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Ein Lehrer macht Urlaub

#1296676 von Simno
30.10.2017, 21:11
Weil mich der Herbst mit seinem schlechten Wetter nervt und es noch einige Zeit bis USUM ist, möchte ich ein wenig Urlaubsstimmung ins Forum und einen alten Freund zurück ins Rampenlicht bringen. Nathanael, der leidgeprüfte Lehrer aus der Erfolgsstory "Ein Trainer macht Schule" ist wieder zurück und erkundet Alola.

Der Anfang ist wie gewohnt noch etwas gemütlich, aber man muss dem Mann auch einmal eine Pause gönnen.

Viel Spaß beim Lesen!

Ein Lehrer macht Urlaub


Die Ankunft

„Nathanael, sieh mal! Bald sind wir da!“ Voller Vorfreude zeigte Anja aufs offene Meer hinaus, wo sich am Horizont schon der tiefbraune Gipfel eines Vulkans abzeichnete. Nathanael sah schmunzelnd zu seiner Freundin, die sich mit strahlenden Augen über die Reling beugte. Auch die anderen Passagiere wurden auf die nahende Ankunft aufmerksam und strömten zum Bug des Ozeankreuzers. Immer weiter erhoben sich die Umrisse Mele-Meles aus dem tiefblauen Meer.
„Komm, wir holen unsere Sachen. Wir wollen ja nicht die letzten sein, wenn das Schiff anlegt,“ sagte Nathanael und nahm Anja an der Hand. Sanft zog er sie zu sich und führte sie durch die Menge an Menschen, die ihre Hälse reckend um die Plätze mit der besten Aussicht rangelten.

Drei Tage war das Schiff von Graphiport City aus gefahren, immer weiter Richtung Südosten über das offene Meer. Heute sahen die Passagiere das erste Mal wieder Land. Es war vielleicht nicht die schnellste Art zu reisen, die sich Nathanael und Anja für ihren ersten gemeinsamen Urlaub ausgesucht hatten, aber an Gemütlichkeit und Komfort war sie nicht zu übertreffen. Das Kreuzschiff wies alle möglichen Annehmlichkeiten auf, von mehreren Restaurants über einen großen Pool bis hin zu einem eigenen Theatersaal ließ sich hier alles finden, was man sich nur vorstellen konnte. Bisweilen hatte man den Eindruck, sich nicht auf einem Schiff, sondern in einer kleinen, kompakten Stadt zu befinden. Nur wenn man sich an Deck begab und die salzige Luft in sich einsog oder seinen Blick über das unendlich wirkende Blau des Ozeans schweifen ließ, wurde einem diese Tatsache bewusst. Obwohl das gewaltige Schiff bei ruhigem Seegang nur unmerklich schwankte und sowohl Nathanael als auch seine Freundin von Übelkeit verschont geblieben waren (im Gegensatz zum Kapitän des Schiffes, den hatte es ganz schrecklich erwischt), war er froh, bald wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.
Ein leichtes Kribbeln machte sich im Bauch des jungen Lehrers breit, wie jedes Mal, wenn er die Gelegenheit hatte, ein neues Gebiet zu erkunden. Er kannte Alola nur aus Berichten, aus dem Fernsehen oder Magazinen, wo glänzende Bilder von der Schönheit der Inselgruppe zeugten. Nun endlich würde er mit eigenen Augen sehen, warum es jährlich tausende von Menschen hierherzog.

Es hatte sich einiges geändert in den letzten Monaten seines Lebens. Nach den Ereignissen im Herbst des Vorjahres war es um Nathanael wieder ruhiger geworden. Er hatte seine Gruppe an Kindern unterrichtet, dazu einen Nachmittag in Malvenfroh City an der Akademie. Wann immer es ging, war er nach Blütenburg City gefahren, um Anja im Pokémoncenter, in dem sie arbeitete, zu besuchen. Und nun waren sie gemeinsam auf Kurs nach Mele-Mele. Nicht, um seltene Pokémon in der für beide neuen Region zu fangen. Nicht, um Arenaorden zu sammeln und die Liga herauszufordern. Nicht, um die Überreste eines Verbrecherteams zu verfolgen und zur Strecke zu bringen. Nein, diese Reise diente einzig und allein der Erholung vom doch so anstrengenden Arbeitsjahr. Das hatte Anja von Anfang an als Bedingung aufgestellt und ihm mit allem Nachdruck eingeschärft. So liebenswürdig sie auch war, Nathanael wusste, dass er sie in dieser Hinsicht lieber nicht enttäuschen sollte. Die drei Tage auf dem Schiff hatte er immerhin schon durchgehalten, ohne auch nur einmal ans Kämpfen zu denken. Nicht, dass es dazu allzu viele Gelegenheiten gegeben hätte. Auf dem Schiff galten strikte Regeln, was Kämpfe anging. Sie waren nur auf dem Oberdeck, in einer streng gekennzeichneten Zone erlaubt. Außerdem gab es eine ganze Reihe von verbotenen Attacken, die die Sicherheit der Fahrgäste oder des Schiffs gefährden konnten. Drittens hatte jeder der Passagiere nur ein einziges Pokémon bei sich. Das lag unter anderem an den Sicherheitsbestimmungen an Bord und des Weiteren an den strengen Gesetzen, die auf Alola galten. Während allgemein die Beschränkung auf sechs Teampokémon auch auf dem Inselarchipel Gültigkeit besaß, war doch die Einfuhr von mehr als einem Parnterpokémon streng untersagt. Diese Maßnahme sollte das fragile und einzigartige Ökosystem der Region entlasten und die Ausbreitung fremder Arten eindämmen.
Nathanael fasste sich an die Brust, wo an einer Kette ein schwarzer Luxusball baumelte. In ihm befand sich Mocino, sein treuester Begleiter seit Kindheitstagen. Die Wahl war Nathanael nicht leichtgefallen. Auf Mocino zu bauen hieß, einiges an Stärke einzubüßen. Mit Lily dem Guardevoir oder Ryu dem Dragoran wäre Nathanael vermutlich besser gefahren, aber irgendetwas in ihm hatte ihn daran gehindert, den Anhänger mit dem kleinen Psychovogel abzulegen. Anja, die ihr Waaty Wolle mitgebracht hatte, war das nur recht. Das Natu war zwar über das vergangene Jahr um einiges stärker geworden, aber Nathanael war weiterhin sehr zurückhaltend damit, es im Kampf einzusetzen.

„Nathanael, kommst du?“ tönte es von außerhalb der Kabine. Der junge Mann ließ seine Finger vom Ball an seiner Halskette gleiten und blickte auf. Mit beiden Händen an einem viel zu großen Koffer zerrend stand Anja im engen Gang, von dem dutzende Türen in die Kabinen der anderen Passagiere führte. Nathanael musterte sie lächelnd. Mit ihrem Rock mit Blumenmuster und dem strahlend weißen Top sah sie aus, als würde sie an keinen anderen Ort gehören, als an diesen hier. In ihrem offenen, braunen Haar steckte eine Gracidea. Sie hatte ein wenig zugenommen und war noch ein wenig zu blass, um als Inselbewohnerin durchzugehen, aber ihr sonniges Gemüt machte vieles wieder wett. Nathanael legte ihr seine Hand auf die Schulter, worauf sie den verkrampften Griff um den Koffer löste und ihm das Ungetüm überließ. Die Anstrengung überspielend zog Nathanael das Gepäck hinter sich her, bis grelles Sonnenlicht das immer leuchtende Glühen der LED-Lampen der Innenräume ablöste und ihm die frische Seeluft entgegenschlug.
Die beiden waren nicht die ersten an Deck, aber ein Blick auf die, nun in aller Pracht vor ihnen liegenden, Insel zeigte, dass es wohl noch einige Minuten dauern würde, bis das Schiff endgültig zum Anlegen bereit war. Nathanael konnte die Vorfreude in den Augen aller Menschen entdecken, die mit ihm dieses Schiff geteilt hatten. Einige Familien, aber auch Paare wie Anja und er selbst und auch ein paar ältere Menschen warteten schon sehnsüchtig auf die ersten Schritte auf der tropischen Insel. Was den Lehrer jedoch erstaunte, war die große Menge an jungen Menschen. Die meisten davon waren zweifelsfrei als Trainer zu erkennen. Auch wenn an ihren Gürteln nur jeweils ein Pokéball hing, so waren auch die anderen Griffe abgenutzt und aus den Seitenfächern ihrer Taschen lugten Tränke und Hyperheiler hervor. Ihren Dialekten zufolge stammten die meisten wohl aus Hoenn, aber auch Kanto, Johto und sogar Sinnoh konnte Nathanael heraushören. Sie alle standen ganz vorne am Schiff, dort, wo in wenigen Augenblicken die Rampe den Weg auf den Hafen von Hauholi City bereiten würde. Der junge Mann konnte die Abenteuerlust in ihren Augen blitzen sehen.


„Liebe Passagiere, wir haben Hauholi City erreicht. Bitte treten Sie zurück, damit wir die Rampe ausfahren können. Es wird nur einen kurzen Moment dauern. Willkommen auf Alola!“ tönte es aus den Lautsprechern und ein lautes Brummen signalisierte, dass die Verbindung zum Land sich gerade den Weg über die Lücke zwischen Schiff und Hafen bahnte. Etwas Weiches drückte an Nathanaels Hand.
„Und, bereit, Fuß auf unentdecktes Territorium zu setzen?“ fragte ihn Anja, der die Vorfreude wie Sonnenstrahlen aus den braunen Augen zu scheinen schien.
„Ich dachte, dass sollte ein Erholungsurlaub sein und keine Entdeckungsreise,“ scherzte Nathanael, was seine Freundin mit einem leichten Knuff in die Seite quittierte.
„Jetzt geh schon, die Schlange bewegt sich.“ Die Masse an Touristen setzte sich wie eine Herde braver Voltilamm in Bewegung und floss wie eine einzige, zähe Masse die Rampe nach unten. Schon jetzt fühlte sich Nathanael unendlich befreit, erholt, von der Sonne geküsst. Er roch den Geruch des Meeres, der sich hier mit tropischen Düften vermischte. Obwohl er sich, nun unten angekommen, in der größten Stadt der Insel befand, fühlte er schon, wie die paradiesische Natur des Hinterlandes ihn einladend zu sich winkte. Die jugendlichen Trainer hatten es eiliger und rannten beinahe voran, während das junge Paar es mit den anderen Paaren, Familien und Senioren hielt und in aller Gemütlichkeit, die Atmosphäre der Insel aufsaugend, Richtung Taxistand schlenderten. Da niemand der übrigen Touristen es eilig zu haben schien, dauerte es nicht lange, bis Anja und Nathanael einen Platz in einem Taxi ergatterten.
„Alola!“ grüßte der Fahrer freundlich. „Zur Touristeninformation?“
„Alola!“ kam es sofort von Anja zurück. Nathanael musste schmunzeln. Er war sich sicher, wohin immer es seine Freundin auch verschlagen würde, sie wäre immer die erste, die nicht nur alle Gepflogenheiten des Landes kennenlernen würde, nein, sie würde sie in Windeseile selbst annehmen und nach kürzester Zeit nicht mehr von den Einheimischen zu unterschieden sein. „Das wäre sehr freundlich von Ihnen.“ Der Taxifahrer nickte, lud noch unter beachtlichem Stöhnen die Koffer ein und fuhr los. Schon nach der ersten Kurve überholte er die Gruppe junger Trainer, die sich zu Fuß Richtung Norden aufmachten.
„Warum sind eigentlich so viele Trainer hier auf Mele-Mele?“ brach nun doch Nathanaels Neugierde durch. Anja setzte an, die Augen zu verdrehen, aber merkte, wie sie die Frage selbst interessierte.
„Das kann nur daran liegen, dass in zwei Wochen die Pokémon Liga von Alola eröffnet. Jetzt wollen sie sich alle noch schnell qualifizieren, um teilnehmen zu können. Geht schon seit Wochen so.“ Nathanael horchte auf.
„Das heißt, dass sie jetzt unterwegs sind, um die Orden zu sammeln?“
„Orden? Wo denken Sie hin?“ Der Taxifahrer lachte. „Hier auf Alola gibt es Inselprüfungen. Es geht nicht nur ums Kämpfen, es geht darum, die Insel zu leben, die Natur zu respektieren, die Kultur zu atmen. Das ist es, was diese ganzen Trainer nicht verstehen, wenn sie versuchen, auf die Schnelle durch die Prüfungen zu rennen.“ Blut stieg in Nathanaels Gesicht. Er hätte sich vielleicht doch ein wenig besser über die Gepflogenheiten seines Urlaubsortes informieren sollen. Anja kicherte. So kannte sie ihren Freund nicht. Normalerweise war er es, der alles besser wusste. Berufskrankheit.
Das Missgeschick überwindend hakte der Lehrer nach: „Aber warum warten sie nicht einfach, bis die Liga in Rollen gekommen ist und fordern sie dann heraus?“
„Das hat einen ganz einfachen Grund,“ antwortete der Taxifahrer und fuhr sich mit der linken Hand durch den Schnauzer, während er mit der rechten zu einer Kurve ansetzte. „Der Preis für den ersten, der die Liga bezwingt, ist ein Z-Ring. Damit kann man nicht nur unglaublich starke Attacken aus-, sondern auch Mega-Entwicklungen durchführen. Ziemlich begehrt also. Gibt nur den einen, wie ich gehört habe.“ Kurz leuchteten Nathanaels Augen auf, dann wurde er jäh in die Realität zurückgeholt. Es war immer sein Traum gewesen, eines Tages zu den Trainern zu gehören, die auf diese Macht zurückgreifen konnten. Aber selbst wenn Mocino stark genug wäre, um die Prüfungen irgendwie zu bestehen, so würde er es doch niemals schaffen, sich gegen all die hoffnungsvollen Trainer durchzusetzen, die sich vermutlich schon Wochen oder Monate auf diesen Moment vorbereitet hatten. Außerdem war da noch sein Versprechen Anja gegenüber. Nein, dieses Abenteuer würde der Trainer sausen lassen. Um der Liebe willen.
Das Taxi fuhr an einem prächtigen, weißen Gebäude vorbei, bevor es nach einer weiteren Rechtskurve in die geschäftigste der Straßen einbog. Gleich zu Beginn befand sich das Pokémoncenter, das Anja sofort ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Egal, wo auf der Welt man sich befand, diese großen, verglasten Gebäude mit dem roten Dach waren für sie, wie auch für die meisten Trainer, immer ein Stück Heimat in der Fremde. Auch bei den nächsten Bauten kam Anja nicht aus dem Strahlen heraus. Einkaufszentren, Boutiquen und Frisörsalons säumten die Straße. Nathanael wusste, dass Anja keineswegs der Eitelkeit verfallen war, aber den Sinn für die schönen Dinge teilte sie mit den meisten ihrer Geschlechtsgenossinnen.
„So, hier sind wir. Die Touristeninformation. Ich wünsche einen schönen Aufenthalt.“ Nathanael bezahlte mit der Karte der gemeinsamen Urlaubskasse und ließ sich kurz darauf den Koffer in die Hand drücken. Das Taxi mit dem netten Fahrer verschwand wieder um die Kurve, wohl um die nächsten Gäste abzuholen.

Plötzlich fiel Anja Nathanael um den Hals und drückte ihn fest an sich. Noch ein wenig erschrocken ergab sich der junge Mann dem plötzlichen Anfall von Zuneigung und drückte zurück.
„Ich bin so froh, mit dir hier zu sein,“ murmelte Anja vor sich hin, bevor sie sich wieder von ihrem Freund löste und durch die automatische Tür ins Gebäude der Touristeninformation schritt. Nathanael folgte ihr. Die kühle Luft von leistungsstarken Klimaanlagen schlug den beiden entgegen. Die großzügige Eingangshalle war mit einigen gemütlichen Sofas, etlichen Schaltern, Ständern mit Informationsmaterial und der einen oder anderen tropisch aussehenden Topfpflanzen versehen. Zielstrebig steuerte Anja auf einen Schalter zu, um sich anzumelden. Die Formalitäten waren schnell erledigt, die Reisedetails bestätigt und das Gepäck abgegeben.
Nathanael nutzte die Zeit und spielte eine Runde ID-Lotto, ein Glücksspiel, bei dem er immer gute Erfahrungen gemacht hatte. Durch die vielen Tauschgeschäfte und die geteilten Boxen mit Sara war die Wahrscheinlichkeit für einen Gewinn ziemlich hoch. Tatsächlich kehrte er mit einem Sonderbonbon und einem fetten Grinsen zu Anja zurück. Nach und nach füllte sich die Halle mit den andere Reisenden, nur die Trainer tauchten nicht auf. Sie waren wohl schon zu ihrer ersten Prüfung aufgebrochen, um keine Zeit zu verlieren. Von einer netten Dame in einem traditionellen, blauen Kleid und einem bunten Kranz aus Blumen wurden Anja und Nathanael zu ihrem Hotel zwei Häuser weiter begleitet, wo sie ihr Zimmer bezogen. Dieses bot einen Blick auf den Strand jenseits der Hauptstraße, ein gemütliches Doppelbett und genug Stauraum für das Gepäck. Auch wenn es mit den Zimmern des Hotel Pique Faîne in Kalos, in dem Nathanael einst ein paar Tage gejobbt hatte, nicht mithalten konnte, so hatte es doch alle nötigen Annehmlichkeiten, die einen wunderbaren Aufenthalt ermöglichen konnten. Als sie sich gebührlich ausgebreitet hatten, legte Anja den Plan für die kommenden zwei Wochen auf dem kleinen Tisch neben dem Fernseher aus.
„Also, heute ruhen wir uns ein wenig hier aus. Morgen würde ich sagen, wir verbringen den Vormittag am Strand, essen hier zu Mittag und gehen dann den Norden der Insel erkunden. Eine Cousine von mir arbeitet dort im Pokémoncenter. Wie klingt das?“
„Ganz nach meinem Geschmack,“ antwortete Nathanael grinsend. Es würde ihm nicht im Traum einfallen, seiner Freundin in dieser Sache zu widersprechen. Außerdem hatte sie die ganze Reise geplant, um alle Bereiche, von Kultur, Erkundung bis hin zur Erholung vollends abzudecken. Sogar alle vier Hauptinseln würden sie nach diesem Plan abklappern, auch wenn Poni wohl nur ein kurzer Ein-Tages-Ausflug bleiben würde.

Der Tag neigte sich langsam dem Abend zu, als Anja vorschlug, eine Spaziergang durch die Stadt zu machen und vielleicht noch etwas essen zu gehen. Nathanael hatte nichts dagegen einzuwenden und so schlenderten die beiden bald die Straßen Hauholis hinunter, wieder vorbei an den kleinen Geschäften und Einkaufszentren. Auf halbem Weg gingen die Straßenlaternen an und verwandelten die Stadt in ein Lichtermeer, von lauen Meereswinden durchzogen, wie um den Anwesenden ein paradiesisches Willkommen zu bieten. Hand in Hand ging es zurück in Richtung Hafen, jeden Atemzug genießend, jedes Lächeln und jedes freundliche „Alola“ in Gedanken feiernd. Schließlich stieg Nathanael ein köstlicher Duft in die Nase, einen, den er auf der Taxifahrt kurz wahrgenommen, im Zug des Gesprächs aber schnell wieder vergessen hatte.
„Malasadas!“ rief Anja und zog den verdutzten Nathanael hinter sich her, nachdem sie ganz unvermittelt in einen Laufschritt verfallen war. „Das Nationalgericht von Alola. Es soll absolut lecker sein. Was sagst du? Kultur erleben Teil eins?“ Dem hatte Nathanael nichts hinzuzufügen und Sekunden später befanden sich die beiden in einem gemütlichen Restaurant. Bunte Lichterketten und üppiger Blumenschmuck schienen mit aller Macht klarzumachen zu versuchen, dass dies hier das Herz der kulinarischen Kultur Alolas war. Unter Nathanaels Füßen knarzte der hölzerne Bretterboden wie auf den Planken eines Piratenschiffs. Anja war bereits zu einem leeren Platz gestürmt und hatte die Karte in der Hand.
„Sieh dir diese Auswahl an,“ bemerkte sie mit weit geöffneten Augen. „Ich würde am liebsten alles probieren.“
„Wie wäre es, wenn wir einfach mit zwei davon anfangen und sie uns teilen?“ meinte Nathanael, etwas zurückhaltender. So gerne er auch gut aß, so wenig konnte er diese übertriebene Begeisterung verstehen. Am Ende ging es doch darum, keinen Hunger mehr zu haben. Anja bemerkte, dass ein paar Blicke auf sie gerichtet waren und lächelte verlegen. Die wenige Minuten später bestellten Malasadas hielten das Versprechen, dass die geschmackvolle Einrichtung gegeben hatte. Auf Empfehlung des Hauses hatten sich beide für eine süße Variante entschieden und diese Entscheidung keineswegs bereut.
Voll und zufrieden spazierten die beiden zurück zum Hotel, und diesmal durften Mocino und Wolle ebenfalls die besondere Atmosphäre der Stadt genießen. Das Natu erschreckte dabei ein wildes Pokémon, das sich blitzschnell wieder ins hohe Gras verzog, das zwischen den Gebäuden wuchs und als Zuflucht für die ansässigen Arten diente. Nathanael hätte wetten können, dass es sich um ein Mauzi gehandelt hatte, wäre es nicht viel zu dunkel gewesen und wären die Bewegungen nicht um eine Spur zu elegant gewesen. Aber vielleicht verhielten sich die Pokémon hier auch nur ein wenig anders.

