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Braut auf der Flucht

#1309084 von KleinKokuna
09.08.2018, 17:42
Braut auf der Flucht: Die abenteuerliche Reise der Altan-Tschitschik


Vorwort:

Tjaaa, nachdem ich vor bald sieben Monaten meine erste FF hier beendet habe, wird es nun doch langsam Zeit für eine Neue :lol:! Man kann einem alten Kater eben keine neuen Tricks beibringen^^.

Diese FF ist hauptsächlich inspiriert von Evalis tollem Pixelart, welches ihr hier bestaunen könnt, und ist nebenbei eine kleine Hommage an ein paar andere Lieblingsspiele nebst Pokémon. (An dieser Stelle übrigens nochmals ein dickes Dankeschön an Evali, dass ich es hierfür verwenden darf :up:!)

Da die Überschrift und das Pixelart - und nicht zuletzt mein Kommentar in der Fanart-Galerie dazu :P - schon grob verraten, worum es in dieser Story geht, will ich mich mal bedeckt halten - lasst euch einfach überraschen^^.
Und darum wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen und hoffentlich gefällt sie euch :).
Inhaltsverzeichnis:

1.Kapitel:
1.1: Ein neuer Tag
1.2: Der Herr des Turms
1.3: Freundinnen unter sich
1.4: Goldblumes Erwachen
1.5: Die Flucht

Zuletzt geändert von KleinKokuna am 12.08.2018, 17:49, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Braut auf der Flucht

#1309085 von KleinKokuna
09.08.2018, 17:43
1.Kapitel

1.1: Ein neuer Tag

(Da ich das bei Ayrons und Vampirbiss' FFs so toll fand, will ich es auch mal mit Musik versuchen^^. Darum hier als Hintergrundmelodie: Rayman 2 - The Fairyglade Part 1: https://www.youtube.com/watch?v=SNAN10DwpQg

Altan-Tschitschik schlug die Augen auf, gähnte kurz herzhaft und blickte sich noch etwas verschlafen in ihrer Kammer um. Die feingliedrige hochgewachsene Frau lag in einem hellblau bezogenen, unfassbar weichen Himmelbett und trug selbst ein elegantes, silbergraues Nachthemd aus purer Seide, das sich herrlich luftig anfühlte und ihrer zarten, hellen Haut angenehm schmeichelte.

Ihr Schlafgemach selbst war ein eher kleiner Raum mit einer äußerst ungewöhnlichen Grundfärbung: Der Boden, die Wände und auch die Decke waren nämlich mit Fließen aus pechschwarzen, poliertem Obsidian belegt, was dieser Kammer natürlich eine ziemlich düstere, wenngleich durchaus edle Ausstrahlung verlieh. Um diese ein wenig aufzuhellen befanden sich neben einer Kommode, einem kleinen Tisch und einem Schrank aus betont hellem Holz, einige dekorative Ornamente aus Gold, Silber oder Kristall an den Wänden. Noch dazu ließen eine große Glastür, die zu einem schmucken Balkon führte, und ein ovales Fenster daneben die sanften, goldgelben Strahlen der aufgehenden Morgensonne ins Zimmer dringen. –Wobei diese von malvenfarbenen, mit goldenen Stickereien verzierten, Vorhängen gedämpft wurden, damit Altan-Tschitschiks Schlummer nicht vor der Zeit gestört wurde.

Nun stand diese allerdings auf, zog die Vorhänge beiseite, öffnete Fenster und Tür und trat auf den Balkon hinaus, um die frische Morgenluft hereinzulassen und einen tiefen Atemzug davon zu nehmen. Sich an das metallene und ebenfalls schwarze Geländer, welches aus verflochtenen Metallstangen bestand, lehnend, betrachtete die junge Frau die eigenwillige und doch faszinierende Aussicht, die sich ihr bot.

Soweit man sehen konnte, spiegelten sich die Morgensonne sowie der strahlend blaue Himmel auf den unzähligen glitzernden Wasserflächen, die sich ringsherum erstreckten. Nur hie und da ragten ein paar kleine Erdhügel, welche mit allerlei niederen und mit tau geschmückten Pflanzen bewachsen waren, aus dem morastigen Wasser. Dazu noch einige wenige Holzstege, welche die einzigen trittsicheren Pfade hier bildeten, und fertig war die Sumpflandschaft, in der sich Altan-Tschitschik befand. –Lediglich am Horizont zeichnete sich eine dichtere Vegetation ab, die auf einen Sumpfwald schließen ließ.

Die Spiegelung des Wasser sorgte auch dafür, dass Goldblume – wie Altan-Tschitschik auch genannt wurde – stets sehen konnte, wo sie wohnte:

In einem riesigen Turm, der seinerseits ebenso komplett aus pechschwarzem Obsidian bestand, und sich spiralförmig wie die Schale eines Muschas, welches sich in den Schwanz eines Flegmon verbissen hatte, mehrere Meter in die Höhe erstreckte und so als unübersehbarer Punkt in der Landschaft thronte. An der Spitze dieses Turmes waren noch fünf große, zackenförmige Gebilde angebracht, sodass das ganze Bauwerk einem gewaltigen Arm samt einer Hand mit gezackten Klauen glich, welche sich drohend und gierig nach dem Himmel ausstreckte, als wolle sie nach diesem greifen.

Diese unheilige Ausstrahlung des Gebäudes musste es wohl sein, die dafür sorgte, dass auffällige Stille hier im Sumpf herrschte und man auch kaum Pokémon zu Gesicht bekam, obwohl dieser Ort einen idealen Lebensraum darstellte. Ein paar Piccolente, die mühelos über die Wasserflächen glitten. Das Glitzern der Schuppen einiger Fisch-Pokémon wie Karpador, Barschwa, oder auch Barschuft und ein Schwarm Käferpokémon, bestehend aus einigen Illumise und Volbeat, welche in niedriger Höhe in der Luft herumtänzelten und sich auf den Weg zu einer Ruhestätte machten…

…Vielmehr war nicht zu sehen, zumal die Pokémon es vermieden, dem Turm zu nahe zu kommen. (Er sah aber auch nicht wirklich einladend aus – ganz sicher ein Patzer des Architekten…)

Trotzdem überwogen die positiven Aspekte und die ganze, friedliche Szenerie würde den meisten wohl ein Lächeln auf die Lippen zaubern.

Doch Altan-Tschitschik lächelte nicht. Ihr Kopf brummte und sie fühlte sich wie nach einem aufwühlenden Traum, der so lebhaft war, dass man selbst nach dem Aufwachen immer noch nicht klar sagen konnte, was zur Wirklichkeit zählte und was nicht.

Seufzend ging die junge Frau wieder hinein und ließ sich auf einem gemütlichen Stuhl vor dem Tisch nieder. Mit den Ellenbogen darauf und den Kopf auf ihre beiden Hände gestützt, starrte sie so nachdenklich in den großen schmucken Wandspiegel gegenüber. Das ebenmäßige rundliche Gesicht einer wunderschönen Frau Anfang dreißig mit schneeweißem Haar im Pagenschnitt starrte von dort aus unverwandt zu ihr zurück. Die Iriden der großen hübschen Augen stachen besonders hervor; wirkten sie doch mit ihrer lila Färbung, die zur Pupille hin ins Türkise übergingen, ausgesprochen exotisch.

Allerdings waren auch diese sogenannten ‚Fenster zur Seele‘ genauso von dumpfer Grübelei und unbestimmten Zweifeln getrübt wie der Rest des Gesichts auch. ‚Wer bin ich bloß?‘, schien das Spiegelbild Goldblume stumm zu fragen, worauf diese nur den Kopf schütteln konnte.

Sie wusste es nämlich selbst nicht sicher. All das hier: Der finstere Turm, ihr Schlafgemach, die Aussicht auf die Sumpflandschaft und noch vieles mehr wirkten so vertraut, als kenne sie dies schon lange. Seltsamerweise hatte sie aber keine einzige konkrete Erinnerung an irgendein Erlebnis hier. Keine einzige Anekdote kam ihr in den Sinn, kein Bild eines besonders schönen Tages, den sie hier verbracht hatte.

Genauso verhielt es sich mit ihrer Kindheit. Altan-Tschitschik glaubte zwar zu wissen, wie und wo sie aufgewachsen ist; als einziges Kind einer verarmten Adelsfamilie vom Lande und so weiter und so fort…

…aber irgendwie fühlte sich das so allgemein und nicht richtig an, als wäre das eine x-beliebige Kindheit gewesen und nicht ihre eigene. Auch hier hätte sie auf die Frage nach einem wunderschönen Erlebnis, welches ihr als Kind widerfahren war, passen müssen. Ihr fiel nämlich rein gar nichts Genaues ein. Es war wie verhext!

Goldblume seufzte erneut, schüttelte leicht den Kopf und lächelte die hübsche Frau im Spiegel schwach an. „Was ich mir immer für Gedanken am Morgen mache…“, murmelte sie mit ihrer klangvollen und zarten wie kräftigen Stimme ironisch und spürte endlich so etwas wie Zuversicht und Freude in sich aufsteigen. Denn trotz dieser ganzen Grübelei fühlte sie in sich eine Art schier übermächtige Gewissheit, die ihr versicherte, dass alles so ist, wie sie es erlebt hatte. –Ob sie sich nun daran erinnern konnte oder nicht.

Endlich guter Dinge erhob sich Altan-Tschitschik und begann sich vergnügt pfeifend aus dem Schrank ihre Garderobe für den Tag zu holen, ehe sie für eine Dusche ins gegenüberliegende Badezimmer verschwinden würde. Dabei prickelte ihr ganzer Körper voller Vorfreude, schließlich kam ihr in den Sinn, dass ja Morgen ihr großer Tag sein würde!

„Der schönste Tag im Leben^^.“, kicherte die junge Frau freudig bei dem Gedanken daran und spürte zufrieden bei jeder ihrer Bewegungen das Spiel ihrer sehnigen, straffen Muskeln unter der Haut, denn obwohl Goldblume so zierlich aussah, steckte enorme Kraft in ihrem Körper.

Und dennoch…

Für einen kurzen Augenblick konnte Altan-Tschitschik nicht anders, sondern warf nochmals einen gar sehnsüchtigen Blick nach draußen gen Horizont. Der wohlige Mantel des Gefühls, das alles in Ordnung ist und ihr eine wundervolle Zukunft bevorstand, konnte nicht verhindern, dass sich für einen Moment tief in ihrem Inneren eine Art stummer Aufschrei regte.

