Schreibe eigene Geschichten über Pokémon und deine Lieblings-Charaktere.

(Kapitel VIII ist da) Die Stim...

#1302582 von empyrean dreamer
20.02.2018, 12:55
(Titelbild von Winterfaux)

Inhalt: Eine chaotische, junge Drachenzähmerin bricht auf, um Hoenn zu durchstreifen und die Geheimnisse der Drachen zu ergründen. Indes begibt sich ein naives, übermütiges Latias auf eine ganz eigene Reise. Wenn sich die Wege der beiden Suchenden kreuzen und Latias telepathisch zu dem Menschen spricht, nehmen unvergessliche Abenteuer, doch auch düstere Entdeckungen ihren Anfang.

Altersempfehlung: 12+


Hi!
Nach langer Zeit habe ich mal wieder eine Geschichte begonnen, nachdem mich die Inspiration dafür überraschend überkam. Ich hoffe, mein erstes Kapitel gefällt euch. ^^

Kapitel 1: Aufbruch

Das Sonnenlicht zwängte sich derart durch das Laubdach des Blütenburgwaldes, dass es beinahe greifbar wirkte. Unter dem Baldachin aus Blättern ging ich auf einem unbefestigten, erdigen Pfad voran, von uralten, moosbewachsenen Bäumen umgeben. Die geradezu mystische Stimmung des Waldes gab mir ein beflügelndes Gefühl von Abenteuerlust. Immerhin war heute der Tag, dem ich seit Kindergartentagen entgegen fieberte – der erste Tag meiner Pokémonreise! Ich war zu einer jungen Frau herangewachsen, die aufbrach, um ihre Träume zu verwirklichen.

Ab und an kreuzten Spaziergänger meinen Weg. Gut gelaunt grüßte ich jeden von ihnen. Ein lässig gekleideter Passant mit Dreitagebart und Geheimratsecken erwiderte auf mein beschwingtes „Hi!“ nur trocken: „Magst wohl Drachen, was?“ Er hob die Hand zum Abschied, ging vorüber und ich warf flüchtig einen amüsierten Blick herab auf meine heutige Garderobe. Mein verwaschen schwarzes, weit geschnittenes Shirt – welches ein wenig kaschierte, dass ich nicht die Schlankste war – zeigte das Motiv eines gefiederten Drachen: Reshiram, der aus einem Flammenmeer emporstieg. Meine offene, nachtschwarze Sweatjacke zierten generische Tribal-Drachenmuster. An einer Halskette trug ich einen silbern verschlungenen Rayquaza-Anhänger. Mein Rucksack, der in den Farben von Gluraks megaentwickelter Drachenform gestaltet war, besaß ein Schwingen- und Feuermuster. Zudem baumelte ein Plüsch-Giratina von ihm herab. Eine Feuergravur schmückte auch mein metallenes Armband. Meine dunkelgraue, nietenbesetzte Jeanshose war drachenlos. Meine sportlichen, schwarzen Stiefel hingegen waren mit einer durchscheinend blauen Schuppenhaut überzogen: Die Haut, die Dratini bei seinem Wachstum abstreift, ist ein begehrtes Naturmaterial für luxuriöse Schuhe. Eigentlich finde ich Schuhe gleichauf mit Mathematik und Wirtschaftslehre das Langweiligste, was es auf unserer faszinierenden Welt gibt. Aber über dieses Geschenk meines Großvaters zu meinem Abschluss der Trainerschule hatte ich mich wie ein kleines Kind gefreut. Schließlich vergötterte ich Drachen geradezu. Und jetzt war ich endlich, endlich unterwegs, um die entlegenen Orte aufzusuchen, an welchen jene großartigen Geschöpfe noch lebten.
Ich wollte Drachen verschiedener Arten einfangen und zähmen. Ich wollte sie trainieren und ihre Geheimnisse ergründen. Ich wollte mein Wissen und die Stärke meiner Drachen in den Kampfarenen Hoenns auf die Probe stellen.

Hier und dort sah ich ein Waumpel, das eifrig einen Baumstamm hinauf oder hinab kletterte oder sich, auf einem Ast sitzend, an der Blätterpracht gütlich tat. Einmal erhaschte ich auch den Blick auf ein Knilz, das rasch im Bodenlaub verschwand wie ein heimlicher Waldgeist. Die schrillen, kurzen Rufe der Schwalbini tönten gelegentlich aus den Wipfeln. Vielleicht ein halber Nachmittag war seit meinem Aufbruch von Zuhause vergangen, als in tänzelndem Flug ein Papinella hinter einem Dickicht aus hohen Farnen hervorkam. Die schwarz und farbenfroh gemusterten Flügel des großen Schmetterlings boten einen herrlichen Kontrast zu seiner wilden Umgebung. Und eine gewisse Wildheit lag auch in seinen runden, himmelblauen Augen, als er mich wahrnahm und mich durchdringend ansah. Dieses Wesen war anders als die übrigen Waldbewohner, denen ich heute begegnet war. Trotz seiner Eleganz besaß es die Ausstrahlung eines Kämpfers. Und so war es meine Entscheidung aus dem Bauch heraus, meinen bislang einzigen bewohnten Pokéball zu zücken und das Geschöpf darin durch Betätigung des Knopfes hinaus auf den Waldweg zu schicken.

„Papinella, wir fordern dich heraus“, sagte ich so bestimmt wie möglich und hielt dem Blick des wilden Pokémon fest stand, während sich mein eigenes Dratini aus einem roten Energiestrahl materialisierte. Da „Atlantis“ noch ein Jungtier war, besaß er weiche Schuppen und kaum einen Meter zwanzig Körperlänge.
In seinen Augen lag ein entschlossenes Funkeln, als sie seinen Gegner fixierten. Sein Schwanz peitschte in aufgeregter Erwartung.
Er war seit nunmehr sechs Wochen an meiner Seite – ich kaufte ihn bei einem renommierten Züchter aus Sinnoh, nachdem ich jahrelang für das Drachenjunge gespart hatte. Doch hier und jetzt begann unser erster gemeinsamer Kampf – bisher kannten wir lediglich das Training ohne tatsächliche Gegner.
Papinella ließ sich nicht zweimal bitten. Rasch flatterte es ein Stück weit auf Atlantis zu, hielt dann in der Luft inne und fing an, in einem Rüttelflug sehr kräftig mit den Flügeln zu schlagen.
„Atlantis, setz Windhose ein!“, befahl ich. Mein Pokémon schlängelte daraufhin flink in einem engen Kreis herum, bis innerhalb weniger Herzschläge die Luft in dessen Innerem zu wirbeln begann. Atlantis drückte seinen schlangenhaften Leib flach auf den Waldboden, als er den wirbelnden Wind mit schierer Willenskraft über sich selbst hinweg zu Papinella wehen ließ. Die Windhose entriss den umstehenden Pflanzen indes die Blätter sowie kleine Zweige und nahm sie in sich auf.
Die Schmetterlingsschwingen schlugen noch hektischer, um dem Sog des Miniatursturmes standzuhalten, der auch an mir, meiner Kleidung und meinem üppigen, dunkelbraunen Haar zog – und damit entfesselte Papinella endlich seine eigene Attacke. Ein silbrig schimmernder Windstoß schien geradewegs aus seinen Flügeln zu brausen. Der Silberhauch zerschlug Dratinis Sturm mit immenser Wucht, hob den Seedrachen in die Luft. Ich legte instinktiv den Arm vor mein Gesicht und taumelte zwei Schritte zurück, als auch mich – obgleich weniger stark – silberner wie farbloser Wind traf. Zweige schleuderten mir entgegen; einer streifte meine Hand und schrammte sie. Dann verging der Wind urplötzlich.
Atlantis fiel aus ungefährer Manneshöhe zur Erde. Er klatschte auf den hell geschuppten Bauch und ich zuckte zusammen. Doch tapfer hob Atlantis den rundschnäuzigen Kopf sogleich wieder, wenn auch Schmerz in seinen Augen lag.
Papinella stürzte sich auf seinen geschwächten Herausforderer hernieder, während es einen hellen, zittrigen, aggressiven Ruf vernehmen ließ. Atlantis schaute treuherzig zu mir auf, meinen Befehl erwartend.
Aber meine Nervosität wegen unserer misslichen Lage brachte mich vollkommen aus dem Konzept. Wäre es klüger, mein Pokémon ausweichen oder es mit einem Gegenangriff kontern zu lassen? Ich wusste es nicht, konnte keine Entscheidung treffen. Meine Gedanken waren wie gelähmt. Was sollte ich tun?
Papinellas chitingepanzerte Stirn rammte seitlich Atlantis‘ Hals. Der Aufprall des Tackles warf den jungen Drachen zu Boden. Dort blieb er benommen liegen, die Lider halb geschlossen, und rührte sich nicht.
Papinella landete anmutig neben seinem besiegten Gegner. Blitzschnell rollte es seinen langen, dünnen, spiralförmig gewundenen Rüssel aus. Dieser endete in dem spitz zulaufenden Mund des Falters – einem harten, sehr filigranen Schnabel, der erkennen ließ, dass das Insekt mehr als bloß Nektar fraß.
Und dann stieß Papinellas Rüssel gezielt wie ein Dolch auf Dratinis entblößt daliegende Kehle zu.

Da erfasste ich mein Pokémon – in allerletzter Sekunde – mit dem roten Strahl seines Pokéballs, sodass Atlantis sofort entmaterialisiert und in die Sicherheit der Kapsel zurückbefördert wurde. Papinellas tödliche Mundwerkzeuge stießen ins Leere. Es wandte sich zu mir um und starrte unverwandt den Ball in meiner Hand an. Einige Momente verstrichen, in denen das wilde Waldgeschöpf und ich beide bewegungslos dastanden. Letztlich erhob sich Papinella wieder in die Lüfte, wandte sich um und flatterte schlichtweg davon, entschwand in die reiche Vegetation.

Ich ließ mich auf einen knorrigen Ast sinken, der am Wegesrand lag. Aufgewühlt sah ich in das satte Grün des Waldes, ohne wirklich irgendetwas zu betrachten. Meine Hände bebten und mein Herz pochte spürbar. Meine eigene Niederlage kümmerte mich kaum. Ohnehin hätte ich Papinella nicht eingefangen, selbst wenn ich es hätte schwächen können; es war ein interessantes Pokémon, aber eben kein Drache. Nein – was mich bestürzte, war, dass mein kleiner Atlantis besiegt und beinahe getötet wurde – nur wegen meiner Unfähigkeit, ihm eine rechtzeitige Anweisung zu geben! Und war es nicht grundsätzlich eine fahrlässige Aktion, ein Jungtier in den Kampf gegen einen ungezähmten Prädator zu schicken? Wildlebende Pokémon spielen nicht nach den Regeln der Pokémonliga; das jedoch hatte ich nicht bedacht, als ich Papinella so leichtsinnig herausforderte…

Ich blickte auf den Pokéball, den ich noch immer in der Hand hielt. Die kleine Schramme auf meinem Handrücken war nichts im Vergleich zu den Schmerzen, die Atlantis bereitwillig in unserem ersten Kampf ertragen hatte… bloß um von mir in seinem Vertrauen enttäuscht zu werden. Nun wusste ich, dass es nicht genügte, die strategische Theorie zu beherrschen – das Wichtigste war wohl, im Kampf schnell reagieren zu können, und das erschien mir wie eine viel schwierigere Disziplin…
Ich öffnete die Kapsel und der junge Seedrache nahm auf meinem Schoss seine materielle Gestalt an. Er schmiegte sich schwach an meinen Bauch und zitterte.
„Shhhh“, machte ich und strich ihm behutsam über den Kopf. „Alles ist gut. Das böse Pokémon ist fortgeflogen. Es wird dir nichts antun.“
Für eine Weile saßen wir still auf dem Ast. Ich tat nichts, als mein Drachenjunges gleichmäßig zu streicheln und allmählich ließ sein Zittern nach.
„Darf ich dich mal genau anschauen?“, fragte ich es dann. „Ich bin vorsichtig.“
Atlantis gab einen leisen, zustimmenden, doch bekümmert klingenden Laut von sich. Ich hob ihn hoch und besah seinen Hals- und Bauchbereich: An mehreren Stellen bildeten sich schon violette Blutergüsse. Ich seufzte, setzte den Drachen wieder auf meinen Schoß und nahm den Rucksack von meinem Rücken, um in dem für mich typischen, heillosen Durcheinander im Innenraum nach einem Trank zu wühlen.
Gerade schob ich auf meiner Suche in meinem kleinen Reich des Chaos ungeduldig Zeichenutensilien und Kartoffelsnacks beiseite, als auf einmal ein heller Schrei voller Angst und Leid die würzige Waldluft zerriss und mich zusammenfahren ließ.

Der Schrei schien aus dem Himmel herab zu tönen, aber gehörte er einem Pokémon oder einem Kind? Ich sah hinauf, doch durch das Blätterdach hindurch konnte ich nur wenige Fetzen Himmelblau erkennen.
Ein zweites Mal erklang der Schrei und Atlantis schlängelte verängstigt unter meine Jacke.

Hört mich irgendjemand? Hilfe!, erreichte mich zeitgleich ein verzweifelter Ruf. Diesen jedoch vernahm ich nicht mit den Ohren. Nein, er drang direkt an meinen Geist – so als würde mir ein plötzlicher Gedanke kommen, nur dass dieser Gedanke keinesfalls von mir selbst stammte. Ich stutze. Hatte da etwa… jemand telepathisch kommuniziert? Ich wusste, dass manche Psycho-Pokémon solcherlei verblüffende Fähigkeiten besaßen.

„Atlantis. Hast du den Hilferuf auch… gehört?“, fragte ich leise, in Ermangelung eines besseren Wortes, und ich konnte die Furcht in meiner Stimme nicht unterdrücken. Ich spürte, dass das Jungtier im Schutz meiner Jacke schwach nickte und sich noch enger an mich drängte. Mein Herz hatte abermals begonnen, zu flattern und mein Atem ging schneller. Ich versuchte, Ruhe zu bewahren, als ein dritter akustischer Schrei erklang – schriller und noch schmerzerfüllter als die ersten beiden, nun jedoch weiter entfernt.
Die Ungewissheit um die Herkunft der Schreie und des Rufs um Hilfe war grauenvoll. Aber ich wusste, dass es mehr als unklug wäre, in dieser Situation laut eine Frage heraus zu posaunen. Welches Geschöpf auch immer sich dort in Gefahr befand, konnte es bloß Gedanken senden oder auch welche empfangen? Ich probierte es aus und dachte fest: Wo bist du? Was geschieht?
Die Augenblicke verstrichen, während ich die Fragen stetig in meinem Kopf wiederholte. Diese monotone Konzentration auf fünf Worte war seltsam beruhigend; bald schon kamen mein Herzschlag und meine Atmung wieder ein wenig zur Ruhe.
Dann wurde mein gleichförmiger Gedankenfluss von einem erneuten fremden Gedanken unterbrochen: Brillant, ich konnte euch orten! Wo ich bin? Ich komme zu euch! Bitte helft mir! Seid kampfbereit, Mensch und Dratini.


...Jep, das war's für heute. Über Kommentare/Feedback würde ich mich freuen wie ein Honigkuchendrache. ^^
Zuletzt geändert von empyrean dreamer am 15.10.2018, 10:38, insgesamt 21-mal geändert.
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Re: Die Stimme der Drachen

#1302612 von KleinKokuna
21.02.2018, 16:23
Ja also erstmal hallo neue/r Schreiberling :).

Hab mir dein erstes Kapitel gerade durchgelesen und muss sagen, dass das richtig gut durchdacht und solide ist. Du hast einen sehr schönen, detailverliebten und dennoch übersichtlichen Schreibstil, der es einem leicht macht, dem Geschehen zu folgen und sich alles gut bildlich vorzustellen.

Vom Blütenburgwald, samt Flora und Fauna, über deine interessante, angehende Drachentrainerin mit ihren netten Accessoires - die keinen Zweifel aufkommen lassen, welchen Typ sie favorisiert^^ - bis zu dem kurzen, aber heftigen Kampf zwischen ihrem Dratini und dem wilden Papinella. (Dessen brutale Natur, wie sie in den Dex-Einträgen immer erwähnt wurde, du gut zur Geltung hast kommen lassen.) -Das hast du alles richtig schön beschrieben und macht jetzt schon Lust auf mehr :).