Anja und Nathanael ließen den Abend gemütlich an der Hotelbar ausklingen, wo sie auf einen gelungenen Urlaub anstießen und Bekanntschaft mit anderen Urlaubern machten. Einige erkannten sie auch aus dem Schiff wieder, darunter eine Familie mit zwei jungen Kindern und ein vermögendes älteres Paar, das sich für den Lebensabend nach einer Immobilie am Meer umsehen wollte. Irgendwann wurde die Müdigkeit größer als der Drang nach Gesellschaft und so verabschiedeten sich Nathanael und Anja und begaben sich in ihr Hotelzimmer, wo sie in einen ruhigen, angenehmen Schlaf fielen.


Der Vormittag brachte ein üppiges Frühstück und den erwarteten Sonnenschein. Die Hitze beim Verlassen der Hotellobby war für Nathanael wie eine warme Umarmung der Atmosphäre. Mit Badetüchern, Sonnenschirm und Strandkorb bewaffnet überquerte das junge Paar die Hauptstraße und schlenderte zum Strand. Am hinteren Ende spendeten hochgewachsene Kokospalmen Schatten, während weiter vorne goldgelber Sand in sanften Dünen bis ins türkisfarbene, klare Wasser führte. Die feinen Körner fühlten sich warm unter der Sohle an und mit jedem Schritt versank Nathanael ein kleines bisschen. Der Strand war gut besucht, aber keineswegs überfüllt. Nur ein Bruchteil der Besucher des letzten Tages hatten an diesem Vormittag hierher gefunden. So fiel es nicht schwer, einen schönen Platz zu finden. Der Sonnenschirm spendete angenehmen Schatten, in dem Anja und Nathanael es sich gemütlich machten. Die Schwester legte sich gleich bäuchlings auf das gemusterte Badetuch und kramte ein Buch hervor. Nathanael, der nicht an eigenen Lesestoff gedacht hatte, wurde schnell langweilig und so ließ er sein Natu aus dem Ball und lief hinunter ans Meer, wo er sich in die sanften Wellen warf. Allerdings kam er nicht weit, denn das Wasser war bis weit draußen hin seicht. Noch ein weiteres dutzend Schritte plantschten Kinder unbekümmert in der warmen Flut. Erst weiter vorne, wo sich das warme Türkis zu einem dunkleren, satten Azurblau verfärbte, war das Wasser tief genug, um in vollen Zügen zu schwimmen. Doch gerade genügten die seichten Stellen dem Trainer. Genießerisch lehnte er sich zurück und ließ die sanften Wellen über seinen Oberkörper schwappen. Über ihm zog Mocino vergnügt seine Kreise und stattete immer wieder den anderen Pokémon am Strand einen Besuch ab.
Nach einiger Zeit kehrte Nathanael dann zurück zu seinem Platz, um sich in die Sonne zu legen. So entspannt hatte er sich schon lange nicht mehr gefühlt. Anja merkte das und blickte nur kurz auf, um sich dann wieder in ihr Buch zu vertiefen. Eine ganze Weile lag der Urlauber nur so da und döste vor sich hin, da kam plötzlich sein Natu vorbeigeflattert. Es schien aufgeregt zu sein, denn seine Federn waren mehr aufgeplustert als sonst und brachen das helle Sonnenlicht in alle Regenbogenfarben. Nathanael richtete sich auf und lauschte. Neben den gewöhnlichen Strandgeräuschen – lachenden Kindern, raschelnden Buchseiten und quietschenden Schwimmhilfen – hörte er auch ein lautes Trampeln und Stampfen, das von der Straße kam.
„Ich sehe mir das mal an,“ bemerkte er knapp und stand auf. Anja quittierte es nur mit einer knappen Kopfbewegung. Über den goldenen Sand, der nun fast schon unangenehm warm unter den Füßen brannte, lief der Lehrer hinauf zur Straße, wo sich ihm ein beeindruckender Anblick bot. Eine ganze Gruppe von Trainern, vielleicht sogar die vom letzten Abend, war unterwegs nach Osten. Die meisten von ihnen schienen die Prüfung bestanden zu haben, denn sie feierten ausgelassen. Was Nathanael daran erstaunte war aber eine einzelne Gestalt, die alle Trainer überragte und wohl die Ursache für das Getrampel war. Einer von ihnen, ein etwas stämmiger junger Mann mit kurzen, schwarzen Haaren und einer platten Nase saß auf einem Pampross. Nathanael hatte noch nie eines in natura gesehen und musste erst einmal schlucken. Dann fand er seine Worte:
„Ein prächtiges Pokémon hast du da,“ musste er zugeben. „Kommt ihr gerade von einer Inselprüfung?“ Der Trainer sah ihn von oben hin an.
„So ist es. Und jetzt will ich den Inselkönig herausfordern. Aber ein wenig Übung könnte ich noch gebrauchen. Lust auf einen Kampf?“ fragte er.
Nathanael blickte mit besorgtem Gesichtsausdruck nach unten. Erstens wollte er nicht schon am ersten Tag einen Kampf bestreiten, nachdem er versprochen hatte es gemütlich anzugehen. Zweitens hatte er ja nur sein Natu und sein Gegner machte einen ziemlich gewaltigen Eindruck. Andererseits hatte Mocino ihn hierhergeführt. Kurz zögerte er noch, dann stimmte er zu. Diese kleine Freude würde er sich gönnen können.
„Na dann los!“ Der Trainer sprang schwungvoller als erwartet von seinem Reitpokémon. „Wenn ihr bitte Platz machen würdet, es wird Zeit für mein Aufwärmprogramm.“
Die anderen Trainer stoben auseinander, bildeten einen Kreis, ein wenig abseits der Straße, wo ein freier Platz Gelegenheit für einen Schlagabtausch bot. Mocino flatterte aufgeregt herum. Erst jetzt erkannte Nathanael, wie ungeduldig auch sein gefiederter Partner auf diese Gelegenheit gewartet hatte. Die Motivation tat dem kleinen Piepmatz gut, aber für seinen Trainer hieß es, konzentriert zu bleiben und trotz der brennenden Sonne kühlen Kopf zu bewahren.

„Los, Burro, setz Pferdestärke ein!“ Das Pampross ging sofort in den Angriff über, aber verfehlte sein Ziel bei weitem. Nathanael runzelte die Stirn. War es Übermut oder eine neue Taktik, das Flugpokémon mit einer Boden-Attacke anzugreifen? Er wollte jedenfalls auf Nummer sicher gehen.
„Mocino, setz Seher ein!“ Ein mystisches Leuchten, ungetrübt vom hellen Sonnenlicht, umspielte den Kleinvogel. Seine Augen verfärbten sich und eine violette Welle stieg in den wolkenlosen Himmel empor.
„Hah, das sieht vielleicht nach etwas aus, aber du hast meinem Burro nicht einmal einen Kratzer zugefügt!“ Nathanael schüttelte den Kopf. Wusste der Junge denn gar nichts? Dann konzentrierte er sich wieder, klickte mit der Zunge. Ein Schutzschild blitzte vor Mocino auf und parierte den ungezielten Doppelkick des gewaltigen Gegners. Kampfattacken, ausgezeichnete Idee. Der Lehrer verdrehte die Augen. Zeit, in die Offensive überzugehen.
„Auf geht’s Mocino, Psystrahl!“ Ein gebündelter Strahl Psychoenergie ging von dem kleinen Federball aus und traf den Giganten, der wütend um sich schlug und beinahe auch einen Treffer landete.
„Jetzt reicht es aber. Burro, Megakick!“ Das Pampross holte zu einem gewaltigen Hieb mit den Hinterbeinen aus, der das Natu durch die Luft schleuderte. Erst über dem Strand konnte es sich wieder fangen und zurück auf die Kampffläche flattern. Nathanael musterte es erst besorgt, dann entschlossen. Gegen diesen Anfänger würde er nicht verlieren. „Und jetzt beende es, Risikotackle!“ rief sein Gegner. Der Riese stürmte auf den winzigen Psychovogel zu und setzte zum Sprung an.
„Strauchler!“
Eine winzige Ranke schnellte aus dem Boden und verhakte sich am Huf des Pampross, welches mit einem erdbebengleichen Krachen zu Boden stürzte. Gleichzeitig flackerte die Luft, verschob die Sphären ineinander. Ein violetter Schimmer lag über dem Kampfplatz, bis er sich mit einem lauten Surren auf das am Boden liegende Pokémon konzentrierte. Dieses wieherte noch laut, dann schloss es besiegt die Augen. Der Seher hatte ihm den Rest gegeben.
Stolz landete Mocino auf Nathanaels Schulter, der mit ausgestreckter Hand auf seinen Kontrahenten zuging. Nach kurzem Händeschütteln meinte dieser anerkennend: „Du bist echt gut. Vielleicht solltest du dich auch an der Inselwanderschaft versuchen. Wenn alle deine Pokémon so stark sind, schaffst du es vielleicht in die Liga.“
Nathanael lächelte ein wenig unsicher. Bei einem erfahreneren Gegner hätte dieser Kampf anders ausgesehen.
„Danke für den Kampf, aber ich bin hier nur zur Erholung. Ich wünsche dir noch viel Glück.“ Aufmunternd klopfte er ihm auf die Schulter.
„Danke, das werde ich wohl brauchen. Falls du es dir anders überlegst, die Prüfung hier auf Mele-Mele findet in der Vegetationshöhle im Norden der Insel statt.“
Noch einmal gab er Nathanael die Hand, dann zog er, weit weniger euphorisch aber weiterhin gut gelaunt, mit seiner Gruppe weiter.
Neben dem Kampfplatz ertönte ein Klatschen. Anja stand am Rand des Strandes und lächelte ihren Freund stolz an.
„Gut gemacht, ihr beiden.“ Sie hakte sich bei Nathanael ein und führte ihn zurück unter den Sonnenschirm.
„Du bist nicht böse, dass ich gekämpft habe, anstatt mich zu entspannen?“
„Natürlich nicht. Du bist ein Trainer und wirst immer einer bleiben. Ich wollte nur nicht, dass das Abenteuer wieder überhandnimmt und die anderen Dinge zu kurz kommen. Solange du nur ab und zu ein paar Anfängern ihre Schranken zeigst und nicht gleich die Inselwanderschaft mitmachen willst, habe ich nichts dagegen. Und jetzt lass dir den Rücken eincremen, du wirst noch ganz rot.“

Die 1. Prüfung

„Bist du dir da ganz sicher?“ Nathanael blickte skeptisch auf den Sattel, den ein Mitarbeiter des Pokémobil-Unternehmens gerade auf ein Tauros geschnallt hatte.
„Sei nicht so ein Feigling. So reist man eben auf Alola. Oder möchtest du lieber zu Fuß die ganze Insel abklappern?“ Als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt legte Anja sich ihren Helm an und schwang sich in den Sattel. Der Lehrer zögerte nur kurz, dann machte er es seiner Freundin nach. Er war schon oft mit seinen eigenen Pokémon gereist. Hatte sich von Dragoran tragen lassen, war auf Turtok gesurft oder auf Arkani geritten. Während seiner Abenteuerserie zu Beginn des Schuljahres hatte er sich sogar von Mocino teleportieren lassen. Allesamt keine schönen Erfahrungen. Nun saß er auf einem Tauros, viel höher, als er es gewohnt war und spürte die Muskeln des Bullen unter sich beben.
„Einfach Route 2 in den Norden folgen. Gibt nur einen großen Weg, da kann man nicht viel falsch machen. Ihr dürft überall hin, außer dorthin, wo es verboten ist. Achtet einfach auf die Schilder und hört auf die Leute in den türkisenen Shirts, dann ist alles paletti,“ erklärte der Mitarbeiter, sicher nicht zum ersten Mal. „Und wenn ihr einen Felsen seht, einfach draufhalten. Die haben auf der Straße nichts zu suchen. Viel Spaß und beehren Sie uns bald wieder bei der Pokémobil-Company, wir machen euch Pokémobil!“ Nathanael konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. So wenig Begeisterung in einem Menschen hatte er schon lange nicht mehr gesehen. Aber er hatte keine Zeit, ihn zu bemitleiden. Mit einem Jauchzen preschte Anja voran, die Hufe ihres Tauros malmend auf dem staubigen Boden. Nathanael trieb sein Reitpokémon an. Im Gallopp überwand er die letzten Meter von Hauholi und stampfte hinter seiner Freundin die Route 2 entlang.
Der grasbewachsene Weg fiel auf der linken Seite in steilen Klippen ins Meer ab, verbreiterte sich aber zusehends. Auf der rechten Seite erhoben sich dich bewachsene Hügel, die in steileres Gelände übergingen. Hier war es etwas kühler als im Süden der Insel, was wohl an der schattenspendenden Vegetation lag. Exotische Pflanzen, die Nathanael noch nie gesehen hatte, säumten die Pfade und bunte Beerenbäume trugen reiche Frucht.
„Hier lassen sich das ganze Jahr Beeren ernten. Aber man muss aufpassen, weil in den Haufen heruntergefallener Beeren oft Krabbox lauern,“ erklärte Anja. Sie hatte schon vor der Fahrt ausgiebig einen Reisebegleiter studiert. Nun nutzte sie die Gelegenheit, mit ihrem Wissen zu prahlen. In der Ferne tauchte ein großes Gebäude auf. Auf den ersten Blick wirkte es wie ein prächtiger Landsitz, aber beim Näherkommen stellte es sich als Motel heraus. Auf dem Parkplatz lungerten ein gutes Dutzend junge Trainer herum und spielten Karten. Ihre Pokémon rangelten spielerisch miteinander. Nathanael blieb kurz stehen, um das Treiben zu beobachten.
Plötzlich ertönte ein ohrenbetäubendes Krachen, auf das sogleich ein Jauchzen folgte. Erstaunt sah Nathanael nach vorne, wo seine Freundin gerade zu Fuß aus einer gewaltigen Staubwolke trat. Um sie herum lagen die Trümmer eines Felsens.
„Wow, Nate, das musst du auch einmal ausprobieren. Macht echt Spaß!“ Nathanael schüttelte amüsiert den Kopf. So hatte er seine Freundin noch nie erlebt. „Hey, sieh mal, in dem Felsen war wohl ein Edelstein.“ Sie hielt ihm einen seltsam gemusterten Stein entgegen, der an manchen Stellen glitzerte und funkelte. „Ich glaube, den behalte ich,“ meinte sie vergnügt. „Los, reiten wir weiter, Evelyn wartet schon auf uns.“
„Wer ist Evelyn?“ fragte Nathanael, kurz etwas verwirrt. „Moment, sag es nicht. Das ist deine Cousine im Pokémoncenter von Nord-Mele-Mele, richtig?“
„Gerade noch gerettet. Sie hat uns zum Kaffee eingeladen. Ihr Center soll einen richtig guten haben, sagt sie.“ Mit diesen Worten trieb sie ihr Tauros wieder an. Ihrem Freund fiel es wieder schwer, mit ihr Schritt zu halten, aber es dauerte nur wenige Minuten, als er sie vor dem Pokémoncenter wieder eingeholt hatte.

„Man könnte meinen, du hättest nie etwas Anderes gemacht,“ schmeichelte Nathanael, während er sich den Helm abschnallte und diesen samt Tauros einem Pokémobil-Mitarbeiter vor Ort überreichte.
„Man muss nur Spaß daran haben, dann geht es wie von von alleine,“ meinte sie mit einem Zwinkern.
„Das muss ich mir für die Schule merken.“ Zu zweit betraten sie das Pokécenter, wo sie äußerst herzlich von einer Schwester empfangen wurde, die sich als Anjas Cousine Evelyn vorstellte. Sie war etwas älter und trug eine große Brille auf der Nase. Ansonsten wären die beiden in voller Arbeitsmontur schwer auseinanderzuhalten gewesen.
„Alola, ihr beiden, es ist so schön euch zu sehen,“ begrüßte sie ihre Besucher überschwänglich und setzte zu einer festen Umarmung an. Zumindest das schien eindeutig in der Familie zu liegen. „Kommt, ich lade euch auf einen Kaffee ein. Die Center hier auf Alola haben den besten, das könnt ihr mir glauben.“ Während sich Nathanael noch zu erinnern versuchte, ob andere Pokécenter überhaupt Kaffee servierten, wurde ihm schon eine Tasse in die Hand gedrückt. „Und hier noch ein paar Bohnen für dein Pokémon,“ fügte Evelyn hinzu. Ein wenig verwirrt sah Nathanael sie an, dann erklärte Anja:
„Das ist auch so ein Brauch hier auf Alola. Wenn ein Trainer sich etwas Gutes tut, sollte er auch immer seinem Pokémon etwas Gutes tun.“ Nathanael nickte, entließ Mocino aus dem Ball und hielt ihm eine hellgrüne Bohne hin, die der gefiederte Ball mit Genuss verschlang.
„Ich muss sagen, das ist ein Brauch, mit dem ich etwas anfangen kann,“ gab Nathanael zu und warf Mocino gleich die ganze Hand voll Bohnen zu, bevor er selbst einen großen Schluck Kaffee zu sich nahm.

Evelyn stellte sich als ziemliche Plaudertasche heraus, die so einiges zu berichten hatte. Von den Übergriffen von den Rüpeln von Team Skull, über die Ausstattung der Boutiquen von Hauholi City bis hin zu den neuen Röstungen ihres Lieblingskaffees ließ sie kein Thema aus. Nach einiger Zeit merkte Anja, dass sie ihren Freund damit nicht noch viel länger strapazieren konnte und meinte, an ihn gerichtet:
„Weißt du was? Warum gehst du nicht ein wenig die Gegend erkunden während uns hier noch ein wenig austauschen? Sagen wir um sechs wieder hier?“ Es fiel Nathanael schwer, seine Erleichterung zu verbergen. Er mochte ein begnadeter Zuhörer sein, aber mit einer unentdeckten Insel vor seiner Nase kamen ihm diese belanglosen Gespräche wie eine Qual vor.
„Vielleicht sollte ich mir wirklich die Beine vertreten. Ich fürchte, ich muss noch etwas mit dem Tauros üben, sonst gehe ich auf dem Rückweg noch verloren.“ Mit diesem Scherz auf eigene Kosten verabschiedete sich der Lehrer und trat hinaus in die frische Luft. Vom Meer her wehte ihm der Wind um die Ohren. Mocino konnte trotz seiner winzigen Flügel beinahe regungslos in der Luft stehen, fast wie ein majestätisches Xatu, das er eines Tages wohl sein würde. Nathanael beschloss, sich Richtung Osten aufzumachen.