Ein Schrei nach Freiheit…

1.2: Der Herr des Turms

Frisch gewaschen und fertig angekleidet prüfte Goldblume eine Weile später ein letztes Mal ihr Aussehen im Spiegel, ehe sie sich hinab in den großen Speisesaal für ein ausgiebiges Frühstück begeben würde. Sie trug nun ein einfaches aber dennoch edles dunkelblaues Gewand, das ihre Figur schmeichelnd betonte und nach unten hin in einen langen, wallenden Rock überging. Abgerundet und verziert wurde ihre Kleidung noch von kunstvoll verschnörkelten Stickereien aus silbernen Fäden, die sich an den Säumen ihrer Ärmel und ihres Rockes befanden. Auf Schmuck beziehungsweise Make-up verzichtete sie fast gänzlich da Altan-Tschitschik Wert auf natürliche Schönheit legte von der sie ja mehr als genug besaß^^.

Lediglich ein goldenes Kettchen fand den Weg um ihren Hals; darauf verzichtete die junge Frau nämlich niemals. Es stand ihr, nach ihrer Meinung nach, einfach zu perfekt und sie hatte beinahe das Gefühl, dass dieses Kleinod beinahe wie ein Körperteil zu ihr gehörte. So seltsam es sich auch anhörte.

Jetzt lächelte Goldblume ihr Spiegelbild breit an und vollführte voller Übermut eine kleine Drehung. Die erfrischend warmen, perlenden Wasserstrahlen der Dusche hatten ihr richtig gut getan und die letzten Zweifel sowie sinisteren Gedanken endgültig verjagt. Jetzt war sie definitiv bereit für einen wundervollen Tag!

Da klopfte es unvermittelt dezent an ihrer Zimmertüre, was Altan-Tschitschik lächeln ließ, da sie selber nur darauf gewartet hatte. „Komm doch rein Nanette!“, sprach die junge Frau einladend und freundlich und kicherte verschmitzt: „Nach all der Zeit solltest du doch wissen, dass ich um die Zeit schon längst salonfähig bin, hihi.“

„Oh da klingt aber jemand gut gelaunt.“, fand eine leblose Stimme, die deshalb trotz ihres freudigen Klanges befremdlich wirkte: „Aber kein Wunder, Morgen ist ja Ihr großer Tag Mylady, haha.“

Die Tür öffnete sich und herein trat eine durch und durch groteske Gestalt:

Eine Art lebensgroße Marionette eines Guardevoir, die wirklich, wie von unsichtbaren Fäden geleitet, unnatürlich herum tänzelte. Anstatt normaler Augen besaß Nanette nur zwei große runde und pechschwarze Knöpfe und ihr zu einem ständig schiefen Grinsen verzogener Mund war; einer Vogelscheuche gleich; mit schwarzen Fäden vernäht.

Nicht wenige hätten angesichts dieser absonderlichen Kreatur ein unbehagliches Gefühl bekommen, vielleicht sogar die Flucht ergriffen.- Oder es sofort voller Abscheu mit einer Dynamischen Maxiflamme angegriffen. Aber Goldblume zeigte keine dieser Verhaltensweisen. Schließlich kannte sie Nanette schon seit dem Tag, an dem dieser Turm ihre neue Heimat wurde. Anfangs hauptsächlich als Kammerzofe für Altan-Tschitschik zugeteilt, hatte die junge Frau rasch hinter die zugegeben äußert merkwürdige Fassade Nanettes sehen können, sodass aus den beiden unzertrennliche Freundinnen wurden.

Jedenfalls griente sie ihre skurrile Freundin an und meinte fröhlich: „Aber Hallo! Wer würde sich da denn nicht freuen :D?“ Goldblume ergriff Nanettes Hand – sie fühlte sich an wie ein Filzhandschuh – zog sie mit nach draußen in den Gang und sprach dabei munter weiter: „Ich hoffe doch sehr, dass du mir nur sagen wolltest, dass die Tafel fertig gedeckt ist, nicht? So langsam habe ich nämlich richtig Hunger!“

Auf dieses Stichwort hin knurrte ihr Magen sogleich heftig und die Kammerzofe machte eine vergnügte Geste und meinte höflich: „Gewiss doch Mylady! Es ist alles bereit. Nur der Meister wird etwas später erscheinen. Durchlaucht ist noch völlig erschöpft von seiner gestrigen Anstrengung.“

„Ach ja? Immer am Schaffen der Kerl, hihi.“, kicherte Altan-Tschitschik mit einem verträumten Gesichtsausdruck. Denn mit jenem ‚Meister‘ war ihr Geliebter und Verlobter gemein. Jener Mann, dem der Turm hier gehörte und den sie über alles liebte, weshalb sie überhaupt hierhergezogen ist. Und eben auch jener Mann den sie morgen schon endlich heiraten würde!

„Ja so ist Durchlaucht nun mal, haha.“, lachte Nanette wieder mit ihrer leblosen Stimme, die jede Emotion falsch wirken ließ, aber vielleicht konnte man von einer lebenden Marionette auch nicht mehr erwarten… (Sofern wir das Pokémon Banette außer Acht lassen versteht sich :P.)

Eine schmale Wendeltreppe führte die beiden über unzählige Stufen, vorbei an mehreren anderen Etagen des Turmes, hinab ins Erdgeschoss, in dem sich auch der Speisesaal befand. Da auch das Innere des restlichen Turmes ebenso mit Obsidian (was denn auch sonst?) verkleidet war, herrschte auch hier eine nach wie vor düstere, geheimnisvolle Stimmung. Durch geschickt platzierte Dekoration und Beleuchtung in Form von Fenstern und – etwas aus der Reihe tanzend – LED-Lampen, wurde dieser Effekt noch verstärkt, sodass man sich ganz und gar an einem mystisch-magischen Ort wähnte.

Goldblume mochte diese Atmosphäre sehr und erfreute sich jedes Mal aufs Neue daran, obwohl sie diese bereits zur Genüge kannte. –Wobei sie sich momentan noch viel mehr auf ein leckeres Frühstück freute^^.

Der Speisesaal war an sich kein übermäßig großer Raum, doch durch seine kuppelartige Decke, opulenten Feuerschalen und schmalen Fenstern aus Buntglas, wirkte er wie ein solcher. Wände wie die Decke selbst waren mit kunstvollen Mosaiken geschmückt, die, passend zum Ambiente, verschiedene Beeren, Früchte und allerlei andere Köstlichkeiten darstellten, sodass man spätestens beim Betreten des Saals fast unweigerlich Hunger bekam. Daneben waren noch allerlei Pokémon abgebildet, die sich glücklich an den reichen Gaben labten und sich des Lebens freuten. Über diese harmonische Szenerie wiederum wachte Xerneas, das Pokémon des Lebens, mit farbenfroher Krone und umhüllt mit einer goldenen Aura, welche seine Feenaura symbolisierte.

Eine Wand, genauer die Nordwand, nahm sich allerdings aus dieser Idylle heraus: Hier stieg Yveltal, das Pokémon des Todes, von seiner roten, unheiligen Dunkelaura umhüllt, hinauf zur Decke. Unter seinen mächtigen Schwingen fanden sich bloß noch verdorrte Pflanzen und die leblosen Körper jener Pokémon, denen es das Leben ausgesaugt hatte. Kurzum gab es auf dieser Seite nur noch Asche zu sehen; Asche und Tod…

Darüber prangte in großen, goldenen Lettern mahnend ‚Memento-Mori – Bedenke, dass du sterben musst!‘, was in diesem Fall daran erinnern sollte, auch die alltägliche Freude einer guten Mahlzeit zu schätzen und bewusst zu genießen. Gewiss, vielleicht war das Ganze für einen Speisesaal ziemlich übertrieben und zu dramatisch gestaltet, doch seinen Zweck verfehlte es keinesfalls.

Altan-Tschitschik jedenfalls fand, dass erst durch diese düstere Mahnung, der schöne, lebensfrohe Teil des Mosaiks so richtig zur Geltung kam. Wobei ihr es dennoch mehr als recht war, dass man mit dem Rücken zur Nordwand saß und diese normalerweise zum Teil mit ellenlangen, dicken Vorhängen aus feuerrotem Samt verdeckt wurde.

Genau gesagt war heute einer der wenigen Tage, an denen man das prächtige Wandbild vollständig betrachten konnte, denn schließlich fand morgen ja eine Hochzeit statt. Da mussten auch die Wände ordentlich gesäubert und die Vorhänge gewaschen werden. – Auch die, die man bei der gewöhnlichen Reinigung außer Acht lässt^^.

Aus diesem Grund herrschte im Speisesaal eine deutlich größere Betriebsamkeit als sonst. Neben der Magd, ihrem Dienstmädchen und ihren beiden Vegimak; welche wie üblich Goldblume gerade ihre ausgesuchten Speisen und Getränke auftrugen; wuselten noch etliche andere Diener samt Pokémon umher, die alles sauber machten. Wablu wischten mit ihren watteartigen Flügeln sowohl das Mosaik und die Fenster blitzeblank. Eine Gruppe Alpollo prüfte gemeinsam mit zwei Dienern; welche mittels der Fäden einiger Ariados an den Wänden herumturnten; jeden einzelnen Stein auf eventuelle Beschädigungen. Und zu guter Letzt stand eine weitere Zofe mit ihrem Schlapor da und gemeinsam begutachteten sie eindringlich den ganzen Raum und machten sich Notizen, wo, wie viel und was für eine Dekoration morgen für die Feierlichkeiten angebracht werden sollten.

Interessiert sah Goldblume dieser eifrigen Betriebsamkeit eine Zeit lang zu, während sie zuerst ein belegtes Brot und dann einige köstliche Sinel- und Pirsifbeeren zu sich nahm und dabei genießerisch einen Beerensaft; gepresst aus mehreren Beeren und mit einem exquisiten Geschmack; trank. Sie warf gelegentlich Nanette, die ohne etwas zu essen neben ihr saß und ihrer Freundin zulächelte, einen vergnügten Blick zu und spürte wieder dieses Prickeln in ihrem Körper.

Sie konnte es gar nicht realisieren, aber das waren die Vorbereitungen für IHRE Hochzeit! Wie aufregend war das denn?!

Mit einem Mal allerdings verlor all dies an Bedeutung:

Urplötzlich unterbrachen alle, Menschen wie Pokémon, ihre Arbeit und verneigten sich – selbst Nanette erhob sich und tat es den anderen gleich. Altan-Tschitschik wusste, was dies zu bedeuten hatte, aber kaum, dass sie ihn sah, wurden ihr die Knie trotzdem ganz weich und ihr Herz machte einen freudigen Hüpfer!

Stand im Türrahmen doch ihr innig geliebter Nepomuk Balthazar von Sonnenstich, der Herr dieses Turmes und ihr zukünftiger Ehemann!

Bei diesem handelte es sich um einen mittelgroßen, hageren Mann Anfang dreißig, mit kantigem, scharfgeschnittenem Gesicht und einer großen Hakennase, die dem Schnabel eines räuberischen Vogelpokémon glich. Nichtsdestotrotz verliehen ihm sein ganzes würdevolles, maskulines Auftreten, sein zartbrauner Teint, die seidigen, schulterlangen, gelockten und rotbraunen Haare, sowie die klugen, einnehmenden und charismatischen goldgelben Augen und seine vollen, roten Lippen, das Aussehen eines begehrten Jünglings.