Darum bin ich auch schon gespannt, wie es weitergeht, wenn sie schon am Ende von einem Legendärem um Hilfe gebeten wurde, und wünsche dir noch viel Spaß und Motivation hier :lol:.
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Re: Die Stimme der Drachen

#1302625 von empyrean dreamer
21.02.2018, 21:57
Hi KleinKokuna,

Vielen Dank für deinen Kommentar! Freut mich richtig, dass dir mein erstes Kapitel gefällt! :)

Das Zweite ist auch schon seit paar Tagen fertig, ich wollte bloß nicht beide Kapitel auf einmal posten. ^^

Kapitel 2: Drachenjagd

Ich nahm Atlantis auf den Arm und stand ruckartig auf, mich fiebrig umschauend. Atlantis sah mich fragend an.
„Ich weiß es auch nicht“, murmelte ich leise.
Für einige Momente herrschte Stille – bis ich das unverkennbare Schlagen von Flügeln im westlichen Himmel wahrnahm. In derselben Richtung hörte ich auch ein Sirren, so als würde sich etwas sehr geschwind durch die Luft bewegen. Die Geräusche waren erst noch schwach, kamen aber näher und näher. Atlantis wimmerte und ich bedeutete ihm, still zu sein.

Und plötzlich durchbrach ein fliegendes Pokémon das Laubdach des Waldweges, auf dem ich stand, in nicht mehr als vierzig Metern Entfernung. Es trug zugleich drachen- wie vogelhafte Züge und war so groß, dass ein Mensch sicherlich auf ihm reiten könnte. Ich erkannte das ungewöhnliche, gefiederte Geschöpf sogleich erstaunt als eine Latias – einen sehr seltenen, hoch intelligenten Drachen stets weiblichen Geschlechts, der über ausgeprägte mentale Kräfte verfügte.
Lebte diese scheue Spezies nicht fernab der Menschen an verborgenen Orten? Ich empfand die Latias als bildschön, doch sie war verletzt: An ihrer Brust klaffte eine blutende Wunde. Schmerz, Angst und Hoffnung lagen in ihren bernsteinfarbenen Augen.
Latias sauste dicht unter den Baumwipfeln in meine Richtung, der annähernd geraden Linie des Waldweges folgend – zu beiden Seiten des Weges standen die Bäume so nah beisammen, dass ein Drache ihrer Größe dort nicht fliegen konnte.
Das Pokémon bewegte die eigentümlich flossenartigen Flügel während seines Fluges kaum; merkwürdig schwebend preschte es voran und ignorierte alle physikalischen Gesetze. Es waren jene dünnen, mit haarfeinen Federn bedeckten Flughäute, welche dabei das sirrende Geräusch erzeugten.Sekunden nach Latias‘ Erscheinen brach ein zweites Geschöpf der Lüfte mühelos durch das grüne Dach des Waldpfades. Es war ein Raubvogel mit einem kräftigen, gekrümmten Schnabel. Seine feuerroten Schwanzfedern und der lange, mähnenartige, gelbe und ebenso rote Federschopf auf seinem Kopf boten einen wilden Kontrast zu den Nuss- und Sandfarben seines Körpers. Der Vogel war noch etwas größer als der Drache. Mit ersteren kannte ich mich weniger gut aus als mit letzteren, aber ich glaubte, dass die Vogelart Tauboss hieß.

Tauboss‘ hungrige Augen fixierten Latias und flugs nahm es deren Verfolgung auf. Ich sah, dass sein linker Fuß mit den beeindruckenden Klauen blutbenetzt war. Der Beutegreifer schien selbst allerdings unverletzt zu sein.
Latias zischte über mich hinweg, ihr Jäger wenige ihrer Körperlängen hinter ihr. Atlantis zuckte zusammen und duckte sich, als ihn die Schatten der beiden Pokémon trafen. Mein Blick folgte diesen Pokémon nervös.
Latias gewann wieder ein wenig mehr Abstand von Tauboss, bis sie – vielleicht achtzig Meter hatte sie zurückgelegt, seit sie über mich hinweg geflogen war – sich auf einmal senkrecht gen Boden stürzen ließ. Sie drehte sich dabei um die eigene Achse, um dann in einer windschnellen, fließenden Bewegung wieder in die Waagerechte zu gehen. Nun aber flog sie in die entgegengesetzte Richtung.
Tauboss stürzte sich jetzt ebenfalls herab, allerdings in einem Landeanflug. Sowie seine tödlichen Fänge die Erde berührten, wirbelte es flinken Schrittes herum in Latias‘ Richtung und erhob sich erneut in den Flug. Offenbar kannte Tauboss seine eigenen Grenzen und wusste, dass es auf so engem Raum nicht hätte fliegend wenden können. Schließlich war es weniger agil als seine anvisierte Beute und musste anders als der übersinnlich begabte Drache zudem die Gesetze der Physik befolgen.
Als Tauboss sich wieder in die Luft geschwungen hatte, war Latias‘ Vorsprung bereits deutlich gewachsen. Etwa vierzig Meter lagen zwischen ihr und ihrem Verfolger. Da stoppte sie urplötzlich abrupt und blieb ohne jegliche Bewegung der Flügel in der Schwebe stehen. Sie schloss die Augen und ihr Brustkorb hob sich in einem tiefen Atemzug, den sie wie in meditativer Konzentration tat.
Latias atmete langsam aus. Tauboss näherte sich entschlossen.
Seine Verfolgte atmete noch einmal ein. Tauboss war jetzt schon ganz nah. Zum Angriff bereit öffnete es seinen scharfkantigen Hakenschnabel.
Und Latias schlug die Augen auf. Geschickt und wendig führte sie dasselbe Flugmanöver aus wie zuvor: Sie begab sich, diesmal aus geradezu erschreckend niedriger Höhe, in den Sturzflug und nutzte diesen für einen Richtungswechsel.
Doch Tauboss war darauf vorbereitet: Sobald der Drache sich hinabstürzte, startete auch der Vogel einen geschwinden Sinkflug. Mit ausgestreckten Klauen raste er seiner Beute entgegen und aus seiner Kehle drang ein hoher, langgezogener Ruf voller Siegeswille.
Die Kehle Latias‘ blähte sich indes und ein schwach violettes Leuchten glomm dort von innen heraus durch Haut und Federn, während das Psychopokémon schwebend auf der Stelle verharrte und den Kopf zurücklegte. Ich sah gebannt zu. Ich glaubte zu wissen, was für eine Art von Attacke Latias vorbereitete.
Doch ihr Jäger war schneller. Tauboss schlug seine Klauen in Latias‘ Rücken und warf sein Opfer mit der Wucht des Aufpralls zu Boden.

Mit ausgebreiteten Schwingen thronte der Prädator über dem erbeuteten Drachen, bohrte die Krallen tief in dessen Körper und übte mit dem eigenen Körpergewicht Druck auf ihn aus.
Latias aber gab nicht auf. Nein – sie hob flink den Kopf, in ihren Augen die verzweifelte Panik um ihr Leben. Ihre Kehle leuchtete stärker. Sie öffnete ruckartig den Mund und spie einen blitzschnellen, gewundenen Strahl gleißend violetter Energie. Die Psywelle traf Tauboss direkt am Hinterkopf.
Augenblicklich brach es über Latias zusammen wie eine leblose Puppe.
Latias ließ den Kopf entkräftet wieder sinken.

Ich stand da wie angewurzelt. Ich wartete, aber Tauboss rührte sich nicht. Bewegungslos blieb es auf seiner vermeintlichen Beute liegen. Also wagte ich es letztendlich, zögernden Schrittes zu den zwei großen Pokémon zu gehen.
Atlantis wand sich protestierend in meinen Armen und ich fühlte sein kleines Herz unter meinen Händen rasen.
„Shhh. Du musst keine Angst haben. Komm zurück, mein Kleiner“, sagte ich. Ich zückte Atlantis‘ Pokéball und beförderte das Jungtier in die Geborgenheit der vertrauten Kugel.
„Weißt du“, sprach ich zu dem Dratini in seinem Ball, „Der andere Drache ist ein Latias, ein ganz freundliches Wesen. Und der Vogel – na ja, so schnell wird er nicht aufwachen. Mach dir keine Sorgen.“
Ich hoffte, dass ich Recht behielt und es tatsächlich keinen Grund zur Sorge gab. Aber als ich Tauboss nah genug kam, erkannte ich, dass das majestätische Wesen – anders als ich zunächst annahm – nicht bloß das Bewusstsein verloren hatte: Es atmete nicht mehr. Eine beschämende Erleichterung überkam mich.
Latias‘ Atmung dagegen ging stoßweise. Ich beschleunigte meinen Gang und packte Tauboss schließlich ohne viel Federlesen an den ledrigen Beinen, die so dick wie meine Handgelenke waren. Ich hob seine gebogenen Krallen vorsichtig aus Latias‘ stark blutenden Wunden. Tauboss‘ halb geöffnete Augen – einst voller bedrohlicher Lebenskraft – starrten mich leer und glasig an, während ich den toten Vogel keuchend vor Anstrengung von Latias herab zerrte. Danach hastete ich zu dem Kopf des Drachen. Ich beugte mich vor ihm nieder.

Latias‘ geschlossene Augen zuckten. Sie öffnete sie einen Spalt breit. Ihr Blick war kraftlos und vernebelt, und doch faszinierte mich die fremdartige Schönheit ihrer Bernsteinaugen mit den schlitzartigen Pupillen.
Die Gedanken des Pokémon streiften schwach meinen Geist.
Oh… Hallo, Mensch. Hast du mich gerettet? Ach… nein. Das brauchtest du ja gar nicht tun… Latias lächelte verklärt. Durch dich… hab ich den schmalen Pfad gefunden. Danke. Wie… heißt du?
„Du verblutest“, gab ich nur beklommen zur Antwort, während ich in fahriger Hektik meine Tasche durchsuchte. Dies war wahrlich nicht die richtige Situation für Small Talk.
O je!, erwiderte Latias, klang aber nicht beängstigt, sondern viel eher aufrichtig mitleidig. Was für… ein trauriger Name! Warum… haben dich deine… Eltern bloß so genannt?
Auf diese Frage gab ich keine Antwort. Ich hatte gefunden, wonach ich in meinem Gepäck gesucht hatte: Einen leeren Pokéball.

Latias schaute milde irritiert drein, als ich die Kapsel öffnete und an ihre Stirn legte. Einen Wimpernschlag später hatte das Wunderwerk der Technik den Drachen schon in reine Energie transformiert, welche in den hohlen Innenraum des Balls gesogen wurde.
Ich schloss diesen und er lag still in meiner Hand: Die völlig geschwächte Latias unternahm keinerlei Versuch, auszubrechen.
Ihre telepathische Sprache allerdings strömte aus dem Pokéball in meinen Geist.
Huch? Bin ich… in einem dieser Fangbälle? So… fühlt es sich dort also an. Ganz… merkwürdig… und leicht… Ich glaube, ich… mag es…
Ihre Gedanken wurden von Wort zu Wort schwächer, bis sie vollkommen verebbten.
„Trifft sich ja gut, Latias“, erwiderte ich, obgleich ich unsicher war, ob das Pokémon noch bei Bewusstsein war. „Du musst jetzt nämlich erstmal dort drinnen bleiben. So lange du in diesem Ball bist, wirst du nicht weiter Blut verlieren. Ich bringe dich zu einem tollen Ort, wo man dich heilen wird. Du wirst wieder gesund, versprochen.“
Latias antwortete nicht. Ich fragte mich voll Angst und Ungewissheit, ob ich mein Versprechen halten konnte. Aufgrund meines Wissens aus der Trainerschule war ich gewiss, dass Latias sterben würde, wenn es nicht bald die medizinische Versorgung eines Pokémon Centers bekäme. Gewöhnliche Trankmedizin vermochte es nur, oberflächliche Wunden, Blutergüsse und Prellungen zu heilen – sie war ein wirksames Mittel gegen die kleinen Verletzungen, die sich Pokémon in den sportlichen Trainerkämpfen zuzogen. Doch es wäre die pure Zeitverschwendung, zu versuchen, mit bloßen Tränken gegen Latias‘ lebensbedrohliche Wunden anzugehen. Und die Zeit spielte gnadenlos gegen uns, denn selbst in einem Pokéball konnte ein Geschöpf in Latias‘ Zustand nur für wenige Stunden dem Tod entrinnen.
Mit einem sehr mulmigen Gefühl im Magen sah ich auf den Weg, der vor mir lag und sich im scheinbar endlosen, üppigen Frühlingsgrün des Waldes verlor. Und ich rannte.

Ich konnte unmöglich abschätzen, wie weit es noch bis zur nächsten Stadt – Blütenburg City – war. Mein Zeitgefühl war nämlich miserabel. Nach wenigen Minuten des Rennens stachen schon meine Seiten und Atemzüge. Ich wurde stetig langsamer, bis ich erschöpft stehen blieb und mich gegen einen flechtenbewachsenen Baum lehnte. Oh, ich war beileibe nicht die Sportlichste! Zwar hatte ich im letzten Jahr einmal guten Willens eine Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio begonnen, doch lohnte sich der horrende Monatsbeitrag für mich kaum, da ich mich zu selten zu Sport motivieren konnte. Letztlich hatte ich das Abonnement vorzeitig gekündigt. Wehleidig fragte ich mich, welche Strecke ich wohl noch bis Blütenburg zurücklegen musste. Im nächsten Augenblick jedoch stieg erdrückender Scham in mir auf. Da bemitleidete ich mich selbst, während ein Pokémon um nichts Geringeres als sein Leben kämpfte! Mit welchem Recht schimpfte ich mich Trainerin?
Zornig verfluchte ich mein inneres Relaxo, gab mir einen Ruck und rannte weiter. Bald aber wurde meine Anstrengung wieder mit jedem Schritt größer und meine Frustration darüber war schwer wie eiserne Gewichte an meinen Füßen.
Nein! Ich musste zumindest noch eine Weile durchhalten, bis ich mir die nächste Verschnaufpause erlauben konnte! Ich rief mir Latias‘ Bild vor Augen und malte mir flüchtig das schreckliche Szenario aus, ihren Pokéball im Pokémon Center zu öffnen, nur um einen toten Drachen aus der Kapsel hervor zu rufen.
Aus der Sorge um Latias schöpfte ich neue Kraft und beschleunigte meinen Lauf.


So, das wär's mal wieder. Über Kommentare/Feedback würde ich mich auch weiterhin total freuen! ^^

LG,
dreamer
Zuletzt geändert von empyrean dreamer am 07.08.2018, 03:48, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Die Stimme der Drachen

#1302803 von KleinKokuna
26.02.2018, 11:10
Also dein zweites Kapitel ist auch richtig gut geworden :).

Ganz besonders deine Latias hat es mir angetan; mit der wäre ich auch gern befreundet :D. Ihre, wie schon eingangs von dir erwähnte, naive ja fast sorglose Art ist wirklich erfrischend und heitert unweigerlich die eigentlich wortwörtlich toternste Szenerie wieder auf. (Ich musste bei ihr sofort an den Gildenmeister Knuddeluff aus Mystery Dungeon oder an Che Nupet aus den 'Jägermond'-Büchern denken^^.)

Das Zusammentreffen der beiden hast du jedenfalls gut hingekriegt und jetzt hoffe ich mal, dass deine Protagonistin sie rechtzeitig ins Pokémon-Center bringen kann und freue mich auch auf weitere Kapitel von dir :).
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Re: Die Stimme der Drachen

#1302925 von empyrean dreamer
01.03.2018, 01:16
Hi nochmal, KleinKokuna,

Und danke sehr für noch einen Kommentar! Dass es dir weiterhin gefällt, freut mich total. :)

Stimmt, ein paar Gemeinsamkeiten haben Gildenmeister Knuddeluff und meine Latias! (Jägermond kenne ich nicht.)
Ich hab schon verdammt viele Szenen/Dialoge mit Latias fest im Kopf, kleine und größere, bei denen ich es kaum erwarten kann, sie früher oder später zu Papier zu bringen. :D
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Re: Die Stimme der Drachen

#1302973 von Donnerkralle
02.03.2018, 16:40
Hallo,

Ich muss sagen, dass deine Story gut begonnen hat. Erstmals, der Starter hat einen netten Spitznamen. Eine Drachentrainerin - klingt interessant und vielversprechend. Du beschreibst (nicht nur) die Umgebung gut. Ich finde es klasse, wie du die Details mitunterbringst.