Nach etwa zehn Minuten gemütlichen Spazierens verzweigte sich der Weg. Einer führte nach Nordosten, der andere nach Südosten. Der Lehrer bemerkte, dass eine große Zahl frischer Spuren in den Süden führten und so schlug auch er diesen Weg ein. Es dauerte nicht lange und er sah die Verursacher dieser Spuren. Dutzende der jungen Trainer standen, ordentlich aufgereiht vor dem Eingang zu einer Höhle. Einige Personen, Frauen und Männer, etwa in Nathanaels Alter, allesamt in türkisen Shirts, schienen die Menge zu instruieren. Unter ihnen war auch eine weitaus auffälligere Gestalt, die sich nun Nathanael näherte.
„Hey, ich meine, Alola! Bist du ein Neuling, dann komm bitte mit. Ich will nicht alles zwanzig Mal erklären. Nicht noch einmal.“ Verdutzt folgte Nathanael dem jungen Mann, dessen blassrosa Mähne beim Gehen auf und ab wippte. Seine weißen Schuhe, die weißen Hosen Marke ‚Hochwasser’ und das weiße Shirt, über dem er einen karierten Pollunder trug, gaben ihm eine Ausstrahlung von Wichtigkeit.
„Also, hört gut zu Leute,“ begann er. „Ihr seid hier, weil ihr die Inselwanderschaft bestreiten wollt, weil ihr die Liga gewinnen wollt, weil ihr so ein Ding hier haben wollt.“ Er hob die Hand und stellte ein Armband zur Schau, das in der Sonne funkelte. Das musste einer dieser Z-Ringe sein, von denen der Taxifahrer erzählt hatte. „Und ich weiß, es sind gerade richtig viele hier, weil unsere schöne Kultur durch solche großen Veranstaltungen wie die Liga sehr anziehend wirkt. Deswegen bin ich bemüht, den Ablauf so geregelt wie möglich zu gestalten. Schritt eins: Hier sind eure Anhänger. Die zeigen unseren Mitarbeitern, dass ihr auf Inselwanderschaft seid.“ Ein Mitarbeiter teilte einen volkstümlichen Anhänger aus dunklem Holz mit bunten Perlen aus. Nathanael war zu überwältigt von der Zackigkeit dieser Unternehmung, um zu protestieren. Die Wanderschaft zu machen,war das letzte, was er vorhatte. Aber im Moment fühlte er sich wie in den Bann gezogen von der Anziehungskraft des Abenteuers. „Ihr bekommt außerdem noch einen Wanderschafts-pass. Hier hinein kommen die Stempel für bestandene große Prüfungen. Alles klar?“ Der Rosahaarige blickte in die Runde. „Ich bin übrigens Elima, zuständig für die erste Prüfung. Und um die muss ich mich jetzt kümmern, also entschuldigt mich.“
So plötzlich die Gestalt aufgetaucht war, so plötzlich war sie auch schon wieder verschwunden. Die Kontrolle übernahmen nun wieder die Frauen und Männer in Türkis.

Nathanael blickte auf seine Uhr. Es war erst vier, also konnte er genauso gut hierbleiben und sich ein wenig umsehen. Er beschloss, die Zeit zu nutzen und sich ein wenig mit den jungen Trainern hier zu unterhalten. Einige waren aus der Gegend und konnten ihm einiges über Mele-Mele erzählen. Sie waren meist noch nicht lange Trainer, hatten aber, angespornt vom Interesse der Ausländer beschlossen, sich ihrer Wurzeln zu besinnen und die Inselwanderschaft mitzumachen. In vielen loderte der Ehrgeiz, den Titel des Champs von Alola auf den Inseln zu halten. Andere waren wie Nathanael weit hergereist, meist jedoch nur mit dem einen Ziel, hier als erster Champ der neuen Alola-Liga in die Geschichte einzugehen. Nathanaels Menschenkenntnis reichte aus, um zu wissen, dass die meisten hier sich hoffnungslos überschätzten. Immer wieder traten Trainer mit resignierendem Gesichtsausdruck aus der Höhle und murmelten etwas wie:
„Was war das für ein Monster?“ oder „Seit wann sind die Unlicht-Attacken von Rattikarl so stark?“ Nathanael wurde beim Gedanken an ein Pokémon mit starken Unlicht-Attacken ein wenig Bange, hatte er doch nur Mocino zur Auswahl. Aber er hatte ja ohnehin nicht vor, diese Prüfung auch tatsächlich zu machen.
Ein Trainer mit leuchtend blauen Haaren im Punk-Look, der sich als Till vorstellte, hatte direkt hinter Nathanael Platz genommen. Sie waren die letzten in der Reihe.
„Weißt du, Nathanael, ich lebe seit über zwanzig Jahren hier auf der Insel und mir wäre nie im Leben eingefallen, diese Inselwanderschaft zu machen. Klar, ich habe immer meine Mons trainiert, aber bevor die Touris kamen, fand ich, das hatte sowas religiöses an sich. Gefiel mich nicht. Aber jetzt ist alles anders. Jetzt macht man es einfach. Muss man fast. Und ich hab ja auch meine Ehre. Man kann nicht Trainer sein und nicht versuchen der beste zu sein, verstehst du? Hätte aber nicht so lange warten sollen. Aber hätte, hätte, Fahrradkette, kriege eben meinen Arsch nicht hoch. Jetzt bin ich vermutlich wieder zu spät.“
„Was soll das heißen, zu spät? Sind nicht mehr so viele vor uns.“ Nathanael blickte in die Reihe. Von den gut dreißig Trainern standen nur noch fünf da.
„Schon, aber der Laden macht um fünf zu. Bisher hat jeder mindestens 20 Minuten gebraucht und sie lassen nur drei auf einmal rein. So gut kann ich Mathe grad noch, um zu wissen, dass sich das nicht ausgeht.“ Nathanael überlegte.
„Also wenn du willst, lasse ich dich vor. Ich sollte die Prüfung eigentlich nicht machen und selbst wenn ich reinkomme, schaffe ich das vermutlich nicht. Habe nur mein Natu da.“ Till blickte ihn grübelnd an.
„Hey, das ist echt nett von dir. Weißt du was? Ich schenke dir was. Wenn du es noch rein schaffst, dann klappt das mit der Prüfung bestimmt.“ Der blauhaarige streckte seine Hand aus, in der ein roter Pokéball lag. „Komm schon nimm es! Das Vieh nervt mich ohne Ende. Ob Tag oder Nacht, will sich einfach nicht entwickeln, dabei müsste es längst soweit sein.“ Nathanael zögerte. Warum wollte ihm der Fremde unbedingt ein Pokémon schenken? „Komm raus Pauline, vielleicht kommst du mit dem da besser klar.“
Ein roter Lichtstrahl entsprang dem Ball und materialisierte sich am Boden zu einem kleinen, vierbeinigen etwas, mit hängenden Ohren und leuchtend blauen Augen. „Das eigensinnigste Wuffels, das ich kenne. Pass gut darauf auf.“ Mit diesen Worten drückte Till Nathanael den Ball in die Hand. Pauline war inzwischen weggelaufen und huschte zwischen den Beinen der anderen Trainer herum. „Oh, Nate, du solltest sie vielleicht zurückrufen, sonst…“ Jetzt sah Nathanael, wie sein neuestes Pokémon direkt neben Elimas weiß beschuhten Füßen ein Bein hob. Der Lehrer reagierte blitzschnell und zog das Pokémon in seinen Ball zurück. „Ich sehe schon, du bist der Richtige für sie,“ schmunzelte Till und rückte zwei Plätze vor, da die vorletzten drei Trainer gerade eingewiesen wurden. Es war zwanzig vor fünf.

Nach und nach traten die letzten Trainer aus der Höhle. Manche jubelnd einen Kristall in die Luft streckend, andere niedergeschlagen. Ihre Reise hatte ein Ende gefunden, bevor sie wirklich begonnen hatte. Kurz vor fünf durften die letzten Trainer, unter ihnen Till, die Höhle betreten. Nathanael wünschte ihm noch viel Glück und bedankte sich für das Geschenk, dann verschwand der freundliche Alola-Punk hinter dem Eingang. Nathanael, nun für sich alleine, entließ Pauline wieder aus ihrem Ball. Wenn sie sein neuestes Projekt, seine neue Partnerin werden sollte, dann sollte er besser damit anfangen, sich aneinander zu gewöhnen. Kaum aus dem Ball entlassen, hob der Lehrer das Pokémon hoch. Es war schwer für seine Größe. Das Fell fühlte sich steinhart an. Kein Wunder, bei einem Gesteinpokémon, dachte sich Nathanael. Pauline jedoch wand sich aus seinen Händen und lief wieder weg, diesmal gefolgt vom Mocino, der mit piepsender Stimme auf sie einredete. Doch diese ließ sich nicht beeindrucken, sondern begann, schnüffelnd die Gegend zu erkunden, so als würde Nathanael gar nicht existieren. Dieser wünschte sich sein Folipurba herbei, das ihm immer gute Dienste geleistet hatte, wenn er Schwierigkeiten hatte, sich mit einem neuen Teammitglied anzufreunden. Doch auch dieses würde er die nächsten Wochen nicht mehr sehen können. Er hielt es nun für das Beste, dem Pokémon einfach seinen Auslauf zu lassen, um es dann zurückzurufen und mitzunehmen.
Nathanaels Uhr zeigte fünf an. Der Tag für Herausforderungen war beendet. Elima wartete nur noch auf die letzten, die gerade an der Prüfung arbeiteten, dann würde auch er Feierabend machen. Es dauerte noch fünfzehn Minuten, bis Till als letzter die Höhle verließ. Triumphierend reckte er einen Kristall in die Höhe. „
„Hey Nate, danke für vorlassen. Jetzt bin ich voll motiviert für die anderen Prüfungen. Ich hoffe, wir sehen uns in der Liga. Wenn nicht als Teilnehmer, dann als Zuseher. Wird sicher ein Spektakel. Bye, und pass gut auf Pauline auf.“ Nathanael bedankte sich noch einmal artig für das Geschenk, während Elima sich ebenfalls fertigmachte und das Areal verließ. Nathanael, der nun beinahe alleine dastand, würdigte er keines Blickes.

„Alola, Trainer!“ hörte dieser plötzlich von hinten. „Du bist doch Nathanael, oder? Der aus der Kampfzone, der Lehrer, der aus den Nachrichten.“ Nathanael drehte sich um. Eine Frau Mitte zwanzig mit türkisenem Shirt und gleichfarbiger Mütze hatte ihn angeredet.
„Ja, das stimmt, der bin ich. Mit wem habe ich die Ehre?“
„Wie cool ist das denn? Ich bin Becca, helfe hier freiwillig aus. Sag mal, wolltest du die Prüfung machen?“ fragte sie mit ehrlich gemeintem Interesse.
„Eigentlich nicht, aber irgendwie schon,“ gab Nathanael zu.
„Weißt du, ich muss hier noch auf meinen Freund warten, der hat noch eine halbe Stunde Dienst im Motel. Also wenn du willst, kannst du es jetzt noch versuchen. Kristall, Herrscher, ist alles noch da.“
„Und du bekommst keine Probleme mit Elima, wenn du mich jetzt reinlässt?“
„Ach wo. Der Kalos Schnösel ist hier nur die Gallionsfigur. Der hat nicht mehr zu sagen, als jeder hier, der so einen Magnetpass hat.“ Becca hielt eine Karte an einer Schnur hoch, die sie gleich durch einen Schlitz an der Schranke zog. „Ich finde, du solltest es versuchen. Kann nicht schaden. Gut genug bist du allemal.“
„Danke Becca, dann werde ich es versuchen. Was muss ich tun?“
„In der Höhle befinden sich drei Pokémon, die sich in ihren Löchern verstecken. Besiege sie, und der Weg nach oben ist frei. Dann wartet ein Herrscherpokémon auf dich, das du besiegen musst.“
„Das wars?“
„Ist die erste Prüfung, die muss noch nicht so kompliziert sein. Hast du noch Fragen?“
„Ja,“ meinte Nathanael verlegen. „Was ist ein Herrscherpokémon?“
„Das findest du am besten selbst raus. Ich gebe dich nur einen Tipp: unterschätze es nicht.“ Nathanael nickte. „Gut, dann los!“
„Danke, Becca.“

Nathanael trat durch den Eingang. Unter ihm huschte ein bräunlicher Schatten in das Gewölbe. Die Höhle war in ein unheimliches, grünes Zwielicht getaucht, das von den kleinen Löchern in der Felsendecke in den Raum sickerte. Moosbewachsene Felsen und üppige, tropische Vegetation zeugten von einer hohen Luftfeuchtigkeit und trotz der angenehmen Temperatur, fiel es schwer, zu atmen. Nathanael blickte nach oben hin zum Ausgang. Mehrere ungesicherte Pfade führten steil nach oben, teils über glitschige Felsen, teils über morsche Brücken, die nur aus einem einzelnen, überwucherten Brett bestanden. Überall waren kleine Löcher im Felsen zu sehen, hinter denen es raschelte. Aufmerksam ließ der Lehrer seinen Blick schweifen. Es war schwer, wirkliche Konturen auszumachen. Nathanael schickte Mocino voran, doch der hellgrüne Psychoknödel verlor sich bald irgendwo außerhalb seines Sichtfeldes, bevor er flatternd wieder zurückkehrte. Von irgendwo ertönte ein bedrohliches Knurren, gefolgt von Kampfgeräuschen, die jäh mit einem Quieken verstummten. Dann wieder dasselbe Spiel. Ein Knurren, ein Kratzen, ein Quieken und wieder Stille. Schritt für Schritt tastete sich Nathanael nach oben. Es gab wohl einen Grund, warum nach Anbruch der Dämmerung keine Prüfungen mehr stattfanden. Auf dem obersten Plateau angekommen, stand Nathanael vor einer geschlossenen Schranke. Außer den ominösen Geräuschen hatte er noch kein Zeichen eines wilden Pokémon vernommen. Plötzlich wieder ein Knurren. Jetzt reagierte Nathanael schnell. Er lokalisierte die Quelle und ordnete an:
„Mocino, Blitz!“ Ein helles Leuchten durchzuckte das Gewölbe. Nathanaels Augen erholten sich gerade noch schnell genug, um zu sehen, was er nicht vermutet hätte:
Pauline hatte ein seltsam anmutendes Rattfratz aus seinem Bau gelockt und sofort mit flammenden Zähnen bearbeitet. Der arme Nager hatte keine Chance zu entkommen und ging zu Boden.
Ein helles Geräusch ertönte und die automatische Schranke am Durchgang der Höhle öffnete sich. Der verdutzte Nathanael schritt hindurch. Zu seiner Überraschung lief das Wuffels, das eben noch so eifrig an einem Rattfratz genagt hatte, an seine Seite, um mit freundlichem Gesichtsausdruck an seiner Hand zu lecken. Nathanael kraulte Pauline den steinernen Kragen, was diese mit großer Genugtuung zu schätzen wusste.
„Du bist kein schlechter Partner, nur etwas eigenwillig, stimmts?“ murmelte Nathanael vor sich hin. Dann musterte er seinen neuen Aufenthaltsort. Die Höhle hier war etwas heller als zuvor, aber die Decke war um einiges niedriger. Mehrere große Felsformationen erzeugten einen rundlichen Raum auf zwei Ebenen, der fast an eine Arena erinnerte. Auch hier wucherten Pflanzen, wo auch immer das Licht seinen Weg durch die brüchige Decke fand. Doch vorerst passierte nichts. Pauline bearbeitete weiterhin Nathanaels Hand mit ihrer rauen Zunge. Dieser zog fast instinktiv das Sonderbonbon aus der Tasche, das er am Vortag in der Lotterie gewonnen hatte. Im Nachhinein wusste er nicht, was ihn dazu bewogen hatte, in diesem Augenblick, diesem Pokémon den zusätzlichen Kraftschub zu geben, aber was in Folge dessen passierte, war etwas Wunderbares:

Im fahlen Dämmerlicht begann Pauline selbst zu einer Lichtquelle zu werden. Ihre Krallen schabten über den Boden und ihre Form schien ihre Konturen zu verändern. Die Schnauze zog sich in die Länge, ebenso die Beine und der Torso. Dabei wurde das Pokémon immer heller und heller, bis es eine Strahlkraft entwickelte, die eine nähere Beobachtung des Vorgangs unmöglich machte. Nathanael hatte dies schon oft erlebt, aber nun so nicht erwartet. Als das Pauline langsam ihr übernatürliches Glühen verlor und ihre Form wieder scharfe Konturen annahm, war sie kein Wuffels mehr. Im Licht der Dämmerung, Ortszeit 17:30, stand nun ein schlankes, elegantes Wesen mit orangenem Fell, flinken Beinen und einer schneeweißen, steinernen Mähne. Nur die Augen, die nun voller Entschlossenheit auf ihren Trainer blickten, hatten das strahlende Blau des Meeres behalten. Voller Faszination betrachtete Nathanael das Resultat dieser überraschenden Entwicklung, als ein plötzliches Kreischen die Stille zerriss.

Ein gewaltiges Rattikarl tauchte aus dem Nichts auf. Zumindest dachte Nathanael, dass es eines war. Mit der beinahe doppelten Größe, einem pechschwarzen Fell und dick aufgeblasenen Hamsterbacken, die von einem bedrohlich aussehenden Paar Nagezähne getrennt waren, erinnerte nur die grundlegende Form an das, was Nathanael als Rattikarl aus Kanto bekannt war. Das musste das Herrscherpokémon sein. Sofort schickte er Mocino in den Angriff.
„Los, Psychokinese!“ Violette Wellen umgaben den Kleinvogel und Nathanael konnte die Macht spüren, die von seinem Partner ausging. Doch die ganze Kraft der Attacke prallte an dem Rattikarl einfach ab. Da erinnerte sich Nathanael an die Worte seiner Mitstreiter. Die starken Unlichtattacken waren vielleicht ein Resultat der Tatsache, dass das Pokémon in dieser Umgebung diesen Typ angenommen haben. Sofort ließ der Lehrer sein Natu zu sich kommen. Die Gefahr im Nahkampf war einfach zu groß. Diesen scheute Pauline dagegen überhaupt nicht. Mit voller Wucht und ohne Rücksicht auf Verluste stürzte sie sich auf das Herrscherpokémon. Ihre scharfen Reißzähne flammten auf. Nathanael wusste, dass er sie nicht kontrollieren konnte. Nicht jetzt. Er konnte sie nur unterstützen, so gut es ging.
„Mocino, Reflektor!“ Ein schillernder Schild legte sich um das Wolwerock, das nur noch verbissener kämpfte. Doch das Rattikarl schien nicht minder darauf versessen, seinen letzten Kampf des Tages zu gewinnen. Ein lautes Quieken ertönte, worauf ein halbes Dutzend pechschwarze Rattfratz aus dem Schatten sprangen und sich auf Pauline stürzten.
„Mocino, Blitz!“ Ein grelles Leuchten blendete kurz alle im Raum. Die lichtscheuen Nager schienen jedoch am stärksten betroffen. „Das ist es! Mocino, setz Zauberschein ein!“
Wieder leuchtete der Kleinvogel auf. Als wären hunderte Kristalle im grellen Sonnenlicht zersplittert, durchbrach ein Glitzern das Zwielicht und zerstäubte sich in tausenden kleinen Lichtexplosionen in der ganzen Höhle. Die verängstigten und schwer getroffenen Rattfratz nahmen augenblicklich Reißaus, worauf Pauline die Gunst der Stunde nutzte und dem Herrscher-Rattikarl an die Kehle sprang. Steinerne Fänge bohrten sich in das schwarze Fell, bis sein Besitzer schließlich regungslos zu Boden sank.

Von Dutzenden kleinen Rattfratz wurde es schließlich wieder zurück in die Schatten gezogen. An seiner Stelle blieb nur ein leuchtender Kristall, ähnlich denen, die die anderen Absolventen der Prüfung in die Höhe gereckt hatten. Vorsichtig nahm auch Nathanael ihn an sich und legte ihn in seine Tasche, wie er es mit einem Arenaorden gemacht hätte. Dann hörte er Schritte.
„Gut gemacht, Nathanael. Nicht, dass ich daran gezweifelt hätte, obwohl ich mir bei deinem Natu schon Sorgen gemacht habe. Und dein Wuffels schien ja auch nicht so…“ Sie stutzte. „Sag mal, was ist mit deinem Wuffels passiert?“
„Sieht so aus, als hätte es sich entwickelt,“ meine Nathanael.
„Schon, aber das ist kein normales Wolwerock. Das ist weder die Nachtform, noch die Tagform. Das sieht aus wie irgendwas dazwischen.“
„Eine Zwielichtform vielleicht?“
„Hm, so könnte man es nennen. Interessant. Naja, Glückwunsch jedenfalls.“
„Danke Becca. Ohne dich wäre das nicht möglich gewesen.“
„Nichts zu danken. Bin froh wenn ich helfen kann. Sag es trotzdem nicht weiter, ok?“
„Meine Lippen sind versiegelt,“ versprach Nathanael schmunzelnd, während die beiden wieder den Abstieg aus der Höhle vollzogen.
„Na dann, machs gut und alles Gute für deine weitere Inselwanderschaft.“
„Ich bin eigentlich nur zum Urlaub machen hier.“
„Wers glaubt. Für mich bist du der geborene Champ,“ meinte sie noch und schloss die Eingang zur Höhle endgültig ab. Nathanael lächelte nur müde. Diesmal nicht, sagte er sich. Diesmal nicht.