Passend zur farblichen Gestaltung seines Heims trug auch Balthazar von Sonnenstich – er hasste seinen ersten Namen und wollte ihn daher nicht hören – hauptsächlich schwarze und ausgesprochen edle Kleidung, die seinen Status aus Spross einer hochangesehenen Adelsfamilie deutlich unterstrich:

Eine majestätische Robe aus Samt, sowie ein prächtiger Seidenanzug darunter; beides mit blattgrünen Stickereien verziert, die geheimnisvolle Runen kunstvoll darauf woben und fein gegerbte, glänzende Lederstiefel aus gefärbten Dratinileder.

Dazu trug der blaublütige Herr – im völligen Gegensatz zu seiner Verlobten - auffällig viel Schmuck in Form von zahlreichen goldenen und silbernen Ringen, die an seinen langen, dünnen Fingern glänzten. Auch Armreife und Ohrringe zählten dazu, sowie gleich mehrere Ketten um den Hals an denen Amulette und ähnliche Talismane baumelten. –Alles reich mit verflochtenen Mustern, eingefassten Diamanten, Perlen, Rubinen, Saphiren oder Smaragden verziert, sodass man augenblicklich wusste, wie vermögend ihr Besitzer doch sei.

Nur sein ansonsten so tadelloses Antlitz war, wie von Nanette bereits angedeutet, regelrecht von Erschöpfung verwüstet, was sich in den müden, tief in ihren Höhlen liegenden Augen, dazugehörigen Ringen, Bartstoppeln sowie einer gewissen Blässe sofort erkennen ließ. Man hätte fast meinen können, dass Balthazar von Sonnenstich vergangene Nacht eine wilde, ausschweifende Kneipentour mit anschließendem Besuch einer ‚süßen Herberge‘ hinter sich hatte…

…Doch Altan-Tschitschik wusste es glücklicherweise besser und fühlte bei diesem Gedanken wieder grenzenlosen Stolz auf ihren Liebsten in sich aufsteigen:

Ihr Zukünftiger war nämlich ein Zauberer und ein begnadeter noch dazu!

So hatte er beispielsweise Nanette vor langer Zeit erschaffen und ihr Leben eingehaucht und Goldblume konnte sich denken, dass die Erschöpfung ihres Verlobten wohl ganz klar auf eine mit Zauberei durchgemachte Nacht herrührte. Denn das Wirken von Magie kostete enorm viel Kraft.

Was genau Balthazar mit seinen Zaubern bezweckte, konnte die junge Frau zwar nicht sagen, aber er hatte ihr versichert, dass es nur für ihr gemeinsames Wohl und zukünftiges Glück sei. Und sie glaubte ihm das.

Jedenfalls wirkte sie darum keinesfalls verwundert, als ihr Geliebter nun mit einer einzigen Geste, den Großteil des Gesindes samt ihrer Pokémon förmlich aus dem Raum schweben ließ, die Türen mit einem Schnipsen schloss und sein gepolsterter Stuhl ihm auf einen Wink bereits entgegenkam.

„Einen wunderschönen Morgen mein Liebster!“, grüßte Altan-Tschitschik ihn freudestrahlend und wirkte ganz aufgekratzt wie eine junge Teenagerin die gerade ihrem größten und begehrtestem Star über den Weg lief. Am liebsten wäre sie ihm sofort um den Hals gefallen, hätte ihn überschwänglich mit Küssen und vielen anderen Zärtlichkeiten überschüttet und war schon regelrecht von ihrem Platz aufgesprungen.

Augenblicklich hob Balthazar, der sich mit einem müden Seufzer in seinen Stuhl hat sinken lassen, weil ihm bereits diese kleine Zauberei heute schon enorm angestrengt hat, abwehrend die Hand. „Noch nicht!“, ermahnte sie der Magier mit einem verstörend herrischen Tonfall, bevor er sich seiner Ruppigkeit offenbar bewusst wurde und deutlich sanfter, mit einem charmanten Lächeln, weitersprach: „Du weißt doch, meine liebe Goldblume, die Formalitäten der Zauberei. Das Glück, welches ich uns unter solchen Mühen mittels Magie gewoben habe, wollen wir doch nicht mit übereilten Anfällen von Begierde zerstören, nicht wahr?“

„Aber natürlich nicht, mein Geliebter.“, meinte Goldblume fröhlich und nicht im Geringsten enttäuscht, nahm geflissentlich wieder Platz und begnügte sich eben damit ihren Zukünftigen mit einem schmachtenden, verträumten Blick anzulächeln. „Hach, Balthazar ist ja immer so bewundernswert vernünftig und auf die Moral bedacht!“, dachte sie sich dabei mit einem wohligen Schauer, der ihren Körper durchfuhr und seufzte vor Wonne.

Altan-Tschitschik war in Gegenwart ihres Liebsten längst nicht so beherrscht. Seine warme, sonore Stimme ließ sie jedes Mal dahinschmelzen und seine Blicke, ganz gleich wie anzüglich sie manchmal auch sein mochten, schmeichelten ihr, weil sie sich so begehrt und geliebt fühlte. Und Goldblume spürte genau, wie sehr sich ihr Zukünftiger zusammennahm, wenngleich er es sich nicht anmerken ließ, um seinerseits nicht schwach zu werden. –Das erfüllte sie wieder mit Stolz: Ihr Geliebter verausgabte sich schier mit seiner Zauberei und hielt sich im Zaum, nur damit ihnen beide eine Zukunft voller Glück und Erfüllung sicher ist...

Und sie war überzeugt, dass sie sich einen besseren Ehemann gar nicht wünschen hätte können!

Indessen schaufelte dieser sich gerade gierig wahllos Beeren, belegte Semmeln und Brote mit bloßen Fingern in einem Tempo in sich hinein, dass die Magd mit dem auftragen schier nicht hinterherkam. Genauso verhielt es sich mit seinem Kelch, den Balthazar stets in einem Zug leerte.

„Hihi, Eure gestrige Zauberei war wohl unfassbar kräftezehrend, was mein Liebster?“, fragte die junge Frau ihren Verlobten mit einem verliebt, vergnügten Kichern, weil dieser jetzt einem ausgehungerten Relaxo mehr ähnelte, als einem adeligen Zauberer, der für gewöhnlich auf seine Etikette achtete^^.

Ein undeutliches Brummen war die Antwort darauf, denn Balthazar von Sonnenstich unterbrach seine Mahlzeit deswegen nicht; dafür brauchte er diese Energie viel zu dringend. Altan-Tschitschik störte sich nicht daran, sondern grinste wissend und gab sich damit zufrieden. Stattdessen beobachtete sie ihren Zukünftigen einfach fasziniert und vergaß dabei alles um sich herum. Wie für rettungslos Verliebte üblich, konnte sie ihn ewig lang schmachtend betrachten, ohne, dass ihr langweilig geworden wäre.

Als der Magier sein Mahl nach einer Weile beendet hatte, schnippte er erneut mit den Fingern, wobei dies diesmal lediglich ein Zeichen für die Magd und ihre Helfer war, dass sie abdecken und sich entfernen konnten. Und nur noch zu dritt – immerhin blieb Nanette stets einem stummen Schatten gleich an ihrer Seite – wandte er sich endlich richtig seiner Goldblume zu.

„Verzeiht mir bitte meinen kühlen Empfang, liebste Goldblume.“, begann er sogleich entschuldigend, ging sogar vor ihr auf die Knie, nahm sachte ihre Hand in die seine und sah sie treuherzig mit seinen goldgelben Augen an: „Wie Ihr schon vermutet habt, hat mich meine Magie enorm geschwächt… Ich war beim aufstehen immer noch ganz ausgelaugt und brauchte daher unbedingt etwas zu Essen, um wieder halbwegs klar bei Verstand sein zu können. Darum konnte ich Euch nicht die Aufmerksamkeit schenken, die Ihr, meine liebste Goldblume, eigentlich verdient habt… Darum möchte ich Euch nochmals vielmals um Verzeihung bitten!“

„Ach, was für ein Charmeur!“, schoss es der jungen Frau, die ob der ganzen Szenerie schon hochrot wurde, geschmeichelt durch den Kopf und fand ganz gerührt: „Ihr braucht Euch doch dafür nicht entschuldigen, mein Geliebter. Eure Anstrengung dient doch unserem gemeinsamen Glück, das verstehe und schätze ich sehr wohl. Wie könnte ich Euch da böse sein, wenn Ihr deswegen einmal zuerst an Euch selbst denken müsst?“

Jetzt strahlte das Gesicht von Balthazar vor Freude, Erleichterung und Liebe und er meinte dankbar: „Meine wundervolle Goldblume, danke! Was bin ich froh, Euch als meine künftige Ehefrau zu wissen!“

Entgegen seiner sonstigen Zurückhaltung schenkte er ihr eine zärtliche Umarmung und fügte anschließend mit einem verlegenen, zuckersüßen Lächeln hinzu: „Ich hoffe, Ihr versteht es darum auch, dass ich mich für den Rest des Tages zurückziehen werde – es gibt noch so vieles, was für Morgen vorbereitet werden muss.“

„Selbstverständlich, mein Geliebter.“, antwortete Altan-Tschitschik freudestrahlend und fühlte bei dem Gedanken an den kommenden Tag erneut dieses wundervolle Prickeln in sich, was ihre Verliebtheit noch verstärkte: „Und außerdem müssen Nanette und ich ja auch noch einiges tun, bei dem der zukünftige Ehemann nicht Dabeisein darf, hihi.“

„Hach, die Vorbereitungen der Braut, ich weiß.“, seufzte Balthazar betört und er tauschte einen letzten verliebten Blick mit seiner Goldblume aus: „Dann bis Morgen meine Liebste. Auf das wir eine wunderschöne Hochzeit haben werden!“

Mit diesen Worten entfernte sich der Magier und entschwand mit wehendem Umhang aus dem Speisesaal, während Altan-Tschitschik ihm noch lange verträumt nachsah. „Ja, bis Morgen mein Geliebter…“, flüsterte sie entzückt und fühlte sich wie ein einem wunderschönen Traum: „Bis Morgen zu unserer Hochzeit…“

„Wollen wir dann Mylady?“

Die leblose Stimme von Nanette holte Goldblume zurück in die Gegenwart und diese lächelte ihre puppenhafte Freundin aufgeregt an. „Aber gewiss doch! Lasst uns beginnen, es gibt immerhin viel zu tun!“

1.3: Freundinnen unter sich

Lautstark knallte das Buch sowie das Wasserglas, welches darauf gestanden und glücklicherweise aus Plastik war, auf den Boden und sorgte erneut für eine große Pfütze, die Nanette augenblicklich wegwischte.