Ebenfalls toll gelungen war die Beschreibung vom Kampf. Man konnte gut mitlesen und sich das Geschehen vorstellen. Weiter so!
Freu mich schon auf weitere Kapiteln :)

Lg
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Re: Die Stimme der Drachen

#1305811 von empyrean dreamer
02.05.2018, 21:54
Sorry, Donnerkralle, dass ich jetzt erst antworte! Ich bin manchmal sehr verpeilt und bin immer fest davon ausgegangen, ich hätte dir schon geantwortet! :oops:
Dein Kommentar hat mich sehr gefreut und ich bin glücklich, dass du die Geschichte magst und liest. ^__^

Sooo,
ich hatte viel um die Ohren, aber hier kommt nach längerer Zeit endlich das dritte Kapitel. Ich hoffe, es gefällt euch!

Kapitel 3 - Ankunft

Der anbrechende Abend warf seine Schatten über Blütenburg City, ein beschauliches Dorf, welches die Stadt in seinem Namen mitnichten verdiente. Die Ländlichkeit dieser Ortschaft war so malerisch, als sei sie einem Märchenbuch entsprungen. Lichter Wald umgab eine gepflegte Graslandschaft – weder betoniert noch gepflastert -, auf der Holzhütten wie Wiesenblumen verstreut waren. Schmale, unbefestigte Wege verbanden die Hütten miteinander. Der fast wolkenlose Himmel spiegelte sich in dem klaren, sauberen Wasser zweier Weiher. Wie schimmernde Tücher lagen sie zwischen den hölzernen Häuslein. In einem daher treibenden Ruderboot saß ein älterer Herr und angelte. Gerade holte er seine Angelschnur ein, an deren Ende ein Pokéball zappelte.
Ich rannte keuchend einem Gebäude entgegen, das wie ein Fremdkörper aus Blütenburg hervorstach. Mit seiner metallisch glänzenden Außenverkleidung, seinem feuerroten Flachdach und der großflächigen Leuchtschrifttafel neben seinem gläsernen Doppeltor wirkte es hier völlig fehl am Platz, wie ein Besucher aus der Zukunft.
Das Glastor öffnete sich automatisch, als ich es erreichte.

Ich eilte hindurch und fand mich in einem behaglichen Raum wieder, aus dem viele Türen offenbar hinaus in weitere Räumlichkeiten führten. Warmes Deckenlicht fiel auf mich herab. Trainer und ihre Pokémon gönnten sich hier auf Sitzkissen, Sesseln und Sofas eine komfortable Rast. Ein sommersprossiges, junges Mädchen bürstete das flaumige Federkleid seines Flemmlis. Ein schlaksiger Knabe, dessen schlichte Kleidung mit Grasflecken beschmutzt war und vor dessen Füßen ein Fangnetz lag, las dem Smettbo auf seinem Kopf ein Bilderbuch vor. Ein grobschlächtiger Mann massierte den Rücken seines tiefenentspannten Meditalis. Eine Gruppe Jugendlicher spielte an einem Glastisch Poker. Einige der Rastenden sahen mich perplex an, als ich das Pokémon Center so überstürzt betrat. Ich ignorierte sie und hastete über das Kachelmosaik am Fußboden, das einen stilisierten Pokéball darstellte, zu der polierten Theke auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes.
Dahinter stand eine ergraute Dame, die runde Früchte mit königsblauer Schale sorgfältig in Würfel schnitt. Sie trug Stiefel mit einem dunklen Wellenmuster, eine eng geschnittene, hellblaue Hose, einen Arztkittel und eine dezente Muschelkette. Ihr Haar hatte sie zu einem Dutt gebunden. Sorge lag in ihrem sanftmütigen Blick.
„Mädchen, woher die Eile?“, fragte sie.
„Dieses Latias ist – schwer verletzt“, erwiderte ich atemlos. „Es – wurde attackiert, von – einem Tauboss.“
Die wasserblauen Augen der Ärztin weiteten sich vor Sorge und Erstaunen.
„Ach, du meine Güte!“, sagte sie. „Komm mit mir, Kind.“

Sie schwang eine Tür hinter der Theke auf und ich folgte ihr hindurch in einen langen, neonbeleuchteten Korridor. Schleunigen Schrittes führte sie mich an mehreren weiteren Seitentüren vorüber.
„Ich habe Latias – gefangen“, fuhr ich währenddessen aufgewühlt fort. „Damit sie nicht – verblutet. Ich hoffe, es – ist nicht zu spät…!“
„Ich werde mein Möglichstes tun“, erwiderte die Ärztin mitfühlend und sachte.
Wir bogen schließlich rechts in einen kleinen Raum ab, der eine Atmosphäre völliger Sterilität besaß. Er war fensterlos und seine Einrichtung beschränkte sich auf eine Plastikkommode, einen metallenen Tisch, ein blitzsauberes Waschbecken, eine eigentümliche, kastenförmige Maschine und einen unauffälligen Abfalleimer.
Eine junge Frau in klassischer Krankenschwesterkluft, die ihr magentafarbenes Haar in zwei schlaufenartigen Zöpfen trug, stand an der Kommode und besah gerade abwägend den Inhalt deren oberster Schublade. Dieser bestand anscheinend aus verschiedenen Laborproben.
„Schwester Joy, besetzen sie bitte die Rezeption?“, wies die Ärztin das Mädchen freundlich an. Die Schwester schaute auf und nickte höflich.
„Ja, Frau Doktor Seegesang“, sagte sie, schloss die Schublade und schritt davon.
Aus einer der anderen Schubladen holte Doktor Seegesang jetzt flugs ein Paar Plastikhandschuhe, zog es eilig an und wandte sich zu mir um.
„Gibst du mir dein Pokémon?“
Ich reichte der Dame Latias‘ Pokéball. Sie sandte das Geschöpf als Energiestrahl aus seiner Kapsel hinaus auf die metallene Tischplatte.
Sowie der gefiederte, vogelhafte Drache dort materielle Gestalt annahm, sackte er in sich zusammen und das Blut strömte wieder aus seinen Wunden. Latias lag bewusstlos da, atmete schwach und ihre geschlossenen Lider zuckten.

Doktor Seegesang musterte Latias‘ Verletzungen mit ein paar flinken, gezielten Handbewegungen und Blicken. Anschließend beförderte sie Latias sofort in ihren Ball zurück, ohne jegliche weitere Untersuchungen an ihr vorzunehmen. Nur die klebrigen Blutspuren des Drachen verblieben auf dem Metalltisch.
Die Ärztin legte ihre blutbenetzten Handschuhe dazu und ging zu der merkwürdigen Maschine hinüber. Jene war kunststoffverkleidet und besaß einen Bildschirm und viele Tasten, die mit unterschiedlichen Farben und Symbolen versehen waren. In ihre Oberseite waren sechs halbkugelförmige Vertiefungen eingelassen, mit zahlreichen winzigen Poren übersät. Ein paar der Tasten wurden gedrückt, Latias‘ Pokéball wurde in der vordersten linken Vertiefung platziert und das Gerät produzierte piepsende Töne. Zeitgleich leuchtete sein Bildschirm blau auf. Reihen weißer Zahlen und Buchstaben erschienen darauf. In meinen Augen besaßen sie keinerlei Sinn oder Zusammenhang, Doktor Seegesang jedoch studierte sie aufmerksam.
„So, so“, sagte sie schließlich nachdenklich. „Die Ärmste hat viel Blut verloren, und ihr Allgemeinzustand könnte besser sein. Aber innerlich ist sie nicht verletzt, dem Himmel sei Dank… Und es wird schon. Ich werde sie heilen können.“
„Wirklich?“, fragte ich und eine wunderbare, befreiende Erleichterung überkam mich.
Die Ärztin nickte mir mit einem warmen Lächeln zu, in dem sich ihre eigene Erleichterung zeigte. „Aber ja doch. Bald ist Latias wieder gesund und munter.“
Sie betätigte mehrere weitere Tasten, bis aus der Einbuchtung, in welcher Latias‘ Kapsel lag, ein goldgelbes Licht empordrang. Auf dem Bildschirm war nun eine Leiste zu sehen, deren Beschriftung „Latias, Kraftpunkte“ lautete. Die Leiste war leer.
„Und der Heilungsprozess beginnt“, verkündete Doktor Seegesang. Dann aber seufzte sie und warf mir einen bedauernden Blick zu. „Mädchen, ich kann dir leider nicht versprechen, dass keine Narben zurückbleiben. Aber geben wir dem Regenerator seine Zeit. Ich schätze, morgen früh wird das Maschinchen fertig sein. Wenn die Kraftpunktleiste voll ist, werde ich Latias entnehmen.“

„Vielen Dank! Sie sind unsere Rettung, Frau Doktor!“, sagte ich, von ganzem Herzen dankbar, und schüttelte die Hand der Ärztin überschwänglich. Meine erhebende Freude darüber, dass Latias leben würde, drängte momentan jede Sorge um sie an den Rand meines Bewusstseins.
„Papperlapapp, das ist doch mein Beruf!“, erwiderte die Dame schmunzelnd. „Sag mal, mein Kind, was ist denn eigentlich dein Name?“
„Stimmt ja. Ich heiße Gwenda“, antwortete ich munter. „Oh. Aber Sekunde! Ich muss kurz etwas Wichtiges erledigen.“
Ich hob den Rucksack von meinem Rücken und führte darin die Suche nach einem Trank für Atlantis fort, die Latias‘ telepathischer Hilferuf und mein darauffolgender Wettlauf gegen die Zeit so spektakulär unterbrochen hatten.
„Aha!“, machte ich triumphierend, als ich endlich einen meiner Tränke zwischen bunt zusammengewürfelten Socken aufstöbern konnte.
„Was möchtest du damit anstellen?“, antwortete Doktor Seegesang verwundert, die indes ihre benutzten Plastikhandschuhe entsorgt und den metallenen Tisch gesäubert hatte.
„Auch mein Dratini wurde in einem Kampf verletzt“, erklärte ich. „Es ist nichts Ernstes, aber Dratini hat Blutergüsse. Und das ist so ziemlich meine Schuld“, fügte ich nach einem Moment des Zögerns betreten hinzu. „Deshalb will ich selbst für die Behandlung aufkommen.“
„So ein Unsinn!“, widersprach Doktor Seegesang. „Du musst dich doch nicht selbst bestrafen! Das führt zu überhaupt nichts, Mädchen. Was du Dratini jetzt schuldig bist, ist eine möglichst schnelle Heilung. Also gib mir schon seinen Pokéball.“
„Ähm…“, setzte ich an. „Wirkt Ihr Regenerator denn schneller als ein Trank?“
„Ja, aber sicher.“
„Okay… Wenn das so ist, bleibt mir wohl nichts Anderes übrig.“
Ich übergab der Ärztin das Drachenjunge in seiner Kapsel. Sie öffnete diese über dem gereinigten Metalltisch. Als Atlantis sich jedoch materialisierte, wand er sich sogleich von der Tischplatte herab und suchte übermütig mich auf. Er schlängelte an mir hinauf, kringelte sich wie ein geschuppter Schal um meinen Hals und schleckte freudig meine Wange ab.
„Hallo, Kleiner! Du bist froh, dass alles wieder gut wird, was?“, vermutete ich, während ich den Kopf meines Pokémon tätschelte. Atlantis gab ein wohliges, zustimmendes Geräusch von sich und schmiegte seine Schnauze an mein Gesicht. Offenbar hatte er Doktor Seegesang und mir zugehört und uns zumindest ansatzweise verstanden.
„Nein, was für ein lebhaftes Kerlchen!“, sagte die Ärztin entzückt. Sie wickelte Atlantis wie einen Verband von meinem Hals und besah dabei seine Blutergüsse, die sich inzwischen etwas dunkler verfärbt hatten. Letztlich rief sie ihn zurück in seinen Ball. Diesen legte sie in den Regenerator – in die freie Nische neben der von Latias. Abermals ließ sich Doktor Seegesang eine Abfolge von Buchstaben und Zahlen auflisten. Anschließend aktivierte sie auch für Atlantis das heilende Licht.
Unter Latias‘ Kraftpunktleiste wurde jetzt auch eine mit „Dratini, Kraftpunkte“ bezeichnete Leiste angezeigt. Sie war anfangs bloß knapp halbvoll. Es dauerte aber nur Sekunden, bis die Kraftpunkte des Jungtiers vollständig wiederhergestellt waren. Indes war Latias‘ Leiste erst einen geringen Bruchteil weit aufgefüllt.
Ding, ding – ding, ding – ding, ding – ding!“ Der Regenerator erzeugte eine kurze, fröhlich klingende Melodie und der Lichtschein um Atlantis‘ Pokéball erlosch.
„Siehst du, und schon ist dein Drachlein wieder auf der Höhe“, meinte Doktor Seegesang augenzwinkernd und gab mir die Kapsel.

„Also das ging tatsächlich schnell“, räumte ich verblüfft ein und verwahrte den Ball samt Jungdrache in meiner Hosentasche. „Danke!“
Die Dame lächelte ihr warmes Lächeln. Nun, da ich wusste, dass Atlantis wieder unversehrt war, fühlte ich mich auf einmal noch unbeschwerter, traumhaft leicht – als sei mir eine bedrückende Last genommen worden, die ich in meiner Angst um Latias kaum wahrgenommen hatte.
„Dieser Regenerator ist so gut, dass er mir fast schon Angst einjagt!“, meinte ich anerkennend. „Ich werde diese Maschine ab heute den ‚Besieger des Todes‘ nennen… oder so.“
Ich lachte und fragte die ebenfalls schmunzelnde Ärztin dann neugierig: „Bestimmt bin ich ungebildet, aber wie funktioniert die Maschine eigentlich, Frau Doktor?“



**************
So, das wär's. Kommentare/Feedback würden mir viel bedeuten. ^^

Das vierte Kapitel ist auch schon so gut wie fertig, denn ursprünglich sollten Kapitel drei und vier ein einziges, langes Kapitel werden. Ich werde es also bald posten. ;)

Viele Grüße!
dreamer
Zuletzt geändert von empyrean dreamer am 15.10.2018, 16:17, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Die Stimme der Drachen

#1305924 von KleinKokuna
05.05.2018, 18:54
Oh Klasse, es geht weiter: Das freut mich genauso sehr, wie der Umstand, dass deine Protagonistin noch rechtzeitig das Center erreichen konnte :)!

Zusammen mit deinem nach wie vor schönen, detaillierten Erzählstil liest sich auch dieses Kapitel wunderbar flüssig und macht weiterhin Lust auf mehr. Und das, obwohl sich das wichtigste ja im Hintergrund abspielt^^.

Nebenbei gefällt mit hier persönlich am meisten, dass man sieht, wie eng die Beziehung zwischen Gwenda und ihrem Atlantis ist. Nicht jedes Pokémon begrüßt seinen Trainer nach so einer Niederlage so herzig; diese Stelle finde ich voll süß :3.