Die große Prüfung von Mele-Mele

„Gut, jetzt waren wir wandern auf der Route 3, haben uns das Mele-Mele-Blütenmeer angesehen und waren schwimmen in der Kala’e Bucht,“ hakte Anja zwei Tage später die Punkte von ihrer Liste ab. „Was hat dir am besten gefallen?“
„Dass ich am Strand bleiben durfte, während du im Einkaufszentrum von Hauholi dein ganzes Erspartes auf den Kopf gehauen hast,“ antwortete Nathanael grinsend.
„Was kann ich dafür, wenn es hier so viele tolle Dinge gibt? Schließlich habe ich ein paar Leuten versprochen, ihnen etwas mitzubringen.“ Gespielt beleidigt verzog sie ihren Mund, worauf ihr Freund sie packte und ein paar Meter durch den Raum trug.
„Du kannst einfach keinem einen Wunsch abschlagen, stimmts?“ warf der seiner Freundin schelmisch vor.
„Wenigstens habe ich nicht spontan auf einem Spaziergang ein Pokémon adoptiert,“ konterte diese. Dass Pauline nun in Nathanaels Team war, war nicht lange Gesprächsthema geblieben, da die Notlüge des Lehrers genauso herzzerreißend wie überzeugend war. Ein streunendes Wuffels, bedroht von einem Krabbox, welches ihm den Weg zu leckeren Beeren verstellte und von einem heldenhaften Mocino gerettet wurde, das passte irgendwie zu Nathanael und so stellte Anja keine weiteren Fragen.
„Was steht eigentlich heute an?“ fragte der junge Mann. Irgendwann hatte er aufgegeben, sich den ausgeklügelten Urlaubsplan seiner Freundin merken zu wollen und ließ sich einfach von ihr überall hin mitschleppen. Bisher hatte es ihm auch ausgezeichnet gefallen. Wohin man auf dieser Insel auch ging, überall begegnete man wahren Wundern der Natur. Besonders das Blütenmeer hatte es den beiden angetan.
Die weiten Flächen gelber Blumen, die im Wind wie Ozeanwellen ihre Köpfe hin und her warfen, das leise Surren von Wommelschwärmen und das ständige Rascheln von Waumboll und Lilminip. Es war leicht, hier auf der Insel seinen Frieden zu finden. Dennoch schien etwas am Inneren des Lehrers zu zerren, eine Unruhe, die bestimmt mit seinem Auftreten am Beginn der Inselwanderschaft zu tun hatte. Eine, die ihn in den Momenten zwischen den Augenblicken des Staunens und Genießens daran erinnerte, dass er im Innersten ein Abenteurer war, der nicht dazu geschaffen war, im Sand zu liegen und sich die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen.
„Ich würde den Morgen gerne am Strand verbringen und nach dem Mittagessen nach Lili’i reiten. Das soll ein nettes kleines Dorf sein, in dem die Traditionen von Alola noch eine wichtige Rolle spielen,“ antwortete Anja nach einer kurzen Pause. Das war ein Plan ganz nach dem Geschmack des Lehrers. Auch wenn seine Freundin eindeutig diejenige war, die mehr Verständnis und Interesse für fremde Kulturen aufbrachte, so war der Lehrer doch neugierig auf das, was ihn heute erwarten würde.

Der Vormittag plätscherte ruhig dahin. Anja widmete sich wieder ihrem Buch, das sie am Strand liegend regelrecht verschlang, während Nathanael viel Zeit damit verbrachte, Pauline an sich zu gewöhnen. Das Wolwerock war weiterhin kaum zu bändigen, aber die Momente, in denen es auf Nathanaels Befehle hörte oder sich davon überzeugen ließ, mit ihm zu kommen, wurden immer häufiger. Pauline liebte den Strand und grub sich gerne bis zum Hals in den warmen Sand ein. Eine Praxis, die ihr Mocino nur allzu gerne nachmachte. Nur mit Wasser mochte die eigenwillige Dame nicht in Berührung kommen und so blieb sie stets im hinteren Bereich des Strandes. Lediglich wenn sie anfing, die Krabbox auf den Wipfeln der Palmen anzuknurren – was klang wie zwei Steine, die mahlend aneinander rieben – dann musste sie Nathanael wieder in ihren leuchtend roten Ball zurückrufen.
Nathanael ließ es sich auch nicht nehmen, den Kindern, die am Strand mit ihren Pokémon spielten, ein paar Tipps zu geben, um im Kampf besser zu bestehen. Wie aus der Schule gewohnt, stellte sich Mocino als Trainingspartner zur Verfügung, um Luftpurzelbäume schlagend den eher harmlosen Angriffen der Spielkameraden auszuweichen. Es erfüllte den Lehrer mit Stolz, seinen alten, so lange vernachlässigten Kameraden aufblühen zu sehen. Er war schon viel stärker geworden seit er ihn damals offiziell als eines seiner Teampokémon gemeldet hatte.

Nach dem Mittagessen ließ Anja wieder zwei Tauros kommen, die sie in den Südosten der Insel bringen sollten. Nathanael hatte mittlerweile seine Scheu vor den beeindruckend wirkenden Reitpokémon abgelegt und war nun gerne auf ihnen unterwegs. Nur der Helmverschluss kratzte ihn am unrasierten Kinn. In gemütlichem Tempo trabten die beiden den unteren der beiden Wege auf Route 1 entlang. Dieser dicht bewachsene Teil der Insel machte einen besonders unberührten Eindruck. Obwohl so viele Touristen Tag für Tag diese Routen nahmen, wurde hier deutlich, dass die Menschen Respekt vor der Natur hatten und diese pfleglich behandelten. Die Landschaft war auch hier von Klippen geprägt, die von Lianen und anderen Kletterpflanzen bewachsen in die Höhe ragten. Oben wie unten breiteten sich abseits des Weges weite Felder hohen Grases aus, in denen man immer wieder Pokémon rascheln hören konnte. Mittlerweile hatte sich Nathanael auf das ungewohnte Wildleben eingestellt. Er erkannte die Peppecks an ihrem Hämmern an Palmenstämmen und erschrak nicht mehr, wenn der gelbliche Schweif eines Manguniors seinen Weg kreuzte. Lediglich mit der neuen Erscheinungsform von Rattfratz hatte er noch seine Schwierigkeiten. Es fiel ihm nicht leicht, zu akzeptieren, dass diese kleinen Nager nun plötzlich völlig immun gegen die Psychoattacken seines Natu waren. Dafür tröstete ihn der vertraute Anblick von Käferpokémon, wie Raupy oder Ledyba. Und wo es Wasser und Strand gab, waren die auch in Hoenn allgegenwärtigen Wingull nicht weit.
Auf diese gemütliche Art der Reise dauerte es eine Weile, bis der dichte Wald, in dem sich das Dörfchen Lili’i befand, in Sicht kam. Wenigstens blieb Nathanael vom lauten Geräusch der berstenden Felsen verschont, die Anja nur allzu gerne mit ihrem Tauros zermalmte. Noch vor dem Dorf gaben die beiden die Tauros ab, um die letzten Minuten den Weg zu Fuß fortzusetzen. Pauline und Wolle liefen artig neben ihnen her, während Mocino über der Gruppe flatterte.
„Igitt!“ rief Anja plötzlich und blieb abrupt stehen.
„Was ist denn?“ fragte Nathanael besorgt.
„Ich bin in irgendetwas Schleimiges getreten.“ Angeekelt streifte sie ihre Sandalen an einem Felsen ab. Nathanael betrachtete die Substanz genauer. Grün und leicht durchsichtig schimmernd zog sich ein etwas handtellergroßes Häufchen Schleim zusammen, als wäre es ein Lebewesen. Unwillig, es anzufassen, roch Nathanael daran. Irgendwie erinnerte ihn der Geruch an sein Libelldra, hatte es doch etwas Erdiges, Drachiges an sich. Dann verlor er aber das Interesse.
„Komm, gehen wir weiter. Da vorne ist ein kleiner Bach, an dem du dir die Füße waschen kannst,“ meinte er und ging voran. Nachdem das kleine Malheur beseitigt und vergessen war, kam das junge Paar endlich in Lili’i an.

Das Dorf inmitten der Lichtung hatte etwas geradezu Magisches an sich. Einfache Trampelpfade führten zu den primitiven, aber doch kunstvoll gefertigten Holzhäusern, die allesamt auf kurzen Stelzen standen. Die kleinen Gebäude mit den rundlichen Holzdächern passten so gut in die Landschaft, als wären sie nicht von den Einwohnern gebaut worden, sondern genau so an dieser Stelle aus dem fruchtbaren Boden gewachsen. Natürliche Hecken grenzten die Grundstücke voneinander ab und wirkten doch eher einladend als einschränkend. Abseits der Wege dominierte ein saftiges Grün die Szenerie. Laubbäume, Palmen und großblättrige Sträucher bedeckten jeden Winkel zwischen den Bauten. Unter einem kleinen Dach, das denen der Häuser glich, kündigte ein schwarzes Brett Neuigkeiten an:
AUFGRUND DER GROßEN NACHFRAGE FINDET IM MONAT JULI JEDEN ABEND DIE GROßE PRÜFUNG VON MELE-MELE STATT. INSELKÖNIG HALA FORDERT ALLE, DIE BEREIT SIND, GEGEN IHN ZU KÄMPFEN, ZU EINER PRÜFUNG HERAUS.
JEDEN ABEND, BEI BEGINN DER DÄMMERUNG.
Hochinteressiert, aber gespielt beiläufig studierte Nathanael diese Ankündigung. Wieder spürte er das Kribbeln der Abenteuerlust in seiner Magengegend. Um es sich nicht anmerken zu lassen, fragte er:
„Was meinst du Anja, sollen wir uns das ansehen?“
„Ja, warum nicht? Evelyn hat mir erzählt, dass die große Inselprüfung eine alte Tradition ist, die die meisten Jugendlichen Alolas auf sich nehmen, um den Schritt ins Erwachsenenalter zu machen. Das könnte interessant werden, auch wenn der kulturelle Teil durch die vielen Touristen wohl etwas verwässert ist.“ Innerlich jubelte Nathanael. Er wusste, dass seine Lüge auffliegen würde, fände Anja heraus, dass er den Beginn der Inselwanderschaft gemeistert hatte. Aber alleine die Vorstellung, dass er wieder ganz nahe am Geschehen sein würde, brachte sein Blut in Wallung. Die Aufregung legte sich auch nicht, als das Paar weiter in das beschauliche Dorf eindrang. Ein hölzerner Kampfplatz aus schön bemalten Planken zierte das Zentrum der Siedlung. Gleich links davon stand das größte Haus des Dorfes. Ein beachtlicher Holzbau mit kunstvoll geschwungenen Dächern ragte zwei Stockwerke in die Höhe. Schnitzereien zeigten mysteriös aussehende Pokémon, deren Gestalten Nathanael bekannt vorkamen, die er aber nicht einordnen konnte.
„Das sind die Kapus, die Schutzpatrone der Inseln. Es heißt, sie wachen über die Bewohner und Pokémon Alolas,“ erklärte Anja fast andächtig. „Ich glaube, das ist das Haus des Inselkönigs, vor dem wir hier stehen.“ Noch einige Augenblicke verharrten die beiden vor dem eindrucksvollen Gebäude, dann verließen sie das Dorf Richtung Norden.

Den Nachmittag verbrachten sie mit einer Wanderung am Mahalo-Bergpfad, einer wunderschönen Route die einem gewundenen Pfad etliche Höhenmeter durch eine prächtige Flora folgte. Über eine frisch renovierte Hängebrücke führte der Weg zu den geheimnisvollen Ruinen des Krieges, einer Kultstätte, die dem Schutzpatron Mele-Meles gewidmet war. Anja und Nathanael ließen sich Zeit, genossen die Umgebung und ließen sich von den Geheimnissen der alten Relikte in den Bann ziehen. Besonders Mocino schien sich hier wohlzufühlen, erinnerte ihn dieser Ort doch an die Gegend, in der aufgewachsen war und in der er Nathanael das erste Mal begegnet war.
Erst als die Sonne bereits tief stand und der Himmel sich in ein warmes Orange verfärbte, kehrten Nathanael und Anja zurück ins Dorf, wo sich eine regelrechte Menschenmenge versammelt hatte. Nathanael ließ Pauline frei herumlaufen, weil er merkte, dass die Dämmerung ihre Lieblingszeit des Tages war. Dann mischten er und Anja sich unter die Leute.

Einige der Menschen hatten sich nicht bitten lassen und waren in traditionellen Gewändern aufgetaucht. Blumenkränze und bunte Muster dominierten das Bild. Männer trugen weite Hemden und Shorts, die Frauen trugen ärmelfreie Tops und gemusterte Röcke, wie man sie zuhauf in den Einkaufszentren Hauholi Citys finden konnte. Aus dieser Menge in Feierlaune stachen etliche Gestalten heraus, die so gar nicht ins Bild passen wollten. Junge Menschen in voller Trainermontur waren wie schon vor der Vegetationshöhle nur hier, um sich die Erlaubnis für die Liga zu holen. Die Tatsache, dass Nathanael keinen von ihnen wiedererkannte, zeigte, dass die meisten wohl so schnell wie möglich von Insel zu Insel zogen, um die Aufgaben zu absolvieren. Auch seinen neuen Freund Till konnte er in der Menge nicht ausmachen. Stattdessen fiel sein Blick auf einen rundlichen, alten Mann. Er trug die mittellangen, weißen Haare oben zusammengebunden und blickte durch buschige Augenbrauen in die Menge, die plötzlich verstummte. Die blauen Sandalen klopften geräuschvoll auf den hölzernen Boden als Inselkönig Hala – wer sonst konnte der charismatische Mann im offenen, gelben Hemd sein? – die Kampffläche betrat. Anja fasste Nathanaels Hand.
„Alola, liebe Brüder und Schwestern, liebe Gäste!“ begann er mit tiefer, ehrfurchtgebietender Stimme. „Ich bin Inselkönig Hala und hier, um die alte Tradition der Inselprüfungen fortzuführen. Wie jeden Abend im Sommer stelle ich mich den Herausforderungen junger Trainer, die sich als würdig erweisen wollen.“ Wie auf Kommando entzündeten sich rund um den Kampfplatz Fackeln, die das mittlerweile in Halbdunkel verfallene Dorf in ein warmes, flackerndes Licht tauchte.
Hala stimmte einen eingängigen, summenden Gesang an, in denen einige der besonders traditionell gekleideten Besucher, vermutlich Einheimische, einstiegen. Die Klänge der Stimmen, das Rauschen des Meeres und die Geräusche der Natur vermischten sich zu einem Lied, das wie die Insel selbst war. Sanft und doch wild, wärmend und natürlich, doch mit steilen Anstiegen und abenteuerlichen Passagen. Bilder der letzten Tage stiegen in Nathanael hoch. Das Blütenmeer, die schroffen Felsen, die üppige Vegetation und der goldene Strand. Als das Lied allmählich abklang, verblassten auch die Bilder und Nathanael befand sich wieder im von Fackeln beleuchteten Lili’i, in der Hala nun die ersten Herausforderer auf die Kampffläche einlud.

Was folgte, war eine Serie von Kämpfen, die mal von dem Inselkönig und dann wieder von seinen Herausforderern gewonnen wurden. Nathanael konnte mit seinem geschulten Lehrerblick genau beobachten, mit welcher Sorgfalt Hala seine Pokémon in den Kampf schickte. Er spürte, wann er sich zurückhielt und wann er seine Pokémon zu Höchstleistungen anspornte. Ihm schien, als wüsste der Inselkönig ganz genau, wie viel er seinem Kontrahenten abverlangen konnte. Das waren keine Kämpfe mit voller Kraft, es war ein besonnenes Kräftemessen, um herauszufinden, ob der Kandidat würdig war, seinen Weg auf der Inselwanderschaft fortzusetzen. Manch überheblich wirkender Trainer wurde so unsanft aus dem Ring geworfen, während vermeintliche Underdogs mit großer Anstrengung doch noch einen Sieg davontrugen und mit einem Kristall belohnt wurden. Obwohl Hala stets die gleichen drei Pokémon in den Kampf schickte, war keine Auseinandersetzung wie die andere. Keiner der Kämpfe dauerte länger als fünf Minuten und so wurde die Schlange an Herausforderern schnell kürzer.
Irgendwann stieß Anja Nathanael in die Seite. Auch sie hatte zuvor wie gebannt die Kämpfe im Fackellicht beobachtet.
„Willst du es nicht auch einmal versuchen, Nathanael?“ fragte sie.
„Aber das ist doch etwas für die Trainer auf der Inselwanderschaft,“ protestierte er halbherzig. Er wusste, dass sie nur ihm zuliebe gefragt hatte. „Außerdem wollten wir es ja gemütlich angehen, oder nicht?“ Anja lächelte.
„Aber wir wollten auch die Kultur Alolas kennenlernen. Sieh es als Teilnahme an einer kulturellen Veranstaltung.“ Ihr aufmunternder Blick genügte Nathanael. Mit Anja an der Hand gesellte er sich zu den wenigen, noch auf ihre Prüfung wartenden Trainern. Sein Herz pochte wie wild, was weniger am bevorstehenden Kampf lag, als vielmehr an der Tatsache, dass nun auffliegen könnte, dass er ‚irgendwie’ doch auf Inselwanderschaft war. Nachdem Halas Makuhita, das ihm auf eine groteske Weise ein wenig ähnlich sah, wieder einmal zu Boden geschickt wurde, war schließlich Nathanael an der Reihe.

Er atmete tief ein, als der die federnden Balken des Kampfplatzes betrat. Interessiert musterte ihn Hala, der seine drei Pokébälle mit Menki, Makuhita und Krabbox in einer Hand zwischen den Fingern kreisen ließ. Nathanael griff sich an die Brust, wo Mocino in seinem Ball schlummerte. Sicherheitshalber fasste er sich noch an den Gurt seiner Umhängetasche, als er mit Schrecken feststellte, dass der Ball, in dem Pauline sich befinden sollte, deaktiviert war. Er hatte vergessen, sie zurückzuholen, nachdem er ihr den Freiraum gegeben hatte, die Dämmerung in Lili’i zu genießen. Nun war es zu spät, sie zu rufen. Der Lehrer warf einen Blick zurück, wo Anja ihm die Daumen drückte. Dann bemerkte er in der Menge ein zweites bekanntes Gesicht.
Fast hätte er Becca nicht erkannt, die statt ihrer Uniform ein traditionelles Kleid angezogen hatte und mit der Blume im Haar und dem Freund im Arm gar nicht mehr so offiziell wirkte. Sie zwinkerte ihm zu und streckte den Daumen ihrer freien Hand in die Höhe. Zeit loszulegen.