„Uff! Das ist gar nicht so leicht…“, stöhnte Altan-Tschitschik genervt, ließ sich aber nicht entmutigen und startete sofort einen neuen Versuch. Seit fast einer Stunde übte sie sich bereits darin Buch und Glas auf ihrem Kopf zu balancieren, um so ihren korrekten Gang und Haltung während der Hochzeitszeremonie und dem anschließenden Tanz zu perfektionieren.

Immerhin beehrten morgen zahlreiche geladene Gäste – viele von Adel übrigens – die Feierlichkeiten mit ihrer Anwesenheit, sodass die junge Frau nur zu gerne sicherheitshalber ausgiebig das höfische Zeremoniell und die nötigen Bewegungsabläufe nochmals studierte. –Alles musste perfekt sein, denn keinesfalls wollte Goldblume sich oder ihren Gatten morgen mit einem Fehltritt blamieren!

„Seid unbesorgt Mylady, Ihr werdet mit jedem Mal besser darin.“, versicherte die lebende Marionette und platzierte geschickt die beiden Gegenstände wieder auf dem Kopf ihrer Freundin, wobei Nanette einen kleinen Schemel zu Hilfe nehmen musste, da sie fast 30 Zentimeter kleiner war. „Im Grunde beherrscht Ihr all das ja schon – es liegt Euch quasi im Blut, haha.“, fuhr die skurrile Wesenheit heiter fort: „Allein die Aufregung vor dem morgigen Tag lassen Euch so fahrig werden. Und vielleicht wäre es auch besser gewesen, wenn wir nicht ausgerechnet im Ballsaal dafür ausgesucht hätten? Nicht, dass Euch dies zu sehr ablenkt.“

„Nein Nanette, das geht schon so!“, fand Goldblume bestimmt, stakste dabei mit der Last auf ihrem Haupt wieder ein paar Schritte und merkte ganz langsam, wie sie ein Gefühl dafür bekam, was sie in ihrem Willen bestärkte: „Siehst du? Ich muss mich nur konzentrieren, das ist alles. Zumal du weißt, dass ich nirgends lieber als genau hier üben möchte!“

Die lebende Marionette nickte verständig, weil sie den Wunsch ihrer Freundin nur zu gut nachvollziehen konnte:

Denn schließlich würde genau hier, in diesem prächtigen Raum, morgen ihre Hochzeit stattfinden! Noch stand der Ballsaal komplett leer, aber selbst in diesem Zustand strahlte er etwas Erhabenes aus. Fast eine ganze Etage des Turmes einnehmend, wurde er beinahe ringsum von deckenhohen Fenstern regelrecht mit Licht durchflutet, sodass sich die Sonnenstrahlen in den polierten, pechschwarzen Obsidianfliesen nur so spiegelten. Prächtige, mit Kristallen behangene, goldene Kronleuchter hingen von der Decke hinunter und würden am Abend die Feierlichkeiten mit ihrem Lichtspiel erhellen und in eine besondere Atmosphäre tauchen. Dann, wenn sie mit ihrem Geliebten endlich als Mann und Frau tanzen würden…

Ja, die junge Frau hatte keine Mühe, sich vorzustellen, wie herrlich der Saal morgen aussehen würde, sobald er geschmückt und eingerichtet war. Hier die schönen Teppiche auf dem Boden, an den Fenstern dann die feinen, goldfarbenen Seidenvorhänge und, und, und…

Sie wähnte sich bereits inmitten der ausgelassen feiernden Gäste, hörte die Musik im Hintergrund und…

*Auf den Boden knall!*

*Platsch!*

„Verflixt!“, fluchte Altan-Tschitschik und wurde unsanft aus ihren Träumereien geholt. Die süßen Gedanken hatten sie abermals dermaßen abgelenkt, dass ihr das Buch samt Glas vom Kopf gerutscht war. Schweigend wischte Nanette die Pfütze auf, ohne, dass man aus ihrer Fratze mit dem genähten, verzogenen Mund oder den schwarzen, wortwörtlichen Knopfaugen etwas lesen konnte.

Sie nickte ihrer Freundin lediglich aufmunternd zu und fragte fürsorglich: „Gleich nochmal, oder wärt Ihr von einer Pause nicht abgeneigt, Mylady?“

Goldblume schüttelte entschieden den Kopf und sagte sofort: „Gleich nochmal Nanette! Eine Pause gibt es erst, wenn ich das einwandfrei beherrsche!“ Nanette deutete eine Verneigung an und sagte, durchaus belustigt vom Eifer der jungen Frau: „Wie ihr wünscht Mylady.“

Auf diese Weise verging der ganze Tag fast wie im Fluge, da es so vieles zu lernen beziehungsweise zu verinnerlichen galt. Gestärkt, ja förmlich elektrisiert durch den Gedanken an Morgen ging Altan-Tschitschik hartnäckig und voll Hingabe eine Lektion nach der anderen an. Und sie zeigte sich erst zufrieden, wenn sie diese gemeistert hatte, um sich dann sogleich der nächsten zu widmen.

Goldblume ging mit einer solchen Rührigkeit ans Werk, dass sie von Nanette regelrecht zu Pausen gezwungen werden musste und erst bei einer solchen merkte, wie hungrig oder erschöpft sie war. Das brachte sie dann wieder zum Lachen und allgemein kam die Freude an diesem Tag keinesfalls zu kurz.

Die beiden Freundinnen scherzten was das Zeug hielt, sodass die Wangen der jungen Frau bald vor lauter Lachen ganz gerötet waren und ihre Augen ganz nass voller Freudentränen. Diese Heiterkeit sorgte dafür, dass sie mit der Zeit lockerer und entspannter wurde. So konnte sie nach und nach herzlich über ihre kleinen Patzer kichern; machte gar einen richten Spaß daraus. Sie spürte doch, dass sie all das eigentlich schon konnte und trotzdem stellte sie sich so ungelenk an.

„Meine Güte Nanette!“, prustete sie bei einer ihrer Pausen amüsiert: „Was macht diese Aufregung bloß mit mir :D? So wie ich mich heute aufführe könnte man glauben, ich mache das alles zum ersten Mal in meinem Leben, haha. Verrückt, nicht wahr?“

„Na und ob, Mylady.“, erwiderte ihre groteske Freundin glucksend: „Aber vielen Leuten gelingen vor einem wichtigen Ereignis die selbstverständlichsten Dinge nicht mehr. Das ist nur natürlich und hört auch wieder auf. Man darf sich nur nicht verrückt wegen so etwas machen lassen.“

Altan-Tschitschik nickte ernsthaft bei diesen Worten und meinte: „Da sagst du was!“ Anschließend erhob sie sich dank der kleinen Pause wieder voller Energie und Enthusiasmus, sah hinaus zum Fenster und merkte, dass der Himmel sich schon langsam rötlich färbte.

Die junge Frau lächelte Nanette auffordernd an und sprach: „Aber so oder so: Es ist bald Abend. Lass uns noch flink die letzten Dinge durchgehen, ja?“ „Gewiss doch Mylady.“, antwortete die lebende Marionette eiligst und versicherte: „Allzu viel gibt es ohnehin nicht mehr zu tun. Ihr habt so gut wie alles, was Ihr wissen müsst, gewissenhaft in Euch wieder wachgerufen. Seid gewiss: Die Hochzeit morgen wird ein voller Erfolg und wahrlich der schönste Tag in Eurem Leben werden Mylady!“

„Etwas anderes erwarte ich auch nicht!“, fand Goldblume mit kecken Grinsen, theatralisch verschränkten Armen und witzelte weiter: „Und deshalb bringen wir es zu Ende. Nicht, dass ich noch zu spät ins Bett kommen und womöglich morgen gar verschlafe, hihi!“

„Oh das wollen wir nun wirklich nicht Mylady.“, entgegnete Nanette vergnüglich, nahm die Hand ihrer Freundin und gemeinsam eilten sie kichernd und voller Tatendrang zurück in den Ballsaal…

Punkt acht Uhr abends stand Altan-Tschitschik dann auch bereits vor der Tür ihres Schlafgemaches und wechselte einige letzte Worte für heute mit ihrer skurrilen Freundin. Obschon erschöpft von diesem anstrengenden Tag, strahlte Goldblume dennoch wie eine aufgehende Sonne, weil sie vollauf zufrieden mit dessen Verlauf und auch ihrer eigenen Leistung war. Zudem prickelte ihr Körper mehr denn je, weil ihr jetzt erst so richtig bewusst wurde, dass ihr Hochzeit nun zum greifen nah war: Sie brauchte nur noch diese eine Nacht schlafen und dann war es soweit!

„Boah, ich kann es immer noch kaum glauben, dass wir den ganzen Tag so flugs rumgebracht haben!“, meinte die junge Frau aufgekratzt zu Nanette, als sie derweil ihr Zimmer betrat und sich für die Nach kleidete: „Und wie viel Spaß wir gehabt haben! Mir tut jetzt noch der Bauch weh vor lauter Lachen^^.“

Sie schlüpfte in ihr Nachthemd und ließ einen Stoßseufzer los: „Aber was bin ich froh, dass die ganze Warterei nun vorbei ist – viel länger hätte ich es wohl nicht mehr ausgehalten, hihi! Und jetzt, ja jetzt bin ich dank dir, Nanette, bereit für meine Hochzeit :]!“

Bei diesen Worten blitzen die Knöpfe von Nanette auf und sie flüsterte ganz bedeutsam und geheimnisvoll: „Noch nicht ganz Mylady! Das wichtigste fehlt noch. Entschuldigt mich für einen Moment…“

Die lebende Marionette flitzte mit ihrem schrägen Tänzeln den Gang entlang, bog um eine Ecke und kam nach nicht mal drei Minuten mit einem schlichten Päckchen in den Armen zurück.

„Hier Mylady, das werdet Ihr morgen ganz sicher brauchen können.“, sprach Nanette feierlich mit ihrer leblosen Stimme beim überreichen und ihr Gegenüber begriff sofort.

„Ist das etwa…?“, hob Altan-Tschitschik beinahe andächtig und mit leuchtenden Augen an.

„Genau das Mylady.“, offenbarte ihre groteske Freundin lächelnd, weil sie um die Wirkung dieser Geste wusste, und verneigte sich zum Abschied: „Ich wünsche Euch nun eine gute Nacht Mylady. Doch denkt daran: Ihr dürft es erst Morgen anziehen – so sieht es der Brauch vor. Aber nun träumt gut Mylady und freut Euch auf das Glück, dass Euch bevorsteht.“

Nach einem abermaligen Verneigen entfernte sich Nanette und schloss die Tür hinter sich, sodass Goldblume nun allein wie gelähmt in ihrer Kammer stand und das Päckchen in der Hand hielt. Rührung schnürte ihr die Kehle zu: Hielt sie doch soeben ihr Hochzeitskleid in den Händen!!