Jedenfalls kann und will ich nur eines sagen: Weiter so :up:!
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Re: Die Stimme der Drachen

#1306000 von empyrean dreamer
08.05.2018, 20:17
Vielen Dank, KleinKokuna! Es freut mich richtig, dass dir meine Fanfic gefällt. :)

Ich merke auch, dass ich total viel Spaß daran hab, diese Interaktionen zwischen Trainer und Pokémon zu schreiben :D

Und das vierte Kapitel kommt angeflattert, diesmal ist es ein recht kurzes. Viel Spaß beim Lesen! :)

Kapitel 4 - Fragen und Antworten

„Dich interessiert, wie der Regenerator arbeitet?“, sagte Doktor Seegesang. Die ergraute Dame schenkte mir ein erfreutes Lächeln.
Ich nickte lebhaft und sie begann beschwingt zu erklären: „Nun, er tut seine Pflicht auf ganz vorzügliche Weise. Er kombiniert nämlich die Magie der Pokémon mit hochmoderner Technologie. In seinem dicken Bauch befinden sich Tanks, die Heilenergie speichern. Die Pokémon Liga beliefert uns da regelmäßig mit frischem Nachschub. Na, was meinst du, Gwenda – wie gewinnt sie die Energie wohl?“
„Vielleicht aus Beeren?“, äußerte ich meine erste, spontane Vermutung. „Viele Beerenarten besitzen ja heilende Kräfte. Und wenn man sogar komplexe Lebewesen wie Pokémon in reine Energie verwandeln kann, geht das garantiert auch mit Pflanzen… oder deren Früchten.“
„Das wäre zwar sicherlich möglich, aber weniger effektiv“, verneinte Frau Seegesang. „Beerensaftkonzentrat wird mit einer Menge Chemie vermischt, um Tränke herzustellen. Unser Maschinchen allerdings nutzt eine viel stärkere Energiequelle: Die Kräfte unserer Freunde, der Pokémon.
Die mysteriösen, unbefruchteten Eier, die Chaneira zu unbekannten Zwecken legen, sind mehr als bloß sehr nährreich. Sie sind eine ausgesprochen magische Substanz. Manche von ihnen wecken Glücksgefühle – daher rühren wohl die Erzählungen über großherzige Chaneira, die das Land durchstreifen, um ihre Freude mit hoffnungslosen Menschen zu teilen. Psychiater verschreiben solcherlei Eisubstanz übrigens oft als Antidepressiva. Andere Eier Chaneiras wiederum wirken bei körperlichen Verletzungen als ganz erstaunliche Medizin – umso intensiver, wenn man ihre Magie extrahiert und in Form purer Energie verabreicht. Deinem Dratini habe ich davon nur ein kleines bisschen gegeben. Latias bekommt natürlich eine höhere Dosis.
Außerdem führt der Regenerator ihr noch die Magie zu, die Palimpalim freisetzen, wenn sie einen ihrer übersinnlichen Klänge erklingen lassen – er hat den hübschen Namen Vitalglocke und nimmt jedem Lebewesen, der ihn hört, eine Vielzahl von Beschwerden. Auch Vergiftungen kuriert er in Windeseile. Das ist wichtig für uns, denn eine Blutvergiftung können wir bei einem Greifvogelangriff nicht ausschließen – wer weiß, wo Tauboss‘ Krallen und sein Schnabel vorher überall gewesen sind.
Drittens“, fuhr die Ärztin fort, „habe ich Latias unter die Hypnose verschiedener Psycho-Pokémon gesetzt. Sie verbringt die Behandlung also in einem sehr, sehr tiefen Schlaf – ansonsten würde es der Ärmsten wehtun, so viel zerstörtes Körpergewebe so rapide zu regenerieren.“
„Und erst die ganze verlorene Körperflüssigkeit…“, fügte ich mit einem leichten Erschaudern hinzu. „Für die wahnsinnigen Fähigkeiten der Pokémon können wir dankbar sein.“
„Pokémon sind das Beste, was es auf unserer Welt gibt“, pflichtete mir Doktor Seegesang bei und ergänzte mit einem Augenzwinkern: „Noch vor Kriminalromanen.“
Ich lachte. „Krimis finde ich eher langweilig“, entgegnete ich etwas neckisch. „Fantasy-Bücher begeistern mich um einiges mehr. Ich bin regelrecht besessen von dieser ‚Mystery Dungeon‘-Serie – einer Buchreihe rund um eine Parallelwelt, die nur von Pokémon bewohnt wird. Sie haben dort ihre eigene Zivilisation und Menschen gibt es keine… Als Kind habe ich mir immer gewünscht, in einer solchen Welt zu leben.“
„Ich glaube, meine Enkelin hat mir einmal von der Reihe erzählt. Aber nun muss ich dich fragen“, kündigte die Ärztin erwartungsvoll an. „Wo in Rayquazas Namen bist du auf eine Latias getroffen? Was genau ist denn passiert, Mädchen?“

Ich erzählte der Dame alles über die eigentümliche Begegnung. Sie lauschte verblüfft.
„Ein Jammer, dass man dem Tauboss nicht mehr helfen konnte“, sagte sie am Ende meiner Geschichte mit einem mitfühlenden Seufzer. „Aber so ist unsere Mutter Natur… Gwenda, ich werde nicht klug daraus, dass du Latias im Blütenburgwald getroffen hast. Hier, in unserem Wäldchen! Was sie dort wohl getan hat?“
„Ich werde Latias fragen“, meinte ich leichthin. „Ich bin schon gespannt, was sie uns berichten kann.“
Wenn sie uns etwas darüber verraten möchte“, warf Doktor Seegesang ein. „Vor dem heutigen Tag habe ich nur ein einziges Mal eine Latias gesehen, an einem Winterabend vor beinahe sieben Jahren. Ihr Trainer war ein unfreundlicher Geselle. Aber sie verstand sich blind mit ihm. Ständig plauderten sie telepathisch miteinander… Das war zumindest mein Eindruck. Die beiden haben damals hier in diesem Pokémon Center übernachtet. Doch Latias hat weder mit mir noch mit einem anderen Fremden gesprochen – sie war so ein schüchternes junges Ding. Latias gelten grundsätzlich als scheue Geschöpfe.“
„Also meine Latias kam mir tatsächlich ziemlich … gesprächig vor. Vor allem dafür, dass sie zuerst von einem Mördervogel gejagt wurde und danach fast im Sterben lag“, merkte ich in einem Anflug von Zynismus an. „Und jetzt nenne ich sie schon ‚meine‘, obwohl ich gar nicht weiß, ob sie überhaupt bei mir bleiben wird. Wahrscheinlich hat sie darauf keine Lust, dann werde ich sie freilassen.“
Ich warf einen sehnsüchtigen Blick zu Latias‘ Pokéball hinüber. „Ich würde verdammt viel dafür geben, Latias behalten zu können“, gab ich zu. „Sie ist ein so faszinierender Drache! Aber ihr Glück würde ich niemals dafür opfern. Wenn sie nicht bleiben möchte, werde ich sie nicht zwingen.“
Doktor Seegesang nickte. „Das wäre nicht anständig. Aber wer weiß, vielleicht wird sich Latias ja doch für das Leben mit einem Menschen entscheiden? Nur bitte dränge sie nicht zu einer Entscheidung, Schätzchen. Gib ihr Zeit, das Geschehene zu verarbeiten.“
„Natürlich“, sagte ich aufrichtig, hoffte aber mit einer gewissen Gier darauf, dass der ungewöhnliche Drache sich mir anschließen würde.
Es kehrte eine dezent peinliche Stille ein, in der niemand so recht zu wissen schien, was er noch sagen sollte.

„Was möchtest du denn nun tun, Gwenda?“, erkundigte sich Doktor Seegesang nach einigen Augenblicken endlich. „Blütenburg ist ein schönes Fleckchen Erde. Hier kann man seine Zeit ganz wunderbar genießen.“
Über diese Frage musste ich nicht lange nachdenken. Meine Füße schmerzten, ich war hungrig und was den Hunger betraf, erging es Atlantis sicher ähnlich.
„Das Center hat eine Cafeteria, oder?“, gab ich zurück. „Und da werden bestimmt auch Pokémon verpflegt?“
„Aber ja doch. In dem Punkt sind sich alle Pokémon Center gleich.“
„Klasse!“, sagte ich etwas lauter als beabsichtigt und freute mich bereits auf die Speisekarte. „Dann weiß ich, was ich als Erstes tun werde.“
Die Ärztin schmunzelte. „Guten Appetit.“
„Danke! Und nochmal vielen Dank für alles, Frau Doktor!“
Wir verabschiedeten uns mit einem Händedruck. Und ich wandte mich um und verließ das Behandlungszimmer, dessen Atmosphäre vollkommener Sterilität dank der Herzlichkeit der Ärztin überhaupt nicht mehr so kühl und gleichgültig wirkte.


*********
Ich hoffe, es hat euch gefallen. Das fünfte Kapitel wird auch bald folgen. Es ist schon so gut wie fertig, denn die Kapitel 3-5 sollten ursprünglich ein einziges langes Kapitel sein, bevor ich sie gesplittet habe. :P
(Jep, ich habe das Ursprungskapitel nun doch tatsächlich in drei statt zwei Einzelkapitel aufgeteilt.)

Viele Grüße,
dreamer
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Re: Die Stimme der Drachen

#1306735 von empyrean dreamer
22.05.2018, 19:35
Und hier folgt Kapitel fünf. :D Viel Spaß beim Lesen!

Kapitel 5 - Begegnungen im Dämmerlicht

Die Cafeteria war ein lebendiger Ort. Ein Gewirr von Menschen- wie Pokémonstimmen und köstliche Düfte erfüllten die Luft. Geschäftige Kellner huschten zwischen den Gästen umher.
Ich fand einen freien Tisch an einer großen Fensterfront, die den Ausblick auf das Schilfufer eines seerosengesprenkelten Weihers gewährte. Hier bestellte ich mir einen Maracujasaft und die Tagesempfehlung für Trainer, einen mit Miltank-Mozzarella überbackenen Kartoffel-Broccoli-Auflauf. Für Atlantis ließ ich einen Napf voll Wasser bringen und eine Seegrasplatte mit Algenbeilage aus der Pokémon-Menükarte zubereiten. Ihm wurde eine runde Teppichmatte, die wie ein Pokéball gestaltet war, neben meinem Tisch auf dem Boden ausgelegt. Bald darauf wurden unsere Getränke serviert und mein Drache nahm mit seiner langen, gespaltenen Zunge einige Schlucke aus seinem Keramiknapf, während ich in großen Zügen meinen exotischen Saft trank.
Die Wartezeit auf die Gerichte allerdings wäre eine wahre Geduldprobe gewesen, hätte ich sie nicht genutzt, um mein Telefon zu zücken und meinem jüngeren Bruder sowie meinen engsten Freunden daheim zu schreiben. Ich berichtete ihnen ausschweifend und in beinahe literarischer Qualität von meinen aufregenden und beängstigenden Abenteuern. Jedoch versicherte ich ihnen mehrfach, dass es keinen Grund zur Sorge mehr gab und versprach, sie über Latias auf dem Laufenden zu halten. Atlantis schlummerte indes zu einer Spirale eingerollt auf seinem Teppich, bis uns endlich der Geruch unserer herannahenden Speisen in die Nasen stieg und er schnuppernd erwachte.
Mit Begeisterung verspeiste ich meinen schmackhaften Auflauf. Als mein Teller leer und mein Hunger gestillt waren, blickte ich träge und träumerisch aus dem Fenster, sah zu den vereinzelten Sternen hinauf, die allmählich an dem dämmernden Himmelszelt erglommen. Atlantis aber, der seine eigene Portion regelrecht verschlungen hatte, schlängelte voll neuer Energie auf meine Schulter herauf. Er stupste mit der Schnauze meine Schläfe an, schaute hinaus zu dem Weiher und gab mir noch einen Stupser.
„Oh. Du möchtest etwas schwimmen, oder?“, fragte ich ein wenig leidig.
Mein Jungdrache nickte, was mich nicht verwunderte, obwohl wir beide vorgestern erst gemeinsam im Schwimmbad von Metarost waren. Immerhin war das Wasser der natürliche Lebensraum aller Dratini. Zu gerne hätte ich nun die Schlafräume des Pokémon Centers aufgesucht: Nach diesem wahrlich ereignisreichen Tag war es eine verlockende Vorstellung, in einem gemütlichen Bett in das Reich der Träume zu entgleiten. Aber ich gab mir einen Ruck und sagte: „Okay, Kleiner. Hab du richtig viel Spaß im Weiher und ich schau dir dabei zu.“
Atlantis‘ große Augen strahlten und er schleckte mir dankbar über die Hand.

Als der Seedrache in den stillen Weiher eintauchte, spritzte das Wasser nach allen Seiten. Atlantis bewegte sich rasch vom schilfgesäumten Ufer fort und tauchte dabei stetig tiefer, sodass ich ihn bald nicht mehr sah. Ich setzte mich in das Ufergras und ließ die friedvolle Atmosphäre des Frühlingsabends auf mich wirken. Ich lächelte, als ein Zubat wie ein flatterhafter Schatten über mich hinweg flog. Aus der Ferne ertönte schwach der mystische Ruf eines Noctuhs. Eines der Seerosenblätter, die auf dem Weiher schwammen, trennte sich von den Anderen und bewegte sich auf mein Ufer zu. Erst als es nahekam, erkannte ich, dass das vermeintliche Blatt in Wahrheit ein Pokémon war. Unter dem lotusblattartigen Gewächs, das aus seinem Rücken spross, besaß es einen gedrungenen Körper. Es hob seinen Kopf aus dem Wasser, legte das vorderste Paar seiner sechs kurzen Stummelbeinchen auf die Uferböschung und offenbarte glatte, feuchte Haut und eine schnabelartige Schnauze. Loturzel sah mich aus starren, runden Augen unergründlich an. Ich erwiderte den Blick des faszinierenden Wesens noch, als mir urplötzlich etwas Nasses auf den Schoß fiel.

Ich sprang reflexartig auf und ein zappelnder Fisch purzelte von meinem Schoß auf den grasigen Grund. Loturzel schwamm ob dieses Tumults erschrocken wieder fort. Das Schuppenkleid des Fisches hatte eine feuerrote Färbung. An Rücken und Bauch trug er kräftig gelbe, scharf gezackte Flossen. Lange, ebenso gelbe Barteln entsprangen hinter seinen fleischigen, rosafarbenen Lippen. Seine Schwanz- und Brustflossen waren durchscheinend weißlich.
Auch Atlantis war hier, bei mir an Land. Mit seinem Maul nahm er das Karpador hoch, reckte den Hals und reichte es mir. Auf dem Kopf des Jungtiers lag eine blühende Seerose, deren Stiel sich an einer seiner beiden Kopfflossen verfangen hatte.
Ich stand perplex da und es vergingen ein paar Augenblicke, bis ich begriff, dass mein Drache den Fisch wohl für mich gefangen hatte. Ich wusste nicht recht, was ich mit diesem quicklebendigen Geschenk tun sollte. Aber ich brachte es nicht über mich, es abzulehnen – dafür schaute Atlantis mit zu viel Stolz zu mir hinauf, während das Karpador erfolglos versuchte, sich aus dem Griff seines Mauls zu winden. Also nahm ich meinen Rucksack ab und kramte hastig darin nach einem Pokéball. Diesmal vergingen bloß vielleicht zwanzig Sekunden, bis ich einen meiner Pokébälle fand; er lag in einem meiner Hausschuhe, die wie plüschige Brutalanda-Tatzen designt waren. Nach dieser absoluten Rekordleistung meinerseits warf ich den leichten, hohlen Ball auf Karpador herab. Sowie er seine glitschigen Schuppen berührte, wurde das Wesen in leuchtende Energie umgewandelt und von der Kapsel aufgesogen.
Flink schnappte Atlantis die Kapsel aus der Luft, noch bevor sie zu Boden fallen konnte. Sie zappelte in seinem Maul. Doch nach wenigen Momenten hörte sie auf, sich zu bewegen, als die Technologie den Kampf gegen das Pokémon gewann.