Ohne noch länger nachzudenken, schickte Nathanael Mocino in den Kampf. Er war gespannt darauf, wie Hala ihm begegnen würde. In Gedanken ließ der Inselkönig erst seine Bälle kreisen, dann steckte er einen nach dem anderen in seine großzügig geschnittene Tasche zurück und zog einen Hyperball hervor, den er auch sogleich in den Ring warf. Ein Zischen ertönte und ein schneeweißes, vierbeiniges Etwas mit gigantischen, blauen Fäusten materialisierte sich mitten auf dem Kampfplatz. Sofort fröstelte es Nathanael. Dieses Pokémon hatte er den ganzen Abend noch nicht gesehen. Dieses Pokémon hatte er überhaupt noch nicht in echt gesehen. Das Krawell gab einen langgezogenen Laut von sich und ein eisiger Wind ließ die Fackeln flackern. Nathanael konnte hören, wie das Publikum erschrocken ausatmete. Offensichtlich war das nicht die normale Vorgehensweise. Doch der Trainer ließ sich nicht von der allgemeinen Verunsicherung anstecken, denn vor ihm flatterte ein Natu, das voller Entschlossenheit Kunststücke vollführte, während feine, zartviolette Schwingungen von seinem glänzenden Körper ausgingen.
Nathanael beschloss, vorsichtig anzufangen. Es war wahrscheinlich, dass er schneller war als sein Kontrahent, aber jeder Schlag dieser kräftigen Fäuste konnte der letzte des Kampfes sein. Sofort ordnete der Lehrer sein Natu an, die Attacke Seher einzusetzen.
In sicherer Entfernung konzentrierte sich der Kleinvogel und schickte einen Teil seiner Psychokräfte in die nahe Zukunft, was seine Augen zum Leuchten brachte. Dann sauste schon der erste Angriff auf den Piepmatz zu. Nur mit Mühe konnte Mocino nach oben ausweichen. Der eisige Hieb traf den hölzernen Boden, der sofort gefror. Vom Ausweichmanöver aus dem Gleichgewicht gebracht, sah sich das Natu sofort mit dem nächsten Schlag konfrontiert, den es aber durch einen perfekt getimten Schutzschild an sich abgleiten ließ. Das Krawell brüllte wütend und versuchte, in den Nahkampf überzugehen. Jetzt bemerkte Nathanael, dass es etwas langsamer geworden war. Das musste an der Attacke Eishammer liegen. Mit einem kräftigen Sprung, der der weißen Fellkrabbe nicht zuzutrauen war, katapultierte sich das Krawell in die Höhe, um in Mocinos Reichweite zu kommen. Doch Nathanael reagierte schnell.
„Strauchler!“ Wie schon im Kampf gegen das Pampross ein paar Tage zuvor schoss eine kleine Ranke aus dem Boden, die den Gegner am Boden halten sollte. Doch die Wucht des Angriffes war so enorm, dass die Ranke einfach zerriss und sich beinahe wirkungslos wieder auflöste. Eine Serie von Schlägen prasselte auf das Natu nieder, die dieses nur aufgrund seiner niedrigen Anfälligkeit für Kampfattacken einstecken konnte. Plötzlich setzte der Seher ein. Das Publikum konnte beobachten, wie die flirrende Luft sich um das Krawell zusammenzog und dieses sich im Sog violetter Schlieren zu krümmen begann. „Schnell Mocino, leg mit Psychokinese nach!“ Wieder verfärbten sich die Augen des kleinen Psychovogels und mystische Wellen gingen von ihm aus. Wie in Zeitlupe hob es das noch immer zuckende Krawell in die Luft und ließ es unsanft auf den gefrorenen Boden fallen.
Hala nickte anerkennend, doch geschlagen war er lange noch nicht. Im Gegenteil. Unter seinem eindrucksvollen weißen Schnauzer bildete sich ein Lächeln, das nichts Gutes verhieß. Plötzlich leuchtete etwas an ihm auf. Erst jetzt bemerkte Nathanael den glänzenden Z-Ring am Arm des Inselkönigs. Gedankenschnell wies er sein Natu an, sich auf einen heftigen Angriff vorzubereiten. Natu begab sich in Ruheposition, um sich von den vorherigen Angriffen zu erholen und machte sich bereit, sein Schutzschild einzusetzen. Zum Erstaunen aller setzte Hala zu einem kurzen Tanz an, der von seinem Pokémon auf dem Schlachtfeld gespiegelt wurde. Dann leuchteten beide kurz auf. Ein greller, gelber Schein umspielte Trainer und Pokémon, welches sich mit vollem Einsatz auf das am Boden sitzende Natu stürzte. Lachend kommentierte Hala die Attacke seines Krawell:
„So sehen die Fulminanten Faustschläge meines Lieblings aus! Nur, falls jemand auf die Idee kommt, den Titel des Champs aus Alola entführen zu wollen!“ Darum ging es also. Nathanael war das Beispiel des desinteressierten, profitgierigen Touristen, der die Kultur Alolas verwässerte. Das wollte der Lehrer nicht auf sich sitzen lassen. Im einem Moment sah er noch verzweifelt zu, wie der Großteil der Schläge durch den doch so perfekt eingesetzten Schutzschild brach und dem Kleinvogel zusetzte, dann beschloss er, wieder die Initiative zu ergreifen.
„Mocino, duck dich!“ rief er seinem Partner zu, der blitzschnell reagierte. Ein mächtiger Hieb des Krawell ging ins Leere, worauf das Ungetüm auf dem vereisten Boden den Halt verlor und stürzte. „Psychokinese!“ Violette Wellen zerrten die Riesenkrabbe wieder auf die Beine, nur um sie unsanft wieder auf den Kampfplatz fallen zu lassen.
„Setz Nahkampf ein!“ brüllte Hala und lachte.
„Jetzt, Egotrip!“ Nathanael erschrak beinahe selbst über diese kühne Ansage. Auch wenn die Attacke die gegnerische mit größerer Kraft zurückwarf, so war Mocino doch nie der Typ gewesen, der in den Infight ging. Doch das kleine Natu vertraute dem Urteil seines Trainers blind und stürzte mit den winzigen Krallenbeinen voraus auf das Krawell zu. Heftige Tritte, die so niemand erwartet hatte, zerfetzten das schneeweiße Fell der Kampfkrabbe, die mit vollkommen offenem Visier in diesen Angriff gerannt war. Stöhnend ging das Krawell zu Boden und wurde sofort zurückgerufen. Um den Kampfplatz jubelte das Publikum.
Hala ging auf Nathanael zu und schüttelte ihm mit seinen gewaltigen Pranken die Hand.
„Ein wirklich ausgezeichneter Kampf,“ meinte er. Nathanael spürte, wie plötzlich etwas Kaltes, Kribbelndes in seine Handfläche gefallen war. Hatte ihm der Inselkönig gerade heimlich den Beweis für seinen Sieg überreicht? Wusste er über seine Situation Bescheid? Es dauerte eine Weile, bis Nathanael verstand. Zwinkernd stand Becca neben dem Kampfplatz. Während Nathanael, vom Jubel getragen die hölzerne Erhebung verließ, raunte sie ihm von der Seite zu:
„Ich sagte doch, dass du ein Champ bist. Ich kann dir leider nur so weit helfen, aber ich wünsche dir viel Glück für die nächste Prüfung.“ Mit einem verschwörerischen Grinsen verschwand sie wieder in der Menge. Der Lehrer ging nun auf geradem Weg auf seine Anja zu und schloss sie in die Arme.
„Genug Aufregung für heute,“ meinte er versöhnlich, worauf sie ihm strahlend einen Kuss aufrückte. Dann machte sie kurz ein nachdenkliches Gesicht.
„Entschuldige mich kurz,“ murmelte sie und verschwand. Nathanael nutzte die Zeit, um die vielen Anfragen aus der Menge zu beantworten. Besonders junge Trainer kamen zu ihm, um sich Ratschläge zu holen, die Nathanael bereitwillig erteilte. Nach einiger Zeit gesellte sich auch Pauline wieder zu ihm und genoss die Anerkennung, die ihrem Trainer entgegengebracht wurde.
Als die Menge sich langsam auflöste, kehrte auch Anja wieder zurück. Auf die Frage, wo sie gewesen sei, antwortete sie nur mit einem verschwörerischen Schmunzeln.
„Wir sollten langsam aufbrechen. Morgen geht es schon früh weiter. Du willst doch nicht das Schiff nach Akala verpassen, oder?"


Alola, Akala!

„Ganz schön schnell, nicht wahr?“ rief Anja ihrem Freund entgegen, der kein einziges Wort verstand. Auch wenn er sich gleich neben ihr an der Reling festklammerte, machten das Heulen des Windes um seine Ohren und das Zischen der See unter dem Bug es unmöglich sich zu unterhalten. Dafür genoss Nathanael die Geschwindigkeit es Schnellbootes, das sich zielstrebig dem Pier von Kentai City näherte. Den frischen Meereswind in den Haaren und die Gischt im Gesicht, genau das hatte der Lehrer nun gebraucht. Nach den aufregenden Stunden des Vorabends hatte der Schlaf lange auf sich warten lassen und das Boot nach Akala hatte bereits um sieben Uhr morgens abgelegt. Ohne Anja hätte er wohl einmal auf die Schlummertaste des Holo-Logs betätigt und einfach weitergeschlafen. Aber seine Freundin war als Urlauberin mindestens genauso gewissenhaft wie bei der Arbeit als Schwester Joy und so brachte sie Nathanael auch diesmal pünktlich zu einem Termin.
Nach nur wenigen Minuten Fahrt nahm das Schnellboot nach und nach an Geschwindigkeit ab und bog mit aller Sorgfalt in den Hafen von Kentai City ein. Voller Elan betrat Anja als erste die nächste der Inseln Alolas auf ihrer Route. Auf den ersten Blick erinnerte viel an ihre erste Ankunft auf Mele-Mele. Auch hier war die Anlegestation ein moderner, zweckmäßiger Bau, der jedoch mit viel Liebe zum Detail an die Atmosphäre der Inselgruppe angepasst war. Ein prächtiger Bogen aus rosafarbenen Blüten zierte den Ausgang in der Mitte des Gebäudes und lud dazu ein, die Insel zu erkunden. Auch draußen führte sich das Bild fort. Strahlender Sonnenschein durchflutete die Strandpromenade, die sich in sandfarbenen Fliesen der Kaimauer entlang bis ans Ende der Stadt zog. Palmen säumten die Wege und schenkten dem Schatten, der sich auf einer der vielen Parkbänke eine Pause gönnte.
„Wir müssen hier noch ein wenig weiter und dann gleich in das erste Gebäude links,“ erklärte Anja, worauf Nathanael nickte und den schweren Koffer hinter sich herzog. Wenigstens so konnte er sich nützlich machen. Die Touristeninformation befand sich nicht weit vom Pier entfernt, sodass sich die beiden das Taxi sparen konnten. Das bunt mit Blumenmustern verzierte Gebäude war mit seinem deutlich größeren Pendant auf Mele-Mele nicht zu vergleichen, stand ihm aber in Sachen Freundlichkeit nichts nach. Eine Frau mit dunkelroter Schürze und einem natürlich wirkenden Lächeln begrüßte die beiden Neuankömmlinge:
„Alola, willkommen auf Akala! Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Ja, wir haben im Hotel Meeresrauschen gebucht,“ ergriff Anja sofort das Wort und nannte noch ein paar Daten, die die Dame hinter dem Tresen eifrig in ihren Computer eintippte. Währenddessen sah sich Nathanael im Raum um. Alles hier war genauso quietschbunt wie der Rest er Insel. In der Ecke konnte man Souvenirs erwerben, vom Plüschpokémon bis zu Bildbändern mit den schönsten Fotos der Insel. Auf der anderen Seite konnte man sogar ein Foto von sich als vollbusiges Hula-Girl machen, indem man seinen Kopf durch eine große Papp-Kulisse steckte. Nathanael interessierte sich mher für die Sachbücher und erwarb ein wunderschön illustriertes Werk mit dem Titel: ‚Perfekt ans Inselleben angepasst – Alolas Pokémonvielfalt’. Wortlos legte er das Buch auf den Tresen und bezahlte mit seiner persönlichen Karte. „Und dürfte ich noch so eine Broschüre mitnehmen?“ fragte Anja abschließend, was Nathanael dazu bewegte, sich wieder zu ihr zu gesellen.
„Selbstverständlich. Ihr Hotel ist nur etwa zehn Minuten zu Fuß entfernt, um das Gepäck kümmern wir uns. Ich wünsche einen wunderschönen Aufenthalt. Falls es noch Fragen gibt, stehen ich und meine Kolleginnen gerne zu Verfügung.“ Mit diesen Informationen im Gepäck und dem Koffer in den Händen eines braungebrannten Einheimischen mit einem dreirädrigen Lastfahrzeug verließ das Paar das Gebäude und schlenderten los. Vorbei an einer Boutique in einem sehr speziellen, weil leicht an die Architektur von Monsentiero errinernden, Gebäude bis zu einer Abzweigung, an deren östlichem Ende das Pokémoncenter von Kentai City lag.
„Hier müssen wir nach links,“ gab Anja ein weiteres Ma die Richtung an. Der Weg führte nun nicht mehr parallel zum Meer, sondern ein Stück ins Inselinnere, wo schon die grünen Hügel, die schließlich auf den Vulkan dieser Insel zuliefen, in die Höhe ragten. Davor eröffnete sich allerdings der Blick auf das Hotel, in dem Nathanael und seine Begleitung (oder war es umgekehrt) die kommenden Nächte verbringen würden. Ein weiter, offener Platz aus großem, runden Pflasterstein umkreiste einen kunstvoll gestalteten Brunnen, in dem ein steinernes Seeper auf einer Kaskade aus kristallklarem Quellwasser ritt. Nathanael konnte es gar nicht erwarten, das mehrere Stockwerke hohe und mit blauen Wasserpokémon auf weißer Fassade verzierte Hotel zu betreten. Der Innenraum war nicht weniger beeindruckend. Die Decke der Lobby erstreckte sich bis weit nach oben und wurde von schneeweißen Säulen mit hellblauen Ornamenten gestützt. Die marine Farbpalette zog sich durch den ganzen Eingangsbereich. Trotz der heiklen Farben war alles blitzblank. Links und rechts des Mittelganges standen klassisch aber dennoch bequem aussehende Sofas und Kaffeetische, an denen ein paar Gäste gemütlich in ihren Büchern und Zeitungen schmökerten. Sofort trat ein Mann in schicker Uniform auf Nathanael und Anja zu. Mit dem lachsfarbenen Mantel und der langen, weißen Hose war er ein wenig zu warm angezogen, aber das schien zum Auftreten zu gehören. Er trug sogar einen klassischen, runden Hut, unter dem seine leicht angegrauten Schläfen hervorlugten. Er wirkte ein wenig steif, aber dennoch sehr freundlich. Irgendetwas an ihm kam Nathanael bekannt vor, aber es fiel ihm schwer, es in Worte zu fassen. Diese übernahm nun ohnehin der Hotelmitarbeiter.
„Die Dame, der Herr. Ich darf Sie ganz herzlich bei uns im Hotel Meeresrauschen begrüßen. Wir sind außerordentlich erfreut, dass Sie sich für uns und nicht das andere Hotel von Kentai City entschieden haben.“ Nathanael musste schmunzeln und ein Blick zur Seite zeigte ihm, dass es Anja nicht anders ging. Der Konkurrenzkampf dieser beiden Hotels musste wohl über das übliche Maß hinausgehen, wenn man schon so begrüßt wurde. „Ihr Gepäck wurde schon auf das Zimmer gebracht. Dort liegen auch alle Informationen auf, die Ihnen den Aufenthalt hier so angenehm wie möglich machen sollen. Falls es noch irgendwelche Wünsche und Anregungen geben sollte, wenden Sie sich bitte an mich, den Concierge. Meine Durchwahl ist die Nummer 01, aber Sie können auch jeden meiner Mitarbeiter nach mit fragen. Mein Name ist Cornelius Hirte.
Nun fiel es Nathanael wie Multischuppen von den Augen. Daran hatte ihn der Mann also erinnert. Doch bevor er seine Erkenntnisse äußern konnte, hörte er auch schon eine bekannte Stimme vom hinteren Bereich der Eingangshalle:
„Herr Plath?!“ Blitzartig drehte sich der Lehrer um. Ein Mädchen, 12 Jahre alt und grinsend wie ein Honigkuchenpferd, lief auf Nathanael zu.
„Mia! Was machst du denn hier?“ fragte dieser erschrocken. Nach ein paar Augenblicken der Verwirrung hätte er die Frage selbst beantworten können, wäre ihm nicht ein Junge mit schwarzen, verstrubbelten Haaren und denselben blauen Augen wie seine Schwester zuvorgekommen.
„Wir besuchen unseren Vater, wie jeden Sommer,“ erklärte Colin, während er von einem der Sofas aufstand, eine Spielkonsole in der Hand. Zu Nathanaels erhelltem Gesichtsausdruck und Anjas hocherfreutem Lachen gesellte sich ein verlegenes Kopfkratzen des Concierge.
„Ihr scheint euch also zu kennen. Tut mir leid, wenn sie euch Unannehmlichkeiten bereiten. Kinder, geht in eure Zimmer. Oder nach draußen. Aber bitte lasst unsere Gäste in Ruhe. Nathanael konnte sehen, dass dem sonst vermutlich sehr professionell agierenden Mann die Situation ein wenig unangenehm war.
„Aber nein, Herr Hirte, das macht uns gar nichts. Ich bin immer froh, die Kleinen zu sehen,“ versuchte Anja die Situation zu entschärfen.
„Ja, wir sind nur ein wenig überrascht. Ich wusste nur, dass der Vater der beiden nicht in Metarost City lebt, da habe ich vermutet, dass sie keinen Kontakt mit ihm haben,“ warf Nathanael noch ein wenig ungeschickt ein.
„Ganz so ist es nicht,“ erklärte der Hotelangestellte. „Ihre Mutter und ich haben uns getrennt, weil sie damit nicht klarkam, dass ich so viel arbeitete. Und ich muss wohl die Schuld auf meiner Seite suchen, weil mir die Karriere wichtiger war, als meine Familie. Aber wenigstens kann ich meine Kinder im Sommer sehen, wenn sie mich besuchen kommen.“ Verlegen sah er sich um, als würde er nach einer Ablenkung suchen.
‚Und trotzdem arbeitet er auch dann, wenn seine Kinder da sind,’ dachte sich Nathanael, sagte aber nichts. Es lag ihm fern, sich einzumischen. Stattdessen meldete sich Anja wieder zu Wort:
„Nun, es ist jedenfalls eine schöne Überraschung, euch hier zu sehen. Wir sollten jetzt nach oben und unsere Sachen auspacken, aber wie wäre es, wenn ihr uns nachher ein wenig die Stadt zeigt? Ihr scheint euch ja auszukennen.“ Mia nickte eifrig und auch Colin schien von der Idee angetan zu sein. Selbst deren Vater schien die Situation wieder besser zu gefallen. Vermutlich freute er sich, dass seine Kinder sich auch einmal nützlich machen konnten.

Daraufhin zogen sich Anja und Nathanael fürs erste in ihr Zimmer zurück. Der geschmackvoll eingerichtete Raum passte mit seinen Farben zum Rest der Anlage und machte einen äußerst klassischen Eindruck. Vom Fenster aus konnte man ganz genau den Vorplatz beobachten und wenn man seine Augen ein wenig anstrengte, konnte man auch einen Streifen Meer sehen, der zwischen Boutique und Pokémoncenter in etwa 200 Metern Entfernung hervorblitzte. Gemeinsam verfrachteten sie den Inhalt ihrer Gepäckstücke in die Schränke, dann ließ sich Nathanael auf das Bett fallen. Anja studierte währenddessen die Broschüren, die sie aus der Touristeninformation mitgebracht hatte. Es war offenkundig, dass sie sich schon Gedanken über die Planung der nächsten fünf Tage gemacht hatte. Dennoch sah Nathanael sie immer wieder interessiert nicken, als hätte sie etwas entdeckt, das ihr genauso gut gefiel.
„Ich finde, heute sollten wir uns einen ruhigen Tag im Umkreis der Stadt machen. Wir könnten uns Kentai City ansehen und dann zum Hanohano-Strand gehen. Morgen wird dann wieder Akala erkundet,“ verkündete sie, sichtlich mit sich zufrieden. Nathanael nickte nur. Damit war er mehr als einverstanden. Jetzt fehlte nur noch eins zum Glück.
„Können wir, bevor wir losziehen, noch frühstücken gehen?“
„Das wollte ich auch gerade vorschlagen,“ stimmte ihm Anja zu und bald fanden sich die beiden im Speisesaal des Hotels Meeresrauschen wieder. Trotz der fortgeschrittenen Stunde war das Buffet reich gefüllt mit warmen und kalten Speisen. Nathanael zählte sieben verschiedene Sorten Cerealien und fünf verschiedene, jedoch alle verführerisch frisch duftende Sorten Brötchen. Dazu noch überladene Platten mit aufgeschnittenen und ganzen Früchten und eine ganze Reihe kleiner Behälter mit den unterschiedlichsten Beerenmarmeladen. In großen, metallenen Behältern und gläsernen Karaffen waren frisch gepresste Säfte, warme und kalte Kuh-Muh-Milch, und heißes Wasser, das mit verschiedenen Sorten Tee aufgegossen werden konnte. Im Zentrum stand jedoch eine Espressomaschine, die jeden Kaffeeautomaten mit seiner Auswahl in den Schatten stellte. Anja spazierte einmal das ganze Buffet ab, nahm einmal etwas von hier und einmal etwas von da, bis sich eine bunte Mischung verschiedenster Frühstücksspeisen angesammelt hatte. Nathanael schnappte sich einen Tee und vier Himmihbeerenbrötchen. Tradition war Tradition.