Sogleich brach die junge Frau in euphorischen Jubel aus, drückte das Paket an sich und tanzte wie wild in ihrer Kammer umher, um ihrem Glücksgefühl Ausdruck zu verleihen. Am liebsten hätte sie sofort hineingelinst, denn auch sie, die Braut selbst, wusste nämlich im Vorfeld nicht, wie ihr Kleid aussah. –Nanette hatte ihrer Freundin erklärt, dass dies so ein alter, schöner Brauch aus der Familie ihres geliebten Balthazars sei. Genauso, wie sie ihr versichert habe, dass es auf der Welt kein Kleid gäbe, dass schöner sei oder besser zu ihr passen würde.

Freilich taugte diese Aussage kaum dazu, die Neugier zu dämpfen und der Versuchung besser wiederstehen zu können. Altan-Tschitschik gelang es dennoch dagegen anzukämpfen und legte das Päckchen darum sorgsam in ihren Kleiderschrank und schloss eiligst die Tür.

„Bestimmt liegt da auch ein guter Zauber meines Liebsten darauf.“, murmelte sie dabei und musste schmunzeln, da ja im Grunde genommen so oder so ein besonderer Zauber auf solchen Kleidungsstücken lag…

Mit einem Mal musste Goldblume heftig gähnen und sie fühlte eine geradezu bleierne Müdigkeit in sich aufsteigen, die sämtliche Glieder schwer werden ließ. „Höchste Zeit ins Bett zu kommen…“, dachte sie sich darum, schlurfte zu diesem und wurde dort, kaum dass sie die Decke über sich gezogen hatte, regelrecht in einen traumlosen, tiefen Schlaf gezogen. Ja, sie glitt in ein wohliges, tiefes, tiefes Nebelnichts des Vergessens…

1.4: Goldblumes Erwachen

Irgendwann im Verlauf dieser Nacht änderte sich dies allerdings schlagartig und die junge Frau fand sich alsbald in einem wilden, aufwühlenden Traum wieder. Vor ihrem Inneren Auge sah sie scheinbar wahllos und in schneller Folge zig verschiedene Bilder an ihr vorbei ziehen:

Orte und Erlebnisse beispielsweise, die sie unmöglich kennen konnte und dir ihr nichts sagten – so glaubte sie zumindest. Denn obwohl sie so fremd wirkten und die einzelnen Bilder viel zu schnell wieder verschwanden, wirkten sie zugleich seltsam vertraut, berührten schier direkt ihr Herz und sorgten dafür, dass sich tief in ihrem Inneren etwas regte…

Es war eine unerklärliche, heftige Sehnsucht, die diese Bilder mehr und mehr in Altan-Tschitschik wachrüttelten, gleich einer schlecht gelöschten Glut, die von einem Windhauch wieder angefacht wurde. Und sie wurde von Minute zu Minute stärker, brannte bald wie ein loderndes Feuer in ihrem Inneren, so heiß, schmerzhaft und intensiv, dass sie es binnen kürzester Zeit nicht mehr ertragen konnte!

Ihr schlafender Körper wälzte sich immer unruhiger hin und her, wobei ein gequältes Wimmern ihren Lippen entfuhr. „Aufhören, bitte Aufhören!“, jammerte sie derweil im Traum – oder wohl eher Alptraum - selber verzweifelt und fürchtete schon, gleich innerlich zu verbrennen, so beängstigend und ungestüm war dieses Empfinden, welches sie immer stärker quälte: „Bitte, ich halte das nicht mehr aus! Ich will aufwachen! Bitteee!!!“

Wie auf dieses Stichwort hin fand diese Marter tatsächlich ein Ende und Goldblume stand plötzlich in einem großen, weißen und wie von warmen Sonnenstrahlen gefluteten Raum. Erschöpft sank sie schwer atmend auf die Knie und genoss die zarte Wärme und Geborgenheit, die dieser Ort ausstrahlte; wohlwissend dass sie nach wie vor schlief.

Unversehens drehte sich das Licht, sodass ihr Schatten in ihr Sichtfeld rückte. Die junge Frau stutzte, sah ihre Silhouette doch merkwürdig verzerrt aus. Aber auch hier regte sich etwas in ihr und sie fühlte wieder diese seltsame Vertrautheit bei diesem Anblick in sich aufsteigen.

Noch ehe sie groß darüber nachdenken konnte, erhob sich eine klangvolle, gebieterische und trotzdem einfühlsame Stimme, die zu ihr sprach: ‚Sei unbesorgt, Altan-Tschitschik! Du wirst die Schatten, die dich zu fangen suchen, hinter dir lassen! Der erste Schritt ist hiermit schon getan. Nun erwache! Erwache und erkenne, Altan-Tschitschik…!‘

Da zerstob der ganze Traum zu Staub und mit einem Aufschrei schreckte Altan-Tschitschik aus ihrem Schlummer. Verwirrt blinzelte sie und brauchte eine ganze Weile, bis sie sich gesammelt hatte und ihr wieder bewusst wurde, dass sie sich in ihrem Schlafgemach befand.

„Was für ein verrückter Traum…“, stöhnte sie und hielt sich die Schläfen, weil ihr Kopf brummte wie nach einer wilden Feier, sie völlig verschwitzt und sowohl ihre Haare sowie ihr Bett völlig zerwühlt waren, als hätte sie in diesem einen Kampf ausgefochten. Zudem fröstelte ihr und sie fühlte sich weiterhin dermaßen durcheinander, dass sie so schnell nicht ans weiterschlafen denken konnte. Stattdessen stand sie auf und ging rastlos durch ihr dunkles Zimmer, da es noch mitten in der Nacht war und wegen der Vorhänge das sanfte, bleiche Mondlicht nur gedämpft hereinscheinen konnte.

Rasch zog Goldblume sie beiseite und ging hinaus auf den Balkon. Die angenehm kühle, feuchte Nachtluft umfing sie augenblicklich in Form einer sanften Brise, während der Mond als schmale, goldgelbe Sichel, ähnlich dem zusammengekniffenen Auge eines Katzenpokémon, tief am Himmel stand und sich in den vielen Wasserflächen spiegelte. Schwärme von Volbeat, angeleitet von den Illumise, zeichneten mit ihren leuchtenden Hinterteilen zahlreiche formschöne Muster am Firmament und schienen dabei mit den Sternen wetteifern zu wollen. Zudem zirpten in der Ferne einige Zirpeise, Quaxo sangen ihre Lieder und die Schreie jagender Noctuh hallten durch den Sumpf.

Mit beiden Händen das Geländer des Balkons umfassend stand sie einfach da und ließ das Panorama auf sich wirken, um sich zu beruhigen und ihre Gedanken zu sortieren. Doch dieser intensive Traum hielt sie fest, dafür hatte er viel zu real, viel zu… ja viel zu wichtig gewirkt.

„Als hätte er mir etwas mitteilen wollen…“, murmelte sie verwirrt, schüttelte heftig den Kopf, ohne jedoch damit etwas gegen die Zweifel des gestrigen Morgens, die erneut ihr wach wurden, bewirken zu können. Und diesmal wollte sich diese wohlige, beruhigende, ja gar einlullende Gewissheit, dass alles in Ordnung sei, beim besten Willen nicht einstellen.

Nein, dieses Mal blieben die Zweifel und zwar noch stärker als zuvor. Sie bohrten in ihrem Kopf und stellten alle Gewissheiten infrage. Zum allem Überfluss gesellte sich auch noch ein unbestimmtes, inneres Drängen dazu, dass es nicht zum aushalten war!

„Argh! Was ist nur mit mir los? Was soll das? Woher kommen diese verdammten Zwiespalte in mir?!“, sprach die junge Frau verwirrt wie verzweifelt zu sich selbst, weil sie sich all dies nicht so recht erklären konnte – oder wollte. „Verflixt nochmal, ich heirate doch morgen den besten Mann der Welt! “, rief sie wütend aus, in der Hoffnung so dieses widerliche Gedankenkarussell zum Schweigen zu bringen.

Sie hielt kurz inne und grinste triumphierend, da ihr gerade ein brillanter Einfall in den Sinn kam. „Ich hab‘s!“, meinte Altan-Tschitschik erleichtert und schnippte – ganz in der Art eines gewissen Wicki-ngerjungen^^ - mit den Fingern: „Wenn ich das mache, ist dieser blöde Traum ganz sicher ausgeträumt!“

Goldblume rauschte zurück in ihre Kammer, öffnete den Schrank und holte das Päckchen hervor. Einen Moment lang zögerte sie, weil es ja nicht ganz in Ordnung war, aber nicht lange. Dafür wühlten diese wirren Gedanken sie viel zu sehr auf und sie spürte, dass sie erst wieder Ruhe finden würde, wenn sie sich in ihrem eigenen Brautkleid gesehen hatte. –Sie war sich sicher, dass die damit verbundene Freude dieses Anblicks stark genug sei, um all diese diffusen Zweifel und Ungewissheiten, samt dieses komischen Traums, wieder zurückzudrängen.

Sorgsam öffnete sie also das Päckchen, hielt dabei andächtig den Atem an und bekam leuchtende Augen, als sie den reinweißen Stoff sowie die rosé- beziehungsweise goldfarbenen Accessoires vor sich hatte. Innerlich wie ein kleines Kind, welches gerade voller Freude etwas Verbotenes tat, jubelnd, schlüpfte die junge Frau eiligst hinein, kicherte dabei verstohlen und bemühte sich, nicht zu laut zu sein. Schließlich sollte ja niemand davon etwas mitbekommen^^.

Dermaßen in die Anprobe versunken, vergas sie alles um sich herum. Ja selbst der Aufruhr in ihrem Inneren war passé, weil sich ein völlig anderes Gefühl in ihr breit machte: Nämlich, dass sie das Richtige tat.

Fertig angezogen betrachtete sich Altan-Tschitschik im Spiegel und musste sich auf die Zunge beißen, weil sie sonst lauthals gejauchzt hätte, so sehr bewegte sie ihr Aussehen!

Sie trug nun einen langen, wehenden, weißen und beinahe durchsichtigen Schleier, der von einer roséfarbenen Perlenkette zusammengehalten und an einer Art einem goldenen Diadem befestigt wurde. Zwei lange, dünne, gummiartige und ebenfalls weiße Bänder mit goldenen Kugeln an deren Enden waren je an den äußersten ‚Spitzen‘ dieses Krönchens angebracht und bogen sich, anmutig und Fühlern gleich, gen Erdboden. An den Ohren hingen nun hübsche, roséfarbene Perlenohrringe und ein goldener Ring schmückte sowohl ihren Hals sowie ihren linken Oberarm. Ihre Hände und Unterarme steckten nun in langen, weißen und eleganten Handschuhen, während sich ihre Füße in goldenen High Heels befanden, die bequemer und trittsicherer waren, als es den Anschein machte.