Atlantis legte den Ball mit stolz geschwollener Brust in meine Hand.
„Danke“, sagte ich unschlüssig. „Dein erster Fang – das hast du gut gemacht.“
Mein Wasserdrache gab ein gurrendes Geräusch tiefster Zufriedenheit von sich. Ich blickte den Pokéball, der jetzt den Fisch beherbergte, ratlos an. Mir gefiel der Gedanke keineswegs, dieses Geschöpf in meine Sammlung aufzunehmen. Karpador war kein Drache, obgleich es sich bei hinreichender Kampferfahrung erstaunlicherweise zu einer riesenhaften Seeschlange entwickeln konnte, die Laien oftmals für einen solchen hielten. Allerdings galt es als extrem nervenaufreibend, Karpador die nötige Erfahrung zu bieten – denn es war das mit Abstand schwächste und erbärmlichste Pokémon der Welt. Zudem verfügte es nicht über Lungen, sondern lediglich über Kiemen, konnte also außerhalb des Wassers oder seines Pokéballs nicht atmen…
Ich ging zu dem Weiher herüber und öffnete dort die Kapsel, sodass Karpador sich in dem Flachwasser des Gewässerrandes materialisierte. Dort schwamm es auf der Stelle. Es wirkte irritiert, doch nicht ängstlich. Ich kniete mich nieder und streckte langsam und etwas widerstrebend die Hand aus, um den Fisch vorsichtig an der Nase zu streicheln. Karpador wich nicht zurück, zuckte aber zusammen. Daher nahm ich meine Hand wieder fort und ließ sie unsicher in dem kühlen Nass verharren.
„Hallo“, sprach ich stattdessen zögerlich und recht gezwungen zu meinem neuen Pokémon. „Freut mich, dich kennenzulernen. Ich bin Gwenda.“ Ich setzte ein unehrliches Lächeln auf.
Die großen Fischaugen mit den winzigen Pupillen sahen mich ausdruckslos an.
„Und wer bist du wohl?“, plapperte ich weiter und versuchte, Interesse vorzugeben. „Du hast kräftig gefärbte Barteln, also bist du ein Männchen, richtig? Das weiß ich von meiner Tante, in ihrem Gartenteich wohnen nämlich Karpador wie du. Lass mich mal überlegen… Ich hab’s! Dein Name ist Poseidon.“
Der frisch getaufte Poseidon öffnete den Mund und schloss ihn wieder.
„Ich finde, Poseidon passt zu dir, denn deine Rücken- und deine Bauchflosse erinnern mich beide an einen Dreizack“, erklärte ich. „Das ist eine Waffe, die Kyogre – der große Gott der Meere! – bei sich trägt. Zwar nicht in Wirklichkeit, aber in einem Märchen – einer Geschichte, die ich als Kind geliebt habe. Und in dieser Geschichte gibt Kyogre seinem treuen Dreizack den Namen Poseidon.“
Das Karpador zeigte keinerlei Reaktion. Ich fragte mich etwas genervt, ob es überhaupt genügend Intelligenz besaß, um die Bedeutung meiner Worte zu verstehen. Daraufhin, auf einmal, schwamm Poseidon zielstrebig nach vorne und legte seinen Kopf in meine Hand. Ich kraulte seine Schnauze und er schlug mehrmals schnell mit den Brustflossen, wie in freudigem Wohlbehagen. Ich lächelte unwillkürlich ein aufrichtigeres Lächeln. Ein plätscherndes Geräusch erklang. Ich blickte auf und sah, dass Atlantis wieder in den Weiher glitt. Er hob seinen Kopf – auf dem nach wie vor die Seerose lag – aus dem Wasser, betrachtete Poseidon und machte einen leicht flötenden, anerkennenden Laut. Offenbar lobte er das zutrauliche Geschenk, das er für mich gefangen hatte. Als das Drachenjunge danach vollkommen untertauchte, löste sich Poseidon plötzlich von meiner Berührung. Er schwamm Atlantis nach und folgte dessen vergnügten Runden in Ufernähe.

Nach einer kurzen Weile bemerkte der Drache den Fisch. Das Dratini hielt inne und musterte mit schief gelegtem Kopf das Karpador, das nun ebenfalls auf der Stelle verweilte. Ich verfolgte die Szene mit Überraschung, da ich erwartet hätte, dass Poseidon mehr Scheu vor seinem Fänger zeigen würde. Doch der feuerfarbene Fisch näherte sich Atlantis und schmiegte sich an seine Wange wie zuvor an meine Hand. Für einen Moment wirkte Atlantis verwundert, bevor er die Geste der Zuneigung überschwänglich erwiderte. Dann legte er den Kopf zurück und pustete Poseidon verspielt einen sachten Schwall Luftblasen entgegen. Die Brustflossen des Fisches schlugen abermals schneller; er schien die Blasendusche zu genießen.
Ich wusste, dass die verschiedenen Pokémon eines Trainers durch den Einfluss ihrer Pokébälle in einer Art Rudel- oder Schwarmgefühl verbunden waren. Dennoch war es verblüffend, dies auf jene berührende Weise bei meinem Neuzugang zu beobachten. Jäh überkam mich ein schlechtes Gewissen, weil ich Poseidon allzu oberflächlich beurteilt hatte. Das Wesen hatte mir aus solch egozentrischen Gründen missfallen…
Entschuldigung, Poseidon, dachte ich im Stillen. Ich hatte kurz vergessen, worauf es tatsächlich ankommt.
Und ich setzte mich wieder zwischen die Grashalme und schaute mit ehrlicher Begeisterung zu, wie meine beiden aquatischen Pokémon durch das Gewässer tollten. In der einbrechenden Nacht wurden sie langsam zu dunklen Schemen. Erst als sich ein verschwommener Schleier der Schläfrigkeit über meine Augen legte und meine Lider allmählich schwer wurden, rief ich Atlantis und Poseidon in ihre Pokébälle zurück. Ich begab mich zu dem warm erleuchteten Pokémon Center, in Vorfreude auf das behagliche Bett, das mich dort erwarten würde.


*********
Ich hoffe, es hat euch gefallen. Über Kommentare/Feedback freue ich mich immer total. :)

Viele Grüße,
dreamer
Zuletzt geändert von empyrean dreamer am 31.05.2018, 00:47, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: (Kapitel V ist da) Die Sti...

#1306953 von KleinKokuna
27.05.2018, 16:35
Sind echt wieder zwei schöne Kapitel geworden :)! (Und endlich find ich auch die Zeit, sie zu kommentieren :tja:...)

Deine Erklärungen über die Funktionsweise deines Regenerators fand ich äußerst interessant: An Magie hätte ich persönlich nie gedacht; da bin ich mehr der Kopfmensch^^. Aber nichtsdestotrotz ist das eine sehr interessante Sichtweise und ich finde es toll, wie jeder für sich einen eigenen Erklärungsansatz für die mitunter alles anderen als logischen Dingen in Pokémon findet :D.

Und mindestens genauso schön fand ich Gwendas Anmerkung, dass sie gerne 'Mystery Dungeon' liest. Ist eine witzige Anspielung auf diese Reihe.

Das absolute Highlight war für mich aber definitiv wie Atlantis seiner Trainerin im nächsten Kapitel zu einem weiteren Pokémon verhalf :up:! Das war sooo drollig, sooo süß und niedlich - genauso wie es sich darüber gefreut hat :herz:!

Und Gwendas erste Reaktion darüber: 'Oh ein Karpador... Wie klasse :| ...' Das musste ich schon schmunzeln :lol: :P . Denn ehrlich gesagt, würden sicherlich nicht wenige Leute so ähnlich reagieren, wenn sie ungewollt an ein solches 'allerwelts' Pokémon geraten^^.

Umso schöner hast du anschließend ihren Sinneswandel dargestellt, als Karpador dann ihr seine Zuneigung gezeigt und mit Atlantis gespielt hat und sie so begriffen hat, dass auch es sich hier auch um ein fühlendes Lebewesen handelt; richtig rührend :herz:. Und dazu passt sein neuer Spitzname noch wie die Faust aufs Auge. (Nette Geschichte übrigens, die du dir da für Kyogre ausgedacht hast.)

Auf jeden Fall kann man mit Fug und Recht sagen, dass deine Gwenda einen extrem aufregenden ersten Tag als Trainerin hatte . Jetzt hoffe ich erstmal bloß, dass Latias sich bald wieder erholt und bin äußerst neugierig darauf, wie es weitergeht :).
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Re: (Kapitel V ist da) Die Sti...

#1307085 von empyrean dreamer
30.05.2018, 23:49
Vielen Dank für's fleißige Kommentieren, KleinKokuna!
Freut mich sehr, dass es dir weiterhin gefällt! :)

Mit den ersten beiden Mystery-Dungeon-Spielen verbinde ich viele Kindheitserinnerungen, also musste ich einfach darauf anspielen. :P

Es macht mir immer wieder Spaß, niedliche Szenen mit Atlantis zu schreiben. Inzwischen ist er mir richtig ans Herz gewachsen - sodass ich mir letztens erst wegen ihm ein Plüschdratini gekauft habe. :D

Schön, dass dich der kleine rote Karpfen berühren konnte - ähm, ich meine natürlich: Der große Meeresgott. ;)
Ich schreibe gerne Momente, in denen Charaktere dazu angeregt werden, ihre Sichtweisen oder ihr Handeln zu überdenken.

Jep, sehr aufregend war Gwendas erster Tag als Trainerin zweifellos. Bald erfahrt ihr, was an ihrem zweiten Reisetag auf sie zukommt. ;)
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Re: (Kapitel V ist da) Die Sti...

#1307091 von Donnerkralle
31.05.2018, 11:19
Deine Geschichte entwickelt sich prächtig! :)
Die Kapiteln lesen sich sehr gut, mir gefällt dein Schreibstil.

Richtig genial war die Erklärung zu dem Regenerator. Bei der Frage, wie dieser Energie gewinnt, hätte ich auch mit "Vielleicht aus Beeren?" geantwortet.

Die Szene mit Karpador hast du sehr schön geschrieben. Schon allein bei der Begegnung von Gwenda und dem "Meeresgott" musste ich ein bisschen lachen.

Aber gleich darauf kam eine schöne Lektion. Ich selber bin ein Karpador Fan. Obwohl es eben so "nutzlos" ist, ist es dennoch ein Lebewesen, dass die gleiche Chance wie die anderen (Pokèmon) verdient hat. Schließlich wird es nach hartem Training doch zu einem der stärksten Pokèmon.

Auf jedenfall bin schon gespannt, wie es weitergeht :)
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Re: (Kapitel V ist da) Die Sti...

#1307173 von empyrean dreamer
02.06.2018, 13:19
Vielen Dank, Donnerkralle! Freut mich sehr, dass du weiterhin dabei bist! :)
Ich mochte Karpador auch schon immer. Auch, weil meine Familie im RL Koikarpfen hält und ich diese Tiere toll finde. :D

Uuuund weiter geht's mit dem nächsten Kapitel. ;)

Kapitel 6 – Erwachen

Ich will der Allerbeste sein
Wie keiner vor mir war
Ganz allein schnapp‘ ich sie mir
Ich kenne die Gefahr
Ich streife durch das ganze Land
Ich suche weit und breit
Das Pokémon, um zu versteh’n,
Was ihm diese Macht verleiht…“

Ich blinzelte in das klare Morgenlicht, welches durch das Fenster meines Schlafraumes flutete, als mein Handywecker mich mit lauter Rockmusik aus wirren Träumen riss. In einem Dämmerzustand sah ich verklärt zur Zimmerdecke herauf, während meine Träume noch durch meinen Geist spukten. Ich erinnerte mich an ein Myrapla in einem schlecht genähten Radieschenkostüm, das ängstlich auf meinem Frühstücksteller saß. Letztlich zog ich meine Bettdecke, die ebenso wie das Bettlaken ein simples Pokéballmuster trug, über mein Gesicht und schloss die Augen wieder. Ich döste daher. Die spürbaren Atemzüge von Atlantis, welcher eingerollt bei meinen Füßen lag und ungerührt schlief, waren angenehm gleichmäßig. Und ich genoss den Klang von Freiheit und Abenteuer, den mein Wecklied an meine Ohren trug.

Pokémon!
Dein Herz ist gut
Wir vertrauen auf unseren Mut
…“

Die Lautstärke störte mich kaum. Dann jedoch beschlich mich der vage Gedanke, dass sie mich stören sollte. Aber wieso? Als ich verstand, setzte ich mich ruckartig auf, griff nach meinem Handy auf der hölzernen Nachtkommode und schaltete den Wecker hastig aus. Ich hatte ihn viel zu laut eingestellt! Betreten saß ich da und hoffte, dass ich nicht die Schlafgäste aller benachbarten Zimmer aufgeweckt hatte. Ich vernahm jedoch weder Beschwerderufe noch wüstes Fluchen. Nach einer kurzen Weile erhob ich mich von dem Bett. Als ich meine Beine unter Atlantis fortzog, fauchte er, wobei er seine spitzen Zähne entblößte, seine Augen jedoch geschlossen hielt. Ich schmunzelte. Ich erlebte meinen Jungdrachen wahrlich selten aggressiv, doch es reizte ihn manchmal, wenn jemand seine Ruhe störte. Atlantis versank bereits wieder in der Welt der Träume, während ich in meine Hausschuhe schlüpfte und über den Laminatboden des kleinen Raumes zu dem angrenzenden Badezimmer ging.
Ich betrat das minzgrün gekachelte Zimmer und trank an dessen Waschbecken einige Schlucke Leitungswasser. Anschließend sah ich träge in den Spiegel. Ein verschlafenes Gesicht schaute aus tiefbraunen, eher schmalen Augen unter dichten Brauen zu mir zurück. Das Gesicht besaß eine markante Himmelfahrtsnase, blasse Haut, mehrere Schönheitsflecken und kleinere Muttermale, recht volle Lippen und ein rundliches Kinn.
Ich duschte mich, föhnte und kämmte mein Haar und wechselte meinen himmelblauen Schlafanzug, der mit stilisierten Schäfchenwolken und Altaria gemustert war, gegen meine Tageskleidung aus. Heute zog ich meine pechschwarze Jeans und ein langes Shirt mit ebenso schwarzer Grundfarbe an. Es zeigte das Motiv eines Libelldra, das mit angriffsbereit ausgestreckten Klauen aus einem Sandsturm hervorpreschte. Mein Metallarmband trug ich nicht, dafür zwei metallene Haarspangen in der Form und Farbe von UHaFnir-Flügeln. Die Rayquazakette durfte niemals fehlen. Meine Hausschuhe wichen meinen Stiefeln, die mit der durchscheinenden Schuppenhaut überzogen waren, welche Dratini beim Wachstum abstreiften.
Ich beförderte mein lebendiges Dratini in seinen Pokéball, nahm Poseidons Ball von der Nachtkommode, verstaute beide Kapseln in meiner Hosentasche, packte meinen Rucksack und schulterte diesen. Dann verließ ich den Schlafraum, schloss ihn ab und begab mich durch lange, warm beleuchtete Korridore und ein fensterreiches Treppenhaus in die Eingangshalle des Pokémon Centers.

Bloß wenige Menschen und Pokémon waren in der frühen Morgenstunde hier. Auf einem der komfortablen Sessel saßen eine zierliche Frau, deren dicke Gummihandschuhe nicht recht zu ihrem adretten Kleid und ihrem Silberschmuck passen wollten, und ihr Blitza. Die Trainerin kraulte das Fuchswesen hinter seinen langen Ohren, wobei elektrische Funken knisternd aus seinem Fell stieben. An einem Rundtisch spielte ein hagerer Mann offenbar Schach gegen ein Simsala. Verzweiflung stand in das Gesicht des Mannes geschrieben.
Die Rezeption der Pokémonklinik war noch nicht besetzt. Ein Blick auf meine Handyuhr verriet mir, dass die Klinik in wenigen Minuten öffnete. Meine Pünktlichkeit erstaunte mich. Ich ließ mich auf einem weiteren Sessel nieder und wartete. Sobald ein Arzt oder eine Schwester erschien, wollte ich mich nach Latias erkundigen. Ob sie bereits vollständig geheilt war?