Nach einem ausgiebigen Frühstück schlenderten die beiden zurück in die Lobby, wo Mia und Colin bereits auf sie warteten. Nathanaels Schützlinge schienen ziemlich aufgeregt zu sein und sich auf die Aufgabe zu freuen. Die Schülerin lief gleich voran.
„Also den Pier und die Touristeninformation kennt ihr ja schon,“ erklärte sie, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. „Deshalb würde ich sagen, wir gehen dem Pier entlang Richtung Osten zum Hanohano-Resort.“ Unterwegs erzählte sie noch einige interessante Dinge über die kleine Stadt, die selbst Anja mit ihrem Reiseführer noch nicht wusste. Colin trabte nebenher. Es schien ihm nichts auszumachen, seiner Schwester die Führung zu überlassen. „Hier ist das Pokémoncenter. Es ist eigentlich wie jedes Pokémoncenter in der Region. Mein Papa sagt aber, dass sie hier den besten Kaffee haben. Abgesehen vom Hotel Meeresrauschen natürlich.“ Anja schüttelte kurz den Kopf. Eine seltsame Tradition, die sie hier auf der Insel hatten. Pokémoncenter waren für ihre Trainer und Pokémon da, und nicht als Café für Leute, die es sich gemütlich machen wollten. „Was für Herrn Plath noch interessant sein könnte, ist der Laden in diesem Center. Er verkauft Schutzattacken, auch eine, die Sie bestimmt nicht kennen,“ ergriff nun auch einmal Colin das Wort. Nathanael horchte auf. Das klang in der Tat interessant. „Die Attacke heißt Auroraschleier und funktioniert wie Lichtschild und Reflektor in einem. Leider klappt sie nur im Hagelsturm,“ fuhr der Junge fort. „Macht also nur für Eispokémon wirklich Sinn.“ Nathanael dachte an sein Amagarga, für das diese Attacke bestimmt eine wundervolle Ergänzung sein konnte, sollte es in der Lage sein, die Attacke zu lernen. Allerdings wurden seine Gedanken unterbrochen, als sie die kleine Gruppe wieder in Bewegung setzte.
„Hier geht es zum Digda-Tunnel,“ erklärte Mia nach weiteren hundert Metern und drehte sich nach rechts, wo die Straße sich verzweigte und gewaltiger Felsen eine Landbrücke Richtung Süden darstellte. „Wenn man ihn durchquert, landet man auf Route 9, die direkt nach Konikoni City führt. Diese Stadt ist auf jeden Fall einen Besuch wert,“ führte das Mädchen beinahe fachmännisch aus. Nathanael hob die Brauen.
„Hier gibt es auch einen Digda-Tunnel, so wie in Kanto?“ Colin nickte.
„Ja, aber hier sehen die Digdas anders aus. Sie haben ein paar metallene Haare, die sie als Antennen benutzen. Damit können sie durch das Vulkangestein miteinander kommunizieren,“ erzählte er. Nathanael dachte nach. Es war wohl wie bereits bei den Rattfratz, dass sie sich an die neue Umgebung angepasst hatten. Plötzlich kam sich der Lehrer ein wenig dumm vor. So lange hatte er gedacht, er wisse alles, was es über Pokémon zu wissen gab und nun musste er sich von seinem eigenen Schüler Dinge erklären lassen, die eigentlich selbstverständlich waren. Kurz musste er sich innerlich schütteln, damit er sich daran erinnerte, dass niemand alles wissen konnte, und dass er für diese Gelegenheit zu lernen dankbar sein sollte.

Die Tour führte dann noch weiter in den Westen, wo Mia ihnen das Dimensionsforschungsinstitut präsentierte, aber weiter nicht erklären konnte, was es damit auf sich hatte. Die nächste Abzweigung, laut Mia führte sie auf Route 6, ignorierten die vier und spazierten weiter dem Pier entlang Richtung Osten, bis sich die schmale Straße zum Hanohano-Ressort weitete. Der gewaltige Hotelkomplex überstreckte sich über ein unzählige Stockwerke messendes Hauptgebäude und vier nicht weniger hohe Flügel, in denen wohl mehrere hunderte Zimmer untergebracht sein mussten. Der Vorplatz wartete gleich mit vier Pools beachtlicher Größe auf, in denen einige Besucher vergnügt plantschten oder gemütlich eine Länge nach der anderen schwammen. Der Eingang wurde gleich von zwei Portieren flankiert, die einen ähnlich professionellen Eindruck machten wie Herr Hirte im Hotel Meeresrauschen. Beeindruckt blieb Nathanael stehen, aber Mia gönnte ihm keine einzelne Sekunde. Schnellen Schrittes ging sie weiter.
„Ich glaube nicht, dass Papa es gut fände, wenn wir hier zu lange bleiben würden. Wenn es um Hotels geht, kann er ein wenig eigen sein,“ murmelte sie, mehr zu sich selbst.
Nathanael respektierte ihren Wunsch und folgte ihr, bis die steinernen Fliesen in weichen, goldenen Sand übergingen. Auf der linken Seite von einem ausladenden Golfplatz flankiert, der weder Nathanael noch Anja sonderlich interessierte, erstreckte sich der Hanohano-Strand über eine beeindruckende Distanz weiter nach Osten, bevor er in einer Kurve Richtung Norden abknickte. Weiße Sonnenschirme boten den Besuchern und ihren Pokémon Schatten und sanfte Wellen umspülten die Beine derer, die sich ein paar Meter ins tiefblaue Meer gewagt hatten.
„Hier endet unsere Führung. Der Hanohano-Strand ist der größte und schönste Alolas. An manchen Tagen ist er ein wenig überlaufen, aber heute scheinen noch ein paar Plätze frei zu sein. Colin und ich sollten zurück ins Hotel, aber vielleicht sehen wir uns ja am Abend wieder,“ schloss Mia den Rundgang ab.
„Falls ihr der Umwelt übrigens etwas Gutes tun wollt, könnt ihr die Gufa, die hier angespült werden, wieder ins Meer werfen. Sie trocknen sonst aus. Wir verdienen uns so immer noch ein wenig Taschengeld dazu,“ erklärte Colin noch beiläufig, bevor auch er sich verabschiedete. Zufrieden ließen sich Anja und Nathanael unter einem Schirm nieder und freuten sich auf einen gemütlichen Tag am Strand. So griff Anja wieder zu ihrer Lektüre und auch Nathanael sah ein, dass Lesen eine gute Urlaubsbeschäftigung war. Das Buch, das er in der Touristeninformation erworben hatte, kam ihm nun gerade recht. In der Tat war es faszinierend, wie unterschiedlich sich die Pokémon hier, weit vom nächsten Festland entfernt, entwickelt hatten.

Zu Mittag kauften sich Anja und Nathanael einen Snack von einem der fahrenden Imbissbuden, die überall auf dem Strand ihre Waren feilboten. Auch der Nachmittag ging ruhig dahin, selbst wenn Pauline einmal jaulend zu Nathanael gerannt kam, weil sich ein gestrandetes Gufa gegen ihre gierigen Zähne gewehrt und ihr einen heftigen Konter verpasst hatte. Dennoch genossen sowohl die Trainer als auch ihre Pokémon die verdiente Pause, die Sonne und das warme Wasser. Bei einem Tauchgang meinte Nathanael sogar ein Finneon gesehen zu haben und ärgerte sich ein bisschen, dass sein Lanturn, das dies hier bestimmt genossen hätte, zuhause bleiben musste.
Gegen Abend spazierten Nathanael und Anja wieder gemütlich zurück zum Hotel. An der Strandpromenade waren nun mehr Menschen, die auf den Bänken sitzend ein paar traditionell gekleideten Straßenmusikern lauschten und die leichte Meeresbrise genossen. Auf dem Rückweg brachte Nathanael Pauline noch in Pokémoncenter, wo sie kurz verarztet wurde und in kürzester Zeit wieder topfit im Ball ihres Trainers landete. Während der Wartezeit erwarb der Lehrer noch die TM70, die Auroraschleier enthielt. Das schlug zwar ein ordentliches Loch in seine Portokasse, konnte aber eine interessante Bereicherung für seine taktischen Überlegungen sein. Und möglicherweise ließ sich ein Teil davon ja noch als Arbeitsausgabe von der Steuer abschreiben. Unglaublich, dass er schon wieder an die Arbeit dachte. Das musste etwas mit der Begegnung mit Colin und Mia zu tun haben. Anja riss ihn aus seinen Gedanken:
„Macht es dir etwas aus, wenn ich mir die Boutique ein wenig von Innen ansehe? Mia hat gesagt, hier ist die Auswahl eine ganz andere als auf Mele-Mele. Du kannst ja schon vor ins Hotel gehen. Das könnte eine Weile dauern.“ Nathanael hatte nichts dagegen und so überreichte seine Freundin ihm die Schlüsselkarte für das gemeinsame Hotelzimmer.
„Dann viel Spaß,“ meinte er, als die Wege sich teilten. „Und gib nicht wieder so viel Geld aus. Es sei denn, du findest etwas, was dir gefällt.“ Zwinkernd drehte er ab und schlenderte gemütlich ins Hotel. Als er gerade durch den Haupteingang gehen wollte, hörte er seinen Namen.
„Herr Plath!“ Mia rief nach ihm. Sie befand sich mit Colin und Herrn Hirte im hinteren Hof des Hotels, das nur durch eine Grünfläche mit zwei hochgewachsenen Palmen von vorderen Bereich getrennt war. Nathanael verstand den Ruf als Einladung und schlüpfte zwischen den tropischen Gewächsen hindurch zu seinen Schützlingen.
„Wir konnten unseren Vater gerade davon überzeugen, einen kleinen Trainingskampf gegen und zu machen. Würden Sie Schiedsrichter sein?“ Herr Hirte sah ein wenig verlegen drein, aber Nathanael zuckte mit den Schultern.
„Das kann ich gerne machen. Anja ist noch Einkaufen und ich habe nichts zu tun. Was sind eure Regeln?“
„Wir kämpfen beide mit unseren neuen Pokémon gegen eines von Papa.“ Der Concierge nickte und hielt einen Hyperball in der Hand. Seine beiden Sprösslinge hielten ihre Pokébälle fest umklammert. Nathanael war gespannt, was sie in den Kampf schicken würden. Bisher kannte er nur jeweils zwei Pokémon seiner Schützlinge.

Schon flogen die Bälle. Drei rote Blitze zuckten durch die Dämmerung, als sich die Pokémon befreiten und auf dem gepflasterten Kampfplatz materialisierten. Colin hatte ein Trompeck in den Kampf geschickt, das Nathanael sofort als die Entwicklung von Peppeck identifizierte, einem Flugpokémon, das ihm schon öfter über den Weg gelaufen war. Mia hingegen schickte ein kleines, rosanes Pokémon in den Kampf, das Nathanael nur aus seinem Buch kannte. Es war ein Bubungus, ein Pokémon vom Typ Pflanze/Fee, dessen schirmförmige Auswüchse im Halbdunkel glühten. Dem stand ein Drifzepeli gegenüber, das sich schon bei der Ankunft in eine Rauchwolke gehüllt hatte, nur um ganz plötzlich über ihnen in der Luft aufzutauchen. Das unheimlich anmutende Luftschiff-Pokémon legte gleich ein ordentliches Tempo vor und schickte einen düsteren, violetten Hauch seinen Gegnern entgegen. Während das Trompeck einfach durch den finsteren Nebel hindurchflog, wurde Mias Bubungus von der Wucht des Angriffs zurückgeschleudert und brauchte eine Weile, um sich zu fangen. Colin ließ sein Trompeck zu einem Furienschlag ansetzen, aber dieser ging ebenso durch das Drifzepeli hindurch, wie zuvor der Vogel durch den Angriff des Geisterwesens. Bubungus versuchte, mit einem Schlafpuderangriff das Drifzepeli aus dem Kampf zu nehmen, doch die Wolke aus grünen Pollen verfehlte ihr Ziel. Stattdessen setzte der Gespensterballon zu einem Windstoß an, der das arme Pflanzenwesen wohl über in Meer geblasen hätte, hätte Mia es nicht geistesgegenwärtig in ihren Ball zurückgezogen.
Jetzt stand nur noch Colins Trompeck gegen das Pokémon seines Vaters, der ganz ruhig mit eleganten Gesten sein Pokémon dirigierte. Für einen Moment ließ er es still in der Luft stehen. Als Colins Trompek jedoch mit einer Schnabelattacke auf es zuflog, konterte es sofort mit einem Gegenschlag, der den Vogel zu Boden warf. Ohne Verzögerung drehte es sich blitzschnell im Kreis und stieg immer höher in die Luft. Nathanael konnte sehen, wie sich die feinen Wasserpartikel in der Luft um den Ballon mit Elektrizität aufluden, um sich für einen gewaltigen Donnerblitz zu sammeln und das Trompeck in die Ohnmacht zu schicken. Kurz darauf wurde es in seinen Ball zurückgezogen. Herr Hirte klopfte sich imaginären Staub von den Schultern und ging dann auf seine Kinder zu, um ihnen, ganz Sportsmann, die Hand zu geben. Da war nicht viel, was Nathanael als Schiedsrichter zu tun hatte. Hier war alles deutlich und fair abgelaufen.
„Vielleicht solltet ihr sie noch ein wenig trainieren, bevor ihr sie in die großen Kämpfe schickt,“ meinte er trocken.
„Vielleicht sollten wir auch einfach mit unseren besten Pokémon gegen dich kämpfen,“ gab frech Colin zurück und schnappte sich seinen nächsten Ball. Nathanael wusste genau, was in dem schneeweißen Premierball steckte. Auch Mia wollte die Niederlage nicht so auf sich sitzen lassen. Ihr Vater jedoch hob abwehrend die Hände.
„Also ich weiß nicht. Ihr wollt doch nicht zu zweit mit euren besten Pokémon gegen einen antreten? Damit es fair ist, brauche ich noch einen Partner. Leider ist keiner meiner Mitarbeiter im Moment abkömmlich,“ versuchte er sich zu drücken.
„Herr Plath kann doch mit dir gegen uns kämpfen,“ schlug Mia frech vor.
„Ja, das klingt fair,“ pflichtete ihr ihr großer Bruder bei. Der Concierge wurde blass und blickte zu Nathanael.
„Also ich habe nichts dagegen. Meine Pauline freut sich bestimmt über einen Kampf,“ meinte dieser nur und fasste an den Ball, in dem das Wolwerock sich befand. Die beiden Jugendlichen jubelten. „Also gut, jeder bringt ein Pokémon in den Kampf. Wessen Team am Ende noch ein kampffähiges Pokémon hat, hat gewonnen,“ legte Nathanael knapp die ohnehin bekannten Regeln fest. Dann schickte er Pauline auf den gepflasterten Platz. Er konnte sehen, wie heiß sie auf diese Auseinandersetzung war, aber er war sich auch bewusst, dass sie sich womöglich überschätzte. Sowohl Colin als auch Mia hatten gewaltige Fortschritte gemacht. Außerdem schickten sie ihre jeweils stärksten Pokémon in den Kampf. Colin hatte sein Kecleon im Ball gelassen und sein Muntier in den Kampf geschickt. Dieses stand in Hibbeligkeit dem Wolwerock in nichts nach und bewegte sich ruckartig hin und her, als würde es unsichtbaren Schlägen ausweichen. Das Fell des Wildaffen-Pokémon glänzte nicht wie bei seinen Artgenossen in Schneeweiß, sondern hatte einen golden schillernden Ton angenommen, ein Resultat seiner seltenen Prägung, die es schon als rosa Bummelz auf die Welt kommen lassen hatte. Mittlerweile hörte es auf den Namen Felix. Auch Mias erstes Pokémon, das Marill namens Mara hatte sich entwickelt und stand Nathanael nur als prächtiges Azumarill gegenüber. Auch bei ihr konnte Nathanael den Ehrgeiz aus den Augen blitzen sehen. Als letztes schleuderte Cornelius Hirte seinen Ball in die Luft. Vor ihm materialisierte sich ein gewaltiges, sechsbeiniges Wesen in grün und blau. Der riesige Käfer hatte um den Kopf mit den riesigen Kiefern eine Blase aus Wasser. ‚Aranestro’ schoss es Nathanael durch den Kopf. Das konnte interessant werden.
Mias Azumarill griff als erstes an und stürmte mit einer Wasserdüse auf Pauline zu. Ohne auf Nathanaels Anweisung zu warten schmiss diese einen Turbofelsen dagegen und wehrte so die Attacke ab. Zeitgleich sprang Felix das Muntier auf das Pokémon seines Vaters zu. Bedrohlich blitzten seine messerscharfen Klauen im Licht der untergehenden Sonne auf und schnitten durch die Blase um den Kopf des Käfers. Mit voller Wucht wurde dessen chitingepanzerter Schädel zu Boden geschmettert. Pauline hatte unterdessen die Gunst der Stunde genutzt und war auf Felix zu gerannt. Zwischen den steinernen Zähnen flammte es auf und einen Augenblick später hatte es sich im Bein des Muntier festgebissen, das unverzüglich Feuer fing. Gerade noch so schaffte es Mara mit einem mächtigen, kaskadenartigen Hieb das Wolwerock von seinem Gegner wegzuschleudern, worauf es einen brutalen Gifthieb des Käfers ihres Vaters abbekam und kurzzeitig benommen zu Boden ging. Violette Säure tropfte den rundlichen Körper hinab, ein Zeichen, dass es vergiftet worden war. Colin wies sein Muntier an, weiter auf das Käferpokémon einzudreschen, was dieses auch nur allzu gerne befolgte.
Plötzlich fielen rundliche Felsen auf Mias Azumarill nieder, worauf Nathanael erfreut die Faust ballte. Nun war der Geschwindigkeitsvorteil auf seiner Seite. Die Aquamaus musste erst die steinernen Brocken aus dem Weg räumen, um wieder angreifen zu können. Das dauerte nur einen kräftigen Wasserschweif lang, brachte aber Zeit.
„Felix, schnapp dir das Wolwerock!“ wies Colin nun sein Muntier an, das mit atemberaubender Geschwindigkeit auf das Wolwerock zustürmte, die blitzenden Klauen weit über dem Kopf und bereit, jederzeit mit zermalmender Wirkung auf Pauline hinabzustoßen.
„Pauline, Konter!“ Noch bevor die Zermalmklaue des Muntier das steinerne Fell des Wolwerock durchbrechen konnte, schickte ein mächtiger Impuls das Normalpokémon auf die Bretter. Sofort zog Colin es in seinen Ball zurück, während er wütend austampfte. Jetzt war nur noch Mias Azumarill als Gegenüber übrig, das gerade mit schnell wechselnden Schlägen das Aranesto bearbeitete.
„Aranesto, schwemme es weg mit…“
„Nein!“ rief Nathanael noch, aber schon hoben sich die Wellen und der Surfer seines Kampfpartners überflutete den Kampfplatz. Mara musste vom Pokémon des Concierge ablassen und wurde einige Meter abgetrieben, doch auch Pauline wurde von der Flächenattacke getroffen. Dabei hasste sie nichts so sehr wie Wasser! Der erste Schreck wandelte sich sofort in rasende Wut um, der sich auf den Verursacher dieser nassen Überraschung richtete. Mit einem blitzschnellen Turbofelsen warf sich die Wolwerock-Dame gegen das Aranesto und schleuderte es zurück, nur um es mit einem gewagten Hechtsprung anzufallen und sich in ihm zu verbeißen. Der überrumpelte Wasserblasenkäfer kam gar nicht dazu, sich zu wehren und ging sofort zu Boden. Schnell überwand Nathanael die erste Perplexität und rief dann sofort Pauline in ihren Ball zurück. Herr Hirte konnte nicht anders, als es ihm gleich zu tun. Nun stand Mara alleine auf dem Kampfplatz, noch immer schwer vergiftet und nur noch müde mit den kurzen, aber kräftigen Armen wedelnd. Nun zog Mia auch das letzte Pokémon zurück. Stille.
Nathanael wagte es weder, seinen Kampfpartner, noch seine Gegner anzusehen. Was gerade passiert war, überstieg seine bisherigen Erfahrungen als Trainer. Er blickte nur erschrocken auf den blutroten Ball in seiner Hand, indem ein gerade noch tobendes Wolwerock nun langsam zur Ruhe kommen musste.
Erst als Cornelius Hirte mit ausgestreckter Hand vor ihm stand, löste sich seine Starre.
Er gab ihm die Hand, um dann auch Mia und Colin zu ihrem Sieg zu gratulieren. Die beiden konnten es kaum fassen. Die Art, auf die der Sieg zustande gekommen war, schien sie nicht zu stören.
„Danke für diesen Kampf, Herr Plath. Und dir natürlich auch, Papa,“ meinte Mia zufrieden.
„Gut gekämpft ihr beiden. Ich sehe schon, das Training zahlt sich aus,“ fand nun auch Nathanael seine Stimme wieder.