Das Brautkleid selbst bestand schlussendlich aus mehreren übereinander gelagerten, weiten, trichterförmigen Segmenten, die ihrerseits auch aus weißen Stoff waren und das vorne über der Brust noch eine schmucke, roséfarbene Brosche zierte.

Alles in allem wirkte Goldblume so prächtig und wunderschön in dieser Aufmachung, dass sie gar nicht mehr den Blick vom Spiegel wenden konnte. Ihr Herz pochte wie wild und die junge Frau bekam den beinahe schon verstörenden Eindruck, dass dieses Kleid ihr nicht nur auf den Leib geschneidert war. Nein! Sie hatte das Gefühl, dass dieses Brautkleid wirklich ein Teil ihres eigentlichen Selbst war…

…ein Teil ihres Körpers…

…ihr wahres Ich…

Jäh zog sich ihre Brust zusammen und ihr entfuhr ein gequälter Aufschrei. Ganz so, als hätte dieser Anblick dafür gesorgt, dass sich tief in ihrem Inneren etwas endgültig von seinen Fesseln befreien und sich nun mit aller Gewalt aufbäumen konnte!

Völlig erstarrt, mit schmerzendem Kopf und rasendem Puls, konnte Altan-Tschitschik nur noch weiter wie gebannt auf ihr Spiegelbild starren. Dieses geriet in Bewegung, veränderte sich. Nicht viel, aber dennoch sah man nun keine Frau in einem hübschen Brautkleid mehr, sondern etwas völlig anderes…

…die wahre Erscheinung…

Wimmernd brach Goldblume zusammen und kauerte in Embryonalhaltung vor dem Spiegel, während die Bilder ihres Traumes jetzt in aller Deutlichkeit ihren Geist gleich einer mächtigen Woge überrollten. Ehe die junge Frau komplett erschöpft von diesem Gefühlsausbruch ohnmächtig wurde krächzte sie mit ihrer nun brüchigen Stimme noch ein einziges Wort:

„Sch… Scha…

…Schabelle…“

1.5: Die Flucht

Der Morgen graute: Ein schmaler, erst grauer und bald goldgelber Schimmer der sich am östlichen Horizont über den dampfenden Wäldern ausbreitete und rasch heller wurde. Nach und nach wurde das nächtliche Stahlblau des Himmels zurückgedrängt und zunächst durch ein zartes Rosarot ersetzt, ehe das Firmament im satten Hellblau eines weiteren Tages erstrahlen würde. Sterne und Mond verblassten immer mehr und ein kräftiger Windhauch zerstob die dichten Nebelschwaden des Sumpfes, die sich immer um diese Zeit bildeten, sodass man auch heute wieder ungetrübt die aufgehende Morgensonne in all ihrer Pracht bestaunen konnte. Wie sie sich in den Wasserflächen spiegelte und die Tautropfen zum glitzern brachte. Kurzum: Das so alltägliche wie dennoch wunderschöne Schauspiel eines neuen, anbrechenden Tages nahm seinen Lauf.

Altan-Tschitschik hatte heute für dieses Wunder nicht das Geringste übrig; nahm es wahrscheinlich gar nicht mal wahr. Bereits seit Stunden saß sie völlig regungs- und teilnahmslos, regelrecht wie in Schockstarre, einfach nur auf dem Balkon und wirkte weit, weit entfernt mit ihren Gedanken. Bleich wie eine Leiche, mit leeren Augen und den Mund zu einem schmalen Strich zusammengepresst war ihr die blanke Fassungslosigkeit nur zu deutlich anzusehen. Und diese war nur zu berechtigt, angesichts der furchtbaren Ungeheuerlichkeit, die man ihr angetan hatte!

Seitdem sie nämlich aus ihrer Ohnmacht wieder erwachte, wusste die junge Frau endlich wieder, wer sie wirklich ist, denn die verstörenden Erlebnisse der letzten Nacht hatten die Wahrheit auf schmerzvolle Weise wieder zutage treten lassen:

Goldblume war eigentlich – so unglaublich das auch klingen mochte - ein Pokémon, genauer gesagt sogar ein Schabelle; also eines jener fremdartigen Wesen, die man ‚Ultrabestien‘ nannte!

Mit unfassbarer Gewalt wurde sie vor nunmehr erst zwei Tagen mittels schwarzer Magie aus ihrer Heimat gerissen, in die Gestalt einer Menschenfrau gezwungen und versucht, ihre Erinnerungen an ihr Leben als Ultrabestie zu versiegeln – um ein Haar sogar mit Erfolg! Überdies flößte man ihr eben jene halbgaren, falschen Gewissheiten ein, an die sie bis vor ein paar Stunden sogar noch felsenfest geglaubt hatte...

…Doch nun wusste das verwandelte Eleganzpokémon, dass all ihre verschwommenen Erinnerung an ihr angebliches Leben und auch die scheinbare Freundschaft zu Nanette lediglich nur dreckige Lügen, aufgezwungene Illusionen waren!

Und all dies, damit sie zu einer gefügigen Ehefrau für diesen Mistkerl von Nepomuk Balthazar von Sonnenstich werden sollte!

Ja, bei all dem handelte es sich um die größenwahnsinnige und grausame Tat jenes Magiers, in dessen dunklen Turm sie nun eingesperrt war und der sie hat glauben lassen, dass sie ihn geradezu abgöttisch liebte. Aber das stimmte so wenig, wie Altan-Tschitschik freiwillig in diesem öden Ort inmitten dieses Sumpfes versauern wollte, schon gar nicht mit dieser Gewissheit, dabei um ihr eigentliches freies und unbeschwertes Leben als Pokémon betrogen zu werden! –Nein, sie wollte, musste von hier um jeden Preis fliehen, denn auf gar keinen Fall würde sie dieser dreckige Halunke in seine Finger bekommen!

Der Schock ob dieser unmenschlichen Tat wich nur äußerst langsam, wobei man dies nur zu gut nachvollziehen konnte. Genauso wie man es verstanden hätte, dass Goldblume nun ihren aufwallenden, überkochenden Gefühlen, wie beispielsweise dem grenzenlosen Schmerz und der lodernden Wut, die ihren Körper schier zerbarsten, lauthals und tobend Luft machte. Sich alles von der Seele schrie, um nicht daran ersticken zu müssen und am besten noch diesen elenden Zauberer mehrfach verfluchen, der ihr das angetan hatte!

Die junge Frau jedoch reagierte völlig anders: Beinahe instinktiv ergriff ein kühles, berechnendes Wesen von ihr Besitz, welches einem Schutzmantel gleich sowohl ihre heftigen Emotionen, wie auch ihre immer deutlich aufkeimenden, schmerzlich wehmütigen Erinnerungen an ihr wirkliches Leben vorerst verdrängten, weil sie dies nur lähmen und ablenken würde. Für eine Flucht von hier brauchte man einen kühlen Kopf, das spürte und wusste Schabelle genau. Sie würde darum ihren Gefühlen erst später freien Lauf lassen können…

Keine Viertelstunde später klopfte es bereits wie erwartet an der Tür ihrer Kammer und Altan-Tschitschik hatte sich glücklicherweise schon zumindest äußerlich soweit wieder fangen können, dass Nanette, diese skurrile Stoffpuppe, nichts von ihrem Inneren Aufruhr oder gar ihrem Erwachen merken würde. Sie prüfte nochmals blitzschnell ihr untadeliges Aussehen im Spiegel, ehe sie, um den normalen Klang ihrer Stimme bedacht, die ‚üblichen‘ einladenden Worte zu ihrer vermeintlichen ‚Freundin‘ sprach.

Die Tür öffnete sich, doch anders als gestern betrat nicht nur die lebende Marionette sondern auch Balthazar den Raum und grüßte ‚seine Zukünftige‘ überschwänglich. „Einen wunderschönen guten Morgen meine liebste Goldblume!“, schleimte er mit seiner wohlklingenden Stimme, hinter der die Angesprochene – endlich wieder völlig bei Verstand - nun überdeutlich die anzügliche Lust und Gier nach ihrem Körper heraushören konnte, was sie grenzenlos anekelte :down:!

„Ich hoffe Ihr hattet einen süßen und erholsamen Schlummer, meine liebste Goldblume.“, säuselte der Magier, der augenscheinlich nichts von der Wandlung ‚seiner liebsten Goldblume‘ mitbekam, in einem fort: „Heute ist schließlich endlich unser großer Tag! Der Tag unserer Hochzeit!“

„Oh, ich weiß mein Geliebter! Ich kann es kaum erwarten (von hier wegzukommen…)! Und glaubt mir: Meine Nachtruhe war fabelhaft. Ich fühle mich wie neugeboren!“, antwortete die junge Frau gekonnt wie eine geübte Schauspielerin und stellte insgeheim zufrieden fest, dass niemand von den beiden die Ironie in ihren Worten wahrnahm. Vor allem bei Nepomuk mochte dies vorrangig daran liegen, dass er nach wie vor völlig entkräftet und erschöpft von seiner elenden Zauberei war und sogar beinahe noch schlimmer als gestern aussah.

‚Junge, du gehörst eindeutig zu der Sorte von Kerlen, die eine schöne, große Morgenzeitung lesen sollten, um ihr Umfeld nicht zu erschrecken!‘, schoss es dem verwandelten Pokémon gehässig durch den Kopf und voller Genugtuung fügte sie für sich hinzu: ‚Geschieht dir recht, du dreckiges Lustmorlord!‘

„Das höre ich gern, meine liebste Goldblume! Und da heute endlich unser großer Tag ist, müssen wir und nun nicht mehr so in Züchtigkeit üben…“, faselte der Magier weiter, als er unversehens mit einem frivolen Lächeln näher kam, sacht ihre Hände ergriff und sie sogleich begierig mitten auf den Mund küsste, ohne dass es ihn groß kümmerte, ob seine Liebste das wollte oder nicht. Und es war noch nicht mal ein besonders romantischer oder wenigstens erotischer Kuss, sondern ein regelrechter ‚Fracking-Kuss‘, der scheinbar darauf abzielte mit der rotierenden Zunge zu den Speichelreservoirs in den Tiefen der Mundhöhle des anderen vorzudringen und diese abzubauen.

„Grmpfl…!“, konnte Altan-Tschitschik nur machen und es verlangte ihr enorm viel Kraft ab, diesem anmaßendem Kerl nicht sofort einen, oder gleich fünfundzwanzig(!), Tritte zwischen die Beine zu verpassen und sich somit zu verraten. Nein, stattdessen sah sie sich gezwungen dieses widerliche Schauspiel über sich ergehen zu lassen und sogar noch zu tun, als ob ihr das gefallen würde, während sie innerlich jedoch vor Ekel förmlich bebte! Ein ‚Glück‘ nur, das der Magier ihre Hände hielt und ihm nicht auch noch einfiel, sie betatschen zu wollen…

„Hach, wie lange haben wir darauf gewartet uns endlich solchen Genüssen hingeben zu können, nicht wahr meine liebste Goldblume?“, sprach Nepomuk anschließend, als er endlich genug von ihrem Speichel aufgesaugt hatte, allen Ernstes und bemühte sich um einen romantisch, verliebten Gesichtsausdruck, der seine blanke Wollust nicht im Geringsten überdecken konnte.