Als die Tür hinter der Rezeptionstheke aufschwang und Schwester Joy hervorkam, stand ich sogleich auf und ging zu ihr.
„Guten Morgen“, grüßte ich sie freundlich und fuhr fort, bevor sie meinen Gruß erwidern konnte: „Wie geht es meiner Latias? Kann ich sie schon an mich nehmen?“
Die Krankenschwester nickte und sagte in vollendeter Höflichkeit: „Gwenda war Ihr Name, junges Fräulein, richtig? Ja, die Heilung Ihrer Latias ist bewältigt. Ich werde Ihr Pokémon holen.“
Sie verschwand hinter der Tür, durch die sie gekommen war. Nach kürzester Zeit kehrte sie mit Latias‘ Pokéball zurück und überreichte ihn mir.
„Danke fürs Warten, Fräulein Gwenda“, sagte sie mit einer angedeuteten Verbeugung. „Latias schläft noch – dies sind die Nachwirkungen der Hypnose. Aber sie wird vermutlich schon sehr bald erwachen. Doktor Seegesang hat Ihr Pokémon eben untersucht. Es ist wieder im Vollbesitz seiner Energie und Gesundheit. Bedauerlicherweise“, fügte die Schwester in mitfühlendem Ernst hinzu, „bleiben Narben zurück. Allerdings ist auch der Vernarbungsprozess schon abgeschlossen.“
„Ich hoffe, es ist für Latias nicht allzu schlimm, dass der Kampf Spuren zurücklässt…“, meinte ich und schaute nachdenklich ihren Pokéball an. Mit einem Seufzer blickte ich wieder zu Schwester Joy auf. „Danke sehr. Könnten Sie auch Doktor Seegesang meinen Dank ausrichten?“
Sie vollführte eine weitere kleine Verbeugung. „Immer wieder gerne. Und selbstverständlich.“
Ich verabschiedete mich und suchte die Cafeteria auf, in der Atlantis und ich gestern zu Abend gegessen hatte. Dort kaufte ich eine Tüte getrockneter Wasserpflanzen für meinen Seedrachen, eine Dose Flockenfutter für Friedfische und ein Sojaschnitzelbrötchen sowie eine kleine Flasche Apfelschorle für mich selbst.
An jenem Weiherufer, wo ich Poseidon im Dämmerlicht begegnet war, frühstückte ich mit meinen beiden aquatischen Pokémon. Als wir gesättigt waren, rief ich das Karpador in seine Kapsel zurück. Atlantis dagegen folgte mir schlängelnd über den Wiesengrund zu dem lichten Rand des urtümlichen Waldes, der Blütenburg City umgab.

Wir fanden ein Fleckchen Wiese, das relativ versteckt lag. Hier waren wir vor den Blicken allzu neugieriger Menschen geschützt. Das Gras war mit glänzenden Tautropfen benetzt, doch die Wurzeln einer mächtigen Eiche boten mir eine Sitzgelegenheit. Ich öffnete Latias‘ Pokéball und sie erschien in einem hellen Licht. Nun schlief sie friedlich inmitten des Grüns. Ihre Atemzüge waren tief und gleichmäßig und ein leichtes Lächeln zierte ihr Gesicht. So lag sie flach auf dem Bauch, ihre flossenartigen Flügel wie Tücher auf dem Boden ausgebreitet.
Atlantis betrachtete das große Pokémon neugierig von allen Seiten, mit etwas Abstand um es herum schlängelnd. Ein Grashalm kitzelte Latias‘ Nase. Sie nieste. Mein Drachenjunges erschrak und kam eilig an meine Seite. Blinzelnd öffnete Latias die Bernsteinaugen und sah mich an.
Oh, hallo, erklang ihre telepathische Stimme sehr verschlafen in meinem Geist. Da bist du ja wieder… Du bist doch der Mensch mit dem ganz komischen Namen.
Ich grinste unwillkürlich. „Ich glaube“, erwiderte ich, „du hattest mich falsch verstanden. So komisch ist mein Name gar nicht – ich heiße Gwenda“.
Die vogelhafte Drachin blickte milde irritiert drein.
Und ich hätte einen Seelentau darauf verwettet, dass es etwas Komischeres war. Aber Gwenda klingt ja auch ein bisschen merkwürdig – auf eine lustige Weise. Genauso wie mein eigener Name! Ich bin Empyrea. Sie hob den Kopf und schaute sich verträumt um. Aber wo bin ich? Und warum sind wir hier?
„Weißt du denn nicht mehr, was geschehen ist?“, fragte ich.
Zuerst wirkte Empyrea ratlos. Doch ihre Augen weiteten sich, als die Erinnerung zurückkehrte. Mit einem jähen Flügelschlag erhob sie sich in die Schwebe. Ihren langen Hals wendend musterte sie ihren Körper.
Ich war verletzt! Ich bin geheilt! Ich –
Ihre Gedankenstimme verstummte, als sie das Wundmal auf ihrer Brust erblickte. Drei lange, blasse Narben zogen sich dort durch rotes, blaues und bläulich weißes Gefieder.

Schweigend besah Empyrea ihre Narben. Ihr Ausdruck war sehr verunsichert.
Dann aber wich die Verunsicherung abschätzender Skepsis, bis die Skepsis sich in Anerkennung verwandelte. Schließlich hellte sich die Miene der Latias vollends auf.
Doch, doch!, meinte sie. Sie sehen abenteuerlich aus! Ja, ich mache jetzt den Eindruck einer richtigen Abenteurerin! Und das bin ich ja auch – zumindest seit kurzem!
„Du bist eine Abenteurerin?“, hakte ich nach, verblüfft und erleichtert über ihre Reaktion. Auch Atlantis legte neugierig fragend den Kopf schief.
Jep!, antwortete Empyrea stolz. Aber Gwenda, ohne dich wären meine spannenden Abenteuer vorüber!
Einen Wimpernschlag darauf schwebte sie stürmisch zu mir herab, umfing mich in einer Umarmung ihrer Schwingen und legte ihre Schnauze liebevoll auf meinen Kopf. Ich bemerkte, dass ihr Federkleid sich kühler und glatter anfühlte als das einen gewöhnlichen Vogels, fast so als bestünde es aus einem nachgiebigen, filigranen Glas.
Vielen, vielen Dank!, berührten ihre Gedanken überschwänglich die meinigen. Du hast mich gerettet! Wie hast du das angestellt! Hat dir ein heilkundiges Pokémon geholfen?
„Nein, eine heilkundige Menschenfrau mit einer Wundermaschine. Ich nenne sie den Besieger des Todes.“
Die Frau oder die Maschine?
„Ach, den Titel haben beide verdient.“
Ihr Menschen könnt richtig brillant sein!
Empyrea löste die Umflügelung und stieg wieder in die Luft hinauf. Sofort begab sich Atlantis auf meinen Schoß, reckte die Schnauze nach oben und sah mich auffordernd an. Ich zog das augenscheinlich eifersüchtige Jungtier an meinen Körper heran und streichelte seinen Hals. Zufriedengestellt schmiegte es seine Stirn an mein Kinn.
Dratini, du bist süß!, entschied Empyrea. Ich nehme dir deinen Menschen nicht weg, keine Sorge.
Ihre nächsten Worte richtete sie wieder an mich. Gwenda, hast du eigentlich auch den großen, gefährlichen Vogel gefangen? Wo ich ihn doch schon so praktisch für dich besiegt hatte!
Ich benötigte einen Moment, um zu verstehen, dass die Drachin nicht begriff. Sorge überkam mich. Würde sie das Wissen belasten, ihren Angreifer getötet zu haben? Sie erschien mir wie ein sehr naives Geschöpf.
Zögernd mied ich Empyreas neugierigen Blick. Welche Antwort sollte ich ihr geben?


*********
Ich hoffe, es hat euch gefallen. :)

Viele Grüße,
dreamer
Zuletzt geändert von empyrean dreamer am 15.10.2018, 16:17, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: (Kapitel VI ist da) Die St...

#1309134 von empyrean dreamer
11.08.2018, 10:44
So. Hat etwas länger gedauert, aber ich präsentiere euch Kapitel 7. Viel Spaß beim Lesen!

Kapitel 7 – Goldener Käfig

Na, sag schon, Gwenda! Hast du dir den Vogel geschnappt?, fragte Empyrea in kindlicher Ungeduld noch einmal.
Ihre erwartungsvolle Neugier lag wie ein Knistern in der Luft und versetzte mich in Unruhe. Ich konnte und wollte diesem sorglosen Geschöpf nicht von Tauboss‘ Tod berichten. Freilich hatte die Latias nichts Falsches oder Unrechtes getan, sondern sich lediglich verteidigt, doch würde sie das ebenso pragmatisch betrachten?
Schließlich sagte ich bloß: „Nein, ich habe Tauboss nicht gefangen.“
Mir war bewusst, dass meine ausweichende Antwort einer Lüge gleichkam. Aber war eine Notlüge nicht akzeptabel, um Empyrea zu schützen? Meine stechenden Zweifel überlagerten den nächsten Gedanken des Pokémon beinahe.
Da hast du dir aber eine Chance entgehen lassen!
„Ich bin Drachenzähmerin, keine Vogelfängerin“, versuchte ich mich an einer Erklärung.
Empyrea wirkte milde überrascht. Ich hätte darauf gewettet, dass du alle Pokémon magst.
„Das tu ich!“, betonte ich. „Nur begeistern mich Drachen besonders. Man sieht‘s mir doch an.“
Empyrea betrachtete mich verdutzt, so als wüsste sie nicht, wovon ich spreche.
Stimmt ja!, rief sie in dem nächsten Moment erfreut aus, als sei ihr ein plötzlicher Geistesblitz gekommen. Weißt du, ich habe gar nicht so auf diese glänzenden Winzigkeiten geachtet, mit denen du dich dekorierst. Aber jawohl, da sind Drachenflügelchen in deinem Haar. Du weißt was gut ist, Menschenmädchen!
Ihre großen Augen mit den schlitzartigen Pupillen musterten mich nun vergnügt.
Oh – und die ulkigen schwarzen Hüllen erst, unter denen du deinen Körper versteckst! Auf deinem Oberkörper trägst du ja ein Drachenbild spazieren! Und –
Sie betrachtete meine Drachenlederstiefel und jäh schlug ihre Freude in Entsetzen um. Windschnell wich sie einige Meter von mir zurück und legte ihre Tatzen verängstigt an ihre Brust.

„Keine Sorge!“, sagte ich rasch. „Diese Haut hat ein Dratini bei der Häutung verloren.“
Empyrea sah mich mit großer Furcht an. Bei der… H-Häutung?
„Das ist überhaupt nichts Schlimmes“, erläuterte ich beschwichtigend. „Die Häutung ist für viele Drachenspezies ein ganz normaler Vorgang, der –“
Empyrea unterbrach mich, indem sie Atlantis auf magische Weise von meinem Schoß hob, geschwind in ihre Arme levitieren ließ und schützend an sich drückte.
Sie denkt, es wäre normal, Drachen zu häuten!, teilte sie dem perplexen Jungtier in äußerster Bestürzung mit.
„Ich häute keine Drachen!“, entgegnete ich, allmählich gereizt. „Die geschuppten Arten häuten sich selbst. Sie –“
Jetzt nahm Empyrea ruckartig auch von Atlantis Abstand, ihn schwebend in der Luft verharren lassend. Sie starrte ihn vollends verstört an. Warum tut ihr so etwas?
Ein roter Lichstrahl erfasste mein verschüchtertes Drachenjunges, als ich es in seinen Pokéball zurückbeförderte.
„Empyrea“, sagte ich eindringlich und bemühte mich darum, nicht abermals missverständlich zu klingen. „Wenn geschuppte Drachen wachsen, wächst ihre Haut nicht mit – sie sind da anders beschaffen als du oder ich. Deshalb streifen sie regelmäßig nur ihre obersten Hautschichten ab, bevor die ihnen zu eng werden. Dabei verletzen sie sich nicht und es tut ihnen nicht weh. Verstehst du?“
Ja… Ach, so ist das. Sichtlich zutiefst erleichtert nahm Empyrea wieder eine entspannte Pose ein. Dann stieß sie hohe, glucksende Töne aus und ich verstand, dass ich gerade erstmalig das Lachen einer Latias hörte. Sie schwebte hinab in das Gras und ließ sich schräg neben mir in einer sphinxartigen Pose nieder.

Da dachte ich doch glatt, du oder dein Dratini wärt wahnsinnig!, meinte sie belustigt, wandte sich daraufhin jedoch etwas reumütig an den Pokéball in meiner Hand. Tut mir leid, dass ich dich erschreckt habe, Kleiner. Ich war selbst so erschrocken.
„Ich habe mich dumm ausgedrückt“, gab ich betreten zu. „Dazu neige ich. Sorry.“
Schon gut, Gwenda! Aber kann ich etwas von deinem goldenen Getränk haben?
Sie ließ meine Apfelschorlenflasche levitieren, die noch zu zwei Dritteln gefüllt war, und wedelte damit vor meinem Gesicht herum. Nach diesem Schreck brauche ich ein paar Schlucke!
„Klar, trinke so viel, wie du durstig bist.“
Danke!
Neugierig prüfend besah Empyrea den Flaschenverschluss und öffnete ihn anschließend telekinetisch. Sie goss sich genussvoll Apfelschorle in den Mund, bis ihr Durst gestillt war.
Das war so lecker und süß, dass ich davon Hunger bekomme, stellte sie mit Begeisterung fest, während sie die Flasche wieder verschloss und mir zurückgab.
„Dann ist’s ja gut, dass ich die hier dabei habe“, sagte ich und reichte der Drachin die Papiertüte voller Beeren. Ihre Augen leuchteten, als sie hineinschaute.
Du bist wirklich eine Heldin!
Sie schüttete die Tüte aus, fing die fallenden Beeren per Telekinese auf und ordnete die farbenfrohen Früchte in einer Kreisformation an, die sich wie ein langsames Rad in der Luft drehte. Beere für Beere wanderte aus der Formation heraus in ihren Mund. Ich befreite Atlantis wieder aus seinem Pokéball. Er ließ sich von seiner vorherigen Verunsicherung nichts mehr anmerken, als er jetzt verträumt dem Beerentanz zusah.
Für eine Weile sprach niemand, bis ich letztlich das gemeinsame Schweigen mit einer Frage brach: „Empyrea, was hat dich eigentlich in den Blütenburgwald geführt? Es ist ungewöhnlich, eine Latias im Wald zu treffen.“
Empyrea wirkte geschmeichelt. Weißt du, was das Beste an telepathischer Kommunikation ist?, gab sie zurück.
„Man kann unbemerkt miteinander sprechen, wenn es nötig ist?“, schlug ich vor.
Nein, ich weiß gar nicht, wie das geht, entgegnete sie leichthin. Meine Telepathie schlägt immer Wellen und erreicht ausnahmslos jedes Lebewesen in meinem Umkreis.
„Was ist dann das Beste daran?“
Ich kann gleichzeitig reden und kauen! Also lauscht gespannt, ihr beiden!, sagte Empyrea theatralisch und Stolz lag in ihrer Gedankenstimme. Ich erzähle euch nun meine Geschichte!