Nachdem sie die gröbsten Folgen des Kampfes – eine Palme hatte einen größeren Wedel eingebüßt – beseitigt hatten, löste sich die Gruppe wieder auf. Nathanael machte sich auf den Weg in die Lobby, wo Anja gerade eintraf.
„Na, hast du dich ohne mich gelangweilt?“ fragte sie vergnügt.
„Kann ich jetzt nicht sagen,“ schmunzelte Nathanael schwitzend und froh, seine Freundin wieder bei sich zu haben. „Lust auf Abendessen?“
„Aber klar. Lass mich nur schnell die Einkaufstüte ins Zimmer bringen, dann können wir gleich in den Speisesaal.“

Plitsch-Platsch-Plätscherhügel

„Es ist wirklich schön hier,“ murmelte Anja vor sich hin. In ihrer Stimme konnte Nathanael eine fast andächtige Bewunderung erkennen. Zwischen zwei schroffen Felswänden gingen die beiden eine alte, aber noch sehr stabil wirkende Holztreppe hinab. Die tiefstehende Sonne im Rücken spazierten sie in morgendlicher Ruhe den Pfad entlang, der sie vom Pokémoncenter der Route 5 in eine Gegend im Westen der Insel führte, die als Plätscherhügel bekannt war. Dabei handelte es sich um ein System von hügeligem Gelände, durchsetzt von kristallklaren Süßwasserseen. Die von der Natur terrassenförmig angelegten Gewässer wurden von zahlreichen Bächlein und Rinnsalen aus den höher gelegenen Regionen gespeist, so dass im Echo der Klippen ein ständiges Rauschen und Plätschern zu hören war. Eigentlich wäre der Plätscherhügel nur ein kurzer Halt in Anjas Tagesplan gewesen, doch Nathanael hatte sie überzeugen können, eine kleine Tour durch dieses Naturjuwel zu machen. Während seine Freundin sich im Pokémoncenter mit ihrer Kollegin ausgetauscht hatte – diese behauptete übrigens, ihr Center hätte den besten Kaffee der Insel – hatte Nathanael alles für die Erkundungstour organisiert. Weil der Weg durch die Landschaft durch die Seen unterbrochen wurde, hatte er vom Pokémobil Unternehmen ein Lapras gemietet, das sie über die sonst schwer zu passierenden Passagen tragen sollte. Anja war nun von der atemberaubenden Landschaft fast ebenso angetan, wie von Nathanaels plötzlicher Bereitschaft, selbst für eine gemeinsame Unternehmung aktiv zu werden und summte fröhlich vor sich hin. Dazu gesellte sich der Klang ihrer Schritte, der durch die hölzernen Planken der flach angelegten Stege verstärkt und von den Felsen abseits des Weges zurückgeworfen wurde. Nathanael liebte dieses Geräusch. Er kam sich immer ein wenig wie ein Piratenkapitän vor, der in schweren Stiefeln über das Deck seines Schiffes schritt. Eine Vorstellung, die er seiner Freundin selbstverständlich nicht mitteilte, sondern für sich selbst genoss.
Nach einer kurzen Passage durch hohes Gras, während der Pauline mit erstaunlicher Vehemenz wilde Quapsel und Wingul von ihrem Trainer und seiner Begleitung fernhielt, erreichte die kleine Gruppe den ersten See über den kein Steg bis zum nächsten Ufer führte.

Ganz ruhig lag das Gewässer vor ihnen, die Oberfläche nur an manchen Stellen vom sanften Wind gekräuselt. Weiter vorne verschwamm die sanft von Felsen umrahmte Fläche mit dem Horizont. Nur auf einer Seite leuchtete ein heller Flecken Gras und zeigte die Fortsetzung des Weges durch die atemberaubende Landschaft an. Vorsichtig löste Nathanael einen blau rot gemusterten Ball aus der Verankerung an seinem Tragegurt. Darauf prangte prominent das Logo des Pokémobil Unternehmens.
„Bereit?“ fragte er mit einem Blick zu Anja, die vorsichtshalber einen Schritt zurücktrat, dann aber zustimmend nickte. Nathanael warf den Ball mit einigem Abstand zum Ufer in das kristallklare Wasser. Ganz unspektakulär materialisierte sich das Lapras an der Wasseroberfläche. Anstatt eines großen Platschens, das Anja wohl erwartet hatte, zogen nur ein paar größer werdende Kreise um das Transporter-Pokémon und ließen das Wasser ein wenig weiter über das Ufer schwappen. Freudig streckte das Lapras den Hals und gab ein langgezogenes Geräusch von sich, das ein wenig wie ein Seufzen klang, auch wenn die treuherzigen Augen die dazugehörige Melancholie vermissen ließen. Sofort schwamm es auf das Ufer zu, wo Anja und Nathanael schon darauf warteten, aufsteigen zu können. Natürlich war es die Dame, die zuerst den Sprung auf den Panzer des Lapras wagte, während Nathanael wie in Starre am Ufer verharrte.
„Was ist denn, Nathanael?“ fragte Anja mit ihrer gewohnten Sorge in der Stimme, wenn sie das Gefühl hatte, dass etwas nicht in Ordnung war.
„Mir ist nur gerade aufgefallen, dass ich Helm und Schwimmweste am Center vergessen habe.“ Ein wenig verlegen kratzte er sich am Hinterkopf.
„Ach, das macht nichts. Wir können ja schwimmen und meistens passiert ohnehin nichts,“ meinte die Schwester ungewohnt sorglos.
„Na gut, wenn du das sagst, dann geht es bestimmt auch ohne,“ fasste nun auch Nathanael wieder Mut. Während seiner Reisen wäre er nie auf die Idee gekommen, irgendeine Art von Schutzausrüstung anzulegen, aber nun, da er auch für seine Freundin verantwortlich war, ärgerte ihn diese Unachtsamkeit. „Die Farben stehen uns sowieso nicht,“ sagte er schließlich grinsend, worauf auch Anja ihr glockenhelles Lachen erklingen ließ.

Sobald Nathanael aufgestiegen war, setzte sich das Lapras in Bewegung. In einer fließenden Bewegung glitt es über das Wasser, erst gemütlich, dann immer zügiger, bis es vor lauter Übermut eine blitzschnelle Drehung um sich selbst machte. Nathanael konnte sich gerade noch so an einem der Höcker auf dem Panzer festklammern und auch Anja verlor beinahe das Gleichgewicht. Im Gegensatz zu ihrem Freund schien ihr das aber besonders zu gefallen, denn sie jauchzte, als hätte sie gerade den Spaß ihres Lebens. Eigentlich hätte das Nathanael nicht wundern sollen, bei der Freude, die sie auf dem Tauros ausgestrahlt hatte. Der junge Lehrer war dankbar, diese Seite seiner Freundin kennenlernen zu dürfen und verlor sich in der Vorstellung, Anja wäre anstatt einer Schwester Joy ein Rihorn-Jockey geworden, als das Lapras sich wieder lautstark meldete, um zu verkünden, dass das Ufer erreicht war. Sofort als sie wieder trockenen Boden unter den Füßen hatten, schnappte sich Anja den Köderball von Nathanaels Gurt und beförderte das Lapras wieder zurück in sein kugelrundes Domizil.
Von hinten konnten die beiden nun das Geräusch von mehreren Menschen wahrnehmen. Offensichtlich war der Plätscherhügel ein beliebtes Reiseziel, denn vom Eingang zu diesem Naturwunder drangen immer mehr Stimmen an die Ohren des Paares. Darunter mischten sich auch die Rufe verschiedenster Pokémon. Eines nach dem anderen stürzte mit lautem Platschen ins Wasser, wohl um seinen Trainer ans andere Ufer zu befördern.
„Was hältst du davon, wenn wir uns ein wenig beeilen, damit wir am Hauptsee sind, bevor die anderen Touristen uns die Aussicht verstellen?“ fragte Nathanael, ein wenig gehetzt. Anja seufzte. Der Tag hatte ganz nach ihrem Geschmack begonnen, aber nun waren sie anscheinend in einer Touristenfalle gelandet. Sie nickte nur und ging zügigen Schrittes voran. So genossen sie im Vorbeigehen den atemberaubenden Ausblick über die zahlreichen Terrassen, auf denen die spiegelnden Seen ruhten wie Marzipanplättchen auf einer mehrstöckigen Hochzeitstorte aus festgestampfter Erde Felsen. Staunend hielt Anja dann doch einen Moment inne.
„Anja, kannst du einen kurzen Augenblick hier warten? Ich muss da vorne noch etwas überprüfen, bin gleich wieder da.“ Obwohl Anja noch ein wenig verwirrt dreinblickte, bog Nathanael hastig um die nächste Abzweigung und verschwand hinter einer Felswand. Nur wenige Augenblicke später tauchte er wieder auf und winkte seine Freundin zu sich her. „Also gut, komm! Wir haben den See fast für uns allein.“
Anja löste sich aus der Faszination, die der Ausblick auf das offene Meer unter dieser malerischen Landschaft auslöste und folgte ihrem Partner zum nächsten Abschnitt dieses landschaftlichen Spektakels. Zwei bunt bemalte Säulen mit traditionell ornamentalen Verzierungen im hellen Holz flankierten den Weg, der sich sogleich verbreiterte und in ein flach ins Wasser laufendes Ufer überging. Der Boden war hier sandig und erinnerte an die Strände im Süden Akalas, auch wenn das Wasser hier vom Meer abgetrennt und von anderer Beschaffenheit war.

„Seid ihr bereit?“ eine junge Frau mit Angelrute in der Hand trat auf Anja und Nathanael zu. Sie war etwas kleiner als Anja und machte einen leicht schüchternen Eindruck. Unter den marineblauen Haaren, die sie mit einer goldenen Spange über der Stirn zusammengefasst hatte, blitzten zwei ebenso blaue Augen hervor. Ihr ganzes Erscheinungsbild, ergänzt durch eine in verschiedenen Blautönen gemusterte Hose, eine weiße Bluse mit Matrosenkragen und die vor Nässe glänzenden Sandalen, ließ sie wie ein Teil des Gemäldes wirken, das die Natur in die Landschaft gezaubert hatte.
„Bereit wofür?“ ergriff nun Anja das Wort, worauf Nathanael schnappend einatmete.
„Na bereit, den großen See des Plätscherhügels zu erkunden,“ verkündete die junge Frau, die wohl die Hüterin dieses Naturdenkmals sein musste. Der Lehrer atmete erleichtert aus, als Anja schulterzuckend das Lapras aus dem Ball entließ und auf dessen Panzer kletterte. Bevor die Dame in Blau noch etwas sagen konnte, war auch Nathanael auf den Rücken des Transporter-Pokémons gesprungen, das sich sofort in Bewegung setzte.
Der große See schien ihm zu liegen, denn es pflügte mit einer unvergleichlichen Eleganz über die sanften Wellen. Fast kann es Nathanael vor, als würde er schweben. Dennoch machte sich ein unangenehmes Gefühl in seinem Magen breit. Doch er hatte keine Zeit, sich darum zu kümmern, denn Anja machte ihn auf etwas aufmerksam:
„Sieh nur, Wasserpokémon,“ rief sie und zeigte auf die Wasseroberfläche, unter der es jetzt vor kleinen Flossenträgern nur so wimmelte. Sie stoben auseinander, nur im sich in Sekundenschnelle wieder zu formieren, um dann wiederum in alle Richtungen auszuschwärmen. Immer wieder blitzten die schimmernden Schuppen der Pokémon unter ihnen auf. Durch die Klarheit des Wassers ließ sich bis auf den Grund des Sees blicken, wo immer wieder größere Steinhaufen und Felsformationen den weichen, sandigen Untergrund unterbrachen. Nun legte sich auch in Nathanael das ungute Gefühl und er begann, den Ausflug in vollen Zügen zu genießen. Der Fahrwind wehte durch seine Haare, die durch den ständigen Zug der salzigen Luft noch verstrubbelter wirkten als sonst ohnehin schon. Aber das spielte keine Rolle, genauso wenig wie die Wasserspritzer, die winzige Flecken auf seinen Shorts und dem einfarbigen T-Shirt hinterließen, aber ebenso schnell wieder verschwanden. Dafür sorgte die Sonne, die, am Anfang des Ausfluges noch etwas schüchtern, nun mit voller Kraft auf das Gelände schien. An Anjas funkelnden Augen konnte Nathanael sehen, wie sehr auch sie diesen Ausflug genoss. Beinahe hätte Nathanael der blauhaarigen Frau ein Zeichen gegeben, alles abzubrechen, doch da begann sich direkt unter ihnen schon etwas zusammenzubrauen.

Immer mehr schimmernde Flossenwesen kreisten um das Lapras herum, das nach anfänglicher Euphorie nun merklich nervös wurde. Das vorher so ruhige Gewässer geriet zusehends in Bewegung und hier und da schossen Fontänen in die Höhe. Nun erfasste die Unruhe auch Anja.
„Was ist hier los?“ fragte sie, mit leicht zitternder Stimme. Das hier war ihr nicht geheuer. Plötzlich platschte etwas laut auf und ein Wasserschwall, ausgelöst durch ein in die Höhe springendes Mamolida, schwappte über den Rückenpanzer des Lapras. Währenddessen hatte sich unter dem Pokémon ein beachtlicher Schwarm an Lusardin – jetzt erinnerte sich Nathanael an den Namen der winzigen, an sich sehr schwächlichen Pokémon – formiert. „Ich will an Land!“ sagte Anja plötzlich mit einer Spur Verzweiflung in der Stimme. „Bring uns an Land, Lapras!“
Sofort setzte sich das treue Transporter-Pokémon in Gang, musste aber eine scharfe Kurve machen, um nicht mit dem Schwarm zusammenzustoßen, der mittlerweile beinahe so aussah, als hätte er die Form eines einzigen, riesigen Fisches angenommen.
Nun gab es nur noch den Weg auf die andere Seite, den das Lapras sofort antrat. Mit schnell schlagenden Flossen steuerte es auf ein kleines Uferstück am anderen Ende des Sees zu, als es plötzlich von einem harten Check getroffen wurde. Nur mit Mühe konnte es das Gleichgewicht halten, aber seine Fracht, Anja und Nathanael, wurden in hohem Bogen ins Wasser geschleudert. Vor Überraschung hätte Nathanael beinahe Wasser geschluckt, aber er schaffte es, durch unkoordinierte Bewegungen seiner Gliedmaßen, wieder an die Oberfläche zu gelangen. Auch Anja tauchte neben ihm auf.
„Schnell, ans Ufer!“ schrie Nathanael, obwohl er wusste, dass diese Bemerkung vollkommen unnötig war. Anja hatte sich schon mit schnellen Schlägen auf den Weg gemacht. Ein hastiger Blick zurück zeigte, dass das Schwarm-Lusardin noch mit dem Lapras beschäftigt war und dieses mit Angriffen malträtierte. Das gab den beiden Zeit, sich ans Ufer zu retten, wo Anja sofort das treue Pokémobil erlöste und in den Ball zurückrief.

Dafür hatte sie die Aufmerksamkeit des Giganten auf sich gezogen. Zwischen Felsen und Wasser eingeklemmt blieb Anja und Nathanael nur ein kleines Uferstück, um sich zurückzuziehen. Ohne Umschweife schickte Nathanael Pauline in den Kampf, die sich sofort mit rot aufleuchtenden Augen der Bedrohung gegenüberstellte.
„Los, Steinhagel!“ wies Nathanael die Wolwerock-Dame sofort an, worauf sich einige beachtliche Felsen aus der Klippe über ihnen lösten und mit vollem Karacho in die aufgewühlten Fluten stürzten. Obwohl schwer getroffen blieben die Lusardin in Formation und gingen ihrerseits in die Offensive über. Die gigantische Schwanzflosse des Ungetüms raste auf Pauline zu und riss Unmengen an Wasser mit sich. Nathanael klickte instinktiv mit der Zunge. Doch kein Schutzschild leuchtete auf und der Lehrer wurde vom nackten Grauen gepackt, als ihm klar wurde, dass er Pauline noch gar nicht beigebracht hatte, sich zu schützen. Stattdessen wurde das Wolwerock mit der vollen Wucht des Nassschweifs getroffen und gegen einen Felsen geschleudert. Mit zitternden Beinen richtete es sich wieder auf, doch sofort traf es ein heftiger Wasserstrahl und ließ es zu Boden gehen.
Sofort zog Nathanael Pauline zurück und schickte Mocino in den Kampf. Das kleine Natu wirkte geradezu winzig im Vergleich mit dem mächtigen Lusardin-Schwarm, der nun bedrohlich unter der Wasseroberfläche kreiste, bereit zum Angriff. Plötzlich katapultierte dieser sich aus dem Wasser, schraubte sich immer höher, bis er in seiner ganzen Pracht waagrecht in der Luft stand und mit gierigem Maul nach Mocino schnappte. Mindestens zehn Meter hoch türmte sich das Gebilde aus zappelnden Wasserpokémon, die im Licht der Sonne glänzten und funkelten. Gerade noch schaffte das Natu es, nach oben hin auszuweichen. Das Lusardin stürzte zurück ins Wasser und löste eine Flutwelle aus, die das Wasser über die Ufer treten ließ und Anja und Nathanael ein weiteres Mal durchnässt zurückließ.
„Setz Psychokinese ein, Mocino!“ wies Nathanael nun sein Partnerpokémon an, das sich sofort in eine tiefe Konzentration versetzte. Die Luft um es herum flirrte wie ein Fernsehbildschirm bei einem Gewitter und das sich eben noch so dynamisch bewegende Lusardin war wie gefangen in einem unsichtbaren Netz aus Psychokräften. Es wand sich erst vergeblich, dann immer heftiger, bis die Konzentration des Kleinvogels doch noch brach und der heftige Angriff abgewehrt war. Dann aber schoss ein scharfer Wasserstrahl aus einer anderen Ecke des Sees und traf das Natu völlig unerwartet, worauf es taumelnd auf die Wasseroberfläche zusteuerte. Dort wühlte sich das Wasser gerade wieder auf und das gewaltige Maul des Schwarm-Pokémons war drauf und dran, das arme Mocino zu verschlucken. Da rettete ein roter Lichtstrahl das kleine Natu und beförderte es zurück in seinen Ball. Nun stand kein Pokémon mehr zwischen Nathanael und Anja und dem Ungetüm, das weiterhin das Wasser aufpeitschte und gewaltige Wellen über das Ufer schickte. Verzweifelt blickte Nathanael zu seiner Freundin, die einen Heilball in der Hand umklammert hielt, in dem ihr einziges mitgebrachtes Pokémon schlummerte.

Sie drückte den Knopf und Wolle, ihr treues Waaty materialisierte sich auf dem sandigen Uferboden. Sofort musste es einen Angriff einstecken, als die Aquaknarre eines Mamolida, das sich in den Kampf eingemischt hatte, sein flauschiges Fell durchnässte. Mit geballter Faust stand Anja nun da und bellte den ersten Befehl:
„Also gut Wolle, beenden wir das! Ladungsstoß!“ Die durch die Nässe flach angelegte Wolle des Waaty stellte sich mit einem Mal auf, wurde von kleinen Blitzen durchzuckt, die sich mit einem Knistern in alle Richtungen ausbreiteten. Sofort nahmen sie von der Wasseroberfläche Besitz und wanderten in zuckenden Bewegungen jede kleine Welle entlang. Sofort nahm das Mamolida Reißaus und auch der Schwarm schien schwer getroffen. Diese kurze Unterbrechung nutzte Anja, um gleich noch einmal nachzusetzen.
„Donnerblitz!“ rief sie mit einer knappen Handbewegung auf den Lusardin-Schwarm, der noch immer von Blitzen durchzuckt und ein wenig benommen im klaren Wasser schwebte. Ein Zap-Geräusch ertönte, gefolgt vom Zischen verdunstenden Wassers, als ein zielgerichteter Blitz den Giganten traf. Ganz unvermittelt stoben die Wasserpokémon auseinander und wie sich das Ungetüm formiert hatte, so schnell hatte es sich auch wieder aufgelöst. Nur ein einzelnes, winziges Lusardin leistete Widerstand und spuckte eine harmlose Aquaknarre auf Wolle, die den Angriff aus eigenem Antrieb heraus mit einem weniger harmlosen Donnerschock quittierte, der das Fischpokémon mit dem Bauch nach oben an die Oberfläche beförderte.
Nathanael wollte gerade vor Erleichterung Anja in die Arme schließen, als ein seltsames Leuchten von Wolle ausging. Das Waaty begann erst wie gewohnt von der Schwanzspitze aus zu strahlen, doch das Licht breitete sich über den ganzen Körper aus, bis es so strahlend hell war, dass Nathanael sich davon abwenden musste. Das Waaty entwickelte sich! Vom strahlenden Glanz der Entwicklung verdeckt, veränderte sich die Wolles Form und Farbe, ihr Körper passte sich der neugewonnenen Kraft an. Nach ein paar quälend langen Augenblicken stand vor dem Paar ein stolzes Ampharos, das triumphierend den langen, gestreiften Hals in die Höhe reckte und seine Trainerin mit flossenartigen Armen umarmte.
Diese hatte sich gerade erst vom Schock der bedrohlichen Kampfsituation erholt und benötigte einige Augenblicke, um sich an die neue Situation anzupassen.
Wortlos entließ sie das stark geschwächte Lapras aus seinem Ball und stieg auf den Panzer. Nathanael folgte ihr, unfähig ihren Gemütszustand zu deuten. Am anderen Ufer, das aufgrund seiner Weite endlich wieder Sicherheit vermittelte, wimmelte es plötzlich nur so vor Menschen. Dutzende junge Trainer hatten sich am Ufer versammelt und lauschten ungeduldig den Worten der blauhaarigen Frau. Diese entdeckte das durchnässte Paar und kam ihnen sofort entgegen.
„Herzlichen Glückwunsch! Ihr habt die Prüfung bestanden! Hier ist eure Belohnung. Sie streckte die Hand aus und überreichte Nathanael einen blauen Kristall.
„Welche Prüfung?“ fragte Anja misstrauisch. Nathanael glaubte, in ihren Augenwinkeln Tränen zu sehen. Vielleicht war es aber nur Seenwasser. Jedenfalls hoffte er das.
Die Blauhaarige schüttelte nur verlegen den Kopf und sah Nathanael entschuldigend an. Dann ging sie wortlos zurück zu der Menge an wartenden Trainern. Nathanael wagte es nicht, seiner Freundin in die Augen zu sehen. Er wusste, dass sie den Schock des Erlebten noch nicht ganz verdaut hatte. Aber schlimmer war die Enttäuschung, die er in ihren Augen vermutete. Anja jedoch sagte nichts und setzte sich in Bewegung. Nathanael konnte nichts tun, als ihr hinterher zu trotten und sich zu überlegen, was er sagen konnte, um die Situation wieder aufzulockern. Das ging so, bis die beiden den Plätscherhügel verlassen hatten und auf der Route 5 standen.
„Ich glaube, du solltest deine Pokémon heilen. Ich werde ins Hotel gehen. Mach was du willst. Wir sehen uns beim Abendessen aber ich brauche jetzt Zeit für mich,“ sagte Anja schließlich mit belegter Stimme. Nathanael konnte fühlen, wie schwer es seiner Freundin gefallen sein musste, diese Worte auszusprechen. Er nickte nur knapp, den Tränen nahe, während sie den Weg nach Süden einschlug. Anja drehte sich noch einmal kurz um: „Pass auf dich auf!“