Da er offensichtlich glaubte, dass seine Liebste, ganz ‚berauscht‘ von diesem ‚Kuss‘, sowieso kein Wort herausbringen würde schickte er sich – zu Goldblumes maßloser Erleichterung – an, zu gehen und meinte zum Abschluss noch mit einem anzüglichen Zwinkern: „Seht es als kleinen Vorgeschmack auf unsere Hochzeitsnacht an, ja? …Ich erwarte Euch, meine liebste Goldblume, dann jedenfalls in einer Stunden unten im Ballsaal, wo wir – hach! - nach all der langen Zeit endlich den Bund fürs Leben knüpfen werden. Meinen letzten Zauber zu unserem Glück will ich noch wirken und dann werde ich sehnsüchtig auf Euch warten, wenn ich Euch in Eurem Hochzeitskleid sehen kann… Bis gleich, meine liebste Goldblume!“

Jetzt erst, nach dieser unnötig langen Rede, öffnete der Zauberer auch die Tür, ging hinaus nur um dann in der Schwelle stehen zu bleiben und sich nochmals umzudrehen. Mit entrücktem Blick brabbelte Balthazar von Sonnenstich ein paar fremdartig klingende Wörter in Form eines rhythmischen Singsangs und fuhr mit seinen Händen dabei den Türrahmen entlang. Für den Bruchteil einer Sekunde sah man an dieser Stelle nun einen lila leuchtenden Schild, wie eine Art Vorhang oder Portal, aufblitzen, ehe er wieder verschwand.

Nach getaner Arbeit wirkte Nepomuk plötzlich noch erschöpfter als vorher und schlurfte verschwitzt, müde und mit bleichem Antlitz schwer atmend davon, da ihn Magie nach wie vor äußerst anstrengte. Seine Augen jedoch hatten ganz kurz zufrieden und voll Heimtücke aufgeblitzt, was Schabelle nicht entgangen war. Ihre Sinne und Instinkte waren auch in diesem Menschenkörper beinahe genauso scharf, wie in ihrer eigentlichen Gestalt als Ultrabestie. Und deswegen spürte sie sofort, dass sie nun niemals auch nur einen Schritt durch diese Tür machen durfte, wenn sie nicht schon wieder verflucht, hypnotisiert oder anderweitig gefügig gemacht werden wollte!

Genau dies hatte aber – Wunder oh Wunder! – Nanette vor, als sie ihrer ‚Freundin‘ ihre Filzhand reichte und einladend mit ihrer leblosen Stimme sprach: „Nun denn Mylady. Höchste Zeit, Euch frisch zu machen, damit wir mit der Anprobe Eures Kleides beginnen können! Ihr könnt es doch sicherlich kaum erwarten, hihi.“

Die junge Frau hätte beinahe zu lange mit einer Antwort gebraucht, da die lebende Marionette schon einfach nach ihr greifen wolle, als sie gerade noch rechtzeitig einen Schritt zurücktrat und eiligst sagte: „Ähm, weißt du Nanette, dass geht mir alles fast ein bisschen ZU schnell… Jetzt wo es soweit ist… Uff, ich bin so aufgeregt das ich… Uuuhhh, mir wird ganz anders… Gib mir bitte fünfzehn Minuten um mich zu sammeln und zu beruhigen, ja?“

Um ihren Worten die nötige Echtheit zu verleihen, hielt sich das verwandelte Eleganzpokémon dabei den Bauch und wirkte mit dem bleichen, schmerzverzerrten Gesicht, den traurigen, hilfesuchenden Augen und ihrer kläglichen Stimme absolut Glaubwürdig. Dies fiel Altan-Tschitschik allerdings im Moment auch nicht schwer, denn schließlich waren diese Gefühle sogar echt – selbst beim Grund hatte sie nicht gelogen: Der Gedanke an eine Hochzeit mit diesem notgeilen Zauberer; der ihr nach seinen ‚Küssen‘ zu urteilen wohl am liebsten einen Strohhalm in den Mund gesteckt hätte; ließ wirklich grässliche Übelkeit in ihr hochkommen :P.

Jedenfalls zweifelte sie nicht daran, dass Nanette ihrer Bitte nachgehen würde, wenngleich es schwer war, aus ihrer verzerrten Fratze überhaupt irgendetwas deuten zu können. Tatsächlich nickte die lebende Marionette aber sogleich und meinte mit freundlicher Höflichkeit: „Wie Ihr wünscht Mylady. Aber wirklich bloß fünfzehn Minuten! Wir haben einen straffen Zeitplan und was noch wichtiger ist: Eure Aufregung wird nicht schwächer, wenn Ihr es weiter hinauszögert Mylady. Ich werde vor der Tür auf Euch warten, ruft mich, wenn Ihr soweit seid.“

„Vielen Dank Nanette, du bist die beste Freundin, die man sich wünschen kann!“, freute sich Goldblume und rang sich zu einer Umarmung durch, wohlwissend, dass sie mit diesem Ding, welches dieser Mistkerl wohl aus irgendeiner Schublade gezogen hatte, niemals richtig befreundet sein könnte. Doch das machte in diesem Moment nichts, solange sie nur die Zeit bekam, einen Plan auszuhecken um von hier verschwinden zu können. –Man konnte also auch in diesem Fall sagen, dass Schabelles Freude über Nanettes Einsicht ebenfalls der Realität entsprach^^…

Stumm stand die groteske Gestalt inzwischen schon seit annähernd 11 Minuten – Nanette besaß ein perfektes Zeitgefühl – vor dem Schlafgemach und lauschte den undeutlichen Geräuschen daraus, ohne sich etwas dabei zu denken. Erst das Klirren von Glas ließ sie aufhorchen, dazu Altan-Tschitschiks panische Stimme: „Nanette komm schnell!“

(Und passend zur Situation: Rayman 2 – The Fairyglade Part 2: https://www.youtube.com/watch?v=dDkqMPyvD-0)

Sofort stürmte die lebende Marionette in die Kammer – sie hätte es übrigens auch getan, wenn man sie nicht gerufen hätte, denn mittlerweile ahnte sie allmählich, das irgendetwas hier nicht stimmte!

Ihr bot sich ein Bild des Chaos: Der Kleiderschrank stand sperrangelweit offen und sämtliche Kleidungsstücke lagen weithin im Zimmer verstreut herum. Dazu gesellten sich die Glassplitter des großen Wandspiegels, der völlig zerdeppert wurde. Die Vorhänge waren abgerissen und nicht mehr zu sehen und zu guter Letzt war auch die Tür zum Balkon offen, sodass ein sanfter Windhauch durch das verwüstete Schlafgemach wehte.

„Was ist passiert Mylady?! Und wo steckt Ihr?!“, verlangte Nanette unverzüglich zu wissen, wobei ihre ansonsten so leblose Stimme nun regelrecht vor Unverständnis und, ja, purer Feindseligkeit troff. Da erblickte sie, das am Geländer des Balkons etwas befestig war…

…Eine Art Seil, wie in den alten Filmen aus Vorhängen und Bettlacken geknotet, mit denen die Protagonisten aus ihren augenscheinlich sicheren Gefängnissen flohen.

„Nein!“

Nanette stürzte zum Balkon, sah sich zunächst prüfend und dann zunehmend verwirrt um. Am Seil kletterte niemand mehr, doch sie konnte auch keine flüchtende Silhouette ausmachen, was nicht sein konnte! Soweit konnte die Braut ihres Herrn nicht gekommen sein, wenn sie gerade eben noch gerufen hatte – wo steckte diese vermaledeite Ultrabestie also?!

Noch ehe die lebende Marionette sich am Seil zu schaffen machen konnte, um sich dann in aller Ruhe im Zimmer umzusehen, trat Altan-Tschitschik aus ihrem Versteck heraus und überrumpelte die groteske Gestalt. In ihrer Hand hielt sie nämlich eine scharfkantige Scherbe des Spiegels und damit schnitt sie mit einer einzigen, pfeilschnellen Bewegung, die unsichtbaren, aber nichtsdestotrotz vorhandenen, magischen Fäden durch, an denen Nanette bis eben noch zappelte.

Augenblicklich sackte Nanette zusammen, verwandelte sich in einen wehrlosen, zeternden Haufen Stoff, der von Goldblume ungerührt in den Schrank gesperrt wurde. Es fiel auf, dass die junge Frau sich aus ihren Kleidern auf die Schnelle halbwegs alltagstaugliche Klamotten gebastelt hatte und ihr Hochzeitskleid sogar den größten Teil davon ausmachte. Nur auf den unnötigen Schmuck hatte sie logischerweise verzichtet – mit Ausnahme des goldenen Rings um ihren Hals. Deshalb verwunderte es ein wenig, dass sie sich für die goldenen High Heels als Schuhwerk entschieden hatte, doch nur auf den ersten Blick. Immerhin lief sie ja auch als richtiges Schabelle auf zwei äußerst spitzen Füßen und war deswegen mehr als vertraut mit dieser Gangart, was ihr flinker Angriff deutlich gezeigt hatte.

„Verflucht, wie kann das möglich sein?! Der Herr hatte euch doch bereits in seiner Gewalt!“, schimpfte die lebende Marionette unentwegt und warf dem verwandelten Eleganzpokémon einen hasserfüllten Blick zu: „Damit kommst du nicht durch! Der Herr wird dich finden, wird dich kriegen… Du kannst nicht entfliehen!“

Eiskalt blickte Schabelle mit versteinerter Miene und verschränkten Armen auf den Haufen Stoff herab und flüsterte mit gefährlich leiser Stimme, die ihre verletzten Gefühle glücklicherweise überdeckte, herausfordernd: „DAS wollen wir erst mal sehen! Ich bin glücklicherweise gerade noch rechtzeitig ‚aufgewacht‘! Sag deinem lüsternen Drecksack von Meister, dass er mich niemals kriegen und es eines Tages bereuen wird! Und damit… au revoir!“

Ungeachtet der weiteren Verwünschungen, die Nanette unausgesetzt ausstieß, verschloss Altan-Tschitschik den Kleiderschrank, eilte zum Balkon und begann behände mithilfe des Seils den Turm hinabzuklettern. Zwar reichte dieses nicht ganz bis zum Boden, es fehlten gut eineinhalb Meter, aber das hielt Goldblume nicht auf: Sie stieß sich von der Wand des Turmes ab, ließ das Seil los und landete elegant mit allen Vieren, um den Stoß abzufedern, auf dem Holzsteg, ehe sie ohne Übergang in Richtung des Sumpfes davoneilte…

***

Unter den restlichen Bewohnern des dunklen Turmes blieb dieser Vorfall zunächst völlig unbemerkt, da dort geradezu hektische Betriebsamkeit herrschte, um die letzen Vorbereitungen für die ‚Hochzeit‘ zwischen dem Meister und seiner Goldblume zu Ende zu bringen.