Die Geschichte eines Pokémon fängt ja mit seiner Geburt an, richtig? Ich gebe mir ganz viel Mühe, sie gut und erzählerisch zu erzählen! Ich bin an einem rauschenden, plätschernden Wasserfall auf einer Waldlichtung aus meinem Ei gekrochen. Das war vor neunzehn Sommern! Und wo liegt mein Heimatwald wohl? Auf einer Insel im südlichen Meer, so winzig, dass es niedlich ist. Niedlich und langweilig…
Mein Schwarm ist seit mehr als dreitausend Frühlingen auf der Insel zuhause, also seit vielen Generationen. Wir sind nur eine Handvoll Latias und Latios, und unsere Insel ist sehr lauschig. Außer uns gibt es dort nur kleine Wesen wie Knilz oder Perlu – niemanden, vor dem ein Drache sich jemals fürchten muss. Es ist der total absolut perfekteste Ort für ein ruhiges, friedliches Leben. Und der Himmel und das Meer laden zum Spielen ein! Aber nach Abenteuern habe ich dort immer vergeblich gesucht…

Empyrea seufzte leise – was etwas rauer klang als ein menschlicher Seufzer – und fuhr nun ein wenig verträumter fort.
Als ich noch ein flaumiger Schlüpfling war, hat mir mein Papa gesagt, dass unser Schwarm aus einem Land namens Kalos stammt. Wir durchstreiften es frei wie der Wind! Die Menschen nannten uns die „ewigen Reisenden“ oder „die Äonen-Nomaden“. Verstehst du, wir waren richtige Abenteurer! Papa erzählte mir von ururalten Überlieferungen, die aufregendste Dinge beschrieben: mysteriöse, scheinbar unendliche Wälder, hohe Gebirge, heiße Wüsten und leuchtende Menschenstädte! Aber er verriet mir auch, dass die Menschen von Kalos irgendwann einen ganz schrecklichen Krieg führten, der das Land in ein Schlachtfeld verwandelte… Deshalb verließen wir Kalos. Viele von uns blieben dem Leben als Äonen-Nomaden treu – man kann sagen: Sie blieben ewig Reisende! Wer weiß, durch welche Länder die Enkel der Enkel der Enkel ihrer Enkel vielleicht heute noch fliegen!
‚Doch manche waren zu erschüttert von der Grausamkeit, die sie erblickt hatten‘, beendete Papa die Geschichte. ‚Sie zogen sich auf eine Insel weit im Ozean zurück, wo sie ein sicheres und fruchtbares Paradies fanden.‘
So nannte er es, aber findet ihr nicht furchtbar traurig, dass sie ihre Freiheit aufgegeben haben?
, sagte die Drachin mit aufrichtigem Mitgefühl. Ich war schon damals ganz traurig darüber und habe so oft von der großen Welt geträumt… Ich habe meine Familie regelmäßig angebettelt, das Festland wenigstens mit mir zu besuchen. Sie blieben bei ihrer Meinung, dass ich die Insel nicht verlassen darf.
‚Dort draußen ist die Natur grausam und die Menschen können sogar noch grausamer sein‘, sagte Mama stets. ‚Ich bin glücklich, dass wir das wundervolle Privileg haben, auf dieser harmonischen Insel das Licht der Welt erblickt zu haben!‘
So harmonisch wie Mama sagt ist unsere Insel doch gar nicht.
Ein Anflug kindlichen Trotzes lag in Empyreas Gedankenstimme, als sie ihre letzte Beere verspeiste. Die kleineren Pokémon töten und essen sich auch da gegenseitig. Ich finde es schlimm, so etwas manchmal zu sehen – aber wisst ihr, was ich mir gerne ansehe? Sportliche Kämpfe, die Pokémon in aller Freundschaft austragen! Ich weiß noch genau, wie ich fröhlich auf meinen kleinen Bruder zugestürmt bin und gerufen habe: ‚Lass uns kämpfen wie die Krebscorps!‘ Da hat der Arme gleich geweint… und Papa hat mir beigebracht, dass unser Schwarm nicht kämpft.
‚Zum Glück besteht für uns keine Not, um Nahrung oder Territorium zu streiten‘, meinte er.
‚Aber andere Pokémon kämpfen auch einfach zum Spaß‘, war meine Antwort.
An Papas Erklärung dafür erinnere mich allzu gut: ‚Es dient dem Überleben, dass sie darin Freude finden. Wären Beeren und Früchte nicht köstlich und wäre Schlaf nicht wohltuend, würden wir solche Bedeutsamkeiten wie Mahl und Erholung vielleicht missachten. Und für die meisten Pokémon ist das Kämpfen ebenso notwendig. Bloß durch Kämpfe werden Pokémon stärker, erlernen neue Angriffe und entwickeln sich zu neuen Formen – und bloß die Starken können sich behaupten. Wir jedoch müssen uns nicht behaupten. Daher haben wir diesen unharmonischen Kampftrieb über die Jahrtausende verloren.‘
Warum war das Kämpfen dann so eine schreckliche Verlockung für mich? Vielleicht weil ich immer so hibbelig vor Abenteuerlust war!

Sie schlug wie zur Veranschaulichung mehrmals geschwind mit den Flügeln, wobei sie an Höhe gewann, um dann wieder hinab zu schweben.
Aber ich musste mich ja damit abfinden, dass es keine Abenteuer für mich gab. Zumindest nicht in Wirklichkeit. Also wurde ich zur Träumerin!
Eines Tages – das war vorletzten Sommer – traf ich eine Lapras an unserem schmalen Strand. Was für eine Überraschung! Sie hatte sich ganz mühselig an Land geschleppt, um ihre Eier in dem warmen Sand zu vergraben. Sie behütete die weißen Bällchen für drei Monde, bis sie mit einem Dutzend unerträglich süßer Miniaturlapras wieder im Wasser verschwand. Ich verbrachte ganz viel Zeit mit ihr. Sie war so lieb und klug und konnte so tolle Geschichten erzählen! Wusstet ihr, dass Lapras
unglaublich weite Reisen zwischen ihren Jagdgründen und Brutplätzen schwimmen? Leider haben brutale Menschen viele von ihnen ermordet, nur für ihre Panzer... Ist das nicht grauenvoll? Aber gute Menschen geben alles, um die Lapras zu beschützen. ‚Meine‘ Lapras ist bisher nur freundlichen Menschen begegnet. Was für ein Glück! Sie trug schon Menschen auf ihrem Rücken über das Meer! Von ihr erfuhr ich, was Trainer sind! Mein Gesicht sah ungefähr so aus.
Empyrea zog eine Miene, die zugleich großes Staunen als auch tiefe Trauer ausdrückte.
Ich wusste jetzt: Da draußen gibt es viele, viele Menschen, die mit Pokémon zu gemeinsamen Abenteuern aufbrechen! Und sie bestreiten Seite an Seite aufregende Kämpfe, während sie das Land erkunden! Die Wirklichkeit auf dem Festland ist wunderschöner als meine träumerischsten Träume! Aber ich war auf meiner Insel gefangen.
Meine Sehnsucht und mein Fernweh waren größer denn je. Und es wurde nicht besser, als Lapras sich verabschiedete… Nein, nein, es wurde schlimmer.

Während sie von jener Zeit berichtete, nahm sie eine abwehrende Haltung ein, wie um sich vor dem Schmerz ihrer Erinnerungen zu schützen; sie legte ihre Pranken an den Körper und senkte leicht den Hals.
Ich war allermeistens bekümmert und gar nicht mehr quirlig. Ich vergaß sogar das Träumen. Die Monde vergingen ganz langsam… Bis Mama und Papa mich zu sich riefen.
Empyreas Haltung lockerte sich bei diesen Worten wieder deutlich, sie atmete regelrecht auf.
‚Empyrea, du wirst in an dem Ort deiner Geburt keinen Frieden finden‘, sagte Papa ernst. ‚Deine Bestimmung liegt an anderen Orten. Bitte verzeihe mir, dass ich es so lange nicht wahrhaben wollte.‘
‚Empyrea, mein Seelentau… Du bist eine Abenteurerin‘, sagte Mama. ‚Ich werde besorgt sein, wenn du in die weite Welt fliegst, ich werde dich unendlich vermissen. Aber umso besorgter bin ich, wenn du unglücklich bist.‘
Ich war so dankbar! Oh, ich konnte meinen Federöhrchen kaum trauen.
Und so flog ich bald auf das offene Meer hinaus, um mich auf die epische Suche nach festem Land zu begeben.
Erst nach Tagen fand ich traumhaftes Grün in noch richtig ferner Ferne. Wenn ich hungrig wurde, tauchte ich nach Wasserpflanzen. Und nachts schlief ich nicht etwa in einem kuscheligen Nest, sondern einfach in der Schwebe. Das gab vielleicht Verspannungen! Es war eine anstrengende Reise, aber das übergroßartigste, was ich in meinem Leben erlebt habe! Ich spielte mit den Wingull im Wind und den Wailmer in den Wellen. Schließlich erreichte ich das Ufer, es war waldig und wild! Rate mal, welchem Pokémon ich dort zuallererst begegnete?

„Mhm, vielleicht…“, setzte ich an.
Tauboss, unterbrach mich Empyrea augenzwinkernd. Es saß in einem Tannenwipfel und sah so majestätisch aus – da vergaß ich doch glatt alle Warnungen meiner Eltern vor großen, räuberischen Geschöpfen, die Drachen fressen.
‚Hallo‘, grüßte ich Tauboss. ‚Du hast die beeindruckendsten Fänge, die ich je gesehen habe. Und dein Schnabel erst! Der ist ja schon fast beängstigend! Wie heißt du?‘
Der Vogel sah mich merkwürdig an und sagte mit seiner kreischenden Vogelstimme: ‚Du bist so niedlich, dass ich dich sogar verschonen würde. Aber ich habe seit gestern nichts Gescheites erbeutet.‘
Und schon stürzte er sich auf mich! Hättest du mich nicht gerettet, wäre dies das Ende meiner Geschichte. Aber dank dir fängt sie jetzt erst richtig an!

Sie vollführte einen Luftsalto voller Begeisterung.
Wohin reisen wir als nächstes? Wann ist mein erster Arenakampf? Es ist brillant, dass ich sofort einen Trainer gefunden habe!
An dieser Stelle gab Atlantis einen wohligen, zustimmenden Laut von sich. Er reckte seinen Schlangenleib zu Empyrea empor, konnte sie jedoch nicht erreichen. Sie schwebte zu dem weitaus jüngeren Drachen herab und er schmiegte seine Schnauze zufrieden an ihre Stirn.
Oooh. Ich freue mich auch, mit dir zu reisen, Kleiner!, meinte die Latias entzückt und kraulte den Hals des Dratinis mit ihrer Nasenspitze.

„Empyrea. Bist du dir sicher, dass du mit mir kommen willst?“, fühlte ich mich jedoch verpflichtet zu fragen. „Ich bin erst seit gestern auf Trainerreise und es gibt so viele bessere, erfahrene Trainer, die –“
Ach was!, entgegnete die Drachin, ließ von Atlantis ab und tätschelte mir mit einer Tatze den Kopf. Ich verdanke dir mein Leben und du bist komisch. Also auf eine gute Weise. Dich nehme ich.
„Glaub mir, ich fühle mich total geehrt!“, betonte ich. „Aber es ist ein bisschen ironisch, dass du von Freiheit träumst und dich fangen lässt. Natürlich“, fügte ich eilig hinzu, „bist du bei mir nicht gefangen. Du dürftest jederzeit gehen, falls du doch nicht bleiben möchtest. Immerhin sind deine Gefühle und Wünsche nicht weniger wichtig als meine. Nur sind die Gesetze der Menschen ziemlich… rückständig, wenn es um Pokémon geht. Das heißt: Gesetzlich hast du dein Recht auf Freiheit verloren, als mein Pokéball dich eingesogen hat. Daran kann ich leider nichts ändern. Wenn du dich dabei unwohl oder – nun ja – unfrei fühlst, dann –“
Warum sollte ich?, erwiderte Empyrea unbekümmert. Ich muss mich an Menschengesetze doch nicht halten. Ich bin ja schließlich kein Mensch!
„So funktioniert das nicht“, sagte ich trocken. „Aber… ich verspreche dir als deine Trainerin, dass du unter dieser Gesetzeslage niemals leiden wirst. Okay?“
Dann ist doch alles prima!, entschied Empyrea.
Ich unterdrückte einen Ausruf der Erleichterung und innige Freude ergriff mich. Ohnehin war es ein rares Privileg, eine Latias zu trainieren. Doch ein derart lebensfrohes Exemplar war zweifellos ein noch seltenerer Fang!
Wollen wir jetzt unseren Kampf austragen?, fragte jenes Exemplar. Du und deine anderen Pokémon gegen mich?
Ich stutzte. „Was?“
Kämpft ihr Trainer nicht immer zuerst gegen die Pokémon, bevor ihr sie in eure Teams aufnehmt?, hakte Empyrea irritiert nach. Wir können das Aufnahmeritual nicht überspringen!
„Das ist kein Ritual“, erklärte ich. „Ohne Kämpfe würden sich die meisten Pokémon einfach nicht fangen lassen. Erst der Kontakt mit dem Pokéball zähmt sie und lässt sie ihre Scheu vor Menschen verlieren.“
Nennt man so etwas nicht Gehirnwäsche?, meinte mein Neuzugang munter. Wie auch immer, ich spüre überhaupt keine Veränderung! Abermals erklang das glucksende Lachen der Latias. Lass uns trotzdem kämpfen! Ich habe mich darauf gefreut, weißt du!
Die bernsteinfarbenen Drachenaugen blickten voll froher Entschlossenheit in meine. Ein euphorisches Feuer schien in ihnen zu lodern.
Gwenda, ich fordere dich zu einem Kampf heraus!, verkündete Empyrea feierlich.


*********
Ich hoffe, es hat euch gefallen. :)
Ich schwöre - das nächste Kapitel wird das letzte sein, das in Blütenburg stattfindet! :P

Viele Grüße,
dreamer
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Re: (Kapitel VII ist da) Die S...

#1309157 von KleinKokuna
12.08.2018, 11:43
Oh klasse, hier geht es auch weiter, wie cool :D!

Ich wollte unbedingt wissen, wie Gwenda ihrem sympathischen Neuzugang die Sache mit Tauboss erklären würde. Dass es nun auf eine Notlüge hinauslief, ist vielleicht sogar das Beste. Zumindest kann ich die Entscheidung deiner Protagonistin gut nachvollziehen.
Allgemein sind die beiden Kapitel wieder wunderschön und weiterhin mit so viel Liebe zum Detail und guten Ideen geschrieben, wie z.B. Gummihandschuhe für Blitza, oder die zig schmucken Accessiors von Gwenda.

Und gleich der Anfang, als Gwenda sich mit ihrer viel zu lauten Musik hat wecken lassen, hat mich schmunzeln lassen :lol:. (Da musste ich nämlich sofort an meine kleine Schwester denken; die dreht mitunter auch immer so auf, dass JEDER im ganzen Haus mithören kann xD.)

Das Gespräch zwischen Gwenda und Empyrea; ein schöner Name übrigens; ist ebenfalls so lustig und herzallerliebst :herz:!

Wie deine sorglos, unschuldige Latias die Sache mit dem 'Häuten' missversteht, oder ihre kleine künstlerische Einlage mit der Apfelschorle und den Beeren und natürlich der ihrer Meinung nach beste Vorzug an der Telepathie ^^.
Und Empyreas Geschichte und die ihrer Vorfahren ist auch so schön erzählt, klasse auch, wie du den Krieg von Kalos da mit einbezogen hast. -Ich für meinen Teil könnte ihr wohl stundenlang zuhören xD.

Der Teil mit Tauboss am Schluss, war dann nochmals ein kleines Highlight: 'Du bist so niedlich, dass ich dich sogar verschonen würde...' :'D. Da ist mir doch glatt wieder ein Artikel über den Kakapo (flugunfähiger, etwas pummeliger Papagei, der dafür nach Bienenwachs duftet, aus Neuseeland), in den Sinn gekommen, weil er ja keine natürlichen Feinde kannte, bis die Menschen Ratten, Katzen, Wiesel etc. eingeschleppt haben: 'Deswegen begegnete er jedem Fremden mit freundlicher Neugier...
...und wurde darum nur allzu oft gefressen :P'


Man kann es gar nicht oft genug sagen, aber mit deiner Latias hast du einen äußerst bemerkenswerten und vor allem liebenswerten Charakter erschaffen - mit so jemanden wäre man doch nur zu gern auch im echten Leben befreundet :D!

Und in dem Sinne, mach weiter so :up:!
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Re: (Kapitel VII ist da) Die S...

#1309525 von empyrean dreamer
29.08.2018, 17:17
Ein großes Dankeschön für deinen Kommentar, KleinKokuna! :)

Es macht mich nicht nur richtig glücklich, dass dir meine Geschichte so gefällt, es ist auch eine zusätzliche Motivation für mich. ^^

Ich schätze es beim Schreiben vielleicht am meisten, mir diese kleinen Details auszudenken, die der Welt und den Charakteren mehr Leben geben. Freut mich sehr, dass das gut ankommt. ^^

Empyrea basiert auf einem gleichnamigen Rollenspielcharakter, den ich für ein Pen-&-Paper-RPG erfunden und richtig ins Herz geschlossen habe. Entsprechend mag ich auch ihre Pokémonversion - meine Latias - total. Deshalb freut es mich immer besonders, wenn auch Andere sie mögen! Sie ist schließlich mein Baby. ;__; :D

Auch wenn ich zwischen meinen Verpflichtungen und anderen Hobbys ja nur unregelmäßig zum Schreiben komme. Nichtsdestotrotz ist mir diese Geschichte mittlerweile wirklich wichtig und die Charaktere haben längst einen festen Platz in meinen Tagträumereien gefunden. ^^

Und OMG, der Kakapo-Vergleich passt viel zu gut! xD
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Re: (Kapitel VIII ist da) Die ...