Nathanael brauchte eine ganze Weile, um zu verarbeiten, was gerade geschehen war. Er hatte verkackt. Aber so richtig. Und dabei ging es ihm keineswegs um die Inselprüfung, die er ohne die Hilfe seiner Freundin nicht geschafft hätte. Auch nicht darum, dass er die beiden unnötig in Gefahr gebracht hatte. Er wusste, dass das erste Anja niemals etwas ausgemacht hätte, und dass das zweite schnell vergeben wäre. Was ihm bewusst wurde, war, wie schwerwiegend der Vertrauensbruch war, den er ihr zugemutet hatte. Er hatte nicht nur sein Versprechen gebrochen, sondern auch ein falsches Spiel gespielt, indem er ihr die Illusion eines gemütlichen Ausfluges zu zweit vorgegaukelt hatte. Im Nachhinein erschien ihm alles so dumm. Sein schlechtes Gewissen während der Unternehmung hätte ihn warnen sollen, aber er hatte nicht darauf gehört. Zu stark war in ihm der Drang zum Abenteuer gewesen, der unbändige Trieb, sich zu beweisen, was auch immer die Herausforderung sein mochte. Er hatte sich wie ein Zehnjähriger benommen, der seinen Mitschülern beweisen wollte, dass er doch der Beste war. Nein, schlimmer. Er war ein Mann geworden, der merkte, dass er auf die 30 zuging und noch immer von diesen Dingen getrieben war, anstatt sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Geknickt betrat er das Pokémoncenter, das mit seiner einladenden Atmosphäre plötzlich so fehl am Platz schien. Nathanael schluckte den Kummer hinunter und versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Die Schwester Joy, eine großgewachsene Dame mittleren Alters, deren gebräunte Haut nicht so ganz zu den falschen, hellrosa Haaren passen wollten, nahm seine beiden Pokébälle entgegen, um sie in der Maschine wieder fit zu machen. Währenddessen setzte sich Nathanael an einen der runden Tische und genehmigte sich einen Kaffee, den er aber nicht wirklich von den anderen unterscheiden konnte. Vielleicht lag das aber auch an der Unmenge an Kuh-Muh-Milch, die er hinzugab und deren starker Eigengeschmack die bittere Note verbergen sollte. Der Lehrer fragte sich, wie er weiter vorgehen sollte. Anja nachzulaufen war wohl keine gute Idee. Sie hatte ziemlich ausdrücklich gesagt, dass sie Zeit für sich brauchte. Ein Blick auf den Holo-Log verriet ihm, dass es erst halb elf vormittags war. Abendessen war frühestens um sechs, aber Anja aß gerne ein wenig später, also hatte er noch fast den ganzen Tag vor sich.
Er ließ sich Zeit mit dem Kaffee, der nur unzureichend den Geschmack der Niederlage von seiner Zunge zu spülen vermochte. Als er die Tasse zurückbrachte, drückte ihm der Barista noch ein paar bunte Bohnen in die Hand. Nathanael lächelte. Richtig, etwas Gutes für den Trainer und etwas Gutes für seine Pokémon. Er ließ sich von der Schwester seine Bälle überreichen und verließ das Pokémoncenter wieder durch den Haupteingang. Weil er noch immer nicht wusste, was er mit seinem Tag anfangen sollte, ging er ein wenig ziellos die Route 5 entlang, bis er an eine Stelle gelangte, die zum Verweilen einlud. Er ließ die wieder fitten Mocino und Pauline aus ihren Bällen und setzte sich auf den Boden. Den Rücken an eine Palme gelehnt, fütterte er seine Pokémon mit den eben erhaltenen Bohnen und kraulte ihre Federn beziehungsweise das steinerne Fell. Zufrieden lagen seine beiden Gefährten neben ihm. Pauline hatte ihren Kopf auf Nathanaels Schoß gelegt, was für den Trainer nicht besonders angenehm war. Trotzdem ließ er sie so liegen und strich ihr über den Kopf. Sie hatte wirklich tapfer gekämpft und ihre Angst vor dem Wasser beinahe überwunden. Auch wenn sie sehr eigenwillig war, so konnte er doch sehen, dass aus ihnen beiden einmal ein Team werden könnte. Und Mocino, wie sehr hatte er sich verändert. Auch wenn das Natu an Kraft und Ausdauer nicht an seine erfolgsverwöhnten Wettkampfpokémon herankam, so schlug es sich immer besser. Gerade gegen eigentlich überlegene Gegner konnte es zu Hochleistungen auflaufen.

Etwa eine halbe Stunde war Nathanael so mit seinen Pokémon am Wegesrand gesessen, als schließlich ein Trainer, ebenso durchnässt wie der Lehrer es noch vor kurzem gewesen war, an ihm vorbeispazierte. Er hatte trotz des leicht jämmerlichen Eindrucks ein euphorisches Grinsen im Gesicht.
„Das Herrscher-Pokémon hatte es echt in sich, aber ich habs geschafft,“ teilte er Nathanael ungefragt mit. Er musste wohl auch von der Inselprüfung gekommen sein.
„Hey, dich habe ich gesehen. Du warst doch heute der erste, der den Kampf gewagt hat, nicht? Nicht besonders clever, beim ersten Mal strengt sich das Lusardin immer ziemlich an, darum kommen die meisten immer ein wenig später.“ Nathanael nickte nur ein wenig resignierend. Das hatte ihm natürlich niemand gesagt. Ohne eine Reaktion abzuwarten, fuhr der Trainer fort: „Wie dem auch sei, du gehst jetzt sicher auch gleich zum Vela-Vulkanpark, oder? Finde es ziemlich cool, dass diese beiden Prüfungen hintereinander sind. Da oben wird man ziemlich schnell wieder trocken,“ scherzte er und schüttelte die nassen Ärmel, wie um zu zeigen, dass er ein wenig Vulkanluft nötig hatte. „Früher hat man ja noch ein paar Tage verstreichen lassen, aber im Moment haben es alle gerade ziemlich eilig. Ich würde mir ja ein Tauros mieten, aber das Ticket hierher hat schon mein ganzes Geld verschlungen. Naja, wenn ich erst einmal Champ bin, muss ich mich um Geld nicht mehr kümmern. Wie dem auch sei, ich muss weiter. Viel Glück noch!“
Dann zog die Plaudertasche ab und ließ einen leicht verdatterten Nathanael zurück. Vielleicht war es gar keine so schlechte Idee, auch diese Prüfung in Angriff zu nehmen. Immerhin hatte er einige Zeit totzuschlagen und diese Aktion würde ihn garantiert von seinen finsteren Gedanken ablenken.
Mit einem Stöhnen richtete er sich auf und strich seine Kleidung glatt. Er war es eindeutig nicht mehr gewohnt am Boden zu sitzen. Er gab seinen Pokémon ein knappes Zeichen, dann ging er los.
„Also los, ihr beiden. Lang genug gefaulenzt. Es wird Zeit, dass wir zeigen, was wir wirklich können.“


Zuletzt geändert von Simno am 12.11.2017, 18:52, insgesamt 3-mal geändert.
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Re: Ein Lehrer macht Urlaub

#1296688 von Simno
31.10.2017, 09:57
Um den Einstieg zu erleichtern, habe ich gleich noch ein Kapitel angefügt. Ich wünsche viel Vergnügen!
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Re: Ein Lehrer macht Urlaub

#1296693 von KleinKokuna
31.10.2017, 13:55
Oh wow, eine neue Geschichte von dir, klasse :D! (Made my day!)

Und sie gefällt mir jetzt schon genauso gut, wie dein erster Teil. Wie schon mal erwähnt, hast du einfach ein Händchen dafür die Regionen aus den Spielen detailliert und malerisch zu beschreiben, sei es nun Hoenn oder eben hier das wunderschöne Urlaubsflair von Alola mit seinen ganzen Eigenheiten, die es von den anderen Regionen unterscheiden.
Und mittendrin sind jetzt Nathanael und Anja als Pärchen, dass Urlaub macht. Die ‚alltäglichen‘ Szenen die sie am Anfang verbringen und erleben sind echt schön geschildert – genauso wie das kleine Easteregg mit dem Seekranken Kapitän^^.
Richtig süß find ich auch, dass sich Nathanel für sein Mocino als einziges Pokémon entschieden und das sich in den bisherigen Kämpfen auch ziemlich gut bewährt hat :3!

Vielleicht hast du das mit Absicht genauso geschrieben, aber ich konnte nicht aufhören zu grinsen, als ich von Anjas Bedingung für diesen Urlaub gelesen habe: Ich glaube nämlich nicht, dass dies der Fall sein wird xD.

[Ironie on]Aber sicherlich täusche ich mich da und Nathanael wird einen ruhigen Urlaub haben, er hat ja nur mal gleich am ersten Tag en passant seine erste Prüfung erfolgreich absolviert und ein Wolverock in der Zwielichtform erhalten :P.[Ironie off^^]

Jedenfalls freu ich mich schon sehr auf den weiteren Verlauf deiner neuen Geschichte und ich bin so frei und schlag sie noch ganz geschwind zum Fanart des Monats vor :)!
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Re: Ein Lehrer macht Urlaub

#1296717 von Simno
31.10.2017, 17:28
Wär hätte gedacht, dass von mir noch was kommt :tja:

Vielen Dank für die Blumen. Ich glaube, was eine schön gestaltete Welt angeht, kann ich mir noch einiges von dir abschauen, aber umso mehr freut es mich natürlich, dass es dir gefällt :).
Den seekranken Kapitän konnte ich einfach nicht auslassen :lol:

Habe lange mit der Entscheidung zugebracht, welches Pokémon er mitnehmen sollte. Dass die ganzen Touris nur ein Pokémon haben war mit nämlich wichtig, das erklärt so einiges im Spiel ;) Am Ende war Mocino aber die einzig logische Wahl.

Iwo, das wird ein ganz gewöhnlicher Erholungsurlaub. Keine Chance, dass Nathanael seine Beziehung aufs Spiel setzt, nur, um wieder einmal ein Abenteuer zu erleben und seinen Traum zu verwirklichen :lol:

Ich fühle mich geehrt. Morgen sollte es schon weiter gehen mit der Geschichte. Wenn ich motiviert bin, dann geht was vorwärts und wenn ich es geschrieben habe, dann will ich es immer gleich raufstellen. Danach ist aber vermutlich eine Pause angesagt.
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Re: Ein Lehrer macht Urlaub

#1296752 von KleinKokuna
01.11.2017, 07:55
Haha, gern geschehen und auch Ehrensache :).

Bei der Wahl zur FF des Jahres hätte ich deine vorherige Story auch vorgeschlagen, weil mir dein Stil so gefällt, aber da war Natsu_Dragneel ja schneller gewesen. Also hab ich die Gunst der Stunde genutzt und eben jetzt Nägeln mit Köpfen gemacht :lol: !
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Re: Ein Lehrer macht Urlaub

#1296759 von Simno
01.11.2017, 11:32
Dann muss ich ja fast so schnell wie möglich nachlegen. ;)

Das nächste Kapitel: Die große Prüfung von Mele-Mele ist da.
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Re: Ein Lehrer macht Urlaub

#1296779 von KleinKokuna
01.11.2017, 16:03
So, dann will ich die Zeit an diesem freien Tag noch ganz schnell nutzen und gleich noch was zu deinem neuen Kapitel schreiben :)!

Allein der Anfang mit der Unternehmungslustigen Anja, deren komplexe Urlaubsplanung Nathanael heillos überfordert, und dessen 'tragischen Geschichte' wie er an Pauline gekommen ist, ist lustig und gelungen :D.

Schön ist auch, dass es Nathanael bereits in dieser kurzen Zeit geschafft hatte, sein Wolverock so an sich zu gewöhnen. Da wird wieder deutlich, was für ein erfahrener Trainer er doch ist.

Neben deiner, fast möchten man sagen 'wie gewohnt', malerischen Beschreibung der einzelnen Bereiche von Mele-Mele ist natürlich die große Prüfung gegen den alten Hala das absolute Highlight deines Kapitels :up:!

Einerseits war es total lustig zu verfolgen, ob Nates Notlüge auffliegen würde und andererseits war der Kampf an sich äußerst spannend und ich hab mich mit Nathanael gefreut, dass sein kleines Natu zu solchen Höchstleistungen fähig war und den Sieg eingefahren konnte. -Das Hala dank Beccas Wink auch mitgespielt hatte, war ziemlich freundlich von ihm...

...Wobei ich mich angesichts Anjas Verhalten am Schluss schon frage, ob sie den Braten nicht schon längst gerochen hat, aber das wird man ja nach und nach sicherlich erfahren ^-^...
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Re: Ein Lehrer macht Urlaub

#1296935 von Natsu_Dragneel
04.11.2017, 02:06
Simno, eine sehr gute Idee, eine Fortsetzung zu schreiben^^

Ich hoffe, dass ich die Tage mal Zeit habe, bei dir und KleinKokuna weiterzulesen :)
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Re: Ein Lehrer macht Urlaub

#1297063 von Simno
05.11.2017, 21:39
@KleinKokuna
Freut mich ungemein, so einen fleißigen Leser zu haben. Danke für die Anmerkungen. Bin selber gespannt, wie es weitergeht. Habe eigentlich nur ein paar Eckpunkte geplant :tja:
Mal sehen, ob du die Bemerkung zu Wolwerock noch zurücknehmen möchtest ;)

@Natsu_Dragneel
Freut mich, dass du es für eine gute Idee hältst. Ich und mein Zeitmanagement zweifeln da manchmal dran :tja:. Wenn das Schreiben nur nicht so viel Spaß machen würde. Freue mich natürlich über jeden Leser, aber wie ich immer zu sagen pflege: Nur kein Stress ;)

@Alle
Das neue Kapitel ist da! Alola, Akala!
Ich hoffe, ihr freut euch auf ein paar alte Bekannte...
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Re: Ein Lehrer macht Urlaub

#1297185 von KleinKokuna
07.11.2017, 21:08
Oh lala! Ein weiteres neues Kapitel von dir, klasse 8)!

Gleich der Anfang überzeugt wieder mit diesem schönen Urlaubsfeeling, dass du durch die kleine Sightseeingtour durch Kantai City erzeugst und dabei auch die kleinen Details in den Spielen erwähnst. Wie der hübsche Pappaufsteller (Wie Nathanael da drin wohl aussehen würde :P?) oder die Konkurrenz der beiden Hotels auf Akala.

Dass Nathanael dann im Hotel unverhofft auf Colin und Mia trifft, weil ihr Vater dort (scheinbar etwas zu viel) arbeitet, war eine gelungene und angenehme Überraschung :). Süß war es auch, wie die beiden Kinder ihren Lehrer und Anja dann so selbstbewusst durch die Stadt geführt und alles erklärt haben.

Der Multikampf am Ende zwischen Nathanael, Herrn Hirte und den beiden Kindern war dann auch eine tolle Sache - vor allem weil man so sehen konnte, wie sich die Kleinen in dieser Zeit als Trainer gemacht haben.

Und dann wären wie ja auch schon bei Pauline^^. Zugegeben: Vielleicht wird der liebe Nathanael doch noch einiges an Zeit und Training investieren dürfen, bis die beiden ein richtiges Team werden. (Wobei ich nicht bezweifle, dass ihm das auch gelingen wird.)

Aber die Art wie du sie darstellst gefällt mir sehr: Sie ist eine stolze, eigenwillige und impulsive Dame deren Vertrauen man sich erst erarbeiten muss. Schade fast, dass es sowas nicht in den Spielen gibt^^. In diesem Zusammenhang kann ich ihre Reaktion auf den unbedachten Surfer sogar verstehen. Das Gleiche hätte ich manchmal nämlich im Kampfhaus beim Multikampf mit meinem elektronischen Partner, der mir gerade den Sieg mit einer unnötigen Explosion verhaut, auch gerne gemacht - und zwar wirklich genauso :evil: :lol: !

Jedenfalls freue ich mich schon sehr darauf, wie es weitergeht. Ganz gleich wie lange es dauert denn: Gut Ding will Weile habe :D!

Und weil ich grad in der Stimmung für so was bin, gleich noch ein toller Spruch für jeden FF-Schreiber von uns:

'Man kann zwar nicht vom Schreiben leben, aber auch nicht ohne :lol: .'
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Re: Ein Lehrer macht Urlaub

#1297475 von Simno
12.11.2017, 18:59
Wieder ein mal Danke für das nette Kommentar. Ich wäre gar sooo gerne selber auf Alola. Vielleicht schreibe ich deshalb so gerne weiter, während es draußen stürmt und regnet und einfach nur kalt ist....

Hatte gehofft, dass die Begegnung mit Mia und Colin gefällt. Die Idee, ihren Vater als Workaholic auf Alola anzusetzen ist eine der ältesten der Fortsetzungsplanung.
Freut mich, dass du den Frust mit dem Multikampfpartner nachvollziehen kannst. :lol: Für mich war es einfach eine Gelegenheit, ein wenig den Charakter des Wolwerock herauszuarbeiten. Was das angeht konnte/kann ich ja noch ein wenig aufholen.

Hehe, der Spruch ist gut. Habe zwar in der Zwischenzeit mein erstes geld mit selbstgeschriebenen Geschichten verdient, aber zum Leben reicht das noch lange nicht :tja:

Bevor ich es vergesse:
Ein neues Kapitel ist da: Plitsch-Platsch-Plätscherhügel
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Re: Ein Lehrer macht Urlaub

#1297483 von KleinKokuna
12.11.2017, 23:13
Oh, oh, oh, da brauen sich aber dunkle Wolken über dem Himmel Alolas für Nathanael zusammen^^. (Nebenbei bemerkt bin ich ja eher ein ‚Schechtwetter-Fan‘, denn bei Schmuddelwetter macht es viel mehr Spaß daheim zu bleiben um zu zocken oder in diesem Fall FFs zu lesen und zu kommentieren :D.)

Für negative, bedrückende Gefühle hast du jedenfalls die gleiche Begabung wie für wunderschöne Beschreibungen, das wird hier einerseits an der so liebevoll aus den Spielen geschilderten Umgebung des Plätscherhügels und der Prüfung wieder mehr als deutlich. (Genauso wie man hier auch sieht, dass dir Alola so gut gefällt^^.)

Und andererseits an der misslichen Lage, in die sich Nathanael ärgerlicherweise gebracht hat und man sein Gefühl gut verstehen kann. Er hätte Anja einfach sagen sollen was er vorhat und sich keine solche ‚List‘ ausdenken und ihr vor den Kopf zu stoßen. –Das ist eine dieser richtig blöden Situationen in denen man sich schon fragt, warum man das so unnötig kompliziert und ungeschickt gemacht hat.

Aber hier merkt man eben wieder, wie gut du diese eher Unwohlsein verursachenden Gefühle rüberbringst – und außerdem muss ich gemeinerweise noch hinzufügen, dass es mich sehr gewundert hätte, wenn Nathanael in dieser Story nichts dergleichen durchmachen müsste :P.

Jetzt bin ich natürlich langfristig darauf gespannt, wie es nun um die Beziehung von ihm und Anja bestellt sein wird. Und kurzfristig, was ihn bei der nächsten Prüfung erwartet und ob ihm auch ständig der Wanderer Garet ins Bild läuft und ihn vor Freude sogar angreift xD.
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