Spätestens jetzt aber wurde klar ersichtlich, dass es sich bei dieser nur um eine schöne Illusion, einer hübschen Lüge handelte: Es gab gar keine geladenen Gäste, niemand würde dieser Zeremonie beiwohnen. Auch die Tafel war ausschließlich für den Herrn selbst gedeckt und Altan-Tschitschik wurde lediglich ein simpler Schemel als Sitzgelegenheit zur Rechten ihres ‚Gemahls‘ zugedacht. –Denn zu diesem Zeitpunkt würde sie ohnehin nur noch eine willenlose Sklavin in der völligen Gewalt des Magiers sein…

Ja, der ganze Pomp diente einzig und allein dem Zweck, dass Nepomuk Balthazar von Sonnenstich sich selbst und seinen ‚Erfolg‘, eine Ultrabestie zu ehelichen, ausgiebig feiern und dabei sein gewaltiges Ego streicheln konnte!

‚Blitzblank blitzt das Besteckt. Silberleuchter, Meistergedeck…‘, summte das Gesinde unterdessen unentwegt die Zeilen eines Liedes aus einem Musical, welches dem Zauberer gefiel.

Just in diesem Moment wurde die Tür zum Ballsaal aufgestoßen und fast wie gerufen betrat Balthazar von Sonnenstich den Raum. Er sah nach wie vor äußerst ausgelaugt aus, doch dies tat seinem hochherrschaftlichen, ja arroganten Auftreten keinen Abbruch. Mit strengem Blick beäugte er die letzten Vorbereitungen, schritt durch den Raum und gebärdete sich vollends wie ein eitler, eingebildeter Geck, weil er nun unbedingt seine Lieblingsstelle aus eben jenem Lied zum Besten geben musste: ‚Macht weiter mit der Arbeit, steht nicht faul herum! Mein Palast ist kein Elysium! Ich fordere Demut, Fleiß und Disziplin… Der dem das nicht passt, soll ins Armenhaus zieh’n!...‘

Schlussendlich nahm er mit einem selbstgefälligen Lächeln Platz und ließ ein zufriedenes und zutiefst erleichtertes Grunzen vernehmen: Jetzt musste er endlich (!) niemals mehr den edlen, verständigen Ritter spielen; eine Rolle, die ihm bereits nach diesen zwei Tagen schon zum Hals heraushing und die er gehasst hatte! Sie war nur nötig gewesen, damit der Zauber auch seine Wirkung voll entfalten konnte und nicht gefährdet wurde.

Die Belange oder gar Gefühle dieser Ultrabestie kümmerten ihn in Wahrheit nämlich nicht im Geringsten – nur er allein war wichtig! Dieses Schabelle hatte er nur in einen Menschen verwandelt, um seine Pläne und Ziele verwirklichen; sie war nur eine Spielfigur in seinem Plan. Und eine äußert attraktive noch dazu, wofür er sich selbst und sein Können lobte und was ihm selbstredend besonders wichtig war, wollte er doch noch ganz andere Dinge von ihr…

Wohlig rekelte Nepomuk sich bei diesem anzüglichen Gedanken in seinem bequemen Stuhl und sah vor seinem geistigen Auge bereits, wie SEINE Goldblume, durch den letzten nötigen Vorbereitungszauber in Bann geschlagen, gleich durch diese Tür schreiten und ihm das ‚Ja‘-Wort geben würde. Und dann, ja dann würde der Fluch endlich, endgültig und unumkehrbar seine wahre Macht entfalten! Von diesem Zeitpunkt an wäre sie schließlich rettungslos verloren und vollkommen sein Eigentum!

Wie vom Voltula gestochen fuhr der Zauberer jedoch völlig Unvermittelt in die Höhe; war urplötzlich ganz verschwitzt, noch blässer als zuvor und seine Augen waren vor Schreck so weit aufgerissen, dass man fürchtete, sie fallen jeden Moment aus ihren Höhlen. Seine magischen Fühler hatten soeben etwas Ungeheuerliches erspürt. Etwas, was überhaupt nicht möglich sein konnte…!

„Verflucht nochmal, nein, nein, nein!!!“

Sein lauter, zorniger Schrei hallten einem Donnergrollen gleich durch den Saal und ließ alle vor Schreck erstarren, während der Magier selbst mit geballten Fäusten und einem vor Wut schon ganz irren Gesichtsausdruck aus dem Saal stürzte. Wutschnaubend eilte er hinauf zum Schlafgemacht von Altan-Tschitschik, in dessen Kleiderschrank Nanette immer noch zeternd eingesperrt war.

Nepomuk wusste sofort beim ersten Blick Bescheid, wusste, dass er spät, viel zu spät hier war, rannte deshalb hinaus zum Balkon und stieß wie von Sinnen ein regelrechtes Brüllen hinaus in den Sumpf, doch es half alles nichts mehr:

Seine Braut war geflohen!
Zuletzt geändert von KleinKokuna am 12.08.2018, 17:51, insgesamt 4-mal geändert.
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Re: Braut auf der Flucht

#1309086 von KleinKokuna
09.08.2018, 17:46
Nun denn: Meine neue FF ist online 8) ! Hab das erste Kapitel erst zum Teil reingestellt, weil ich überhaupt sehen will, wie das ganze in dieser schnieken Box überhaupt aussieht - wobei mir es gefällt :D. Den Rest gibt es im Verlauf des Wochenendes.

Doch nun erstmal viel Vergnügen beim Lesen :)!
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Re: Braut auf der Flucht

#1309132 von Donnerkralle
11.08.2018, 08:03
Yeah, endlich bist du zurück, KleinKokuna! Neues Leben im
FF-Bereich!
Wundervoll, gleich mal zur neuen FF:
Sehr interessant. Es hat mich echt gepackt. Nette Idee mit der Musik am Beginn - war sehr passend. (Sollte ich vielleicht auch machen :P )

Altan-Tschitschik (doch nicht etwa Altan-Kitschig :lol: ) ist sehr sympathisch (auch wenn ich Sven momentan mehr mag) und fast schon eine Art Prinzessin. Ich frage mich, wie ihre Vergangenheit aussieht, ihre Herkunft. Immerhin hat sie ja keine wirklichen Erinnerungen.

Dafür hat sie eine tolle Freundin an ihrer Seite, Nanette, die am Anfang etwas creepy wirkte, aber innerlich ein großes Herz zu haben. (Ob nun wirklich ein Banette sie besessen hat. Hat der gute Zauberer etwa dies getan?)

Balthazar, der Zauberer, wie stark wohl seine Kräfte sind, und ob er eventuell 'Schwarze Magie' beherrscht? Wie du siehst, tummeln sich in mir einige Fragen auf.

Und natürlich darf ich die tolle Beschreibung nicht vergessen. Das Schloss hat ja mal eine interessante Form außerhalb. Am besten gefielen mir die Mosaiken und die Abbildung und Darstellung von Xerneas und Yveltal.

Bin schon sehr gespannt, wie es weitergeht! :)
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Re: Braut auf der Flucht

#1309153 von KleinKokuna
12.08.2018, 10:08
Hehe, Dankeschön :). (Irgendwann wollte ich einfach wieder was reinstellen^^.)

Und schön, dass dir die Story bis jetzt soweit gefällt :D.
Allgemein ist die ganze FF hier eher experimenteller Natur, darum werde ich das noch öfter mit den Videos probieren. (An der Stelle möchte ich aber nochmals auf die FFs von Ayron und Vampirbiss hinweisen - von den beiden habe ich die Idee mit den Videos überhaupt.)

Wobei ich jetzt schon sagen kann, dass die nächsten Abschnitte wohl einige Überraschungen bereithalten werden, die dich deinen Standpunkt vielleicht noch überdenken lassen werden^^. Du kannst also gespannt sein :D.

Und btw:
Altan-Tschitschik ist übrigens mongolisch und heißt soviel wie 'Goldblume', das hab ich auch einem historischen Roman (Der schwarze Wolf von Kurt David).
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Re: Braut auf der Flucht

#1309166 von KleinKokuna
12.08.2018, 17:53
Sodala, die Unterkapitel 1.4 und 1.5 sind nun ebenfalls online, und damit ist das erste Kapitel vollendet :)!

Wünsche weiterhin viel Vergnügen^^.
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Re: Braut auf der Flucht

#1309213 von Donnerkralle
Gestern, 09:19
Okay, wow! Damit hätte ich jetzt wirklich nicht gerechnet! :amazed:
Ich habe schon letztes Mal erwähnt, dass ich über die Herkunft von Goldblüte sehr interessiert bin. Aber die plötzliche Wendung hat bei mir großes Staunen hinterlassen.

Ich dachte sie wäre ein einfaches Mädchen gewesen, dass seit Jahren im Turm eingesperrt worden war. Aber niemals erwartet, dass sie ein Pokèmon wäre, ein Schabelle :o
Gut, dass sie Nanette 'aus dem Weg geräumt hat'. So eine Fake-Freundin hat es verdient.

An dieser Stelle möchte ich meinen Lob aussprechen: Du hast mich echt überrascht und gleichzeitig die Story spannender gemacht! :up:

Und wer hätte gedacht, dass der gute Zauberer in Wirklichkeit ein richtiges Ar******* ist. Dazu beherrscht er noch Schwarze Magie und ist pervers. Zum Glück ist Goldblume entkommen, möchte echt nicht wissen, was sonst in der Hochzeitsnacht passieren würde. :~

Jetzt bin ich neugierig und hoffe, dass es bald weitergeht.

P.S. Coole Namensherkunft von Altan-Tschitschik. Passt ja perfekt. :lol:
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Re: Braut auf der Flucht

#1309219 von KleinKokuna
Gestern, 18:28
Hey, danke wieder für dein schönes Feedback und dein Lob Donnerkralle :)!

Freut mich echt riesig, dass dir die Wendungen und Offenbarungen so zusagen und dich gleich so überraschen. -Dann haben sich meine Intentionen für das erste Kapitel erfüllt, klasse^^.

Die erste Hälfte des zweiten Kapitels werde ich vielleicht noch dieses WE oder wenigstens Anfang nächster Woche schon hochladen können. (Aber dann und 'darf' ich mal wieder ordentlich in die Tasten hauen, damit es auch weitergehen kann :D :tja:...)

Und so ganz nebenbei: Es macht schon irwie Spaß, sich Mistkerle für seine Story auszudenken :P.
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