#1310517 von empyrean dreamer
15.10.2018, 10:29
So, hier kommt ohne Umschweife das nächste Kapitel (wird ja auch mal Zeit ;) ). Viel Spaß beim Lesen! :)

Kapitel 8 - Duell der Drachen

„Ich muss deine Herausforderung leider ablehnen, Empyrea“, sagte ich. „Du bist zu stark. Du würdest Atlantis verletzen.“
Die Latias legte amüsiert den Kopf schief. Ich bin stark? Das wüsste ich aber! Ich habe doch überhaupt gar keine Kampferfahrung!
„Du hast dich gegen Tauboss verteidigt. Und eine einzige Attacke von dir genügte, um den ausgewachsenen Greifvogel zu… besiegen“, beendete ich den Satz etwas holprig. „Du bist wohl von Natur aus mächtig.“
Empyrea kicherte ihr raues Kichern. Na, das wäre ja schön! Aber das glaubst bloß du. Weißt du denn nicht, dass wir Psycho-Pokémon oft ganz erstaunliche Kräfte freisetzen, wenn wir sehr stressigen Stress erleiden oder in Gefahr schweben? (Verstehst du, ‚schweben‘, das Wortspiel war Absicht!) Sie kicherte erneut. Ich habe oft darüber nachgedacht, ob die epischen Heldengeschichten wahr sind, in denen todesmutige Äonen-Nomaden im Angesicht des Feindes das Unmögliche möglich machen! Und dann war ich gestern der lebendige Beweis dafür, dass so etwas wirklich geht! Meine phänomenale Psywelle war ein Wunder!
„Nicht nur Psycho-Pokémon mobilisieren dank Adrenalin und dem schieren Überlebenswillen manchmal überraschende Kräfte“, warf ich ein. „Aber vielleicht kommt es bei euch aufgrund eurer Magie häufiger vor – oder ist stärker ausgeprägt? Da muss ich mich mal informieren. Und – stimmt! – die Psywelle ist ja sowieso ein Angriff, der bei jedem Einsatz unterschiedlich stark ausfällt. Ob das zu deinem kleinen Wunder beigetragen hat?“
Ich weiß es nicht!, gestand Empyrea fröhlich. Und wer Adrelanin ist weiß ich erst recht nicht! Davon musst du mir später unbedingt erzählen. Aber ich weiß, dass meine Kräfte eigentlich nicht allzu groß sind, wenn mich nicht gerade ein fieser Vogel fressen will. Schau her!
Sie legte den spitzen Kopf zurück und violettes Licht erglomm in ihrer Kehle. Sie richtete die Schnauze gen Boden, öffnete weit den Mund und spie einen Lichtstrahl in das Gras, welcher sich blitzschnell um die eigene Achse drehte. Sie führte jenen Angriff auf den Wiesengrund mehrmals aus. Mal war ihre Psywelle kraftvoller, mal trudelte sie träge daher.
Als Empyrea schließlich von der Vegetation abließ, war die Erde ein wenig aufgewühlt und mit zerfetzten Grashalmen sowie deren Wurzeln übersät. Doch hatte die Drachin freilich keine tiefe Schneise der Zerstörung in der Wiese am Waldrand hinterlassen. Auch konnte ich weder verbrannte noch angesengte Halme entdecken.
Ta-daa! Ganz schön mickrig, oder?, meinte Empyrea zufrieden.
„Also ‚mickrig‘ ist das für ein untrainiertes Pokémon nicht“, widersprach ich lächelnd. „Aber du hast schon recht. Man muss keine Angst vor dir haben. Weißt du was? Du hast mich überzeugt. Ich nehme deine Herausforderung an!“
Sowie ich diese Worte äußerte und von meinem Wurzelsitz aufstand, schlängelte Atlantis eifrig vor mich. Er reckte mit geschwollener Brust den Hals, wie um sich für den Kampf zu wappnen.
Eine sehr richtige Entscheidung, Gwenda!, lobte Empyrea. Lasst die Spiele beginnen!

„Alles klar! Atlantis, setze Windhose ein!“, befahl ich entschlossen.
Er tat wie geheißen. Er wand sich flink in einem engen Kreis, in dessen Zentrum die Luft sogleich wirbelte. Flach wie ein Dummisel drückte er sich gegen den Boden und schickte den Wirbelwind über sich selbst hinweg Empyrea entgegen.
Diese wich eilig schwebend nach links aus, sodass der Luftsog lediglich ihr Federkleid zerwühlte, während er an ihr vorüber in den Wald sauste. Dort verschlang er Zweige und kleinere Äste uralter Bäume, bevor er heulend zerstieb.
Die Latias machte eine kurze, ruckhafte Bewegung in die Richtung meines Dratinis, wirkte jedoch unschlüssig und hielt wieder inne.
„Noch eine Windhose!“, wies ich meinen Seedrachen an. Er erschuf folgsam einen zweiten tosenden Sturm und ließ ihn auf seine Gegnerin los.
Es war schwierig zu ermitteln, ob Atlantis diesmal noch geschwinder angriff oder ob Empyrea nur langsamer reagierte als zuvor. Ihr gelang kein rechtzeitiges Ausweichen. Obgleich sie verzweifelt mit den Flügeln schlug, verlor sie in dem windigen Sog ihr Gleichgewicht. Wie ein Spielball des Sturmes wurde sie umhergeworfen, während sie hilflos flatterte. Letztlich krachte sie bäuchlings zu Boden und ihr hoher Schmerzensruf drang durch das Tosen des Windes. Sie krallte sich mit ihren klauenbewehrten Tatzen in der Erde fest und duckte sich gegen den Sturm, als dieser über sie hinwegfegte und abermals im Wald verwehte. Er hinterließ eine Empyrea, die inzwischen völlig zersaust und mit zugekniffenen Augen kauerte. Aber binnen einer Sekunde öffnete sie ihre Augen wieder und diese leuchteten pupillenlos grellweiß. In demselben Moment wurde Atlantis wie von unsichtbarer Hand ergriffen und rücklings gegen den Stamm der Eiche geworfen, auf deren Wurzel ich eben noch saß. Der Jungdrache sackte mit einem leisen Wimmern in das Gras hinab.

Oh nein! Habe ich dir sehr, sehr wehgetan?
Empyrea, in deren Augen nunmehr kein ominöses Leuchten, sondern ein schuldbewusster Ausdruck lag, schwebte leicht schwindelig schwankend zu Atlantis, den ich behutsam in die Arme nahm. Sie stupste seinen Schlangenleib mit ihrer weichen Schnauze an.
Ich… Habe ich es übertrieben? War das zu gemein, kleines Kerlchen?
Atlantis schlug die Lider auf, hob leicht den Kopf und blickte zu seiner Kontrahentin. Er machte einen zischelnden Laut, der beruhigend und zugleich trotzig klang, als hätte die Frage seinen Stolz berührt. Tapfer wand er sich aus meinen Armen und richtete sich auf.
Was, du willst sogar weiter kämpfen?, meinte Empyrea in verblüffter Erleichterung. Du bist aber ein mutiger Junge!
„Empyrea, bist du dir denn sicher, dass du noch in der Lage zum Kampf bist?“, erkundigte ich mich.
Das gefiederte Geschöpf tat einen langen Seufzer. Kämpfen tut ganz schön weh, stellte es aufgewühlt fest. Und von dem turbulenten Windwirbel ist mir obendrein übel… Aber obwohl ich durch die Gegend gepustet wurde, habe ich es danach doch geschafft, noch in dem stürmischsten Sturm meine mentalen Kräfte zu sammeln! Und zurückzuschlagen! Da kann ich ja jetzt nicht aufgeben! Ich glaube, ich fühle einen richtig merkwürdigen Pokémon-Urinstinkt – dabei ist es verrückt, dass wir Freunde werden und uns sofort darauf prügeln! Und jep, ich möchte gerade nicht aufhören, zu kämpfen, schloss sie ein wenig zittrig, aber bestimmt.
„Wenn du das sagst“, meinte ich erfreut. „Atlantis – setze Aquawelle ein!“

Über dem abgeflachten Stirnhorn des Schuppenwesens erstand ein schwebender Tropfen, welcher sich innerhalb von Herzschlägen zu einer voltobalgroßen Wassersphäre aufblähte. Atlantis riss den Kopf empor und die Aquawelle rollte in die Höhe, auf zu Empyrea. Diese versuchte zu entfliehen, indem sie sich herabstürzte. Doch das harte Wassergeschoss streifte ihren Hinterleib und durchnässte ihr Gefieder, bevor es in der Luft zerbarst. Die Latias tat einen scharfen, schmerzvollen Atemzug und taumelte rückwärts. Aber sie gewann ihre Stabilität innerhalb zweier Flügelschläge zurück.
Wegen ihres vorherigen Sturzfluges schwebte sie jetzt auf Atlantis‘ Augenhöhe, als sie den Mund aufsperrte und eine lodernde Schockwelle spuckte, geradewegs auf sein Gesicht zielend. Der Drachenpuls leuchtete morgenblau, abendrot und nachtviolett.Atlantis entwich ihm in einer geschickten Schlangenwindung.
„Wickel!“, wies ich ihn knapp und bündig an. Das Drachenjunge schlängelte voran und umschlang Empyreas Kopf, ehe sie diesen zurückziehen konnte. Es wickelte sich um ihre Schnauze, ihre Augen und die Federquasten, die sie Ohren nannte.
Die ältere Drachin versuchte, sich von der lebendigen Maske zu befreien, indem sie den Kopf mehrfach gegen die Erde rammte. Der zähe Atlantis lockerte seinen Griff nicht.
„Donnerwelle!“, erteilte ich ihm den nächsten Befehl. Die Elektrizität meines Pokémon würde stärker wirken, wenn es sie direkt von Körper zu Körper übertrug – dies war bereits mein Gedanke bei dem Wickelangriff gewesen.
Hinter Atlantis‘ Stirn begann ein bläulich weißes Flackern, es leuchtete durch seine Haut und Schuppen wie ein Gewitterlicht durch eine Wolke. Empyrea schoss in einem kräftigen Satz etwa zweieinhalb Meter hinauf. Dann preschte sie kopfüber gen Wiesengrund. Offenbar war sie eher dazu bereit, sich bei jedem Manöver selbst zu schaden als den Stromschlag zu erdulden.
Da stellten sich an Atlantis‘ gesamten Körper die Schuppen knisternd auf. Ein Gewirr feiner Blitze zuckte zwischen ihnen hervor, umfing Empyrea wie ein Netz und traf sie an zahlreichen Punkten – so schnell wie Blitze eben sind.
Einen Wimpernschlag später prallten die beiden Kämpfer gegen den Erdboden. Die Latias stieß mit dem Kopf auf den Grund und fiel schräg vornüber. Von dem Aufprall benommen ließ das Dratini sie los. Wie ein erschlaffter Schal lag es neben ihr. Empyrea schnappte nach Luft, sowie Atlantis sie freigab. Sie atmete bloß, davon abgesehen war ihr Körper reglos und steif. Der elektrische Schlag schien sie betäubt zu haben.

Die Sekunden verstrichen, doch die Pokémon erhoben sich nicht wieder. Ohne jeden Elan und mit geschlossenen Augen lagen sie im taufeuchten Gras, boten einen mitleiderregenden Anblick.
„Beide Duellanten sind kampfunfähig – das Duell endet unentschieden“, verkündete ich, in die Rolle der Schiedsrichterin schlüpfend. Nach jenem Urteil eilte ich unverzüglich zu meinen Drachen.
„Ich bringe euch zum Pokémon Center, da geht es euch gleich besser“, sagte ich ihnen in mütterlichem Ton.
Atlantis öffnete schwerfällig blinzelnd die Augen und erwiderte einen dünnen Laut der Dankbarkeit. Ich beförderte ihn in die Geborgenheit seines Pokéballs, den ich in meiner Hosentasche verstaute. Anschließend zückte ich Empyreas Ball. In diesem Moment vernahm ich deren schwache Gedanken in meinem Geist: Du hast meine Prüfung erst… fast bestanden, Gwenda. Du musst mich… noch fangen, weißt du? Wirf die… Fangkugel.
„Ich habe dich längst gefangen“, entgegnete ich verdutzt.
Da hatte mich Tauboss… schon vorgefangen. Das… zählt nicht.
„Du hast recht, das war keine faire Begegnung“, willigte ich ein.
Ich trat vier große Schritte zurück, visierte den Rücken der paralysierten Abenteurerin an und warf den ihr zugehörigen Pokéball. Allerdings nahm ich zu viel Schwung und er landete meterweit hinter Empyrea im Wiesengrün. Beschämt und hastig holte ich ihn zurück und ging in meine Ausgangsposition. Mein zweiter Wurf war sachter. Zu sacht. Die Fangkapsel rollte nach ihrer Landung noch ein Stück weit, kam aber kurz vor Empyreas Nasenspitze zum Stehen. Das vogelhafte Wesen machte irritiert die Bernsteinaugen auf. Deren Blick ausweichend unternahm ich einen dritten Wurfversuch. Der Ball kam links von Empyrea zu Boden, in beachtlicher Entfernung zu dem Pokémon.
Was tust du?, fragte jenes.
„Ich weiß es selbst nicht“, erwiderte ich frustriert, während ich die Kapsel auflas. Ich begab mich in Position und fokussierte all meine Konzentration. Ein weiteres Mal zielte ich auf den Drachenrücken und warf. Empyrea gab einen erschrockenen Schmerzenslaut von sich, als der Pokéball sie am rechten Auge traf. In einem Lichtschein wurde ihre materielle Form in Energie umgewandelt und von dem Ball umschlossen, welcher beinahe geräuschlos in das Gras fiel.

Zutiefst peinlich berührt stand ich da und fragte mich, warum das treffsichere Werfen von Pokébällen an der Trainerschule nie geübt wurde und wir dort stattdessen viele Stunden darauf verwendet hatten, den Aufbau und die Funktionsweise von Nasgnets magnetischer Nase zu besprechen.
Ich hob Empyreas Kapsel in meine Hände und sagte betreten: „Tut mir Leid, Empyrea. Das war ein Versehen!“
Jetzt habe ich… nicht nur Kopf- und Körperschmerzen… nein, auch zusätzlich noch Augenschmerzen, erreichte mich ihre ermüdete Gedankenstimme. Aber die Augenschmerzen… waren ja keine Absicht. Wenn ich… wieder auf den Flossen bin… trainiere ich dich. Du musst… ganz dringend geschickter werden…
„Okay - danke. Ich bin die Ungeschicktheit in Person“, stimmte ich verlegen zu. „Im Gegensatz zu dir – für den Anfang kämpfst du wirklich gut“, erkannte ich an, nicht allein um das Thema zu wechseln. „Du hast viel Potenzial.“
Empyrea antwortete nicht länger in Worten. Sie sandte mir nur ein unbestimmtes, erschöpftes Gefühl von Stolz. Ich spürte die Emotion deutlich und wusste dennoch unbeirrt, dass sie von der Telepathin stammte und nicht meine war.
Ich zog Atlantis‘ Pokéball ebenfalls hervor und sprach zu dem Jungtier in seiner Kapsel. „Mein Kleiner, dasselbe gilt für dich. Du hast gekämpft wie ein Pyroleo. Ich bin stolz auf dich!“
Und ich verließ zügig den verborgenen Waldrand, schritt an dem stillen See vorüber, um meine Drachen in dem nahen Dorf von den Blessuren und Schmerzen des Kampfes heilen zu lassen.


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Das war's für heute. ^^
Im Startpost findet sich jetzt übrigens ein Titelbild zur Geschichte. Das hat die großartige Winterfaux gegen Bezahlung für mich angefertigt. Ich selbst kann nämlich keine Menschen zeichnen. (Ich mag andere Zeichenmotive einfach viel lieber und bin deshalb nicht motiviert, Menschen zu üben. :P)
Ich bin sooo glücklich mit dem wunderschönen Titelbild. :D
Viele Grüße,
dreamer
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