stimmungsschwankungne oder schlechte Laune können ein Grund sein.... dass es einen Grund gibt und dass das Kapitel doch nicht wie gewöhnlich startet, lässt aber auf eine schöne Geschichte hoffen.
Seit dem Beginn des Kapitel sist man sehr nah an der Hauptperson, man sieht durch ihre Sicht, erkennt Dinge, die sie fühlt, kritisiert andere Leute und bringt sich selbst in die Rolle der Verletzten. Der Stress ist dabei ein wesentlicher Aspekt, aber auch der Streit mit ihrer Mutter scheint ihr zu schaffne zu machen. Positive Gedanken hat sie zu dieser Zeit keine, man erkennt keine Hoffnung, wünsche oder Träume - nur das allgegenwärtige Schleppen durch das Leben, dass sie gerade nervt.
In der Klasse hat man dann erstmals Kontakt zu anderen Personen und die wörtliche Rede tritt ein. Der erste Moment, an dem man Schwächen des Protagonisten erkennt. Nun ist auch sie in der Rolle der "Leidbrignenden", sie hat schlechte Laune und lässt diese an andere Personen aus. Aber auch an dieser Stelle bleibt man am Protagonisten dran und sieht nur die gegenseitige Ignoranz, die innerliche Antipathie, die sich in diesen Momenten abspielt.
Im Bad schluchzte und weinte sie plötzlich, sie selbst wusste nicht warum es ihr so schlecht ging, der Leser wird in dieser Szene auch eher in Ungewissheit gelassen. Das erste Kapitel endete auch an diesem Ort und hinterlässt sozusagen die Sicht auf einen wirklich schlechten Tag der Protagonisten.

Nun ehrlich gesagt fand ich das erste Kapitel nicht wirklich so interessant. Du hast zwar wirklich gut die schlechte Laune und die Beweggründe der Protagonistin wiedergegeben, aber das Ende hatte es dann doch eher weniger in sich. Du hast es mit dem Weinen auf der Toilette beendet.... lässt mich persönlich gefühlskalt, kann andere jedoch fesseln.
Nun, es blieb der Prolog im Hinterkopf und das zweite Kapitel vor der Brust...

Nun gut, allgegenwärtige Probleme Namen ihren Lauf: Egoismus der Mitschüler, Aufmerksakeitsdrang, Sportunterricht, Turnen (was ich btw viel schlimmer finde als Fußball... man man man, wie kann man eine der besten Sportarten nur so niedermachen......)... es fallen Leute beim Sport hin, wie so häufig.... und plötzlich auch die Protagonistin.... erst benebelt, als ihr Hilfe angeboten wird lehnt sie diese ab und verschwindet...
ab diesem Moment erkennt man so eine gewisse Änderung. Alea hat plötzlich einen Teil ihrer Kontrolle verloren, sie kann ihre eigenen Handlungne nicht mehr planen und flüchtet vor etwas vollkommen Unbekanntem...

Die Flucht ist in meinen Augen in den ersten Kapiteln auch ein wesentlicher Bestandteil.... siie kapselt sich ab, bleibt alleine, versucht ihre Probleme zu unterdrücken und flüchtet vor Komplikationen (Toilette, Sportunterricht, Gespräch mit Freundin)... diese interessante Begebenheit hat mich dann auch die letzten Textpassagen mit einem funkelnderen Blick lesen lassen. Ein Konflikt zwischen Alea und Janka bahnte sich an. Beide werfen sich das gleiche vor, was ich an dieser Stelle auch wieder gelungen finde. Auf mich wirkt Alea wie eine Zicke, die uneinsichtig und aus reinen Emotionen heraus reagiert. Ich persönlich stand im konflikt mehr auf Jankas Seite, da ich ihre Argumente doch mehr nachvollziehen konnte... die Protagonistin wird hierbei mehr in die Rolle des Antihelden gestellt, mit dem man eigentlich gar nicht mitfühlen möchte, da er antipathisch wirkt.... dass man dennoch in gewisser Weise Mitleid empfindet kommt wohl von deiner sehr schönen Beschreibung von den verwirrten Gefühlen und auch von der Flucht. Wie du allerdings wieder Näher an den CHarakter rankommen möchtest, darauf bin ich gespannt.... ich freu mich jedenfalls schon auf die nächsten Kapitel.

Und nun komme ich doch wieder an den Anfang. Der Titel. Verdrängte Erinnerungen.... und zack, da hat man was, was sie gezeichnet haben musste. Es gab ein einschneidendes Erlebnis in der Vergangenheit, dem Leser wird schon gleich eine Person gezeigt, mit der etwas geschehen sein musste bzw. die gezeichnet war. Und das die "Erinnerungen" "verdrängt" sind... das zeigt, dass wir nach und nach mit der Protagonisten diese Erinnerungen aufarbeiten werde. Das gekoppelt mit dem Prolog - Vorfreude war garantiert.

Zu deinem Schreibstil... gut, du hast es auf jedenfall sehr drauf Gefühle hervorzubringen und deutlich zu machen. Und das ist bei dieser Art von Story auch wichtig, es muss keine fantastischen Landschaften, sehr detailierte Mordfälle oder spannende Gewehrschlachten geben... das hier erinnert mehr an ein drama, das sehr auf Gefühle spezialisiert ist - und diese bringst du gut rüber, respekt!
Was mich allerdings dagegen etwas irritierte war, dass die Wutrede am Ende so lange war. Es kam mir vor wie im Unterricht, wo man andere Leute aussprechen lässt. Hier haben sie die ganze Zeit geredet und ich konnte leider nur durch die gewählten Worte erkennen, wie sie fühlen. Danach erwähnst du, dass sie wegen des Schluchzens nicht so schreien kann... davon hat man im riesigen wörtliche Rede Block allerdings nichts viel bemerkt. Diese stelle hättest du in meinen Augen noch kpnstlich in die Länge ziehen können, man entfernt sich leider wieder vom Protagonisten (wie bereits gesagt, Janka hatte bessere Argumente) - es wäre an dieser Stelle aber auch praktisch gewesen, ihre sicht zu unterstützen und durch ihr Herz zu schauen... aber kay, das ist Perfektionismus.


Nun gut, jedenfalls bin ich gespannt auf neue Kapitel^^

keep on writing
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Re: Verdrängte Erinnerungen -...

#809488 von jingdoo
10.06.2011, 13:04
Kapitel 3 - Gedanken


Vielen Dank erstmal, N-Friend, für dieses lange und detailreiche Kommentar. Ich schau mal,was sich für ein Vorwort tun lässt.

Ansonsten ist jetzt Kapitel 3 up, wer Blut nicht gerne mag (auch, wenn es nicht allzu ausführlich zur Sache geht), sollte es vielleicht eher meiden.. Ansonsten habe ich versucht, es noch etwas düsterer zu gestalten, aber lest selbst, viel Vergnügen.
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Re: Verdrängte Erinnerungen -...

#811618 von jingdoo
16.06.2011, 22:19
Kapitel 4 - Der neunte Geburtstag


So, neues Kapitel ist up. Diesmal ein eher informatives Kapitel, in dem ein paar Probleme gelöst werden und Neue aufkommen. Ich hoffe, es gefällt euch.
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Re: Verdrängte Erinnerungen -...

#867376 von Skill
01.01.2012, 15:39
Deine Geschichte ist klasse und spannend zu lesen, ich hoffe du bringst ein paar mehr Kapitel raus :)

Weiter so!
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